BDI, VDA und VDMA fordern so laut wie nie ein härteres handelspolitisches Vorgehen gegen China. Die Rhetorik spricht von unfairen Praktiken und drohender Deindustrialisierung. Was in der Debatte fast vollständig fehlt: einen erheblichen Teil der heutigen Lage haben deutsche Unternehmen und Verbände selbst herbeigeführt – durch freiwilligen Know-how-Transfer in Joint Ventures und durch die über Jahrzehnte gepflegte Annahme, China werde auf Dauer ein dankbarer Absatzmarkt für Premium-Produkte bleiben, statt selbst zum Konkurrenten aufzusteigen. Antidumping-Verfahren und Ausgleichszölle wirken auf Preise – nicht auf diese hausgemachte Ausgangslage, und schon gar nicht auf die Frage, wer die Kernkomponente der nächsten Industriegeneration kontrolliert.
Die Meldungslage ist eindeutig: Der BDI diskutiert intern über schärfere handelspolitische Schutzinstrumente, der VDA überdenkt seine China-Politik, der VDMA fordert offen schnelles Handeln „ohne Furcht vor chinesischen Vergeltungsmaßnahmen“. Von einer „historischen Wende“ ist die Rede. Das ist, für sich genommen, eine bemerkenswerte Beobachtung – Deutschland galt innerhalb der EU lange als Bremser eines härteren Kurses gegenüber Peking, während Frankreich, Italien und Spanien schon länger auf ein breiteres Vorgehen drängten.
Bemerkenswert ist aber auch, was in der Debatte selbst kaum Raum bekommt.
Die Rahmung verdeckt einen erheblichen Teil der eigenen Geschichte
Die vorherrschende Erzählung lautet: China verschafft sich durch künstliche Währungsabwertung und Staatssubventionen einen unfairen Vorteil, der Wettbewerber ruiniert und mittelfristig zur Deindustrialisierung Europas führt. Das ist nicht falsch – solche Praktiken sind dokumentiert. Aber ein Satz, der in der Berichterstattung fast beiläufig fällt, gehört eigentlich ins Zentrum: Der technologische Vorsprung chinesischer Produkte sei „oft durch den Abfluss von deutschem Know-how in Joint Ventures beschleunigt“ worden.
Das ist kein Nebenschauplatz unfairer Handelspolitik, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger, freiwilliger eigener Standortentscheidungen. Der Marktzugang gegen Technologietransfer war über Jahrzehnte die Geschäftsgrundlage des China-Engagements deutscher Konzerne – nicht erzwungen im Sinne eines einzelnen Vertrags, sondern als wiederholt eingegangener Tausch, von dem man in den Boomjahren erheblich profitiert hat. Hinzu kommt eine zweite, ebenso hausgemachte Annahme: dass China auf Dauer vor allem ein wachsender Absatzmarkt für deutsche Premium-Produkte bleiben würde, statt selbst zur technologischen Konkurrenz aufzusteigen. Diese Annahme prägte über Jahre Investitionsentscheidungen, Kapazitätsplanung und Modellstrategien – vom Ausbau lokaler Fertigung bis zur Zurückhaltung bei eigener Elektromobilitäts-Entwicklung, solange das Verbrennergeschäft in China noch lief. Eine Debatte, die heute vor allem auf staatliche Subventionen und Wechselkurspolitik zeigt, blendet damit zu weiten Teilen selbstverschuldete Ursachen aus: den freiwilligen Wissensabfluss und die naive Fortschreibung einer Abnehmerrolle, die China selbst nie dauerhaft zugesagt hatte. Beides schließt sich nicht aus – unfaire Praktiken und eigenes Fehlkalkül wirkten parallel –, aber die reine Fremdverschuldungs-Erzählung greift zu kurz und verschiebt die Verantwortung einseitig nach außen.
Diese Fehleinschätzung war zudem kein isoliertes Managementversagen einzelner Konzerne. Wirtschaft, Politik und Medien haben über Jahre gemeinsam an einem Bild festgehalten, in dem China dauerhaft die verlängerte Werkbank und der wachsende Absatzmarkt bleibt, nicht aber selbst in jene Bereiche vorstößt, die deutsche Unternehmen bis dahin dominierten – Maschinenbau, Automobiltechnik, Präzisionsfertigung. Warnungen vor genau dieser Entwicklung gab es durchaus, sie blieben aber lange Randmeinung gegenüber der bequemeren Erzählung vom Reich der Mitte als Werkbank und Kunde zugleich. Diese Phase ungebrochener Zuversicht ist inzwischen erkennbar vorbei: Die Aufholjagd chinesischer Anbieter in vormals deutsch dominierten Segmenten – von der Antriebstechnik bis zum Werkzeugmaschinenbau – hat einen Punkt erreicht, an dem sich das alte Bild nicht mehr aufrechterhalten lässt, und die Bedingungen, unter denen es entstand (technologischer Rückstand Chinas, exklusive Marktzugangsbeschränkungen für westliche Anbieter), lassen sich nicht wiederherstellen.
Zur Rahmung gehört schließlich noch ein Punkt, der die Klage über chinesische Staatssubventionen relativiert: Auch die deutsche Automobilindustrie hat über Jahrzehnte in erheblichem Umfang von staatlicher Unterstützung profitiert – von Forschungsförderung über Kaufprämien für Elektrofahrzeuge bis zu Kurzarbeitergeld in Krisenphasen und einer über lange Zeit nachsichtigen Regulierung, etwa im Umgang mit den Folgen des Diesel-Abgasskandals. Das macht chinesische Subventionspraktiken nicht automatisch gleichwertig oder unproblematisch – Umfang, Zielrichtung und Wettbewerbsverzerrung unterscheiden sich im Einzelfall erheblich. Aber eine Debatte, die staatliche Unterstützung ausschließlich als chinesisches Foulspiel darstellt und die eigene, ebenfalls jahrzehntelange Abhängigkeit von politischer Flankierung ausblendet, erzählt auch hier nur die halbe Geschichte.
Was handelspolitische Instrumente nicht erreichen
Antidumping- und Antisubventionsverfahren setzen an Preisen an: Sie sollen verhindern, dass subventionierte oder künstlich verbilligte Importe einheimische Hersteller unterbieten. Das ist ein legitimes und, wo Missbrauch vorliegt, notwendiges Instrument. Es beantwortet aber nicht die Frage, die für die industrielle Zukunft entscheidender ist – wer die komplexitätstragende Kernkomponente der nächsten Technologiegeneration kontrolliert.
Beim Antriebswechsel zur Elektromobilität ist das nicht mehr der Verbrennungsmotor, in dem deutsche Hersteller und Zulieferer jahrzehntelang die Architektur bestimmten, sondern die Batteriezelle. Und dort liegt die Lernkurve – jenes über Jahre aufgebaute, nicht kurzfristig zukaufbare Prozesswissen in Fertigung und Skalierung – heute bei chinesischen Herstellern. Ein Zoll auf importierte Fahrzeuge oder ein Ausgleichsverfahren gegen einzelne Produktgruppen ändert daran wenig. Es verlangsamt allenfalls den Marktzugang, ohne die zugrundeliegende Verschiebung rückgängig zu machen. Wer die handelspolitische Debatte als Antwort auf die strukturelle Frage der Architekturmacht verkauft, verwechselt Schadensbegrenzung mit Kurskorrektur.
Die Vergeltungsfrage ist heute asymmetrischer, als der Ton suggeriert
Der stärkste Punkt in der aktuellen Debatte kommt vom VDMA: Wer aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen bei Seltenen Erden jahrelang nicht handelt, gerät in einen Teufelskreis wachsender Abhängigkeit. Das ist ein nachvollziehbares Argument gegen reines Abwarten.
Nur lohnt sich der Blick auf die Bedingung, unter der Reziprozität überhaupt funktioniert: Sie setzt ein ungefähres Kräftegleichgewicht zwischen den Handelspartnern voraus. Als die deutsche Industrie in den späten 1980er Jahren eine vergleichbare Debatte über japanische Marktanteilsgewinne führte, war dieses Gleichgewicht eher gegeben – der IG-Metall-Vorsitzende warnte damals zwar vor Vergeltungsrisiken bei Protektionismus gegenüber Japan, aber die deutsche Architekturmacht im Verbrennerbereich blieb davon unberührt. Gegenüber China heute ist die Lage anders: Bei Seltenen Erden und Batteriezellen hält China die Hebel, nicht Deutschland. Eine Aufforderung, „ohne Furcht vor Vergeltung“ zu handeln, ist unter diesen Bedingungen ein größeres Risiko, als der entschlossene Ton nahelegt – nicht falsch, aber auch nicht so kostenlos, wie er klingt.
Wer am lautesten ruft
Ein letzter Punkt verdient Erwähnung, ohne dass er die Forderungen automatisch entwertet: Es sind BDI, VDA und VDMA, die diese Debatte anführen – also genau jene Verbände, deren Mitgliedskonzerne von der Verschiebung der Architekturmacht am stärksten betroffen sind. Das macht ihre Position nicht falsch. Aber es lohnt sich, zwischen einer strukturellen Diagnose und der Interessenvertretung eines Geschäftsmodells zu unterscheiden, das ohnehin unter Druck steht. Wessen Dringlichkeit spricht hier – die der Sache oder die der eigenen Bilanz?
Ein offener Schluss
Die „China-Wende“, von der derzeit die Rede ist, ist als politisches Ereignis real. Als Antwort auf die eigentliche Verschiebung – wer die Kernkomponente der nächsten industriellen Architektur kontrolliert – bleibt sie unzureichend, auch weil sie die eigene Mitverantwortung an der Ausgangslage kaum benennt. Die Phase, in der sich deutsche Unternehmen, Politik und Medien gemeinsam auf ein China als dauerhaften Absatzmarkt ohne eigenen technologischen Ehrgeiz verlassen konnten, ist erkennbar vorbei und dürfte sich unter den heutigen Bedingungen nicht mehr herstellen lassen. Handelspolitische Instrumente können Zeit kaufen und einzelne Marktverzerrungen korrigieren. Ob sie mehr leisten, ist eine offene, empirisch noch zu prüfende Frage – ebenso wie die, ob überhaupt ein industriepolitisches Instrument existiert, das eine bereits verlorene Lernkurve zurückholen kann. Das ist Stand heute eher unwahrscheinlich. Vieles spricht dafür, dass der Prozess inzwischen unumkehrbar, d.h. irreversibel geworden ist. Die Reaktion kommt mindestens 10 Jahre zu spät.
Kurzum: Ein erheblicher Teil dessen, was gegenwärtig als chinesisch verursachte Deindustrialisierung verhandelt wird, ist zu weiten Teilen hausgemachte Deindustrialisierung – Ergebnis freiwilligen Wissenstransfers, einer über Jahre falsch eingeschätzten Abnehmerrolle Chinas und einer Energiepolitik, die energieintensiven Branchen im internationalen Vergleich strukturell höhere Kosten aufgebürdet hat. Chinas Handelspraktiken beschleunigen diesen Prozess und verschärfen ihn – sie haben ihn aber nicht allein verursacht. Eine Debatte, die ausschließlich nach außen zeigt, dürfte deshalb auch die Instrumente falsch dimensionieren, die sie fordert. Es gilt die Realität zu akzeptieren, auch wenn sie unbequem ist und das eigene Selbstbild auf den Kopf stellt. Solange das nicht geschieht, geht es weiter abwärts – da helfen keine symbolischen Maßnahmen oder eingespielte Rituale.
Ralf Keuper
Quellen:
- WELT AM SONNTAG, „‚Werden mit unfairen Maßnahmen deindustrialisiert‘ – Deutschland vor historischer China-Wende“, 22. August 2026 (Zitate Friedolin Strack/BDI, Oliver Richtberg/VDMA)
- BDI: China – Themenseite Außenwirtschaft
- Handelsblatt: „BDI: China-Schock 2.0 trifft deutsche Industrie hart“
