Eine Titelgeschichte „Neue deutsche Welle. Die Micro-Unternehmer kommen“ des manager magazins vom Februar 1983 über die deutsche Gründerszene liest sich wie eine Analyse der heutigen Situation. Die strukturellen Herausforderungen – von Risikokapitalmangel über Konsortialdenken bis zur Schwierigkeit der Skalierung – zeigen eine bemerkenswerte Kontinuität über vier Jahrzehnte hinweg. Eine Untersuchung über die Persistenz institutioneller Muster in der deutschen Innovationslandschaft.


Déjà-vu im Archiv

Als ich neulich eine Titelgeschichte aus dem Jahr 1983 über die deutsche „Gründerwelle“ las,  musste ich mehrfach prüfen, ob ich nicht versehentlich eine Analyse aus dem Jahr 2025 vor mir hatte. „Neue deutsche Welle. Die Micro-Unternehmer kommen“ titelte das Magazin damals optimistisch und beschrieb eine neue Generation technologieorientierter Unternehmer, die aus den sicheren Häfen der Großkonzerne aufbrachen, um das deutsche Silicon Valley zu schaffen.

Heute, vier Jahrzehnte später, wissen wir: Es ist nicht gelungen. Aber das wirklich Bemerkenswerte ist nicht das Scheitern selbst – es ist die perfekte Wiederholung der Fehleranalyse. Die strukturellen Defizite von 1983 sind dieselben wie heute. Die Diagnose hat sich nicht geändert, die Therapie hat nie stattgefunden.

Die Kontinuität des Scheiterns

Schon 1983 diagnostizierte der Bericht die zentralen Schwächen: fehlendes Risikokapital, mangelnde Skalierungsfähigkeit, institutionelle Verkrustung, defensive Haltung gegenüber technologischem Wandel. Deutschland hatte, so die damalige Analyse, bereits „20 Jahre technologischen Vorsprung vor Japan verloren“ und war „bei Spitzentechnologien teilweise weit zurück“.

Was hat sich geändert? Fast nichts. Deutschland verfügt auch 2025 über kein funktionierendes Venture-Capital-Ökosystem. Startups, die wirklich skalieren wollen, wandern weiterhin in die USA ab. Die „Mittelstandsorientierung“, damals als Stärke gefeiert, erweist sich heute als strukturelle Innovationsbremse. Während in den USA und China Plattformgiganten entstanden, blieb Deutschland bei der Zuliefermentalität.

Konkrete Gründungsbeispiele aus dem Jahr 1983

Omikron Industrie-Elektronik GmbH (Fürth, 1982)

  • Gründer: John P. Gibson (29) und Addy Günther (34)
  • Entstanden aus Siemens-Erlangen
  • Entwicklung elektrischer und elektronischer Ausrüstungen für Maschinen und Anlagen

PCS Periphere Computer Systeme GmbH

  • Gründer: Hermann Kraus (36)
  • Lösungen unter Einsatz von Mikroprozessoren und Software
  • Wachstum auf 140 Mitarbeiter und 21 Millionen Mark Umsatz

Dimec – Digitale Mechanik und Electronic GmbH & Co. KG (Köln-Kalk, 1980)

  • Gründer: Peter Jürgen Bock (43)
  • Ehemaliger IBM-Vertriebsmann
  • Entwicklung von Mikroelektronik-Steuerungstechnik für Produktionsverfahren

Höller Verpackungsmaschinen GmbH (Bergisch-Gladbach)

  • Gründer: Alfons Höller (52)
  • Aus Bosch-Konzern hervorgegangen
  • Keraminschacht-Konzentration mit 17 Mitarbeitern
  • Wachstum bis 5 Millionen Mark Jahresumsatz (1982)

Die Konsortialillusion

Besonders aufschlussreich ist die Kontinuität der Konsortialmentalität. Schon 1983 setzten deutsche Unternehmen auf Kooperationen zwischen etablierten Playern statt auf echte Innovation. Die damaligen „Systemhäuser“ und Branchenkonsortien scheiterten genauso wie ihre Nachfolger heute.

Das Muster ist identisch: Etablierte Konzerne schließen sich zusammen, um „gemeinsam“ eine Antwort auf disruptive Entwicklungen zu finden. Es wird viel kommuniziert, Whitepapers werden produziert, Absichtserklärungen unterzeichnet. Aber die Governance-Strukturen sind so komplex, die Interessenkonflikte so fundamental, dass am Ende bestenfalls ein kleinster gemeinsamer Nenner herauskommt – wenn überhaupt.

Die Plattformökonomie hat diese Logik längst überholt. Plattformen entstehen nicht durch Konsens, sondern durch die Vision einzelner Akteure, die bereit sind, massive Verluste in Kauf zu nehmen, um eine dominante Position aufzubauen. Diese Risikobereitschaft fehlt deutschen Konsortien strukturell.

Die PR-Schere hat eine Geschichte

Meine Analysen zum Phänomen der „PR-Schere“ – der systematischen Diskrepanz zwischen Kommunikationsintensität und operativer Substanz – gewinnen vor diesem historischen Hintergrund eine neue Dimension. Die PR-Schere ist kein neues Phänomen, sondern hat tiefe Wurzeln in der deutschen Unternehmenskultur.

Schon 1983 klaffte eine Lücke zwischen der optimistischen Rhetorik über die „neue Gründerwelle“ und der nüchternen Realität, dass „nur etwa 50% der Neugründungen die ersten fünf Jahre überleben“. Heute ist das Muster perfektioniert: Massive Kommunikation über „Digitalisierung“, „Innovation“ und „Transformation“, während die strukturelle Unfähigkeit zur Umsetzung unverändert bleibt.

Die PR-Schere ist gewissermaßen die institutionalisierte Form deutscher Innovationsunfähigkeit: Man hat verstanden, dass Innovation wichtig ist, und beherrscht die Sprache der Innovation perfekt. Aber die tatsächliche Bereitschaft, etablierte Strukturen aufzubrechen, Risiken einzugehen und Macht abzugeben, fehlt.

Der Kulturkonflikt

Der Bericht von 1983 zitiert einen Gründer mit den Worten: „Lieber dynamisch was im Kleinen bewegen als nicht so dynamisch im Großen.“ Diese Haltung – bewundernswert in ihrer Ehrlichkeit – offenbart das Kernproblem: Deutschland hat eine Kultur der kalibrierten Innovativität entwickelt. Man will innovativ sein, aber bitte kontrolliert, abgesichert, ohne fundamentale Risiken.

Diese Haltung war 1983 schon problematisch, als es um Mikroelektronik ging. Sie ist heute, im Zeitalter von KI, autonomen Systemen und agentenbasierter Ökonomie, fatal. Die Geschwindigkeit technologischer Transformation hat sich vervielfacht, aber die deutschen Reaktionsmuster sind gleich geblieben.

Regulierung als Innovationsersatz

Ein weiteres Kontinuitätsmuster: die Neigung, Regulierung als Ersatz für eigene Gestaltungskraft zu betrachten. Schon 1983 beklagte der Bericht, dass Deutschland eher auf Absicherung und Standardisierung setzte, während die USA Märkte gestalteten.

Heute ist diese Tendenz noch ausgeprägter. Die EU-Regulierung – von DSGVO bis zum AI Act – wird als Erfolg gefeiert, weil man keine eigenen technologischen Standards mehr setzen kann. Man reguliert, was andere entwickelt haben. Das ist keine Gestaltungsmacht, sondern der Versuch, durch Verbote Einfluss zu bewahren.

Die institutionelle Falle

Die Dominanz der Großkonzerne, 1983 schon als problematisch identifiziert, ist heute noch ausgeprägter. Siemens, SAP, Deutsche Telekom – die großen Namen sind geblieben. Neue globale Player sind nicht entstanden. Die wenigen deutschen Tech-Erfolge (SAP, Software AG) stammen aus den 1970er Jahren.

Das Problem ist nicht mangelnde Intelligenz oder fehlende Qualifikation. Deutschland verfügt über exzellente Ingenieure, hervorragende Forschung, gute Infrastruktur. Das Problem ist institutionell: Die Anreizsysteme belohnen Sicherheit statt Risiko, Konformität statt Disruption, Beharrung statt Transformation.

Diese institutionellen Strukturen haben sich über Jahrzehnte verfestigt. Betriebsräte, Bankenfinanzierung, Konsenskultur, Arbeitgeberhaftung – alles sinnvolle Institutionen für eine industrielle Ökonomie. Aber sie sind toxisch für eine Innovationsökonomie, die auf schnelle Iteration, radikale Experimente und akzeptierte Fehlerkultur angewiesen ist.

Die verpassten Wendepunkte

Deutschland hatte mehrere Gelegenheiten, aus dieser Logik auszubrechen:
1983-1990: Die Mikroelektronik-Revolution. Deutschland hätte damals ein eigenes Silicon Valley aufbauen können. Die Gründer waren da, die Technologie verfügbar, die Chancen offensichtlich. Aber das Venture-Capital-Ökosystem entstand nicht, die institutionelle Unterstützung blieb halbherzig.

  • 1995-2005: Das Internet. Während in den USA Amazon, Google und Facebook entstanden, experimentierte Deutschland mit Neuer Markt und T-Online. Die deutschen Internet-Startups wurden systematisch von US-Konkurrenten überholt oder aufgekauft.
  • 2010-2020: Mobile und Cloud. Auch hier folgte Deutschland, statt zu führen. SAP kämpft mit der Cloud-Transformation, deutsche Autobauer verschlafen die Software-Definition des Autos, die Banken verpassen den Anschluss an FinTech.
  • 2020-heute: KI und Agentenökonomie. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass sich das Muster wiederholt. Während US-Unternehmen massive Investments in KI tätigen und China staatlich gesteuert aufholt, diskutiert Deutschland über Regulierung und baut Konsortien.

Die systemische Natur des Problems

Das Bemerkenswerte ist nicht, dass Deutschland bei einzelnen Technologien zurückfällt – das passiert jedem Land. Das Bemerkenswerte ist die Systematik, mit der dieselben Fehler über 40 Jahre hinweg wiederholt werden.

Das deutet auf ein systemisches Problem hin. Es ist nicht eine Frage falscher Entscheidungen oder inkompetenter Manager. Es ist ein strukturelles Problem, das in der deutschen Wirtschaftsordnung, der Unternehmenskultur und den institutionellen Anreizen angelegt ist.

Peter Drucker, dessen Managementlehre in Deutschland durchaus rezipiert wurde, warnte bereits in den 1980er Jahren vor genau dieser Gefahr: Organisationen, die ihre Erfolgsformeln perfektionieren, verlieren die Fähigkeit zur radikalen Innovation. Deutschland hat seine industrielle Erfolgsformel perfektioniert – und damit die Fähigkeit verloren, sich fundamental zu transformieren.

Das Luhmann’sche Paradox

In systemtheoretischer Perspektive könnte man von einem Luhmann’schen Paradox sprechen: Das System erkennt die Notwendigkeit der Veränderung und reproduziert durch diese Erkenntnis die Strukturen, die Veränderung verhindern. Die zahllosen Innovationsinitiativen, Digitalisierungsstrategien und Transformationsprogramme sind selbst Teil des Problems – sie absorbieren Energie und vermitteln den Eindruck von Aktivität, ohne die fundamentalen Strukturen anzutasten.

Die „Gründerwelle“ von 1983 war eine solche Initiative. Sie wurde kommuniziert, gefördert, gefeiert – und verpuffte strukturlos. Die heutigen Digitalisierungsinitiativen folgen demselben Muster. Sie sind nicht falsch in ihrer Diagnose, aber machtlos in ihrer Wirkung, weil sie die institutionellen Strukturen nicht verändern können oder wollen.

Ausblick: Die kommende Disruption

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Deutschland seine strukturellen Probleme löst. Die Frage ist, wann die Disruption von außen kommt. Die agentenbasierte Ökonomie, die KI-gestützte Automatisierung, die Plattformifizierung traditioneller Wertschöpfungsketten – all dies wird nicht warten, bis Deutschland seine institutionellen Probleme gelöst hat.

Was 1983 mit Mikroelektronik begann, findet seine Fortsetzung heute mit KI. Der Unterschied: Die Geschwindigkeit hat sich exponentiell erhöht. Was damals über Jahrzehnte ablief, geschieht heute in Jahren. Die chinesischen und amerikanischen Wettbewerber sind nicht nachsichtiger geworden, sie sind effizienter.

Andreas von Bülow, dessen Analysen im Bericht von 1983 zitiert werden, warnte damals, dass nur die „Fähigkeit, sich auf Weltmärkten innovativ zu behaupten“ zeigen werde, ob Deutschland „die strukturellen Krisen der Wirtschaft überlebt“. 40 Jahre später ist diese Frage nicht beantwortet – sie ist nur dringlicher geworden.

Fazit: Die Blaupause des Scheiterns

Der Bericht von 1983 ist mehr als ein historisches Dokument. Er ist eine Blaupause, die zeigt, wie Deutschland systematisch Innovationschancen verpasst. Die Muster sind stabil, die Rhetorik ist austauschbar, das Ergebnis ist vorhersehbar.

Diese Kontinuität ist umso bemerkenswerter, als sie über verschiedene Technologiezyklen, politische Konstellationen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen hinweg Bestand hat. Sie ist unabhängig von einzelnen Personen oder Unternehmen. Sie ist systemisch.

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus diesem historischen Vergleich eine unangenehme: Deutschland hat nicht ein Innovationsproblem, das gelöst werden kann. Deutschland ist das Innovationsproblem. Die Strukturen, die einst den industriellen Erfolg ermöglichten, verhindern heute die digitale Transformation. Und solange diese fundamentale Einsicht nicht zur Grundlage der Politik wird, werden auch die nächsten 40 Jahre dieselbe Geschichte erzählen – nur mit noch dramatischeren Konsequenzen.

Die „Gründerwelle“ von 1983 war ein Versprechen, das nie eingelöst wurde. Die „Digitalisierungswelle“ von heute folgt demselben Drehbuch.

Ralf Keuper