Der Verkauf von EBM-Papst an Madison Air – 5,4 Milliarden Dollar, drittgrößter Verkauf eines deutschen Familienunternehmens aller Zeiten – wird als Beleg für ein „Muster“ präsentiert: US-Konzerne und Finanzinvestoren greifen zunehmend nach deutschen Industrie-Champions. Eine Pitchbook-Auswertung für das Handelsblatt zählt 76 US-Übernahmen und -Beteiligungen an deutschen Industrie- und Fertigungsunternehmen 2025, 47 weitere bis zum 19. August 2026, ein Volumen von zuletzt rund 29,5 Milliarden Dollar jährlich. Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Das Zeitfenster, auf dem der vermeintliche Rekord beruht, ist noch keine fünf Jahre alt; das Bedrohungsnarrativ war bis vor Kurzem noch auf China gemünzt und ist – wie auch der bemühte Heuschrecken-Begriff selbst – schon seit rund zwei Jahrzehnten im Umlauf; und die im Artikel angebotenen Erklärungen für die Verkaufsbereitschaft der Familienunternehmen treffen den eigentlichen Mechanismus nur unvollständig. Ein zweiter Blick lohnt sich – auf die Datenbasis ebenso wie auf die konkurrierenden Erklärungen, die der Artikel selbst liefert, ohne sie gegeneinander zu gewichten.


Ein schmales Zeitfenster als Beleg für einen „Rekord“

Die Pitchbook-Zeitreihe beginnt 2022 – „der höchste Wert seit Beginn der Auswertung im Jahr 2022″, wie es im Artikel heißt. Heute, im August 2026, liegen genau vier abgeschlossene Kalenderjahre vor (2022 bis 2025), ergänzt um ein 2026, das nur zu knapp acht Monaten erfasst ist – der gesamte Beobachtungszeitraum umfasst damit noch keine fünf Jahre. Ein derart kurzer und noch dazu unvollständiger Beobachtungszeitraum ist zu schmal, um zwischen einem strukturellen Trend und einer zyklischen Erholung nach einer Flaute zu unterscheiden, zumal 2022 selbst ein Jahr mit gedrückter M&A-Aktivität war (Zinswende, Ukraine-Schock, Bewertungsunsicherheit). Ein Anstieg gegenüber einem ungewöhnlich schwachen Ausgangsjahr ist etwas anderes als ein Rekord im historischen Sinn. Der Artikel selbst liefert den relativierenden Vergleichspunkt gleich mit: Das Volumen der reinen Übernahmen 2026 „erreicht fast“ das Niveau von 2020 – ein Jahr, das damit offenbar schon einmal ähnlich hoch lag, ohne dass daraus 2021 eine fortgesetzte Welle wurde. Ausländische, auch amerikanische Übernahmen deutscher Mittelständler sind zudem kein neues Phänomen: Schon in den 1980er und 1990er Jahren kauften sich US-Konzerne in deutsche Industriefirmen ein, die Große-Übernahmen-Serie der 2000er (u. a. durch US-Private-Equity in der Finanzkrisen-Erholung) ist ebenfalls dokumentiert. Ohne eine Zeitreihe, die deutlich vor 2022 beginnt, lässt sich nicht sagen, ob 2025/26 einen Strukturbruch markiert oder ob hier lediglich der obere Rand einer seit Jahrzehnten schwankenden Größe erreicht wird.

Der Rollenwechsel im Bedrohungsnarrativ: von China zu den USA

Bemerkenswert ist zudem, welche Nationalität des Käufers als bedrohlich markiert wird. Über weite Strecken der 2010er Jahre lautete die dominante Sorge um deutsche Weltmarktführer: Sie würden „nach China verkauft“ – Kuka (2016, Midea), Putzmeister (2012, Sany), die Debatte um Aixtron (2016, blockiert) und ähnliche Fälle prägten damals eine Erzählung vom schleichenden Ausverkauf deutscher Schlüsseltechnologie an einen strategischen Konkurrenten mit staatsnahem Hintergrund. Der vorliegende Artikel bedient exakt dieselbe erzählerische Grundstruktur – Hidden Champion, Kleinstadt, Familienunternehmen, ausländischer Käufer, Kontrollverlust –, nur mit ausgetauschter Käufernation. Das macht die Sorge nicht per se unbegründet, aber es ist ein Hinweis darauf, dass hier auch ein wiederkehrendes Genre bedient wird, dessen Alarmstufe sich eher an der aktuell salienten Bedrohungsnation orientiert als an einer nüchtern kalibrierten Risikoeinschätzung. Wer 2016 vor dem chinesischen Käufer warnte und 2026 vor dem amerikanischen, sollte begründen, warum sich die Schutzwürdigkeit des Ziels – nicht nur die politische Großwetterlage – verändert hat.

Warum überhaupt verkauft wird: nicht in erster Linie ein Kapitalmarktproblem

Der Artikel bietet mit dem Nachfolgeproblem (Siefke) und der fehlenden Eigenkapitalkultur (Weinmann) zwei Erklärungen an, warum Mittelständler überhaupt verkäuflich werden. Beide sind zu allgemein, um den konkreten Fall EBM-Papst/Viessmann zu erklären. Näher an der Sache liegt ein anderer Mechanismus: Die Gesellschafterfamilien scheuen nicht in erster Linie den Verkauf, sondern den Investitionsaufwand und das unternehmerische Risiko der nächsten Wachstumsstufe. Bei EBM-Papst ist das konkret der Ausbau der Kühltechnik-Kapazitäten für Rechenzentren – ein kapitalintensives, margenkritisches Geschäft mit hohem Skalierungsdruck, in dem der Wettbewerb (auch aus den USA und China) zunehmend über Größe und Zugang zu billigem Fremdkapital entschieden wird. Wer dieses Risiko nicht mit Familienvermögen tragen will oder kann, sucht einen Käufer – und die Zahl der Käufer, die dafür infrage kommen, ist strukturell klein: Sie brauchen nicht nur Kapital, sondern eine bereits vorhandene industrielle Basis im selben oder einem angrenzenden Feld, in die sich das Zielunternehmen integrieren lässt. Genau das ist Madison Airs Geschäftsmodell – Gies kauft nicht als reiner Finanzinvestor, sondern um branchennahe Firmen in ein bestehendes Industrieportfolio (Lüftung, Kühlung, Klimatechnik) einzugliedern. Diese Kombination aus Kapitaltiefe und passender Industriebasis findet sich derzeit überproportional bei US-Konglomeraten und -Finanzinvestoren sowie bei chinesischen Staatskonzernen – kaum aber bei potenziellen deutschen oder europäischen Käufern vergleichbarer Größe. Der Kapitalmarktzugang (Weinmann) ist damit eher eine Randbedingung als die Hauptursache: Selbst mit besserem IPO-Zugang bliebe die Frage, ob ein börsengelistetes deutsches Familienunternehmen das nötige Kapital in der erforderlichen Geschwindigkeit und mit dem passenden industriellen Integrationspartner hätte aufbringen können.

Diese Präzisierung verschiebt auch die Bewertung des Falls: Es handelt sich weniger um eine „Übernahmewelle“, die Deutschland widerfährt, als um eine Konsolidierungslogik in kapitalintensiven Wachstumsmärkten (Kühltechnik für Rechenzentren, in anderen Fällen: Stahlhandel, Schiffsmotoren), in der die Zahl geeigneter Käufer weltweit ohnehin begrenzt ist und zufällig überproportional außerhalb Deutschlands sitzt.

Eigentümerwechsel ist nicht Architekturverlust

Trotzdem bleibt eine Unterscheidung wichtig, die im Ausgangsartikel selbst am Rande auftaucht: EBM-Papst verschwindet nicht aus Deutschland. Hauptsitz und Entwicklung bleiben in Mulfingen. Was wechselt, ist das Eigentum an künftigen Erträgen und – anders als bei einem reinen Finanzinvestor – die Einbindung in Madisons Kühltechnik-Portfolio, was durchaus zu einer gewissen strategischen Fremdbestimmung führen kann (Einkauf, Produktentscheidungen, Kapitalallokation). Das ist etwas anderes als der Verlust der komplexitätstragenden Kernkomponente einer ganzen Branche, wie er sich beim Antriebswechsel in der Automobilindustrie zeigt, wo mit der Batteriezelle auch das entscheidende Konstruktionswissen die Seite wechselt. Ob der EBM-Papst-Fall über die Zeit eher wie ein reiner Eigentümerwechsel oder eher wie eine schleichende Verlagerung der Entwicklungshoheit in Richtung Chicago verläuft, ist eine offene, empirisch erst noch zu beobachtende Frage – keine, die sich aus der Ankündigung selbst beantworten lässt. Der Vorstandschef von Madison Air formuliert programmatisch, man wolle „auf dem bereits starken Fundament aufbauen“ – eine Standardformulierung, die in praktisch jeder Übernahmeankündigung auftaucht und für sich genommen keine Aussagekraft über die tatsächliche künftige Kontrollverteilung hat.

Die Heuschrecke-Debatte: Anekdote gegen Datenlage

Auch der im Artikel bemühte Heuschrecken-Begriff selbst gehört zu diesem wiederkehrenden Genre, nicht zu einer neuen Reaktion auf die aktuelle Übernahmewelle. Franz Müntefering prägte die Metapher bereits im November 2004 und erneut im April 2005 als SPD-Vorsitzender, mit der bekannten Formulierung von Finanzinvestoren, die „wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen“. Bemerkenswert dabei: Schon damals richtete sich die öffentliche Empörung keineswegs nur abstrakt gegen anonymes Finanzkapital – die IG-Metall-Mitgliederzeitschrift betitelte ihre Mai-Ausgabe 2005 explizit mit „US-Firmen in Deutschland – Die Aussauger“. Die Assoziation ausländischer, speziell amerikanischer Käufer mit einer Bedrohung für deutsche Unternehmen ist demnach kein Reflex auf die Datenlage von 2022 bis 2026, sondern ein seit mindestens zwei Jahrzehnten verfügbares Deutungsmuster, das bei passender Gelegenheit erneut aufgerufen wird – im Handelsblatt-Artikel nur eben ohne den Hinweis, dass es sich um eine zwanzig Jahre alte Debatte handelt, die zwischenzeitlich auch auf chinesische Käufer übertragen wurde und nun wieder zurück zu ihrem ursprünglichen Ziel wandert.

Der Artikel bringt zu dieser Debatte beide Register nebeneinander. Auf der einen Seite die Erzählung von „Rainer“, der von immensem Kostendruck und einer Firma berichtet, die „bis zum Ausbluten“ von einem Investor zum nächsten wanderte. Auf der anderen Seite die aggregierte Datenlage: Finanzprofessor Michael Grote beziffert den durchschnittlichen Beschäftigungsrückgang über alle Private-Equity-Transaktionen hinweg auf knapp 1,5 Prozent, bei wachstumsorientierten Übernahmen zeigten sich sogar Zuwächse. Steven Kaplan hält den pauschalen Ausbeutungsvorwurf für zu kurz gegriffen: Wer einem Unternehmen schade, könne es hinterher nicht verkaufen. Beide Ebenen schließen einander nicht aus – ein Mittelwert von 1,5 Prozent verträgt sich mit einzelnen drastischen Ausreißern –, beantworten aber unterschiedliche Fragen. Zudem stammen die im Artikel zitierten Einordnungen überwiegend von Akteuren mit einem erkennbaren Interesse an der positiven Lesart: ein Carlyle-Manager, ein Bain-Capital-Partner. Das entwertet ihre Aussagen nicht, verlangt aber, sie als interessengeleitete Stimmen und nicht als neutrale Befunde zu behandeln.

Was offen bleibt

Die Datenbasis (Pitchbook/Dealogic ab 2022) ist zu kurz, um einen Strukturbruch von einem zyklischen Ausschlag zu unterscheiden; ein Vergleich mit den 1990er- bis 2010er-Jahren fehlt im Ausgangsartikel vollständig. Offen bleibt, ob sich die Konzentration auf kapitalintensive Wachstumsfelder (Rechenzentrums-Kühltechnik u. Ä.) als generelles Muster über die zitierten Einzelfälle hinaus bestätigt oder ob hier disparate Fälle unter einem gemeinsamen Nationalitäts-Label zusammengefasst werden, die strukturell wenig gemeinsam haben. Und offen bleibt, ob der EBM-Papst-Fall in einigen Jahren eher als reiner Kapitaleigentümerwechsel oder als Beginn einer Verlagerung der Entwicklungshoheit zu bewerten sein wird.

Ralf Keuper


Quellen