Ein Interview zweier prominenter Ökonomen zur deutschen Industriekrise enthält eine richtige Diagnose und eine Therapie, die über naiv hinausgeht. Die Hoffnung, Rüstungsausgaben könnten den Niedergang der Automobilindustrie strukturell ersetzen, scheitert an Beschäftigungsdimensionen, die selbst Albert Speer unter Kriegsbedingungen nicht bewältigt hat — und an einer Nachfrage- und Verwendungslogik, die dem Rüstungsgut eigen ist und die kein Investitionsmultiplikator überbrückt. Dass ausgerechnet der Nachfolger von Herbert Giersch am Kieler Institut diesen Weg empfiehlt, ist die institutionsgeschichtliche Ironie des Gesprächs. Wer verstehen will, warum Deutschland in diese Lage geraten ist, kommt an Friedrich List nicht vorbei — einem deutschen Ökonomen, dessen Ideen China konsequenter umgesetzt hat als sein Herkunftsland. Wir haben Ricardo und Adam Smith gelesen und geglaubt, das reiche.


I. Das Interview: Richtige Diagnose, falsche Therapie

Ein aktuelles Gespräch der Süddeutschen Zeitung mit dem Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson (Stanford) und Moritz Schularick (Kieler Institut für Weltwirtschaft) hat einige Aufmerksamkeit erregt. Der Befund ist zugespitzt: China und die USA würden Europa „Stück für Stück aufessen“, VW werde wahrscheinlich von BYD aufgekauft, die europäische Pharmaindustrie stehe vor der Verdrängung durch chinesische Biotech-Expansion.

Die Diagnose trägt in weiten Teilen — auch wenn sie präzisiert werden muss. Deutschland hat die Bedrohung durch Chinas Aufstieg nicht primär deshalb unterschätzt, weil China „das System manipuliert und geistiges Eigentum gestohlen“ hat, wie Ferguson formuliert. Diese Rahmung produziert eine passive Opferrolle, die analytisch falsch ist. Die Realität war eine andere: Technologietransfer wurde sehenden Auges akzeptiert, Joint-Venture-Zwang als Marktzutrittsbedingung bewusst eingegangen, und die implizite Annahme, China werde Verlängerte Werkbank bleiben, jahrzehntelang nicht revidiert — obwohl die Signale da waren. Das war keine Beraubung. Es war strategische Selbstentmachtung.

Wo das Interview jedoch vollends scheitert, ist bei der Therapie. Ferguson mahnt zu einer „Operation Höchsttempo“ bei der deutschen Aufrüstung, Schularick sieht in Verteidigungsinvestitionen den Ausweg aus technologischer Rückständigkeit: KI, Robotik, Weltraumfähigkeiten als Dual-Use-Wachstumsmotor. Und am Ende bleibt Schularick „nicht ohne Zuversicht“: „Der Niedergang der deutschen Industrie lässt sich stoppen.“

Das ist bestenfalls naiv.


II. Der Rüstungsmotor: Was Rheinmetall nicht zeigt

Die einfachste Widerlegung des Rüstungs-als-Wachstumsmotor-Arguments ist empirischer Natur: Rheinmetall ist der direkteste Indikator für die These. Wenn Verteidigungsausgaben tatsächlich der Transformationsmotor wären, der die deutsche Industrie neu aufstellt, müsste das dort als erstes sichtbar werden. Der Börsenkurs hat sich seit 2022 vervielfacht — aber das ist Erwartungskapitalisierung, keine operative Transformation der deutschen Industriestruktur. Rheinmetall selbst kämpft mit Kapazitätsengpässen, Fachkräftemangel und langen Vorlaufzeiten. Von einem Multiplikatoreffekt auf die Breite der Industrie ist nichts zu sehen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Schularicks eigenes Haus die Antwort längst geliefert hat. Herbert Giersch, langjähriger Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und prägende Stimme des deutschen Wirtschaftsliberalismus, hat das Problem mit einer Präzision benannt, die heute prophetisch wirkt: „Eine Industriepolitik, die sich auf die Unterstützung ganz bestimmter Aktivitäten konzentriert, wird dazu neigen, das zu begünstigen, was schon da ist und was man kennt. Zukunftsorientierte Ressourcen sind für solches Drängen an die Subventionskrippe angesichts alternativer Verwendungsmöglichkeiten viel zu knapp.“ Das trifft Verteidigungsausgaben als industriepolitischen Hebel mit derselben Wucht wie jeden anderen Subventionskanal: Auch Rüstungsinvestitionen begünstigen etablierte Unternehmen, bekannte Technologiepfade, vorhandene Lieferketten. Das ist kein Zukunftsprogramm — es ist Bestandspflege mit militärischem Label. Dass Schularick dieses Erbe seines Hauses in der Therapiediskussion still übergeht, ist die eigentliche institutionsgeschichtliche Ironie des Interviews.

Dass diese Unterscheidung inzwischen auch jenseits akademischer Ökonomik diskutiert wird, zeigt ein bemerkenswerter Substack-Beitrag unter dem Titel „Rosa Elefanten“ (BlingBling, Juni 2026), der Rüstungsausgaben konsequent als Konsumkredit rahmt: Güter, die vernichtet werden oder brachliegen, erzeugen keinen produktiven Kreislauf — anders als Investitionen in Infrastruktur, Bildung oder Technologie. Das Argument ist nicht neu, wird aber in der öffentlichen Debatte über das Sondervermögen beharrlich übergangen.

Dazu kommt ein Beschäftigungsproblem, das in der Debatte schlicht nicht gestellt wird. Die deutsche Automobilindustrie beschäftigt direkt rund 800.000 Menschen — mit indirekten Effekten über Zulieferer, Händler, Werkstätten und abhängige Dienstleister ein Vielfaches davon. Die gesamte deutsche Rüstungsindustrie beschäftigt direkt etwa 100.000 Menschen, nach Jahren des Wachstums. Die Größenordnungen sind nicht vergleichbar — sie sind strukturell inkommensurabel. Selbst eine Verdopplung der Rüstungskapazitäten würde an dieser Relation nichts Wesentliches ändern. Dass selbst Albert Speer unter den Bedingungen des totalen Krieges, mit Zwangsarbeit und vollständiger Ressourcenmobilisierung, die gleichzeitig kollabierende zivile Wirtschaft nicht durch Rüstungsproduktion ersetzen konnte, ist ein historischer Befund, der die Verhältnisse verdeutlicht. Was im Ausnahmezustand nicht gelang, soll im demokratischen Normalbetrieb durch Haushaltsbeschlüsse gelingen?

Hinzu tritt die Nachfragestruktur. Rüstungsgüter haben per definitionem einen oligopolistischen Markt — wenige staatliche Käufer, kein Massenmarkt, keine Skalierungseffekte über Stückzahlen wie in der Automobilindustrie. Das erzeugt grundlegend andere wirtschaftliche Multiplikatoreffekte — oder eben keine. Und die Verwendungslogik ist die eines produktionswirtschaftlichen Sonderfalls: Rüstungsgüter sind zur Vernichtung bestimmt oder zur Abschreckung gebunden. Werden sie eingesetzt, vernichten sie sich und anderes — ohne produktive Verwertung. Werden sie nicht eingesetzt, binden sie Kapital ohne wirtschaftlichen Rückfluss. Eine Fabrik, die Automobile produziert, erzeugt Güter, die jahrelang produktiv genutzt werden und weitere Wertschöpfung ermöglichen. Eine Fabrik, die Artilleriemunition produziert, erzeugt Güter, die im besten Fall nie verwendet werden.

Der einzige empirische Fall, in dem Rüstungsausgaben tatsächlich als Wachstumsmotor funktioniert haben, ist der amerikanische — aber aus Gründen, die die These eher widerlegen als stützen: US-Rüstungsexporte und -einsätze dienen der Sicherung von Rohstoffzugängen, Handelsrouten und geopolitischer Einflussprojektion. Das ist eine imperiale Logik, strukturell an Machtprojektion gebunden, die für Deutschland und Europa weder politisch noch geographisch noch machtpolitisch replizierbar ist. Für den eigentlichen Kampfeinsatz sind amerikanische Rüstungsgüter im Kern auch nicht konzipiert — sie sind Instrumente der strategischen Positionierung, nicht der Kriegsführung im klassischen Sinne.

Der implizite Verweis hinter der Schularick-These ist die amerikanische Dual-Use-Geschichte: DARPA, Internet, GPS, Halbleiter — alles aus dem Verteidigungssektor hervorgegangen, zivil multipliziert. Das war aber kein Modell, das sich einfach replizieren lässt. Es entstand unter spezifischen Bedingungen: kohärenter nationaler Sicherheitsapparat mit langen Zeithorizonten, tiefe private Risikokapitalmärkte, die Spin-offs absorbierten, eine Universitätslandschaft, die Grundlagenforschung und Anwendung verknüpfte. Europa hat keine dieser Bedingungen in vergleichbarer Konfiguration. Wo kein technologisches Ökosystem ist, erzeugt Rüstungsbudget keines.

Hinzu kommt: Der größte Teil der aktuellen deutschen Rüstungsausgaben fließt kurzfristig in Beschaffung, nicht in Forschung und Entwicklung. Und Beschaffung heißt in vielen Fällen amerikanische Systeme. Das stärkt Lockheed Martin, nicht den europäischen Technologiesektor.

Fergusons Satz, Deutschland bringe „Industriekapazitäten und qualifizierte Arbeitskräfte“ mit, ist bei näherer Betrachtung fast zynisch: Genau diese Kapazitäten und Arbeitskräfte waren in der Automobilindustrie gebunden — die jetzt wegbricht. Die Umwidmung von Automotive-Kapazitäten auf Rüstungsproduktion ist kein organischer Prozess. Sie würde massive Umschulungs-, Investitions- und Koordinationsleistungen erfordern, für die kein institutioneller Mechanismus existiert. Und nebenbei verliert Deutschland nach Angaben von Arbeitsmarktforschern derzeit rund 15.000 Industriearbeitsplätze pro Monat — nicht als Übergang, sondern als Erosion.

Die Hoffnung, Rüstungskonjunktur könne den Niedergang der Automobilindustrie strukturell ersetzen, hat eine historische Analogie, die man besser nicht bemüht: Auch die Aufrüstung der 1930er Jahre hat die fundamentalen Produktivitäts- und Innovationsdefizite der deutschen Wirtschaft nicht behoben, sondern überdeckt. Der scheinbare Aufschwung war ressourcengetrieben, zeitlich begrenzt — und endete bekanntlich nicht gut.


III. List als Entwicklungstheoretiker — nicht als Protektionist

Um zu verstehen, warum Deutschland und Europa die chinesische Entwicklung so fundamental falsch eingeschätzt haben, muss man einen deutschen Ökonomen rehabilitieren, den die Zunft seit dem 20. Jahrhundert weitgehend ignoriert hat: Friedrich List.

Lists „Nationales System der politischen Ökonomie“ (1841) wird in der Standardgeschichte der Wirtschaftstheorie routinemäßig als Kuriosum behandelt: ein Ökonom, der gegen Ricardo und Smith argumentierte, nicht ins neoklassische Paradigma passte und folglich als historische Fußnote abgelegt wurde.

Das war eine folgenreiche Fehllektüre. Lists Kernargument war kein Plädoyer für Protektionismus als Dauerzustand, sondern eine Theorie der nachholenden Entwicklung: Freihandel ist das Prinzip der bereits Starken, die ein Interesse daran haben, dass die Schwachen schwach bleiben. Wer aufholen will, braucht vorübergehend Schutz, staatliche Koordination und gezielten Aufbau produktiver Kräfte — nicht im Sinne kurzfristiger Tauschvorteile (Ricardo), sondern im Sinne langfristiger Innovationskapazität.

Die entscheidende konzeptuelle Verschiebung bei List: nicht der Tauschwert, sondern die productive forces einer Volkswirtschaft sind das eigentliche Ziel wirtschaftspolitischen Handelns. Maschinen, Infrastruktur, Humankapital, institutionelle Koordinationsfähigkeit — das sind die Substrate wirtschaftlicher Stärke, nicht die Preissignale des nächsten Quartals.


IV. China als konsequenter List-Schüler

Was China seit den 1980er Jahren praktiziert hat, lässt sich ohne Übertreibung als konsequente Anwendung der List’schen Entwicklungslogik beschreiben — ergänzt durch eine Staatskapazität, die List sich so nicht vorstellen konnte.

Die Instrumente sind bekannt, aber in ihrer strategischen Kohärenz oft unterschätzt: Joint-Venture-Zwang als systematischer Technologietransfermechanismus; Staatsbanken als geduldige Kapitalgeber mit Zeithorizonten jenseits des Marktüblichen; Binnenmarktgröße als Lernfeld für Skalierungseffekte; Fünfjahrespläne nicht als Planwirtschaft im sowjetischen Sinne, sondern als strategische Architektur mit operativer Flexibilität; gezielte Subventionierung in Schlüsselbranchen — Automotive, Halbleiter, Biotech, erneuerbare Energien — bis zur globalen Wettbewerbsfähigkeit.

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass China dabei auch Regeln gebrochen hat. Der entscheidende Punkt ist die strategische Intention und Geduld, mit der diese Politik über Jahrzehnte durchgehalten wurde. Das ist List, nicht Merkantilismus im pejorativen Sinne.


V. Das deutsche Wahrnehmungsversagen

Die deutsche Industrie und Ökonomenzunft hat diesen Vorgang systematisch falsch eingeordnet — nicht aus Ignoranz, sondern aus strukturell bedingter Fehlkalibrierung.

Das dominante Deutungsmuster war das der komparativen Kostenvorteile: China produziert billiger, also spezialisiert es sich auf arbeitsintensive Fertigung, während Deutschland die kapitalintensive, innovationsgetriebene Hochtechnologie behält. Diese Arbeitsteilung schien stabil, profitabel und theoretisch gesichert.

Was dieses Modell nicht erfassen konnte: eine staatlich koordinierte Volkswirtschaft, die den komparativen Kostenvorteil bewusst als temporäres Mittel einsetzt, um sich Schritt für Schritt die Wertschöpfungsarchitektur anzueignen. China wollte nie Verlängerte Werkbank bleiben — das war von Beginn an eine Übergangsform, keine Zielstruktur.

Die Signale waren da. CATL hat nicht über Nacht die globale Batteriezellenproduktion dominiert. BYD hat sich nicht zufällig vom Batteriehersteller zum Automobilkonzern entwickelt. Huawei hat nicht ohne jahrelange staatliche Förderung die Telekommunikationsinfrastruktur aufgebaut. Es waren schwache Signale im Ansoff’schen Sinne — nicht unsichtbar, aber von den zuständigen Entscheidungsträgern nicht als strategische Bedrohung klassifiziert, weil der kurzfristige Ertrag des China-Geschäfts jeden Anreiz zur Neubewertung dämpfte.

Hier zeigt sich das Galbraith’sche Muster: Die Technostruktur der deutschen Großunternehmen hatte ein vitales institutionelles Interesse daran, die Lagebeurteilung nicht zu revidieren. Wer China als strategischen Konkurrenten eingestuft hätte, hätte das eigene Geschäftsmodell in Frage stellen müssen.


VI. Die Ironie der Ideengeschichte

Das eigentlich Bemerkenswerte ist die ideengeschichtliche Dimension: List war Deutscher. Seine Konzepte haben Deutschland im 19. Jahrhundert zur Industriemacht gemacht — der Zollverein als institutioneller Rahmen, die Eisenbahn als infrastrukturelle Basis, die koordinierte Schwerindustrialisierung als produktiver Kraftaufbau. Das Bismarck’sche Deutschland hat List angewendet, ohne ihn immer beim Namen zu nennen.

Im 20. Jahrhundert ist List dann aus dem deutschen ökonomischen Denken weitgehend verschwunden — nicht widerlegt, sondern institutionell marginalisiert. Die Westintegration, das GATT-Regime, die ordoliberale Grundierung des deutschen Wirtschaftsdenkens haben Freihandel zur kaum hinterfragten Leitlinie gemacht. List wurde zur historischen Kuriosität.

China hat ihn gelesen — oder zumindest seine Logik unabhängig rekonstruiert — und konsequent angewendet. Die Schüler haben die Lektion besser verinnerlicht als die Nachkommen des Lehrmeisters. Wir haben Ricardo gelesen und geglaubt, das reiche.


VII. Was daraus folgt — und was nicht

Aus dieser Diagnose folgt nicht, dass Europa nun seinerseits zu einer List’schen Industriepolitik zurückkehren kann oder sollte. Die institutionellen Bedingungen sind fundamental andere: 27 nationale Interessenlagen, Beihilferechtsbeschränkungen, fehlende strategische Koordinationskapazität, fragmentierte Förderlandschaft. Was China mit einer unitären Staatskapazität über Jahrzehnte aufgebaut hat, lässt sich nicht durch Brüsseler Programmpapiere replizieren — wie der European Chips Act, Gaia-X und Catena-X hinreichend demonstriert haben.

Was daraus folgt, ist bescheidener und unbequemer: eine Revision der intellektuellen Grundlagen, auf denen deutsche und europäische Wirtschaftspolitik seit Jahrzehnten operiert. Die neoklassische Handelstheorie ist kein universelles Naturgesetz — sie ist ein Modell, das unter bestimmten Bedingungen gilt und unter anderen nicht. Eine staatlich koordinierte Volkswirtschaft mit strategischen Langzeithorizonten ist keine Anomalie, die sich dem Modell anpassen wird. Sie ist ein anderer Typ ökonomischer Organisation, der andere analytische Werkzeuge verlangt.

Ökonomen, die diese Entwicklung nicht haben kommen sehen, sind keine guten Ratgeber für den Weg aus der Krise — solange sie die Fehldiagnose nicht benennen. Wer die Ursachen des Versagens nicht analysiert, kann die richtige Therapie nicht verschreiben. Rüstungskonjunktur als Ersatz für strukturelle Industriepolitik ist keine Antwort. Es ist die Fortsetzung des Musters: kurzfristig plausibel, langfristig folgenlos — oder schlimmer.

List wäre ein Anfang. Chandler wäre ein weiterer. Die Frage, warum diese Werkzeuge so lange im Regal geblieben sind, ist nicht nur akademisch — sie ist eine Frage nach den institutionellen Anreizstrukturen der Ökonomenzunft selbst.

Ralf Keuper