Ein aktuelles MIT-Papier zeigt formal, warum Automatisierung und Repression sich gegenseitig begünstigen – und warum Kapitaleigner sich demnach zwischen Unterdrückung und Umverteilung entscheiden müssten. Schon Bismarcks Sozialgesetzgebung widerlegt diese Entweder-oder-Logik historisch. Liest man das Modell zudem neben John Kenneth Galbraith und Ernest Gellner, verschiebt sich der eigentliche Befund: Nicht weil KI kognitiv anspruchsvolle Arbeit verdrängt, gerät die Zivilgesellschaft unter Druck – sondern weil sichtbar wird, dass sie nie ein automatisches Nebenprodukt wirtschaftlicher Entwicklung war.


Ein Working Paper von Daron Acemoglu, A. Arda Gitmez und Mehdi Shadmehr mit dem unverblümten Titel Automation and Repression hat in den vergangenen Wochen für Gesprächsstoff gesorgt. Die Autoren bauen ein mathematisches Modell, das eine einfache Grundidee durchrechnet: Je mehr automatisiert wird, desto größer wird der Anteil, den die Kapitaleigner am gesamtwirtschaftlichen Einkommen erhalten – und desto kleiner der Anteil der Arbeitnehmer. Diese wachsende Ungleichheit erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Verlierer irgendwann zu einem Aufstand zusammenschließen. Ein Staat, der die Interessen der Kapitaleigner vertritt, hat darauf im Modell drei mögliche Antworten: Er kann die Automatisierung bremsen, er kann die Gewinne über Steuern und soziale Leistungen umverteilen, oder er kann Protest und Aufstand mit Gewalt unterdrücken.

Der zentrale Befund der Autoren: Automatisierung und Unterdrückung verstärken sich gegenseitig. Der Grund liegt in den Kosten der beiden „Beruhigungsstrategien“: Unterdrückung erfordert im Wesentlichen einen Sicherheitsapparat, dessen Kosten mit dem Automatisierungsgrad kaum steigen. Umverteilung dagegen wird umso teurer, je mehr automatisiert wird – denn je größer die Ungleichheit, desto mehr muss verteilt werden, um die Menschen ruhigzustellen. Ab einem gewissen Punkt ist es für die Kapitaleigner deshalb schlicht günstiger, auf Repression statt auf Sozialleistungen zu setzen. Im dynamischen Teil des Modells, der die Entwicklung über die Zeit betrachtet, läuft eine Gesellschaft mit wachsendem Kapitalstock und fortschreitender Automatisierung deshalb langfristig auf Unterdrückung zu – sofern die Gefahr eines Aufstands nicht ohnehin sehr gering ist. Sollte diese Gesellschaft demokratisch verfasst sein, sagt das Modell im Extremfall sogar einen Putsch der Kapitaleigner voraus, sobald ihnen die Kosten der Umverteilung zu hoch werden.

Das Papier ist im besten Sinne eine Zuspitzung: Es übersetzt die inzwischen vielzitierte „Pitchforks oder Guns“-Rhetorik von Tech-Unternehmern – Nick Hanauer, Kai-Fu Lee, Alex Karp, Mo Gawdat – in ein sauberes ökonomisches Modell in der Tradition von Acemoglu und Robinson. Als komparative Statik bleibt es notwendig stilisiert; die Komplementaritätsthese steht und fällt mit der gewählten Kostenstruktur (Repression als Fixkosten, Umverteilung als steigende Grenzkosten) und ist damit eher eine begründete Modellannahme als ein empirisch hergeleiteter Befund. Interessant ist sie dennoch, weil sie eine Gegenposition zu einer lange selbstverständlichen Erzählung sichtbar macht – der Erzählung, dass wirtschaftliche Entwicklung fast automatisch politische Teilhabe erzwingt.

Ein altbekanntes Muster: Bismarck

Die im Modell unterstellte Entscheidung entweder für Repression oder für Umverteilung ist historisch keineswegs selbstverständlich. Otto von Bismarck hat beide Instrumente gleichzeitig und bewusst kombiniert eingesetzt: Das Sozialistengesetz von 1878 verbot sozialdemokratische Organisationen, Vereine und Presse; die zeitgleich beschlossene Sozialgesetzgebung – Kranken-, Unfall- und Invaliditätsversicherung zwischen 1883 und 1889 – sollte den Arbeitern die materielle Existenzangst nehmen, die sie sonst in die Arme genau jener Bewegung getrieben hätte, die der Staat zugleich mit Verboten bekämpfte. Repression richtete sich gegen die organisierte politische Artikulation, Umverteilung gegen ihren ökonomischen Nährboden – zwei verschiedene Ansatzpunkte, kein Entweder-oder.

Das ist mehr als eine historische Randnotiz. Die Autoren des Acemoglu-Papiers räumen selbst in einer Fußnote einen ähnlichen Fall ein: Die Reaktion des brasilianischen Staates auf die Landkonflikte der 1990er Jahre beschreiben sie als „Hybrid“ aus Repression und Umverteilung. Diesen Befund spielen sie jedoch nicht in ihr Modell zurück, das ausdrücklich davon ausgeht, dass eine Kombination beider Instrumente keinen zusätzlichen Nutzen bringt. Bismarck – als die vermutlich prominenteste Urszene der modernen Sozialstaatsdebatte – zeigt, dass genau diese Modellannahme eine Verengung ist: Reale Kapitaleigner beziehungsweise die Staaten, die in ihrem Interesse handeln, haben historisch häufig beides zugleich getan, nicht eines an Stelle des anderen.

Galbraiths Determinismus

Diese Gegenerzählung findet sich in klassischer Form bei John Kenneth Galbraith. In „Die Geschichte der Wirtschaft im 20. Jahrhundert. Ein Augenzeuge berichtet“ argumentiert er, wirtschaftlicher Fortschritt schaffe zwangsläufig eine Klasse gebildeter, artikulationsfähiger Menschen – Wissenschaftler, Ingenieure, Journalisten, Manager, Arbeiterführer –, die man praktisch nicht mehr von öffentlicher Beteiligung ausschließen könne. Menschenrechte und politische Teilhabe seien bei ihm nicht das Ergebnis moralischen Fortschritts, sondern eine ökonomische Notwendigkeit, ein „unausweichlicher Determinismus“. Repression bleibe nur möglich, solange eine Gesellschaft primitiv-agrarisch sei und der tägliche Überlebenskampf den Artikulationsdrang überdecke; sobald ein bestimmtes Entwicklungsniveau erreicht sei, werde sie unhaltbar. Der Kommunismus sei, so Galbraith, genau daran gescheitert, dass er versucht habe, wirtschaftliche Entwicklung mit Unterdrückung zu verbinden – eine Kombination, die er für nicht existenzfähig hielt.

Der Bruch zum Acemoglu-Papier liegt genau hier: Galbraiths Mechanismus setzt voraus, dass wirtschaftlicher Fortschritt gebildete, unentbehrliche Arbeit braucht – ihre ökonomische Unentbehrlichkeit ist es, die sich in Verhandlungsmacht und diese wiederum in politische Rechte übersetzt. Automatisierung, gerade in ihrer KI-getriebenen Form, zielt exakt auf diese Verbindung: Sie macht hochwertige kognitive und exekutive Aufgaben ersetzbar, ohne dass die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel auf mehr Köpfe verteilt werden müsste. Der Kapitalstock wächst, die Notwendigkeit, gebildete Arbeit einzubinden, schrumpft – und damit fällt der Hebel weg, auf den Galbraiths optimistisches Entwicklungsargument sich stützt. Bezeichnend ist eine Nebenbemerkung im Acemoglu-Papier: KI-gestützte Überwachung senke die Fixkosten der Repression zusätzlich, was sie noch attraktiver mache – ein Verweis auf die Literatur zur „AI-tocracy“. Galbraiths Prognose war an die Bedingungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts gebunden, in denen Humankapital der limitierende Faktor und Kontrolle teuer war. Mit KI-Automatisierung kippen beide Prämissen zugleich.

Gellners Gegeneinwand – und seine Grenze

Eine dritte, unabhängige Sicherung gegen Autoritarismus liefert Ernest Gellner in „Bedingungen der Freiheit“. Sein Argument ist nicht ökonomisch-funktional wie bei Galbraith, sondern kognitiv-epistemisch: Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist und folglich an eine expandierende kognitive Grundlage, kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren. Sie entwickelt ein Gespür für die Unabhängigkeit vernunftgemäßer Wahrheit von der Gesellschaft und für die Trennbarkeit von Sachverhalten – und genau das macht es ihr schwer, sich eine Weltsicht zu eigen zu machen, die eine autoritative, endgültige Zuweisung von Rechten und Pflichten voraussetzt. Zivilgesellschaft entsteht bei Gellner also nicht primär aus Verhandlungsmacht, sondern aus einer Art kognitiver Modularität, die totalisierende Weltbilder unplausibel werden lässt.

Naheliegend – aber zu schnell gedacht – wäre der Schluss, KI-Automatisierung unterlaufe auch diesen Mechanismus, weil sie kognitiv anspruchsvolle Tätigkeiten reduziere und damit die kognitive Beanspruchung der Gesellschaft insgesamt sinke. Dieser Schluss trägt nicht: Auch in der klassischen Industriegesellschaft, auf die Gellner sich bezieht, war die überwältigende Mehrheit der Tätigkeiten – Fließbandarbeit, Verwaltungsroutine, landwirtschaftliche Lohnarbeit – kognitiv wenig anspruchsvoll. Wenn Gellners Mechanismus schon damals nicht über die Masse der Arbeitsplätze lief, kann er auch nicht durch den Wegfall kognitiv anspruchsvoller Tätigkeiten in der Breite widerlegt werden, weil diese Breite nie sein Träger war.

Der Träger von Gellners kognitiver Modularität war vermutlich immer schon institutionell vermittelt: durch Wissenschaft, unabhängige Presse, Bildungssystem, konkurrierende Spezialismen, eine kritische Öffentlichkeit – eine Struktur, die Pluralität stellvertretend vorhält und vorführt, auch wenn der Einzelne sie in seinem eigenen Tun nie selbst erzeugt. Zivilgesellschaft war nie die Summe individuell kognitiv beanspruchter Bürger, sondern ein institutionelles Arrangement, das Pluralität trägt – bewusst gestaltet und verteidigt, nicht als Nebenprodukt technologischer Modernität insgesamt mitgeliefert.

Die Verschiebung: von Automatismus zu Aufgabe

Damit ändert die KI-Automatisierung nicht die Diagnose, sondern die Dringlichkeit. Es fällt kein bisher wirksamer Massenmechanismus weg, der ersetzt werden müsste – es wird lediglich sichtbarer, dass kognitive Pluralität und politische Teilhabe immer schon eine bewusst zu verteidigende, nie eine sich selbst tragende Errungenschaft waren. Wo man sich zuvor – in Galbraiths Fall ausdrücklich, in einer diffusen öffentlichen Wahrnehmung wirtschaftlicher Modernität allgemein – auf einen automatischen Zusammenhang zwischen Entwicklung und Teilhabe verlassen konnte oder zu können glaubte, zeigt die gegenwärtige Konstellation, dass es diesen Automatismus in dieser Form nie gab. Die Arbeit der Kritik, der unabhängigen Institutionen, der Zivilgesellschaft war von Anfang an die eigentliche, nicht delegierbare Aufgabe – Automatisierung macht sie nicht überflüssig, sondern lediglich unübersehbar notwendig.

Drei Texte aus drei Jahrzehnten und drei unterschiedlichen theoretischen Traditionen ergeben so eine bemerkenswerte gemeinsame Linie: Galbraith sah wirtschaftliche Entwicklung zwangsläufig politische Teilhabe erzeugen; Acemoglu, Gitmez und Shadmehr zeigen formal, wie Automatisierung genau diesen Zwang auflösen kann; Gellner liefert, korrigiert um die Frage, wer kognitive Pluralität tatsächlich trägt, den Hinweis darauf, dass diese Pluralität nie automatisch, sondern immer institutionell erarbeitet war – und genau deshalb auch unter veränderten technologischen Bedingungen erarbeitet werden kann, wenn man sich nicht länger auf einen vermeintlichen ökonomischen Selbstlauf verlässt.

Ralf Keuper


Quellen

  • Acemoglu, Daron; Gitmez, A. Arda; Shadmehr, Mehdi: Automation and Repression, MIT Department of Economics, Working Paper, 5. Juni 2026. PDF
  • Beraja, Martin; Kao, Andrew; Yang, David Y.; Yuchtman, Noam: AI-tocracy, The Quarterly Journal of Economics, 2023, 138(3), 1349–1402.
  • Galbraith, John Kenneth: Die Geschichte der Wirtschaft im 20. Jahrhundert. Ein Augenzeuge berichtet, 1994.
  • Gellner, Ernest: Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen, 1994.