1986 warnte Alfred Herrhausen vor einer pazifischen Herausforderung, die er explizit nicht auf niedrige Lohnkosten zurückführen wollte, sondern auf Organisationssysteme, Forschungsintensität und einen diffusen „human factor“. Vierzig Jahre später drängt mit China ein Wettbewerber nach Europa, auf den Herrhausens Kategorien seltsam gut passen – und der doch etwas mitbringt, das 1986 fehlte: einen Staat, der Industriepolitik nicht als Ausnahme, sondern als System betreibt. Ein Konstellationsvergleich.


Es gibt Texte, die man nicht liest, um zu erfahren, was damals war, sondern um zu sehen, welche Kategorien sich als robust erweisen, wenn man sie vierzig Jahre später erneut anlegt. Alfred Herrhausens Rede „Die pazifische Herausforderung“ von 1986 gehört zu dieser Textsorte. Sie ist, zeitgeschichtlich gelesen, das Dokument einer bestimmten Diskurslage: Deutsche-Bank-Spitze positioniert sich gegen einen als übertrieben empfundenen Kulturpessimismus, der damals – „lautstarke Kritiker“, wie Herrhausen sie nennt – die Bundesrepublik in einem „Jammertal“ verortete. Analytisch gelesen ist sie aber vor allem eines: ein Vergleichsraster, dessen Kategorien – Lohnkosten, Organisationssysteme, technologische Aufholprozesse, Patentstatistik – bemerkenswert unverändert taugen, um die heutige sino-europäische Konkurrenzlage zu vermessen. Die Versuchung liegt nahe, „China heute“ einfach als „Japan von damals, nur größer“ zu behandeln. Genau diese Versuchung sollte man sich versagen. Die Unterschiede sind mindestens so aufschlussreich wie die Parallelen.

I. Strukturell ähnlich, historisch different

Herrhausen beschreibt 1986 eine Bundesrepublik, die – wohlhabend, exportstark, drittgrößtes Sozialprodukt der Welt – einem Aufholprozess aus dem pazifischen Raum ausgesetzt ist. Die Wachstumsraten sprechen für sich: über fünf Prozent jährlich im pazifischen Raum zwischen 1980 und 1984, gegenüber einem Prozent Zuwachs des deutschen Bruttosozialprodukts im selben Zeitraum. Bemerkenswert ist, wie explizit Herrhausen das naheliegende Lohnkostenargument zurückweist: Japanische Stundenlöhne, in Yen umgerechnet, hätten die deutschen inzwischen überstiegen. Der Wettbewerbsvorteil liege woanders – in Qualitätskontrollzirkeln, im Kanban-System, im „forward pricing“, in der höheren Kapitalintensität privatwirtschaftlicher Forschung und in einem „human factor“, den Herrhausen mit Fleiß, Konsensorientierung und einer Jahresarbeitszeit von 2100 Stunden gegenüber 1635 in der Bundesrepublik illustriert.

Die heutige Konstellation lässt sich mit dem Lohnkostenargument nicht mehr so leicht abtun – diesmal trifft es tatsächlich zu, nur eben nicht allein. Chinas Vorsprung bei batterieelektrischen Fahrzeugen speist sich aus einer vertikal integrierten Batterie- und Rohstoffkette, aus binnenwirtschaftlich subventionierten Skaleneffekten und – das ist der eigentliche Bruch zu 1986 – aus einer staatsindustriepolitischen Programmatik, die Herrhausen bei Japan allenfalls in Umrissen hätte erkennen können. „Made in China 2025″ ist in Umfang und Zielgenauigkeit ein anderes Instrument als der indikative japanische Interventionismus der siebziger und achtziger Jahre.

II. Patentstatistik als Gradmesser: von der Aufholjagd zur Führungsübernahme

1986 zitiert Herrhausen japanische Patentanmeldungen und Forschungsintensität als Beleg für eine Konkurrenz, die aufholt, die Bundesrepublik in Kernbereichen – Nukleartechnik, Ariane-Rakete, Medizintechnik, Werkzeugmaschinen – aber noch nicht überholt hat. Deutschland lag damals nach Ifo-Zahlen bei Patentanmeldungen weltweit auf Platz zwei, deutlich vor Japan bei den Auslandsanmeldungen.

Vierzig Jahre später hat sich das Bild verschoben, aber weniger eindeutig, als mancher erwarten würde. Beim Europäischen Patentamt liegt Deutschland mit einem Anteil von gut zwölf Prozent aller Neuanmeldungen weiterhin deutlich vor Frankreich; China kommt weltweit mit knapp elf Prozent noch hinter die USA und Deutschland zu liegen, schiebt sich damit aber im Regionenvergleich erstmals an Japan vorbei. Entscheidend ist die Dynamik: Während die chinesischen Anmeldezahlen zuletzt um knapp zehn Prozent zulegten, gingen die deutschen leicht zurück. Diese Wachstumsdifferenz reproduziert fast wörtlich Herrhausens eigene Beobachtung – nur mit umgekehrten Vorzeichen bei der Trendrichtung. Damals hatte die Bundesrepublik die Substanz, Japan die Dynamik; heute hat Deutschland tendenziell noch die Substanz, China aber unzweifelhaft die Dynamik.

Bezeichnend ist auch die Verschiebung der Spezialisierung: Wo Herrhausen 1986 auf deutsche Stärken bei Nuklear-, Raumfahrt- und Medizintechnik verweisen konnte, zeigt sich heute ein anderes Muster. Deutschlands Innovationsstärke liegt im internationalen Vergleich vor allem noch bei mechanischen Elementen – Ventilen, mechanischer Messtechnik –, während China gerade bei elektrifizierten Antriebssträngen, insbesondere der Batterietechnik, in wenigen Jahren enorme Fortschritte gemacht hat. Das ist, im Henderson-Clark-Vokabular gesprochen, eine Verschiebung von der Systemführerschaft zur Komponentenkompetenz – ein Stück Architekturmachtverlust, das sich in die bereits andernorts geführte Diskussion zu VW, Bosch und Schaeffler einfügt.

Allerdings verdient die Patentstatistik selbst eine kritische Anmerkung, die Herrhausen 1986 so nicht hätte machen können, weil sie sich erst aus der langfristigen Beobachtung des Indikators ergibt. Dass Bosch in Deutschland die Anmelderliste seit Jahren mit großem Abstand anführt, zeigt, wie fragwürdig die Aussagekraft dieser Zahl im Kern ist: Ein einzelnes Unternehmen kann die nationale Patentbilanz maßgeblich prägen, ohne dass daraus verlässliche Rückschlüsse auf die Innovationsfähigkeit eines ganzen Wirtschaftsstandorts folgen. Patentanmeldungen sind zudem, wie in der einschlägigen Literatur wiederholt vermerkt, auch eine Frage strategischer Anmeldepraxis – Absicherung von Technologieräumen gegen fremden Zugriff, nicht notwendig unmittelbare Marktverwertung. Wer die Zahl als Aufholindikator liest, sollte sie also nicht isoliert, sondern im Verbund mit Marktanteilsdaten, F&E-Intensität und tatsächlicher Produktdurchdringung lesen – genau die Mehrdimensionalität, die auch Herrhausen 1986 durch die Kombination von Patent-, Lohn- und Organisationsdaten anstrebte, ohne sich auf eine einzelne Kennziffer zu verlassen.

III. Die Automobilindustrie als Prüffall: vom „Insiderstatus“ zur Marktanteilserosion

Herrhausens Abschnitt zum Marktzugang – Vertriebssysteme, „Insiderstatus“ in fernöstlichen Märkten, die Notwendigkeit von Sprachkompetenz und lokalen Partnerschaften – liest sich 1986 wie eine Handlungsanweisung an deutsche Exporteure: Wie kommen wir in ihre Märkte hinein?

Die heutige Fluchtrichtung ist umgekehrt. Die Frage lautet nicht mehr, wie deutsche Hersteller in chinesische Märkte eindringen, sondern wie chinesische Hersteller in den europäischen Markt eindringen – mit bemerkenswertem Tempo. Der Marktanteil chinesischer Marken am batterieelektrischen Neuwagenmarkt in Westeuropa überschritt im Frühjahr 2026 erstmals die Marke von fünfzehn Prozent, nach knapp zehn Prozent im Vorjahresmonat. Auf EU-Ebene verdoppelten sich die Zulassungen binnen eines Jahres von rund drei auf etwa sechs Prozent, mit besonders kräftigen Zuwächsen bei BYD und Leapmotor. Für das laufende Jahr erwarten Branchenanalysten einen Anteil chinesischer Marken am gesamten europäischen BEV-Neuwagenvolumen von knapp vierzehn Prozent – ein Zuwachs von rund der Hälfte gegenüber dem Vorjahr –, wobei langfristig kein dauerhafter Anteil von über fünfzehn Prozent erwartet wird.

Diese Zahlen relativieren sich, wenn man sie an Herrhausens eigenem methodischen Maßstab misst – er hätte vermutlich zur Vorsicht vor Extrapolation gemahnt, wie er es bei den japanischen Wachstumsraten selbst tat. Bemerkenswert ist die Reaktion der etablierten Anbieter: Anders als 1986, als deutsche Unternehmen – Rollei dient Herrhausen als Negativbeispiel – primär über Produktionsverlagerung reagierten, reagieren europäische Hersteller heute zunehmend über die Lokalisierung der Konkurrenz selbst: BYD in Ungarn, Leapmotor in Polen, Chery im ehemaligen Nissan-Werk Barcelona. Das ist eine Konstellation, die 1986 in dieser Form nicht vorlag: nicht Verdrängung durch Import, sondern Ansiedlung des Konkurrenten im eigenen Markt – mit der ambivalenten Folge, dass Standortpolitik, etwa über Lokalisierungsquoten im diskutierten EU Industrial Accelerator Act, zum zentralen Steuerungsinstrument wird. Das wirft ein neues Licht auf Herrhausens Skepsis gegenüber Protektionismus und Subventionen: Die Trennlinie zwischen „Marktzugang regeln“ und „Protektionismus betreiben“ verläuft heute anders, als sie 1986 verlaufen konnte.

IV. Der „human factor“ und die Systemfrage

Herrhausens Erklärung für Japans Erfolg über den „human factor“ – Arbeitsethos, Konsensorientierung, hohe Jahresarbeitszeit – war schon 1986 diskussionswürdig, weil sie kulturalistische Erklärungen gegenüber institutionellen privilegierte. Mit dem Instrumentarium der institutionellen Ökonomik – Chandler, Luhmann – lässt sich der japanische Erfolg der achtziger Jahre eher als Organisationsvorteil innerhalb eines bestimmten Koordinationsregimes rekonstruieren (Keiretsu, lebenslange Beschäftigung im Kernsegment, hohe innerbetriebliche Flexibilität) als über einen diffusen Fleiß-Begriff.

Für die chinesische Konkurrenz heute wäre eine analoge Kulturerklärung noch fragwürdiger. Der eigentliche strukturelle Unterschied liegt in der Kopplung von Staat, Kapitalmarkt und Industriepolitik: Wo Japan der achtziger Jahre ein exportorientiertes, aber marktwirtschaftlich organisiertes Wachstumsmodell mit indikativer Industriepolitik war, verbindet China ein staatskapitalistisches Steuerungsmodell mit einer Plattform- und Skalenlogik, die westliche Unternehmen strukturell kaum kopieren können – weil sie in einem anderen institutionellen Rahmen operieren: Kapitalmarktdisziplin, Wettbewerbsrecht, Tarifautonomie. Das ist ein Anschlusspunkt zur größeren Frage der institutionellen Inkompatibilität deutscher Industrie mit Plattform- und Ökosystem-Ökonomik – ein Strang, der an dieser Stelle nur angedeutet werden kann.

V. Herrhausens Optimismus-Plädoyer im Licht heutiger Selbstbeschreibung

Herrhausens Schlussabschnitt ist ein Plädoyer gegen Kulturpessimismus und für „Euro-Optimismus“ – mit zustimmendem Verweis auf Peter Drucker und die Business Week gegen eine als übertrieben wahrgenommene Untergangsrhetorik. Diese rhetorische Figur – Abwehr von „Miesmacherei“ bei gleichzeitiger Anerkennung realer struktureller Probleme – ist bemerkenswert stabil auch im heutigen Diskurs über die deutsche Industrie. Die PR-Schere zwischen offizieller Standortkommunikation und der empirisch beobachtbaren Marktanteilserosion bei E-Autos, der Patentdynamik und den Werkschließungen bei Zulieferern reproduziert dieselbe diskursive Struktur – nur mit umgekehrten Vorzeichen bezüglich der Faktenlage. 1986 war die Substanzdatenlage für Deutschland günstiger, als der Pessimismus suggerierte. Heute ist offener, ob der verbliebene Optimismus noch von der Substanzdatenlage gedeckt ist.

Fazit ohne normatives Verdikt

Der Vergleich zeigt weniger eine Wiederholung als eine Strukturverschiebung dritter Ordnung: 1986 ging es um Konkurrenz durch Organisationsvorteile innerhalb eines vergleichbaren marktwirtschaftlichen Rahmens. Heute geht es um Konkurrenz durch ein anderes Steuerungsregime bei gleichzeitig höherer Kapitalmarkt- und Technologieverflechtung – bis hin zur Lokalisierung des Konkurrenten im eigenen Markt. Herrhausens Kategorien – Lohnkosten relativieren, Organisationssysteme ernst nehmen, Patentdynamik als Frühindikator lesen, Protektionismus skeptisch, Standortpolitik pragmatisch behandeln – bleiben brauchbar. Ihre Anwendung auf China erfordert jedoch eine Ergänzung um die staatsindustriepolitische Dimension, die 1986 in dieser Schärfe nicht existierte und die sich mit dem reinen Organisationsvorteil-Argument nicht mehr vollständig erfassen lässt.

Ralf Keuper