Ein F.A.Z.-Interview mit Henning Strauss, Geschäftsführer des Arbeitskleidungsherstellers Engelbert Strauss, liefert gerade wieder ein Beispiel für ein wiederkehrendes Genre der deutschen Wirtschaftsberichterstattung: den erfolgreichen Mittelständler, der sein Betriebswissen unvermittelt zur Diagnose für eine ganze Volkswirtschaft erklärt. Strauss‘ These – Deutschland solle sich „als Marke begreifen“ und mit derselben Entschlossenheit auftreten, mit der er sein Familienunternehmen zum 1,4-Milliarden-Euro-Konzern gemacht hat – ist rhetorisch geschickt formuliert. Ökonomisch trägt sie nicht. Und sie steht nicht allein: Ein fast identisches Muster lässt sich seit Jahren bei Trigema-Gründer Wolfgang Grupp beobachten. Beide Fälle lohnen einen genaueren Blick, weil an ihnen sichtbar wird, warum diese Textgattung trotz ihrer offensichtlichen Kategorienfehler verlässlich funktioniert.
Die Relation stimmt nicht
Strauss beschäftigt 1.700 Menschen direkt in Deutschland – gemessen an den rund 34 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland ein Verhältnis von etwa 1:20.000. Die zusätzlich genannten 30.000 „indirekt Beschäftigten bei Zulieferunternehmen“ lassen sich dieser Zahl nicht ohne Weiteres hinzurechnen: Bei einem Workwear-Hersteller mit globalen Lieferketten ist nicht ausgewiesen, wie viele davon überhaupt in Deutschland sitzen: Ein erheblicher Teil dürfte bei Zulieferern im Ausland liegen und wäre damit gegen eine rein deutsche Beschäftigtenzahl gar nicht sinnvoll aufrechenbar. Hinzu kommt: „Indirekt Beschäftigte bei Zulieferern“ ist ohnehin keine unternehmensspezifische Kennzahl, sondern ließe sich bei praktisch jedem Hersteller mit ausgedehnter Zulieferkette bilden – bei einem Automobilkonzern etwa mit den Beschäftigten aller Zulieferer, die überwiegend oder ausschließlich für seine Marke produzieren, vermutlich in einer weit höheren Größenordnung. Die Zahl taugt damit eher als in Interviews übliche Aufwertungspraxis denn als belastbarer Beleg unternehmerischer Bedeutung. Schon die direkte Zahl allein zeigt aber die Größenordnung des Kategoriensprungs. Grupp bewegt sich mit rund 1.200 Mitarbeitern bei Trigema, die nach eigener Darstellung ausschließlich in Deutschland produzieren, in einer vergleichbaren Größenordnung. Aus dieser Basis heraus wird bei beiden ein Erfahrungswissen zur Handlungsanweisung für ein Land verallgemeinert, das föderal organisiert ist, dessen Wirtschaftspolitik zwischen Bund, Ländern, Sozialpartnern und EU-Rechtsrahmen ausgehandelt wird und das keinen einzelnen Entscheidungspunkt kennt, an dem sich „mehr Entschlossenheit“ oder „mehr Markenbewusstsein“ einfach verordnen ließe. Der Kategoriensprung von der Geschäftsführung eines Familienunternehmens zur Steuerung einer G7-Volkswirtschaft wird in beiden Fällen nicht reflektiert, sondern stillschweigend vorausgesetzt.
Zwei Varianten desselben Musters
Bei Strauss äußert sich das Muster als Markenrhetorik: Deutschland habe international ein besseres Image, als es sich selbst zutraue, und müsse dieses Image nur „bewusst aufladen“ – dieselbe Sprache, mit der er die eigene Umstellung von Arbeitshosen auf Freizeit-Workwear beschreibt. Bei Grupp äußert sich dasselbe Muster als Eigenverantwortungs-Rhetorik: Wer auf die Politik warte, sei „längst pleite“, Unternehmer müssten ihre Probleme selbst lösen. Beide Diagnosen sind in sich schlüssig – für ein einzelnes, eigentümergeführtes Unternehmen mit klaren Entscheidungsstrukturen. Beide werden aber ohne Vermittlungsschritt auf eine Volkswirtschaft übertragen, die aus Millionen einzelner, oft gegenläufiger Interessen besteht und deren Probleme (Energiekosten, demografischer Wandel, Investitionsstau, internationale Lieferkettenabhängigkeiten) sich kaum durch unternehmerische Willenskraft lösen lassen, gleich wie entschlossen sie vorgetragen wird.
Die Vorbildfrage: Textilunternehmen als schlechte Analogie
Bemerkenswert ist zudem, dass ausgerechnet zwei Bekleidungsunternehmer als Nationalcoaches auftreten. Ein Textil- und Workwear-Hersteller ist strukturell denkbar schlecht geeignet, als Blaupause für eine Volkswirtschaft zu dienen, deren Wettbewerbsfähigkeit an Halbleiterfertigung, Maschinenbau, Automobilzulieferketten und Energieinfrastruktur hängt – Bereiche mit völlig anderen Kapitalintensitäten, Innovationszyklen und internationalen Abhängigkeiten. Selbst wenn man ein Markenunternehmen als Vorbild suchen wollte, läge ein Fall wie New Yorker (internationale Expansion primär über Markenidentität statt über ein Funktionsprodukt) näher an Strauss‘ eigener Argumentation als sein eigenes Unternehmen. Der Punkt ist aber nicht, welches Unternehmen die „richtige“ Vorlage wäre – sondern dass die Übertragung Einzelfirma → Nation selbst der Fehler ist, unabhängig von der gewählten Branche.
Warum das Genre trotzdem funktioniert
Dass dieses Muster in Interviews und Talkshows verlässlich Anklang findet, hat wenig mit seiner analytischen Tragfähigkeit zu tun. Es bedient eine vertraute Erzählung: den bodenständigen, prinzipientreuen Patriarchen-Unternehmer, der – anders als die „austauschbaren“ Manager anonymer Konzerne – mit seinem eigenen Namen für Entscheidungen einsteht. Diese Figur liefert einfache, optimistische Botschaften (Deutschland müsse nur „mutiger“ oder „entschlossener“ sein), ohne dass strukturelle Fragen zu Investitionsquote, institutionellen Reformblockaden oder globalen Marktverschiebungen berührt werden müssten. Bei Strauss kommt hinzu, dass das Plädoyer für „mehr Markenbewusstsein“ mit seinem eigenen Kerngeschäft – Markenexpansion von Arbeitskleidung in die Freizeitbekleidung – deckungsgleich ist. Die Nationaldiagnose ist damit auch Selbstbestätigung der eigenen unternehmerischen Philosophie im großen Maßstab, weniger neutrale Standortanalyse.
Vorläufiger Befund
Das Muster „Unternehmer als Nationalcoach“ scheint kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Genre der deutschen Wirtschaftsberichterstattung zu sein, dessen Attraktivität sich aus einer vertrauten Erzählfigur speist und nicht aus geprüfter Übertragbarkeit. Ob sich dieses Muster über Strauss und Grupp hinaus systematisch in weiteren Fällen nachweisen lässt, bleibt hier offen und wäre eine eigene Untersuchung wert.
Ralf Keuper
Quellen
- F.A.Z., Interview mit Henning Strauss (Engelbert Strauss)
- t-online/dpa: „Wolfgang Grupp: Ex-Trigema-Chef rechnet mit Politik in Deutschland ab“ (Mai 2026) – https://www.t-online.de/finanzen/aktuelles/wirtschaft/id_101248660/wolfgang-grupp-ex-trigema-chef-rechnet-mit-politik-in-deutschland-ab.html
- Yahoo/Teleschau: „Unternehmer Grupp klagt bei Maischberger über abgeschobenen Mitarbeiter“ (2026) – https://de.nachrichten.yahoo.com/unternehmer-grupp-klagt-maischberger-%C3%BC-044138190.html
