Am 18. Juni, auf der Hauptversammlung, sprach Oliver Blume von „neuer Kraft“ und einem Konzern, der bei globalem Gegenwind „stabil in der Spur“ bleibe. Neun Wochen später, kurz vor einer Serie von Betriebsversammlungen, sagt derselbe Vorstandsvorsitzende in einem Interview, das offiziell fürs Intranet bestimmt war, aber gezielt der dpa vorlag: „Die Lage ist mehr als kritisch.“
Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Episode ist nicht die Zahl 3,8 Prozent operative Rendite, und auch nicht, dass sie „bei Weitem nicht ausreiche“. Beides war in der Substanz bereits bekannt. Bemerkenswert ist die Sprache selbst.
Konzernkommunikation in Krisenlagen bewegt sich normalerweise in einem engen, sorgfältig austarierten Vokabular: „herausfordernd“, „anspruchsvoll“, „angespannt“. Superlativische Formulierungen wie „mehr als kritisch“ gehören nicht zu diesem Register – sie werden vermieden, weil sie Kapitalmarkt, Ratingagenturen und Belegschaft gleichermaßen alarmieren. Dass ein amtierender Vorstandsvorsitzender sie dennoch wählt, ist selbst ein Datum, unabhängig davon, was er inhaltlich sagt.
Damit schließt sich eine Lücke, die bislang zwischen zwei Kommunikationsebenen bestand. Im Juni war es das manager magazin, das aus internen Quellen berichtete, sechs von neun Vorstandsmitgliedern hielten den Konzern für existenzgefährdet – eine Einschätzung, die nach außen drang, aber nicht von Blume selbst stammte, jedenfalls nicht öffentlich. Jetzt spricht die Konzernspitze in der ersten Person und in einer Wortwahl, die der internen Einschätzung vom Juni bemerkenswert nahekommt. Der Unterschied zwischen dem, was intern gesagt wird, und dem, was öffentlich zugelassen wird, verringert sich – zumindest für diesen Moment.
Der Zeitpunkt ist dabei kein Zufall. Neun Betriebsversammlungen stehen bis Ende August an, beginnend am 25. August in Wolfsburg, es folgen unter anderem Emden und Zwickau – jene Standorte, die im „Zielbild 2030″ als Schließungskandidaten gehandelt werden. Eine Formulierung wie „mehr als kritisch“, die intern gesetzt und zugleich extern lanciert wird, adressiert zwei Publika gleichzeitig: die Belegschaft, die auf diesen Versammlungen von Zugeständnissen überzeugt werden soll, und den Kapitalmarkt beziehungsweise die Verhandlungspartner in Aufsichtsrat und Landesregierung, denen signalisiert wird, dass der Vorstand seinen Kurs für alternativlos hält.
Ob das eine kalkulierte Drucktaktik vor zähen Verhandlungen ist oder tatsächlich eine ehrlichere Bestandsaufnahme als in den Monaten zuvor, lässt sich von außen nicht sicher trennen – vermutlich ist es beides zugleich. Festhalten lässt sich vorläufig nur: Die Wortwahl selbst ist eine Eskalation gegenüber dem Juni, und sie fällt exakt in das Zeitfenster, in dem die entscheidenden Verhandlungen über Werksschließungen und Stellenabbau beginnen.
Ralf Keuper
Quellen:
- Econlittera: VW in der Verflechtungsfalle
- Econlittera: Volkswagen: In seiner jetzigen Form ohne Überlebenschance
- Econlittera: Was Volkswagen wirklich noch retten kann – und was nicht
- dpa/Schwäbische: „VW-Chef Blume: Die Lage ist mehr als kritisch“ – https://www.schwaebische.de/wirtschaft/vw-chef-blume-die-lage-ist-mehr-als-kritisch-4801009
- Handelsblatt: „VW-Chef: Lage kritisch – Einsparungen reichen nicht“ – https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sparmassnahmen-bei-volkswagen-vw-chef-lage-kritisch-einsparungen-reichen-nicht/100248915.html
- Ad-hoc-news.de: „Volkswagen: 50.000 Stellen bis 2030 – Sparplan trotz Aktionärskritik“, 19. Juni 2026 – https://www.ad-hoc-news.de/wirtschaft/volkswagen-50-000-stellen-bis-2030-sparplan-trotz-aktionaerskritik/69577250
- Manager Magazin: „Volkswagen: Vorstand und Aufsichtsrat halten den Konzern für existenzgefährdet“, Juni 2026 – https://www.manager-magazin.de/unternehmen/mobilitaet/volkswagen-vorstand-und-aufsichtsrat-halten-den-konzern-fuer-existenzgefaehrdet-a-a194563e-f4f7-4cce-bccb-bcd6a6f35236
