Gerd Gigerenzer, Peter M. Todd und die ABC Research Group haben mit „Simple Heuristics That Make Us Smart“ (1999) kein Standardwerk der Kognitionswissenschaft vorgelegt, sondern eine epistemologische Streitschrift. Die Provokation liegt nicht in der Entdeckung, dass Menschen Heuristiken verwenden — das ist seit Herbert Simon bekannt —, sondern in der Umkehrung des normativen Vorzeichens: Was die dominante Forschungstradition nach Kahneman und Tversky als Zeichen kognitiver Mängel wertet, gilt Gigerenzer als Ausweis adaptiver Intelligenz. Einfachheit wird zum Vorzug, Informationsreduktion zum Prinzip, ökologische Passung zum Maßstab. Damit stellt sich die Frage nach den intellektuellen Konstellationen, in denen dieses Programm steht — und nach dem, was zwischen Simon, Kahneman und Luhmann an Gemeinsamkeiten, Spannungen und blinden Flecken sichtbar wird.

Gigerenzers Programm der ökologischen Rationalität ruht auf einer Voraussetzung, die im Text von „Simple Heuristics That Make Us Smart“ zwar benannt, aber nicht systematisch problematisiert wird: dass die Umwelt, in der eine Heuristik operiert, eine hinreichend stabile und erkennbare Struktur besitzt. Nur wenn Cue-Hierarchien verlässlich sind, wenn die Validität von Hinweisreizen sich nicht von Moment zu Moment verändert, wenn das Erkennungsmuster heute dasselbe ist wie morgen — nur dann kann Take The Best funktionieren, nur dann ist Less-is-More ein Vorzug statt ein Defizit.

Dietrich Dörner hat diese Voraussetzung systematisch untergraben — nicht durch theoretische Kritik, sondern durch empirische Konfrontation. Sein Forschungsprogramm zum komplexen Problemlösen, entfaltet in der Lohhausen-Studie und verdichtet in „Die Logik des Misslingens“ (1989), zeigt, was mit menschlichen Entscheidungsstrategien geschieht, wenn die Umwelt genau jene Eigenschaften besitzt, die Gigerenzers Heuristiken voraussetzen, aber nicht garantieren können: Vernetztheit, Eigendynamik, Undurchsichtigkeit, Polytelie. Dörners Befund ist ernüchternd: Intelligente, kompetente Menschen scheitern in solchen Systemen nicht trotz, sondern zum Teil wegen ihrer eingespielten Entscheidungsstrategien.

Die Konfrontation der beiden Forschungsprogramme ist kein Widerspruch, der eine Seite falsifiziert. Sie ist eine Konstellationsanalyse in nuce: Gigerenzer und Dörner beschreiben verschiedene Klassen von Problemen — und die interessante Frage ist, wie die Grenzlinie zwischen diesen Klassen verläuft.


Dörners Problemklasse: Komplexität als Systemeigenschaft

Dörner unterscheidet klar zwischen einfachen und komplexen Problemen. Einfache Probleme haben wenige Variablen, überschaubare Kausalstrukturen und stabile Lösungsräume. Komplexe Probleme sind durch vier Eigenschaften charakterisiert, die zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken.

Komplexität im engeren Sinne bezeichnet die schiere Anzahl von Variablen und Zuständen, die in einem System gleichzeitig relevant sind. Vernetztheit bezeichnet die nicht-lineare, oft bidirektionale Abhängigkeit zwischen diesen Variablen — eine Maßnahme an Stelle A produziert Wirkungen an den Stellen B, C und D, die ihrerseits auf A zurückwirken. Eigendynamik bezeichnet die Fähigkeit des Systems, sich auch ohne externe Eingriffe zu verändern — wer nicht handelt, handelt trotzdem, weil das System sich weiterbewegt. Undurchsichtigkeit schlieÃ…