Im ARD-Sommerinterview verzichtete Bundeskanzler Friedrich Merz bewusst auf Automobilindustrie und Maschinenbau als künftige Leitbranchen und setzte stattdessen auf Handwerk, Mittelstand, Medizintechnik und Pharmazie – gestützt durch KI-Einsatz. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Weder das Wachstumsargument noch die Größenordnung der genannten Ersatzbranchen tragen die implizite Erzählung, hier entstehe ein Ausgleich für die schwächelnde Exportindustrie – und selbst die KI-Erwartung übersieht, dass mit den wegfallenden Industriearbeitsplätzen auch die Nachfrage schwindet, die Handwerksleistungen erst finanzierbar macht.


Die Ansage

Im ARD-Sommerinterview vom 30. August 2026 nannte Bundeskanzler Friedrich Merz Handwerk, Mittelstand, Medizintechnik und Pharmazie als künftige Leitbranchen der deutschen Volkswirtschaft. Automobilhersteller und Maschinenbauer erwähnte er dabei ausdrücklich nicht. Zur Begründung führte er an: „Die Gesundheitsbranche ist die am schnellsten wachsende Branche unserer Volkswirtschaft.“ Entscheidend für den Erfolg der genannten Branchen sei die Einbindung moderner Technologien und künstlicher Intelligenz.

Die Aussage fiel in einem Umfeld historisch schlechter Zustimmungswerte – rund 16 Prozent gefällt, was Merz als Kanzler tut, gegenüber 57 Prozent bei Angela Merkel und 36 Prozent bei Olaf Scholz nach vergleichbarer Amtszeit. Das macht die Leitbranchen-Ansage auch zu einem kommunikativen Vorstoß in schwierigem Fahrwasser. Das ändert nichts an ihrem empirischen Gehalt, verdient aber Erwähnung als Kontext.

Der Wachstumsanspruch auf dem Prüfstand

Die Gesundheitswirtschaftliche Gesamtrechnung des Bundeswirtschaftsministeriums weist für 2025 eine Bruttowertschöpfung von 498,4 Milliarden Euro aus, das entspricht 12,4 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung. Im Zehnjahresdurchschnitt wuchs die Branche um 4,7 Prozent pro Jahr, die Gesamtwirtschaft um 3,9 Prozent. Das Ministerium selbst spricht von einer „Wachstumsbranche auf Expansionskurs“ – nicht von der am schnellsten wachsenden Branche der Volkswirtschaft.

Ein Vergleich relativiert den Superlativ zusätzlich: Die deutsche Digitalwirtschaft (IT, Telekommunikation, Unterhaltungselektronik) wuchs laut Bitkom 2024 und 2025 mit Raten zwischen 3,3 und 4,6 Prozent – eine ähnliche Größenordnung, teils darüber. Zwar handelt es sich dabei um Umsatz- statt Bruttowertschöpfungszahlen, was einen direkten Vergleich erschwert. Die Differenz zur Spitzengruppe der Wirtschaftszweige ist aber offenkundig gering. Ein belastbares Ranking aller Branchen nach Wertschöpfungswachstum, das den Superlativ stützen würde, liegt öffentlich nicht vor. Die Aussage ist damit im Sinn von „überdurchschnittlich wachsend“ plausibel, als Spitzenplatzbehauptung aber eine politische Zuspitzung ohne belastbare Grundlage.

Die KI-Erwartung und ihre empirische Basis

Die zweite Säule der Ansage – KI-Einsatz als Erfolgsvoraussetzung – trifft in den namentlich genannten Branchen auf einen sehr niedrigen Ist-Stand. Eine Bitkom-Erhebung unter 504 Handwerksbetrieben (2025) zeigt: Nur 4 Prozent der Betriebe nutzen KI, weitere 9 Prozent planen dies kurzfristig. Nur 29 Prozent verfügen überhaupt über Mitarbeitende, die mit KI umgehen können, und 41 Prozent erwarten durch den KI-Einsatz eher Stellenabbau als Produktivitätsgewinne. Die Investitionsbereitschaft in Digitalisierung insgesamt hängt stark von der Betriebsgröße ab: Nur 16 Prozent der Kleinstbetriebe investierten in den letzten fünf Jahren, gegenüber 100 Prozent bei großen Handwerksunternehmen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks benennt zudem einen Fachkräftemangel von rund 250.000 Stellen – eine Kapazitätsgrenze, die jede KI-Adoption zusätzlich bremst.

„KI im Dienstleistungsbereich ausbauen“ beschreibt damit eher ein Ziel als einen laufenden Prozess. Ob die Technologie die ihr zugeschriebene Rolle erfüllen kann, hängt weniger an ihrer Verfügbarkeit als an Adoptionsgeschwindigkeit, Qualifizierung und schlicht der Personaldecke, Digitalisierungsprojekte überhaupt umzusetzen.

Die verkannte Nachfrageseite

Die KI-Erwartung an Handwerk und Mittelstand krankt aber noch an einem grundsätzlicheren Problem: Sie ist ein reines Angebotsseiten-Argument – mehr Technologieeinsatz führe automatisch zu mehr Produktivität, mehr Innovation und mehr Wertschöpfung. Das übersieht, dass Handwerksleistungen abgeleitete Nachfrage sind. Ihre Auslastung hängt nicht in erster Linie an der eigenen Produktivität, sondern an der Kaufkraft und Investitionsbereitschaft derjenigen, die diese Leistungen bestellen.

Genau diese Nachfragebasis erodiert. Die deutsche Industrie baute 2025 rund 120.000 bis 124.000 Arbeitsplätze ab, davon allein rund 50.000 in der Automobilbranche. Seit 2019 sind dort 142.400 Stellen verschwunden (-16 Prozent); Mitte 2026 waren mit 691.500 Beschäftigten so wenige Menschen in der Branche tätig wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe 2005. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall beziffert den Verlust in Metall- und Elektroindustrie seit 2019 auf 340.000 Arbeitsplätze und rechnet vor, dass damit rund 40 Milliarden Euro Wertschöpfung sowie entsprechende Steuereinnahmen und Sozialbeiträge wegfallen. Das sind in der Regel gut bezahlte Stellen – ihr Verlust verringert unmittelbar die Zahl der Haushalte, die sich Handwerkerleistungen leisten können oder wollen.

Der Befund lässt sich nicht durch den Verweis auf steigende Reallöhne entkräften – er verschiebt sich nur. Die Reallöhne legten zuletzt zwar leicht zu (+1,8 bis 1,9 Prozent im Jahresvergleich), doch der private Konsum blieb trotzdem schwach, und der Einkommenserwartungsindikator des Nürnberger Instituts für Marktentscheidungen sank zum dritten Mal in Folge. Selbst dort, wo im Aggregat noch reale Einkommenszuwächse zu verzeichnen sind, fehlt offenkundig das Vertrauen in ihre Dauerhaftigkeit – und das trifft aufschiebbare Ausgaben wie Sanierung oder Modernisierung stärker als notwendige Konsumausgaben. Das deckt sich mit dem Befund, dass gerade Ausbaugewerbe und Hochbau die schwächsten Teilsegmente des Handwerks sind.

Damit zeigt sich eine doppelte Verengung: Selbst wenn KI-Einsatz die Produktivität im Handwerk tatsächlich steigern würde, könnte das die fehlende Nachfrage nicht ersetzen – im Gegenteil, produktivitätsbedingt sinkende Preise pro Leistungseinheit könnten das Umsatzvolumen bei gleichbleibend begrenzter Auftragslage sogar zusätzlich unter Druck setzen. Der Glaube, KI mache Handwerk und Mittelstand automatisch innovativer, produktiver und stärke damit das Bruttoinlandsprodukt, blendet die Nachfrageseite vollständig aus.

Handwerk im Abschwung statt im Aufschwung

Die Leitbranchen-Erzählung setzt zudem ein Handwerk voraus, das sich in robuster Verfassung befindet. Der ZDH-Konjunkturbericht für das erste Quartal 2026 zeigt das Gegenteil: Der Geschäftslageindikator fiel um 7 Zähler auf 13 Punkte, der Beschäftigungsindikator liegt bei minus 9 Punkten, die Kapazitätsauslastung sank auf rund 75 bis 76 Prozent. Der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs trifft die Betriebe wegen langlaufender Versorgerverträge erst zeitverzögert – die volle Wirkung steht also noch aus. Der ZDH benennt die Ursache selbst unmissverständlich: die exportierende deutsche Industrie falle als Konjunktur-Taktgeber aus, und das Handwerk hänge an ihr, nicht umgekehrt. Für 2026 rechnet der Verband bestenfalls mit einem schuldenfinanzierten Impuls aus den Sondervermögen, nicht mit einem selbsttragenden Aufschwung.

Das Handwerk ist damit gegenwärtig nicht Motor, sondern Mitgezogener der konjunkturellen Schwäche – ein Befund, der schwer mit seiner Rolle als künftige Leitbranche zu vereinbaren ist.

Die arithmetische Kernfrage

Der entscheidende Einwand gegen die Leitbranchen-Auswahl ist aber kategorialer Natur, nicht nur konjunktureller. Handwerk ist ein nicht-handelbarer Sektor: Bau-, SHK-, Elektro- und Ausbaugewerke werden lokal erbracht und erzeugen keine Exporterlöse. Die Funktion, die Automobilindustrie und Maschinenbau für die deutsche Leistungsbilanz seit Jahrzehnten erfüllen, kann ein Sektor ohne Außenhandelsdimension strukturell nicht übernehmen.

Selbst der exportfähige Teil der genannten Leitbranchen – Pharma und Medizintechnik – reicht dafür nicht annähernd aus. Ein Größenvergleich der deutschen Exportwerte 2025 macht das deutlich:

Branche Exportwert 2025
Personenkraftwagen (ohne Teile) rund 156 Mrd. Euro
Maschinenbau rund 198,5 Mrd. Euro
Summe Auto + Maschinenbau rund 355 Mrd. Euro
Arzneimittel rund 65 Mrd. Euro
Medizinische/pharmazeutische Erzeugnisse rund 51 Mrd. Euro
Summe Pharma + Medizintechnik rund 116 Mrd. Euro

Selbst wenn man großzügig die gesamte industrielle Gesundheitswirtschaft einschließlich weiterer Teilbereiche einrechnet – zuletzt verfügbar 174,6 Milliarden Euro Exporte (2022) –, bleibt das etwa die Hälfte dessen, was Auto und Maschinenbau allein erwirtschaften. Handwerk trägt zu dieser Rechnung nichts bei, weil es in keiner Außenhandelsstatistik als Kompensationsgröße auftaucht.

Die bereits eingetretenen Verluste unterstreichen die Größenordnung des Problems: Allein im China-Geschäft brachen die deutschen Automobilexporte von knapp 30 Milliarden Euro (2022) auf 13,6 Milliarden Euro (2025) ein, ein Rückgang von über 54 Prozent. Der Maschinenbau-Exportüberschuss gegenüber China schrumpfte von 10,5 Milliarden Euro (2018) auf unter 3 Milliarden Euro. Diese Verluste sind bislang durch keinen anderen Sektor aufgefangen worden – auch nicht durch die in der Leitbranchen-Ansage genannten.

Fazit

Die Merz’sche Leitbranchen-Auswahl enthält drei getrennte, in der Rede aber vermischte Behauptungen: eine Wachstumsdiagnose (Gesundheitswirtschaft wächst überdurchschnittlich), eine Substitutionserwartung (Handwerk, Mittelstand, Pharma und Medizintechnik können die wegbrechende Rolle von Auto und Maschinenbau übernehmen) und eine Technologieerwartung (KI mache diese Branchen automatisch produktiver). Die erste ist zutreffend, aber nicht exklusiv – andere Branchen wachsen ähnlich schnell. Die zweite ist, selbst in ihrer plausibelsten Lesart, eine Erzählung im deutlich kleineren Maßstab, keine tragfähige Wachstumsstrategie: Wer Auto und Maschinenbau explizit ausklammert, ohne eine quantitativ stimmige Antwort auf die daraus resultierende Export- und Wertschöpfungslücke zu geben, formuliert einen Strukturwandel-Wunsch, keine belastbare volkswirtschaftliche Diagnose. Die dritte übersieht, dass Angebotsseiten-Technologie eine schwindende Nachfragebasis nicht ersetzen kann, solange die wegfallenden Industriearbeitsplätze genau jene Kaufkraft abbauen, von der Handwerk und binnenorientierter Mittelstand abhängen. Dieser Befund ist als vorläufig korroboriert einzustufen – gestützt auf die verfügbaren amtlichen und verbandlichen Kennzahlen, nicht auf eine vollständige sektorale Gesamtrechnung aller denkbaren Kompensationspfade.

Ralf Keuper


Quellen