Mehr Gründungen, Rekord bei Startups, Trendwende – so lautet die offizielle Lesart der aktuellen Gründungsstatistiken. Was dabei übersehen wird: Der Zuwachs konzentriert sich auf Gastgewerbe und konsumnahe Dienstleistungen – also genau die Segmente, in denen Umsätze schrumpfen, Insolvenzen steigen und Margen durch Lohnkostendruck zerrieben werden. DATEV-Echtdaten und Creditreform-Insolvenzzahlen sprechen eine andere Sprache als die Gründungsstatistik. Was wie ein Aufbruch aussieht, ist strukturell eine Flucht in schrumpfende Märkte.
Das neue Gründungspanel von ZEW und IAB meldet für 2024 einen Anstieg der Unternehmensgründungen um drei Prozent auf rund 157.000 – und wird prompt als „Trendwende“ gerahmt. Vorsicht ist angebracht.
Was die Statistik zeigt – und was sie verdeckt
Gründungsstatistiken messen Eintritte, keine Nettodynamik. Was als positives Signal erscheint, ist zunächst nur eine Zahl ohne Qualitätsaussage. Entscheidend ist die Zusammensetzung: Die Zuwächse konzentrieren sich laut ZEW/IAB auf Gastgewerbe, Handel und körpernahe Dienstleistungen – also auf Branchen, die in besonderem Maß von der Zahlungsbereitschaft privater Haushalte abhängen. Gleichzeitig gehen Gründungen im forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe weiter zurück; der Anteil von Marktneuheiten sinkt, ebenso die Beschäftigtenzahl und die Investitionen je Neugründung.
Das Bild, das sich ergibt, ist kein Aufbruch. Es ist eine Fluchtgründungswelle in schrumpfende Märkte hinein.
Das strukturelle Paradox
Gastgewerbe und Friseurdienstleistungen gehören zu den ausgeprägt einkommenselastischen Konsumbereichen. Bei sinkenden Realeinkommen, wachsender Konsumzurückhaltung und steigender Unsicherheit sind das exakt die Ausgaben, die private Haushalte zuerst reduzieren oder ganz streichen. Genau in diese Segmente wird nun verstärkt gegründet – nicht weil die Nachfrage wächst, sondern weil der Eintritt niedrigschwellig ist und Alternativen fehlen.
Das Ergebnis ist eine klassische Überkapazitätsfalle: Das Angebot steigt, während der Markt schrumpft. Preisdruck, Margenvernichtung und erhöhte Insolvenzraten folgen mit einer Verzögerung von 18 bis 36 Monaten – statistisch unsichtbar in der aktuellen Gründungszahl, aber real für die Betroffenen.
Der Kaschierungseffekt
Hinzu tritt ein struktureller Verdeckungsmechanismus: Wer aus wegbrechender Beschäftigung in Kleinstgründung oder Scheinselbständigkeit ausweicht, entlastet die Arbeitslosenstatistik, ohne dass damit Produktivität oder Innovationskraft entstehen. Der Gründungsanstieg absorbiert einen Teil des Beschäftigungsdrucks – und erzeugt den statistischen Schein wirtschaftlicher Vitalität, wo tatsächlich Anpassungsnot herrscht.
Das ist strukturell verwandt mit einem Muster, das die institutionenökonomische Forschung als necessity entrepreneurship beschreibt – im Unterschied zum opportunity entrepreneurship, das auf echter Innovationsmotivation und Marktchancen basiert. Necessity entrepreneurship steigt typischerweise in wirtschaftlichen Schwächephasen. Es verbessert die Gründungsstatistik, nicht die Wettbewerbsfähigkeit.
Was fehlt
Für einen Wirtschaftsstandort, der seinen Erneuerungsbedarf im forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe und in skalierbaren Technologiesektoren hat, ist der aktuelle Gründungsmix das falsche Signal zur falschen Zeit. 800 Neugründungen im forschungsintensiven Gewerbe, sinkende Marktneuheiten, weniger Kapital je Gründung – das sind die Zahlen, auf die es ankommt. Sie zeigen, dass der Strukturwandel, der aus Gründungen neue Mittelständler oder Technologieführer entstehen lässt, weiter ausbleibt.
Der ZEW/IAB-Bericht bestätigt damit ungewollt die Diagnose: nicht Trendwende, sondern Seitwärtsbewegung in einem schwachen Umfeld – statistisch aufgehellt durch Gründungen in Segmenten, die strukturell am stärksten unter dem kommenden Konsumdruck leiden werden.
Nachtrag: Was die Zahlen für 2025 zeigen
Für 2025 liegen inzwischen Volljahresdaten vor – und sie verschärfen das strukturelle Bild, anstatt es zu korrigieren.
Destatis meldet 130.100 Gründungen größerer Betriebe (+7,6% gegenüber 2024), das IfM Bonn rund 395.000 Existenzgründungen insgesamt – mehr als in jedem der vorangegangenen zehn Jahre, wenn auch mit einem ausdrücklichen Hinweis auf mögliche statistische Übererfassungen. Zur Sektorstruktur meldet das IfM für 2025: Die meisten Existenzgründungen fanden erneut im Handel, im Gastgewerbe und im Bereich wirtschaftlicher Dienstleistungen statt. Das Fluchtgründungsmuster des Jahres 2024 setzt sich also fort.
Parallel dazu meldet der Startup-Verband gemeinsam mit startupdetector 3.568 Startup-Neugründungen für 2025 – ein Plus von 29% gegenüber dem Vorjahr, neuer Rekord, getrieben vor allem vom Software-Sektor und von KI-basierten Geschäftsmodellen. Diese Zahl wird kommunikativ als Beleg für einen Gründungsaufschwung verwendet.
Das Problem liegt im Verhältnis: 395.000 IfM-Gründungen stehen 3.568 Startup-Verband-Gründungen gegenüber – Faktor 110. Der innovative Sektor macht weniger als 1% der Gesamtgründungsaktivität aus, wird aber im öffentlichen Diskurs so behandelt, als repräsentiere er die Gründungsdynamik insgesamt. Die Rekordmeldung des Startup-Verbands überlagert kommunikativ die strukturell weiterhin schwache Masse – ein bekanntes Muster: Die sichtbare Ausnahme ersetzt die unsichtbare Regel.
Für die Bewertung der deutschen Gründungslandschaft bleibt damit der entscheidende Befund bestehen: Quantitativ steigen die Zahlen, qualitativ – gemessen an Innovationsgrad, Beschäftigungswirkung und Investitionsvolumen pro Gründung – bleibt die Dynamik schwach und strukturell falsch ausgerichtet.
Die Gegenprobe: Was Creditreform und DATEV zeigen
Wer die Gründungsstatistiken mit den gleichzeitig vorliegenden Insolvenz- und Umsatzdaten zusammenliest, erkennt das strukturelle Problem in seiner ganzen Schärfe.
Creditreform meldet für 2025 mit 23.900 Unternehmensinsolvenzen das höchste Niveau seit mehr als zehn Jahren – ein Anstieg von 8,3% gegenüber dem Vorjahr, nach +22,9% (2023) und +22,5% (2024). Das Insolvenzgeschehen steigt also seit 2022 ununterbrochen. Besonders aufschlussreich ist die Größenstruktur: Kleinstunternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten stellen mit rund 19.500 Fällen über vier Fünftel aller Insolvenzen. Und noch direkter relevant für die Fluchtgründungsthese: Bei Unternehmen, die maximal zwei Jahre auf dem Markt sind, stiegen die Insolvenzzahlen um 13% – der stärkste Zuwachs aller Altersklassen. Das sind die Gründungen der Vorjahre, die jetzt scheitern, während gleichzeitig neue nachgründen.
Noch präziser ist das Bild des DATEV Mittelstandsindex, der auf realen Umsatzsteuervoranmeldungen von über einer Million Unternehmen basiert – keine Umfrage, sondern Echtdaten. Das Gastgewerbe, der Sektor mit dem stärksten Gründungszuwachs laut ZEW/IAB, verzeichnet im DATEV-Index seit Monaten Umsatzrückgänge von 4,0 bis 4,5% im Jahresvergleich – begleitet von einem Beschäftigungsrückgang von 3,4 bis 3,6%. Kleinstunternehmen, die Größenklasse der meisten Neugründungen, verzeichnen im März 2026 ein Umsatzminus von 3,8%. Gleichzeitig steigen die Lohnkosten in allen Unternehmensgrößen weiter deutlich – bei Kleinstunternehmen um 6,8% im Jahresvergleich. Das Ergebnis ist eine Schere aus sinkenden Erlösen und steigenden Fixkosten, die für Neugründungen ohne Kapitalpolster besonders rasch existenzbedrohend wird.
Das Bild, das sich ergibt, ist nicht mehrdeutig: In den Segmenten, in denen derzeit am stärksten gegründet wird, schrumpfen gleichzeitig Umsätze, Beschäftigung und Margen. Die Gründungsstatistik zählt die Eintritte; Creditreform und DATEV zeigen, was am anderen Ende des Zyklus wartet.
Ralf Keuper
Quellen
- Handelsblatt: Mehr Gründungen in Deutschland – aber noch längst keine Entwarnung https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/gruender-mehr-gruendungen-in-deutschland-aber-noch-laengst-keine-entwarnung/100222076.html
- IAB/ZEW-Gründungspanel Report 2025 (April 2025, Daten 2024), Sandra Gottschalk / Elisa Rodepeter, ZEW Mannheim / IAB Nürnberg: PDF direkt
- IAB/ZEW-Gründungspanel – Projektseite ZEW (Übersicht aller Reports und Publikationen): zew.de
- IAB/ZEW-Gründungspanel – offizielle Panelhomepage: gruendungspanel.de
- Handelsblatt, Daniel Delhaes, 05.05.2026: „Mehr Gründungen in Deutschland – aber noch längst keine Entwarnung“: handelsblatt.com
- GEM Global Entrepreneurship Monitor – Länderbericht Deutschland 2024/25, RKW Kompetenzzentrum (Hrsg.): rkw-kompetenzzentrum.de
- GEM Global Entrepreneurship Monitor – Deutschland-Profil (Motivational Index: necessity vs. opportunity): gemconsortium.org
- GEM Global Report 2024/2025 – „Entrepreneurship Reality Check“: gemconsortium.org
- GEM Deutschland – Forschungsprojektseite, Leibniz Universität Hannover (Prof. Sternberg et al.): iwkg.uni-hannover.de
- Startup-Verband / startupdetector, „Next Generation – Startup-Neugründungen in Deutschland 2025″ (Januar 2026): bundeswirtschaftsministerium.de
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung März 2026: „7,6% mehr Neugründungen größerer Betriebe im Jahr 2025″: destatis.de
- IfM Bonn, Existenzgründungen insgesamt 2025 (Zeitreihe): ifm-bonn.org
- Block, J. / Sandner, P. (2009): „Necessity and Opportunity Entrepreneurs and Their Duration in Self-employment: Evidence from German Micro Data.“ Journal of Industry, Competition and Trade, Vol. 9, Nr. 2, S. 117–137. (SOEP-Paneldaten, Deutschland-spezifisch): ssrn.com
- Block, J. / Wagner, M.: „Necessity and Opportunity Entrepreneurs in Germany: Characteristics and Earnings Differentials.“ Schmalenbach Business Review, Vol. 62: springer.com
- IW Köln (2015): „Entrepreneurship und Innovation“ – Necessity-based Entrepreneurship im deutschen Förderkontext: iwkoeln.de
- Creditreform Wirtschaftsforschung, „Insolvenzen in Deutschland, Jahr 2025″ (Dezember 2025): creditreform.de
- DATEV Mittelstandsindex (monatlich, basierend auf UStVA von über 1 Mio. Unternehmen): mittelstandsindex.datev.de
