Zanders, Haindl, Feldmühle: Drei Namen, die über Generationen für deutsche Papierproduktion standen und die es heute nicht mehr gibt – jedenfalls nicht als eigenständige Unternehmen. Ihr Verschwinden lässt sich als eine Reihe unglücklicher Einzelschicksale erzählen. Industrieökonomisch betrachtet ist es etwas anderes: die folgerichtige Anpassung einer Branche an eine veränderte Nachfragearchitektur – verstärkt durch Energiekosten, Standortlogik und Rohstoffabhängigkeit, fortgesetzt entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette bis zum Maschinenbau –, vollzogen über zwei Jahrzehnte und mit einer Konsequenz, die in ihrer Gleichförmigkeit auffällt.
Eine Branche verliert ihre tragende Architektur
Bis etwa 2007 wuchs die deutsche Papierproduktion im Gleichschritt mit der Gesamtwirtschaft. Was danach folgte, war kein zyklischer Einbruch, sondern der Entzug der tragenden Nachfragesäule: Digitalisierung und der Niedergang der Printmedien haben grafischen Papieren – Druck- und Schreibpapier – ihre wirtschaftliche Grundlage entzogen. Verpackungs-, Hygiene- und Spezialpapiere wuchsen zwar, konnten den Ausfall aber weder mengen- noch wertmäßig eins zu eins kompensieren, zumal sie andere Anlagen, andere Kundenbeziehungen und andere Kostenstrukturen erfordern als die Herstellung von Chromolux oder Offsetpapier.
Das ist der entscheidende Punkt, der in der öffentlichen Wahrnehmung oft verloren geht: Wer auf grafische Papiere spezialisiert war, konnte nicht einfach die Sorte wechseln. Eine Papierfabrik ist keine flexible Fertigungsanlage, sondern über Jahrzehnte auf ein Produktsegment hin optimiertes Anlagevermögen – Maschinenbreite, Faserstoffaufbereitung, Streichanlagen, Kundenverträge. Ein Architekturwechsel der Nachfrage trifft ein Unternehmen, dessen gesamte Kapitalbasis auf die alte Architektur ausgerichtet ist, ungleich härter als ein gewöhnlicher Nachfragerückgang.
Die Nachfrageseite im Einzelnen: Zeitungen, Zeitschriften, Prospekte, Bücher
Der Begriff „grafisches Papier“ verdeckt, dass hinter dem Nachfrageeinbruch mehrere Endmärkte mit sehr unterschiedlicher Dynamik stehen – und dass sich der Rückgang nicht überall gleich vollzogen hat.
Am eindeutigsten ist der Fall bei Zeitungen: Die verkaufte Gesamtauflage deutscher Tages- und Sonntagszeitungen sank von rund 30,2 Millionen Exemplaren 1995 auf rund 11,5 Millionen 2023 – ein Rückgang von mehr als 50 Prozent, der sich seit 2011 sogar noch beschleunigt hat (18,8 Millionen Exemplare) und 2025 bei rund 10,4 Millionen Exemplaren lag. Die Werbeeinnahmen der Zeitungen sind im selben Zeitraum eingebrochen, und die wachsenden digitalen Erlöse reichen nach übereinstimmenden Branchenprognosen nicht annähernd aus, um den Ausfall zu kompensieren.
Bei Zeitschriften zeigt sich dasselbe Bild in etwas gedämpfter Form: Der Einzelverkauf an Kiosken hat sich seit 2010 nahezu halbiert (von 6,7 auf 3,5 Millionen Exemplare), und der Anteil der Zeitschriftenwerbung an den gesamten Bruttowerbeinvestitionen in Deutschland fiel von rund 14,3 Prozent 2011 auf 7,7 Prozent 2023, mit weiterem Rückgang der Nettowerbeumsätze bis 2028 prognostiziert.
Bei Werbeprospekten und Handzetteln – einem der größten Verwender von gestrichenem Offsetpapier im Einzelhandel – verläuft der Rückzug weniger linear, aber in dieselbe Richtung: Rewe stellte seinen gedruckten Handzettel im Juli 2023 ein, die Tochter Nahkauf folgt ab Juli 2026; zugleich zeigen Studien des EHI Retail Institute, dass einzelne Händler wie Mäc-Geiz nach kurzer Digital-Phase wieder auf Print umgestiegen sind und der gedruckte Prospekt als Einkaufsplaner sogar an Bedeutung gewonnen hat. Das europäische Gesamtvolumen ist nach Daten der European Letterbox Marketing Association insgesamt rückläufig, aber uneinheitlich – ein Rückzug aus wirtschaftlichen Gründen (Papier-, Druck- und Portokosten), nicht aus purer Bedeutungslosigkeit des Mediums.
Der Buchmarkt schließlich widerlegt die Vorstellung eines gleichförmigen, alle Print-Segmente erfassenden Rückgangs: Gedrucktes Buch bleibt der weit überwiegende Vertriebsweg, der Umsatzanteil von E-Books lag 2025 bei lediglich 6,3 Prozent, mit nur minimalem jährlichem Zuwachs. Der Gesamtumsatz der Buchbranche bewegt sich seit Jahren in der Größenordnung von 9,1 bis 9,9 Milliarden Euro und damit vergleichsweise stabil – 2025 allerdings mit einem Minus von 2,7 Prozent auf 9,62 Milliarden Euro. Auffällig ist eher die Zahl der Neuerscheinungen: Sie fiel von 69.180 Titeln 2020 auf 52.644 Titel 2025, ein Rückgang von fast einem Viertel. Der Börsenverein selbst führt das aber nicht in erster Linie auf digitale Substitution zurück, sondern auf rückläufige Lesekompetenz, schwache Konjunktur und – bei jüngeren Käufergruppen – veränderte Mediennutzung insgesamt, nicht speziell den Wechsel zum E-Book.
Diese Differenzierung schärft die Ausgangsthese, statt sie zu schwächen: Der Architekturwechsel traf nicht „das Papier“ insgesamt, sondern konzentriert jene Segmente, in denen digitale Substitute tatsächlich funktional gleichwertig sind – die tagesaktuelle Information der Zeitung, die kurzlebige Werbebotschaft des Prospekts, die aktualitätsgebundene Zeitschrift. Das gebundene Buch als Lesemedium hat dagegen bislang keinen vergleichbaren digitalen Ersatz gefunden, der die Papiernachfrage in diesem Segment strukturell verdrängt hätte. Für Zanders, Feldmühle und die vielen kleineren Werke war das kein Trost: Ihr Produktportfolio lag überwiegend in den stark betroffenen Segmenten – Offset-, Zeitungsdruck- und beschichtetes Feinpapier –, nicht im vergleichsweise resilienten Buchdruckpapier.
Drei Fälle, ein Muster
Zanders in Bergisch Gladbach, 1829 gegründet, war über weite Strecken kein Nischenanbieter, sondern ein Leitbetrieb mit mehreren Tausend Beschäftigten und, in den 1980er Jahren, rund 200.000 Tonnen Jahresproduktion – bekannt vor allem für hochwertige grafische und Spezialpapiere. Genau dieses Segment geriet ab den 2000er Jahren am stärksten unter Druck. Zwei Insolvenzen (2018 und 2021) folgten, bevor die Produktion am Standort endgültig eingestellt wurde. Bezeichnend ist, dass zwischen erster Insolvenz und endgültiger Schließung noch versucht wurde, den Betrieb in verkleinerter Form fortzuführen – ein typisches Muster des graduellen Rückzugs statt eines einzelnen Kollapses.
Haindl in Augsburg löste sein Strukturproblem anders: durch Verkauf. 2001 ging das Familienunternehmen an den finn…

