Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm wiederholt eine Warnung, die in ihrer Logik bestechend einfach klingt: Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen muss steigen, um den demografischen Wandel abzufedern und Wohlstandsverluste zu bremsen. Zu viel Teilzeit, zu wenig Arbeitsstunden, zu viel gewerkschaftliche Forderung nach der Viertagewoche — so lautet der Befund. Die Empfehlung: mehr arbeiten.

Das ist nicht falsch. Es ist aber unvollständig auf eine Weise, die diagnostisch folgenreich ist — und wer die Argumentation unter den aktuellen Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt konsequent zu Ende denkt, landet in einem Race to the Bottom, das die eigentlichen Standortvorteile Deutschlands nicht schützt, sondern aufzehrt.


Das Modell und seine impliziten Voraussetzungen

Grimms Argumentation operiert in einem partialanalytischen Rahmen. Sie setzt voraus, dass ein gesteigertes Arbeitsvolumen auf eine funktionierende Nachfragestruktur trifft — dass also die zusätzlichen Arbeitsstunden in produktive Wertschöpfung fließen können, die auch nachgefragt wird. Genau diese Voraussetzung ist das Problem, nicht das Arbeitsvolumen selbst.

Die Destatis-Daten für das erste Quartal 2026 sind in dieser Hinsicht aufschlussreich: Die Zahl der Erwerbstätigen ist um knapp 500.000 zurückgegangen. Das ist kein konjunkturelles Rauschen mehr. Es ist Ausdruck eines strukturellen Abbaus in genau jenen Clustern — Automobil, Maschinenbau, Teile der Chemie —, die das deutsche Exportmodell über Jahrzehnte getragen haben.

Wenn ganze Wertschöpfungsnetze wegbrechen, gibt es schlicht keine Leerstellen, die durch Mehrarbeit gefüllt werden könnten. Das Arbeitsvolumen-Argument ist dann eine Antwort auf eine Frage, die so nicht mehr gestellt wird.


Das Nachfrageproblem, das im Modell fehlt

Entscheidend ist ein zweiter blinder Fleck: die Nachfrageseite. Deutschland leidet nicht nur an einem Angebotsproblem — zu geringe Arbeitszeit, zu hohe Standortkosten, zu viel Regulierung. Es leidet an einer Nachfrageschwäche für genau jene Güter, deren Produktion ein gesteigertes Arbeitsvolumen erfordern würde.

Das gilt besonders für den Premiumbereich. Die deutschen Exportstärken der vergangenen Jahrzehnte basierten auf einer globalen Nachfrage nach Investitionsgütern und hochwertigen Konsumgütern — eine Nachfrage, die in China rückläufig ist, in den USA von handelspolitischen Turbulenzen überlagert wird und in Europa selbst stockt. Im Dienstleistungssektor mag die Absorptionsfähigkeit für zusätzliche Arbeit punktuell höher sein; gesamtwirtschaftlich ändert das wenig am Befund.

Der Investitionsrückgang — ebenfalls gut dokumentiert — ist in diesem Zusammenhang kein isoliertes Phänomen. Unternehmen, die nicht an die Rentabilität des Standorts glauben, investieren nicht. Und wer nicht investiert, stellt nicht ein. Das ist keine Standortfrage im engeren Sinne, das ist eine Erwartungsfrage: Die Unternehmen haben ihre Wachstumserwartungen für Deutschland strukturell nach unten revidiert.


Die KI-Variable und das Zeitfenster-Problem

Das Demografie-Argument hat immer schon eine implizite Zeitstruktur: Es unterstellt, dass das Arbeitskräfteproblem anhält, bevor technologische Substitution greift. Diese Annahme wird zunehmend brüchig.

Mit der Automatisierung durch KI-Systeme — insbesondere in der Wissensarbeit, in der Logistik, in standardisierten Dienstleistungsbereichen — verschiebt sich das Problem von Arbeitskräftemangel zu Absorptionsfähigkeit. Nicht mehr: Woher kommen die Arbeitskräfte? Sondern: Wo sollen sie hin?

Ein Frühindikator für diese Verschiebung ist der Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen. Wenn qualifizierte Einsteiger keine Beschäftigung finden, liegt das nicht an mangelndem Matching-Aufwand. Es liegt an einer sinkenden Absorptionsfähigkeit des Gesamtsystems. Die Kapazität, neue Arbeitskräfte produktiv einzusetzen, ist gesunken — und KI-gestützte Prozesse beschleunigen diesen Effekt in mehreren Sektoren gleichzeitig.

Das demografische Problem wird sich, unter diesen Bedingungen, weitgehend von selbst lösen — durch Rückgang der Erwerbstätigkeit, nicht durch Steigerung des Arbeitsvolumens. Die Frage, mit der wir es dann zu tun haben, lautet nicht mehr: Wie heben wir das Arbeitsvolumen? Sondern: Wie organisieren wir eine Gesellschaft, in der strukturell weniger Arbeit nachgefragt wird?


Das Race to the Bottom als konsequentes Ende der Argumentation

Wer Grimms Empfehlung unter den aktuell gegebenen Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt konsequent zu Ende denkt, landet in einem strukturellen Dilemma: Mehr Arbeitsvolumen, niedrigere Lohnstückkosten, attraktivere Standortbedingungen — das ist implizit eine Kostenwettbewerbs-Strategie. Aber genau auf diesem Spielfeld sind Deutschland und Europa strukturell nicht konkurrenzfähig gegenüber Anbietern, die dieses Spiel mit anderen Lohnniveaus, anderen Umweltstandards und aktiver staatlicher Industriepolitik betreiben.

Das Paradox liegt auf der Hand: Wer im Kostenwettbewerb mitspielt, gibt implizit den Qualitäts- und Innovationswettbewerb auf — oder schwächt ihn zumindest. Ressourcen, die in Arbeitszeitverlängerung und Standortkostenoptimierung fließen, stehen nicht für strukturellen Umbau zur Verfügung. Das ist keine logische Unmöglichkeit im Einzelfall, aber auf aggregierter Ebene eine reale Zielkonkurrenz.

Historisch ist dieses Muster bekannt. Die Textilindustrie, Teile der Stahlindustrie, die Unterhaltungselektronik — all das hat Deutschland im Race to the Bottom verloren. Nicht weil zu wenig gearbeitet wurde, sondern weil das Geschäftsmodell strukturell nicht mehr tragfähig war. Arbeitsvolumen war damals wie heute die falsche Stellgröße.

Die ehrliche strategische Konsequenz, die sich aus diesem Befund ergibt, ist politisch kaum vermittelbar: selektiver Rückzug aus nicht mehr wettbewerbsfähigen Segmenten, gepaart mit Konzentration auf Bereiche, in denen Komplexität, Qualität und systemisches Know-how noch Preissetzungsmacht ermöglichen. Das ist kein Wachstumsprogramm. Es ist ein Schrumpfungs-mit-Würde-Programm — und das lässt sich in einer auf Expansionsnarrative konditionierten Öffentlichkeit kaum verkaufen.


Partialdiagnose als politische Funktion

Es wäre unfair, Grimm schlichte Denkfehler vorzuhalten. Das Arbeitsvolumen-Argument ist nicht falsch — es ist funktional begrenzt. Es identifiziert eine reale Größe und leitet daraus eine plausible Handlungsempfehlung ab. Was es nicht leistet: eine Analyse der strukturellen Bedingungen, unter denen diese Empfehlung greift oder ins Leere läuft.

Der Typus „Partialdiagnose als Politikempfehlung“ hat in der deutschen wirtschaftspolitischen Debatte eine lange Tradition. Er funktioniert, weil er Komplexität reduziert und Handlungsfähigkeit suggeriert. Wer sagt „mehr arbeiten“, hat eine Botschaft. Wer sagt „die Wertschöpfungscluster brechen weg und KI beschleunigt die Substitution“, hat ein Problem — aber noch kein Programm.

Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beobachtung über die Selektivität wirtschaftspolitischer Kommunikation.

Ralf Keuper 

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