Die deutsche Möbelindustrie stabilisiert sich, sagt der Branchenverband. Das stimmt – auf einem dauerhaft niedrigeren Niveau, mit weniger Unternehmen, weniger deutschen Eigentümern und einer Wertschöpfungskette, die von oben bis unten gleichzeitig unter Druck steht.
Was als Branchenkrise erscheint, ist bei näherer Betrachtung eine Wertschöpfungskettentkrise: Sie beginnt bei den Sägewerken, deren Hauptabnehmer – der Wohnungsbau – seit 2022 strukturell eingebrochen ist, setzt sich über die Holzwerkstoffindustrie fort, erfasst die Möbelhersteller auf allen Preisebenen und endet im Fachhandel, wo Möbelhäuser und Küchenstudios reihenweise schließen.
Die Insolvenzchronik der letzten drei Jahrzehnte ist lang: Hornitex, welle, Stammschröer, Schieder, Alno, Hülsta, Interlübke, Ziegler Group – und das sind nur die prominentesten Namen. Der erste Warnindikator war spektakulär und früh: die Glunz AG aus Hamm, einst Europas größter Holzwerkstoffhersteller, die Mitte der 1990er Jahre nur durch Notverkauf an einen portugiesischen Konzern der Insolvenz entging. Das Glunzdorf in Hamm – 1989 als Emblem westfälischen Industriestolzes errichtet – wurde 2001 aufgegeben. Ein frühes, gebautes Symbol eines Prozesses, der seitdem weiterläuft.
Die Gewinner dieses Prozesses heißen Nobilia, Egger, Schüller – ein österreichisches Familienunternehmen dominiert heute den deutschen Holzwerkstoffmarkt, die Premiumküchenmarke SieMatic gehört einer chinesischen Industriegruppe. Wer die Krise überlebt, tut es durch radikale Skalierung oder konsequente Exportorientierung. Das Mittelfeld schrumpft.
Der vorliegende Essay rekonstruiert die strukturellen Ursachen, ordnet die Insolvenzchronik analytisch ein und zieht eine Linie vom Glunzdorf in Hamm bis zur aktuellen Insolvenzmeldung von Interlübke – einer Linie, die zeigt: Diese Krise ist keine Delle. Sie ist eine Richtungsentscheidung des Marktes.
Keine Delle, sondern eine Richtungsentscheidung
Der Branchenverband der deutschen Möbelindustrie spricht für 2026 von „Stabilisierung“ – ein Wort, das im institutionellen Sprachgebrauch von Verbänden regelmäßig dort erscheint, wo Schrumpfung nicht zugestanden werden soll. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Der Branchenumsatz lag 2025 bei knapp 15,8 Milliarden Euro, dem niedrigsten Stand seit 2009, nach einem Rückgang von 7,8 Prozent im Jahr 2024 und erneut minus 3,4 Prozent in 2025. Die Beschäftigung sank auf rund 70.000 Personen – ebenfalls ein Zehnjahrestief. Wer dies als konjunkturelle Delle vor der Erholung liest, missversteht die Struktur des Problems.
Die These, die hier vertreten wird, ist einfacher und unbequemer: Die deutsche Möbelindustrie durchläuft keine Korrektur, sondern eine dauerhafte Restrukturierung des Marktes. Und sie tut dies nicht allein. Was wir beobachten, ist eine Wertschöpfungskettentkrise, die vom Sägewerk über die Holzwerkstoffindustrie und die Möbelhersteller bis in den Fachhandel reicht – ausgelöst, verstärkt und perpetuiert von einem einzigen strukturellen Primärfaktor: dem Zusammenbruch des deutschen Wohnungsbaus. Die Warnsignale dafür reichen weiter zurück, als die aktuelle Debatte wahrnimmt.
Erster Warnindikator: Glunz AG, Hamm
Wer den Beginn dieser Strukturkrise datieren will, kommt an der Glunz AG nicht vorbei. Das 1932 in Hamm gegründete Unternehmen war zu seinen besten Zeiten Europas größter Hersteller von Holzwerkstoffen – Spanplatten, MDF, OSB, Beschichtungen, ein Konzern mit internationaler Präsenz, 1987 an die Börse gebracht, 1989 mit dem repräsentativen „Glunzdorf“ am Stadtrand von Hamm als neuer Konzernzentrale bedacht. Ein westfälisches Unternehmen, das sich als Global Player verstand.
Bereits Mitte der 1990er Jahre befand sich die Glunz AG in einer existenziellen Krise – erzeugt durch strukturelle Überkapazitäten in der europäischen Spanplattenbranche und anhaltenden Margendruck. Um die drohende Insol…

