Elon Musk prophezeit einen „supersonischen Tsunami“ aus Künstlicher Intelligenz und Robotik, der Knappheit zerstört und allgemeinen Wohlstand bringt. Doch seine technologisch-deterministische Vision verkennt die eigentlichen Hebel wirtschaftlicher Umwälzung: Verteilungsmechanismen, physische Grenzen und institutionelle Machtstrukturen. Eine kritische Zerlegung der Prophezeiung aus dem kalifornischen Technologiemilieu – und warum John Kenneth Galbraith die Antwort bereits 1958 formulierte.


Die Verlockung der technologischen Singularität

Elon Musks jüngste Warnung vor einem „supersonischen Tsunami“ aus Künstlicher Intelligenz und Robotik[1]https://x.com/r0ck3t23/status/2022112266988949516 folgt einem vertrauten erzählerischen Muster: Eine exponentielle technologische Entwicklung wird als unausweichliche Umgestaltung der gesamten Wirtschaftsordnung inszeniert. Die Kernthese ist bestechend einfach: Wenn KI und Roboter die Herstellung exponentiell steigern, während die Geldmenge nur linear wächst, brechen die Preise zusammen. Grenzkosten gehen gegen Null, herkömmliche volkswirtschaftliche Modelle werden hinfällig, und am Ende steht eine Welt des „allgemeinen hohen Einkommens“, in der Arbeit freiwillig wird.

Diese Vision teilt Musk mit anderen Protagonisten aus dem kalifornischen Technologiemilieu wie Sam Altman. Sie verkörpert den Glauben an eine technologische Lösung grundlegender wirtschaftlicher Probleme – den Traum vom Übergang von Knappheit zu Überfluss durch ingenieurstechnische Brillanz. Doch diese Prophezeiung ist nicht nur unvollständig, sondern gefährlich irreführend. Sie verwechselt technologische Leistungsfähigkeit mit wirtschaftlicher Mechanik und ignoriert die entscheidende Frage: Nicht ob eine Umwälzung kommt, sondern wer sie beherrscht und wer von ihr profitiert.

Galbraiths vergessene Warnung

Die Diskussion ist nicht neu. John Kenneth Galbraith warnte bereits 1958 in „The Affluent Society“ vor genau dieser Verwechslung von Produktivitätssteigerung und gesellschaftlichem Wohlstand. Seine Beobachtung: Technischer Fortschritt und wachsender privater Reichtum führten nicht automatisch zu allgemeinem Wohlergehen. Im Gegenteil – er diagnostizierte ein Auseinanderklaffen von „privatem Überfluss und öffentlicher Armut“ (private opulence and public squalor). Während Konsumgüter reichlich verfügbar wurden, verfielen öffentliche Schulen, Verkehrswege, Parks.

Galbraiths Kernargument: Die Fixierung auf Wirtschaftswachstum und privaten Verbrauch verschleiert, dass Wohlstand nicht durch Produktionssteigerung allein entsteht, sondern durch institutionelle Gestaltung der Verteilung und öffentliche Investitionen. Der Markt erzeugt Güter, nicht Gerechtigkeit. Produktivitätsgewinne konzentrieren sich dort, wo Eigentum konzentriert ist.

Musks Überfluss-Prophezeiung wiederholt den Denkfehler, den Galbraith vor sieben Jahrzehnten bloßlegte: Sie setzt Produktionsfähigkeit mit Wohlstandsverteilung gleich und ignoriert die politisch-institutionellen Mechanismen, die darüber entscheiden, wer vom Fortschritt profitiert.

Der systematische Fehler: Technologie statt Institutionen

Musks Deflations-Erzählung folgt einer linearen technologischen Ursächlichkeit: exponentielle Produktivität führt zu sinkenden Grenzkosten, diese zu Preiszusammenbruch, dieser zu allgemeinem Wohlstand. Diese Logik ignoriert drei grundlegende Wirklichkeiten, die jede wirtschaftshistorische Betrachtung offenbart:

Erstens: Produktivitätsgewinne führen nicht selbsttätig zu breiter Wohlstandsverteilung. Die Geschichte technologischer Umwälzungen zeigt durchgängig das Gegenteil. Die Industrialisierung steigerte den Ausstoß exponentiell, führte aber zunächst zu äußerster Vermögensballung und Verelendung breiter Bevölkerungsschichten. Erst institutionelle Kämpfe – Gewerkschaften, Sozialgesetzgebung, progressive Besteuerung – schufen Verteilungsmechanismen. Was Musk als technologische Selbstverständlichkeit darstellt, musste historisch erkämpft werden.

Die Annahme eines „allgemeinen hohen Einkommens“ setzt stillschweigend voraus, was am wenigsten selbstverständlich ist: dass die Produktivitätsgewinne der KI nicht vorrangig bei den Eigentümern der Rechenplattformen verbleiben, sondern gesellschaftlich verteilt werden. Nichts in der gegenwärtigen Entwicklung deutet darauf hin. Im Gegenteil: Die Ballung nimmt zu. Die beherrschenden KI-Akteure – OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft – sind entweder unmittelbar mit Technologiekonzernen verbunden oder werden von ihnen finanziert. Der „Überfluss“ entsteht zunächst in den Bilanzen dieser Unternehmen, nicht in den Haushalten der Bevölkerung.

Zweitens: Die physischen Grenzen verschwinden nicht. Musks Argument zur „Knappheits“-Zerstörung gilt ausschließlich für digitale Güter und ihre unmittelbaren Ersatzprodukte. Kupfer, seltene Erden, Lithium, Energie sind nicht digitalisierbar. Paradoxerweise könnte die KI-Ausweitung sogar preissteigernd auf diese Märkte wirken, weil sie die Rohstoffnachfrage explodieren lässt. Rechenzentren werden zum massiven Energieverbraucher – Schätzungen gehen davon aus, dass der Stromverbrauch für KI-Training und -Anwendung bis 2030 mehrere Prozent der weltweiten Energieerzeugung beanspruchen könnte.

Der Preisverfall in digitalen Sphären könnte von Preissteigerungen in physischen Sphären begleitet werden – eine gespaltene Preisdynamik, die gesellschaftliche Verwerfungen verschärft statt lindert. Wer sich Zugang zu physischen Gütern leisten kann, profitiert von billigen digitalen Diensten. Wer auf physische Güter angewiesen ist – Wohnung, Beweglichkeit, Gesundheitsversorgung –, sieht sich steigenden Kosten gegenüber.

Drittens: Das Geldmengen-Argument ist volkswirtschaftlich fehlerhaft. Musks Prämisse – „Geldmenge wächst linear, Ausstoß exponentiell, folglich Deflation“ – verkennt die Biegsamkeit moderner Geldpolitik. Zentralbanken haben nach 2008 gezeigt, dass sie bei Deflationsgefahren massiv ausweiten können (mengenmäßige Lockerung). Die Geldmenge ist keine äußere Festgröße, sondern ein geldpolitisches Werkzeug.

Das eigentliche Problem ist nicht mechanische Deflation durch Geldmengenmangel, sondern bauliche Anpassungsunfähigkeit: Wie reagieren Institutionen, wenn Wirtschaftswachstum von Beschäftigung entkoppelt wird? Wenn herkömmliche Lohnarbeit ihre Funktion als vorrangiger Verteilungsmechanismus verliert? Das sind keine technischen, sondern politisch-institutionelle Fragen.

Die Gegenhypothese: Spaltung statt allgemeiner Überfluss

Glaubhafter als Musks Deflations-Utopie erscheint ein gespaltenes Szenario mit drei parallelen Entwicklungen:

  • Digitale Sphäre: Radikale Preissenkung für Rechenprogramme, Inhalte, Wissensarbeit. KI-erzeugte Texte, Bilder, Programmiercode werden nahezu kostenlos verfügbar. Dies erzeugt Deflation in diesen Segmenten und macht bestimmte Berufsbilder hinfällig (Nachwuchsprogrammierer, Inhalteproduzenten, Übersetzer).
  • Physische Sphäre: Rohstoff- und Energieknappheit treiben Preissteigerungen bei Geräten, physischen Gütern, Grundstücken. Die Schere zwischen digitalem Preisverfall und physischer Preissteigerung öffnet sich. Wer Eigentum an physischen Vermögenswerten hat, profitiert. Wer auf Einkommen angewiesen ist, verliert Kaufkraft.
  • Arbeitsmärkte: Polarisierung zwischen hochbezahlter KI-Aufsicht (Anweisungstechnik, KI-Training, strategische Nutzung) und unsicheren Dienstleistungsberufen (Pflege, Logistik, Handwerk). Die mittleren Einkommensschichten – klassische Wissensarbeiter, Verwaltung, mittleres Management – schwinden. Die Aushöhlung der Mittelschicht, die wir seit den 1990ern in der Industrie beobachten, wiederholt sich in der Wissensökonomie.

Das Ergebnis wäre nicht „allgemeiner Überfluss“, sondern äußerste Ungleichheit bei auseinanderlaufenden Preisdynamiken. Eine Gesellschaft, in der eine kleine Elite von KI-Erträgen lebt, eine breite Schicht in unsicheren Beschäftigungen verharrt, und digitale Güter zwar billig, aber für die Lebensqualität weniger bedeutsam sind als teure physische Güter (Wohnen, Gesundheit, Beweglichkeit).

Institutionelle Grenzen: Die vergessene Dimension

Musks Vision unterschlägt eine weitere entscheidende Ebene: die institutionelle Beharrungskraft. Wirtschaftssysteme sind nicht nur durch Produktionsverhältnisse, sondern durch gewachsene Regelwerke, Anspruchsstrukturen und gesellschaftliche Erwartungshaltungen geprägt.

Die meisten entwickelten Volkswirtschaften sind strukturell an Vollbeschäftigung gekoppelt – institutionell (Sozialversicherungen), kulturell (Arbeitsethik), fiskalisch (Lohnsteuer als Haupteinnahmequelle). Ein Übergang zu „Arbeit als Wahlmöglichkeit“ würde nicht nur Sozialsysteme, sondern gesellschaftliche Identitätsmuster erschüttern. Ohne vorausschauende Politik droht nicht Überfluss, sondern Zerfall in jene, die von KI-Erträgen profitieren, und jene, die in Unterstützungssystemen verharren.

Hinzu kommt die Messwert-Problematik: Wirtschaftspolitik orientiert sich weltweit am Bruttoinlandsprodukt. Ein Paradigmenwechsel, der Wohlstandsgewinne bei stockendem oder gar sinkendem BIP (wegen Deflation) anerkennt, würde bestehende Ordnungsrahmen sprengen. Schuldengrenzen, Haushaltspolitik, Wohlstandsdiskurs müssten neu gedacht werden.

Was zu tun wäre: Institutionelle Erneuerung statt technologischer Schicksalsgläubigkeit
Die Schlussfolgerung „Vorbereitung auf Deflation und Umschulung“ greift zu kurz. Umschulung setzt voraus, dass es Arbeitsplätze gibt, für die umgeschult wird – doch wenn KI breitflächig Wissensarbeit ersetzt, wohin soll umgeschult werden? Und Deflations-Vorbereitung ignoriert die gespaltene Wirklichkeit.

Notwendig wären stattdessen drei strategische Eingriffe:

Institutionelle Erneuerung: Neue Verteilungsmechanismen, die KI-Gewinne gesellschaftlich verteilen. Möglichkeiten reichen von Daten-Beteiligungen (Nutzer erhalten Anteile an KI-Unternehmen, die ihre Daten verwenden) über gestaffelte KI-Gewinnsteuern bis zu öffentlichen Rechenplattformen. Die Auseinandersetzung darf sich nicht auf Grundeinkommen verengen, sondern muss Eigentumsstrukturen an Produktionsmitteln zum Gegenstand machen.

Metriken-Vielfalt: Ergänzung des Bruttoinlandsprodukts durch Wohlfahrtsmaßstäbe, die Verteilung, natürliche Tragfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe einbeziehen. Einzelne Länder wie Neuseeland erproben bereits „Wohlergehen-Haushalte“. Notwendig wäre eine Auseinandersetzung darüber, wie Wohlstand jenseits von Erwerbsarbeit und BIP-Wachstum bestimmt wird.

Eigentumsfragen: Die zentrale Frage bleibt: Wem gehören die Produktionsmittel der KI-Ökonomie – Rechenzentren, Trainingsdaten, Modellarchitekturen? Solange diese in privater Hand weniger Konzerne verbleiben, fließen Produktivitätsgewinne dorthin. Alternativen – öffentliche Infrastrukturen, genossenschaftliche Modelle, Gemeingüter-Ansätze – werden kaum diskutiert.

Was zu tun wäre: Galbraiths Antwort aktualisieren

Die Schlussfolgerung „Vorbereitung auf Deflation und Umschulung“ greift zu kurz. Umschulung setzt voraus, dass es Arbeitsplätze gibt, für die umgeschult wird – doch wenn KI breitflächig Wissensarbeit ersetzt, wohin soll umgeschult werden? Und Deflations-Vorbereitung ignoriert die gespaltene Wirklichkeit.

Galbraiths Antwort von 1958 bleibt aktuell, muss aber für die KI-Ökonomie angepasst werden. Notwendig sind drei strategische Eingriffe:

Institutionelle Erneuerung der Verteilung: Neue Mechanismen, die KI-Gewinne gesellschaftlich verteilen. Möglichkeiten reichen von Daten-Beteiligungen (Nutzer erhalten Anteile an KI-Unternehmen, die ihre Daten verwenden) über gestaffelte KI-Gewinnsteuern bis zu öffentlichen Rechenplattformen. Galbraiths Forderung nach progressiver Besteuerung zur Finanzierung öffentlicher Güter muss auf digitale Vermögenswerte ausgeweitet werden. Die Auseinandersetzung darf sich nicht auf Grundeinkommen verengen, sondern muss Eigentumsstrukturen an Produktionsmitteln zum Gegenstand machen.

Massive öffentliche Investitionen: Wenn private KI-Dienste überreichlich werden, muss öffentliche Infrastruktur systematisch ausgebaut werden – Galbraiths Kernforderung. Das bedeutet: öffentliche Gesundheitsversorgung, Bildungseinrichtungen, Verkehrswege, bezahlbarer Wohnraum. Die Steuerbasis muss von Lohneinkommen auf Vermögen und Kapitalerträge verlagert werden. Die Deflation bei digitalen Gütern schafft Kaufkraft, die für öffentliche Investitionen in physische Infrastruktur mobilisiert werden kann.

Metriken-Vielfalt: Ergänzung des Bruttoinlandsprodukts durch Wohlfahrtsmaßstäbe, die Verteilung, natürliche Tragfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe einbeziehen – genau Galbraiths Kritik am Wachstumsfetisch. Einzelne Länder wie Neuseeland erproben bereits „Wohlergehen-Haushalte“. Notwendig wäre eine Auseinandersetzung darüber, wie Wohlstand jenseits von Erwerbsarbeit und BIP-Wachstum bestimmt wird. Deflation bei gleichzeitig steigendem Wohlergehen ist möglich – erfordert aber ein Umdenken in der Messung.

Eigentumsfragen: Die zentrale Frage bleibt: Wem gehören die Produktionsmittel der KI-Ökonomie – Rechenzentren, Trainingsdaten, Modellarchitekturen? Solange diese in privater Hand weniger Konzerne verbleiben, fließen Produktivitätsgewinne dorthin. Alternativen – öffentliche Infrastrukturen, genossenschaftliche Modelle, Gemeingüter-Ansätze – werden kaum diskutiert. Galbraith argumentierte für öffentliches Eigentum bei natürlichen Monopolen. KI-Infrastruktur entwickelt monopolistische Züge – die Eigentumsfrage muss gestellt werden.

Fazit: Die politische Ökonomie der Umwälzung

Musks Vision enthält einen wahren Kern – KI wird umwälzend wirken, Produktivität steigern, bestimmte Preise senken. Aber seine technologisch-deterministische Logik ignoriert, dass wirtschaftliche Umgestaltungen keine Naturgesetze sind, sondern durch Macht-, Eigentums- und Verteilungsstrukturen geformt werden.

Galbraith zeigte 1958, dass die „Überflussgesellschaft“ der Nachkriegszeit keinen allgemeinen Wohlstand schuf, sondern ein Nebeneinander von privatem Reichtum und öffentlicher Verwahrlosung. Die KI-Revolution droht dieses Muster zu wiederholen – verschärft durch die Eigentumsverhältnisse bei digitalen Plattformen.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob der „Tsunami“ kommt, sondern wer ihn beherrscht. Ob KI Überfluss oder verschärfte Ungleichheit bringt, ist keine technologische, sondern eine politisch-institutionelle Frage. Sie wird in Parlamenten, Tarifverhandlungen, gesellschaftlichen Kämpfen entschieden – nicht in den Versuchslaboren von OpenAI oder den Fabriken von Tesla.

Der Glaube an technologische Selbstläufigkeit ist trügerisch. Galbraiths Diagnose bleibt gültig: Produktivitätssteigerung erfordert institutionelle Antworten – progressive Besteuerung, öffentliche Investitionen, neue Verteilungsmechanismen. Ohne diese vorausschauende Gestaltung droht nicht Musks Utopie, sondern eine Radikalisierung der Spaltung, die Galbraith beschrieb: Privater digitaler Überfluss bei öffentlicher Infrastruktur-Verwahrlosung, algorithmische Fülle bei sozialer Not.

Die Zeit für Vorbereitung läuft ab. Nicht weil der Tsunami unvermeidbar ist, sondern weil die institutionelle Trägheit so groß ist – und weil wir die Lektion von 1958 noch immer nicht gelernt haben.

Ralf Keuper