Die Samwer-Brüder inszenierten sich einst als digitale Entsprechung zu Würth und Miele – heute ist Rocket Internet im faktischen Winterschlaf. Was bleibt, ist die nüchterne Erkenntnis: Hier waren keine Schumpeterschen Unternehmer am Werk, sondern Arbitrageure eines zeitlich begrenzten Fensters. Rocket widerlegte empirisch, dass Plattformen und Risikokapital in Deutschland fehlen – zeigte aber auch, dass beides nur für bewährte US-Kopien mobilisiert wird, nicht für originäre Innovation. Das Bemerkenswerteste: Die Samwers zogen die Konsequenz, als ihr Momentum vorbei war – kein Delisting-Theater, kein krampfhaftes KI-Rebranding wie bei Aleph Alpha oder der Schwarz-Gruppe, kein Versuch, ein totes Pferd zu reiten. Anders als viele andere deutsche Digital-Akteure wussten sie, wann Schluss ist.


Oliver Samwer verglich Rocket Internet gerne mit Würth und Miele – jenen Säulen deutscher Mittelstandserzählungen, die für langfristige Wertschöpfung, substanzielle Produktkultur und unternehmerische Nachhaltigkeit stehen sollten. Es war eine Rhetorik, die zwischen 2014 und 2017 verfing, als Rocket an der Börse mit 6,7 Milliarden Euro bewertet wurde und die Samwers als Deutschlands digitale Speerspitze galten.

Heute, 2025, ist dieser Vergleich doppelt obsolet geworden: Rocket existiert faktisch nicht mehr als aktiver Player – Delisting 2020, keine neuen Ventures, reduziertes Team, Verwaltung verbliebener Beteiligungen. Und selbst Würth und Miele taugen nur noch sehr bedingt als Maßstab für unternehmerischen Erfolg in einer Welt, die von Plattform-Ökonomien und KI-gestützten Geschäftsmodellen dominiert wird und in der das Premium-Modell in die Auslaufphase eintritt.

Die Methode: Arbitrage, nicht Innovation

Rocket Internet war nie ein innovatives Unternehmen im Schumpeterschen Sinne. Es entwickelte keine neuen Technologien, schuf keine grundlegend neuen Märkte, vollzog keine „schöpferische Zerstörung“. Stattdessen operierte es in einem präzise definierten Fenster: zwischen US-Innovation und europäischer Markterschließung, zwischen bewährtem Konzept und unterversorgter Nachfrage.

Die Logik war simpel: Erfolgreiche US-Modelle (Zappos, GrubHub, Blue Apron) identifizieren, mit massivem Kapital in europäische Märkte kopieren, durch Tempo und Ressourcen lokale Wettbewerber ausstechen, Exit via Börsengang oder Verkauf. Zalando, Delivery Hero, HelloFresh – alles Variationen dieser Formel.

Das war keine unternehmerische Vision im emphatischen Sinne, sondern Finanzmarkt-Logik mit operativer Exzellenz. Die Samwers waren Arbitrageure eines zeitlich begrenzten Ungleichgewichts: Europäische Märkte waren digital unterversorgt, VC-Kapital war verfügbar, das Know-how zum Skalieren von E-Commerce existierte bereits.

Das Momentum-Fenster

Dieses Fenster schloss sich zwischen 2015 und 2020. Die offensichtlichen Märkte waren erschlossen, lokale Wettbewerber hatten sich etabliert, die Plattform-Effekte der US- und China-Player (Amazon, Alibaba, später TikTok) wurden zu dominant. Die Copy-Paste-Methode funktionierte nicht mehr, weil es nichts mehr zu kopieren gab, was nicht schon da war.

Die Samwers erkannten das – und zogen 2020 die Konsequenz. Das Delisting zu 18,57 Euro (bei einem Ausgabepreis von 42,50 Euro) war brutal für Börsenaktionäre, aber unternehmerisch konsequent: Kein Versuch, das alte Modell künstlich am Leben zu halten, keine „Transformation“ zu irgendetwas anderem, keine PR-Offensive. Einfach: Rückzug aus der öffentlichen Arena, Sicherung der Positionen in erfolgreichen Ventures, Ende der aktiven Operationen.

Kein totes Pferd reiten

Das ist der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt der Rocket-Geschichte: Die Samwers versuchten erst gar nicht, ein totes Pferd zu reiten. Als klar war, dass das Arbitrage-Fenster zu ist, machten sie den Laden dicht. Keine Versuche, Rocket als „Digital-Beratung“ oder „Venture Builder 2.0“ neu zu erfinden, keine Pivot-Rhetorik, kein institutionelles Weitermachen aus Gewohnheit.

Das unterscheidet sie fundamental von typisch deutschen Verhaltensmustern, wo oft gilt:

  • Man hat investiert → also macht man weiter (Sunk-Cost-Fallacy)
  • Man hat öffentlich kommuniziert → also muss das Gesicht gewahrt werden
  • Man hat Strukturen geschaffen → also müssen die erhalten bleiben
  • Es gibt institutionelle Logik → also läuft das Programm weiter

Die deutsche Unternehmenslandschaft ist voll von Initiativen, die längst gescheitert sind, aber weiterlaufen – durch „Neupositionierung“, „strategisc…