Es gibt Bücher, die man vor allem dafür lesen sollte, wie unrecht sie im Kern hatten – und es gibt Bücher, die gerade deshalb interessant bleiben, weil sie in einer Phase kollektiver Panik das Gegenteil der Panik lieferten. Lawrence Frankos Buch Die japanischen multinationalen Konzerne. Herausforderung und westliche Gegenstrategien gehört in die zweite Kategorie, und das macht es über vierzig Jahre später lesenswerter, als sein Titel vermuten lässt.
Der Kontext: 1983, auf dem Höhepunkt der „Japanik“
Das Buch erscheint in exakt jenem Moment, in dem der Westen von einer regelrechten Angst vor japanischer Unbesiegbarkeit erfasst war – Franko selbst prägt dafür den Begriff „Japanik“. Roboterwesen und integrierte Schaltungen galten als „Schlüssel zur Industrie des 21. Jahrhunderts“, und man erklärte einmütig, die Japaner besäßen diesen Schlüssel bereits. Diese Stimmung war 1983 nicht irrational: Japans Wachstumsraten, seine Exporterfolge in Automobilen, Unterhaltungselektronik und bald auch Halbleitern, dazu niedrige Arbeitslosigkeit und Kriminalität – all das nährte die Erzählung eines Landes, das die eigenen Spielregeln neu geschrieben hatte.
Genau in diese Erzählung hinein setzt Franko einen Kontrapunkt. Sein Ausgangsargument, gleich zu Beginn formuliert: Japan ist nach den meisten Kennzahlen nicht einmal das reichste Land der Welt, die japanische Industrieproduktivität pro Kopf liegt unter der der Niederlande, Deutschlands, der Schweiz oder Kanadas, und die Furcht speist sich vor allem aus der Sichtbarkeit einiger weniger Sektoren – nicht aus einer flächendeckenden Überlegenheit.
Der methodische Kern: Spezialisierung statt Unschlagbarkeit
Die zentrale These des Buches lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Japaner sind nicht in allem gut, sondern in einer begrenzten, identifizierbaren Zahl von Sektoren – und diese Sektoren teilen bestimmte Eigenschaften. Franko stellt dazu eine Liste zusammen, die bis heute bemerkenswert präzise wirkt: Stärke bei standardisierbaren, kapitalintensiven Massenprodukten (Speicherchips, Unterhaltungselektronik, Automobile mittlerer Kategorie), Schwäche bei kundenspezifischer, wissensintensiver Technik (Pharmazeutika, Bio-Technologie, Großanlagenbau, Software).
Diese Unterscheidung ist der eigentliche analytische Beitrag des Buches, und er trägt weiter, als es 1983 absehbar war. Der spätere Verlauf der japanischen Halbleiterindustrie – der Aufstieg bei DRAM-Speicherchips in den 1980er Jahren, gefolgt vom vollständigen Rückzug aus diesem Segment bis zur Elpida-Insolvenz 2012, bei gleichzeitigem Fortbestand japanischer Stärke in Fertigungsausrüstung und Spezialmaterialien – liest sich fast wie eine nachträgliche Bestätigung von Frankos Trennlinie zwischen skalierbarer Massenproduktion und schwerer kodifizierbarem Spezialwissen.
Aufbau und Argumentationsgang
Das Buch arbeitet sich in klaren Etappen voran. Nach der Einordnung der westlichen Ängste (Kap. 1–2) folgt eine kritische Dekonstruktion des „japanischen Managements“ als Erklärungsmuster (Kap. 3) – Franko relativiert hier den Mythos der lebenslangen Anstellung (unter 20 Prozent der Beschäftigten betroffen) und beschreibt japanisches Unternehmenswachstum als organischen, amöbenartigen Prozess von Ausgründungen statt als Ergebnis einer überlegenen Führungsphilosophie. Es folgt eine Analyse der japanischen Multinationalisierung (Kap. 4), die diese als eigene, vom westlichen Muster abweichende Kategorie beschreibt – zunächst Internationalisierung im eigenen Land über Joint Ventures, erst später und selektiver Auslandsproduktion, konzentriert auf die technologisch schwächeren, arbeitsintensiven Sparten.
Kapitel 5, die Fallstudie zur Halbleiterindustrie, ist der analytisch dichteste Teil des Buches und zugleich derjenige, an dem sich sein Wert am direktesten überprüfen lässt. Das Schlusskapitel (6) mündet in konkrete Handlungsempfehlungen für westliche Firmen und Regierungen: Spezialisierung statt Protektionismus, Wettbewerbspolitik statt Handelskrieg, eine ehrliche Bestandsaufnahme eigener Fehler (zu wenig F&E, zu kurzer Zeithorizont, zu enge regionale Fokussierung) vor jeder Schuldzuweisung an Japan.
Stärken
Der größte Wert des Buches liegt in seiner Weigerung, sich der Erzählung seiner Zeit anzuschließen. Franko arbeitet mit Zahlen, wo die Debatte mit Stimmungen arbeitete, und er bleibt dabei erstaunlich lesbar – die Vorstellung-gegen-Tatsache-Struktur, mit der er gängige Klischees über Japan systematisch prüft, ist ein didaktisch kluger Kunstgriff, der auch heute noch funktionieren würde. Bemerkenswert ist zudem die Konsequenz, mit der Franko die japanische Seite selbst ernst nimmt, ohne sie zu mystifizieren: weder das „japanische Wirtschaftswunder“ noch die „japanische Unbesiegbarkeit“ werden als Kultureigenschaft behandelt, sondern als Ergebnis nachvollziehbarer struktureller Bedingungen – Kapitalzugang, Marktgröße, staatliche Koordination.
Grenzen
Die Grenzen des Buches liegen dort, wo jede Momentaufnahme an ihre Grenzen stößt. Franko konnte 1983 nicht wissen, dass ausgerechnet das von ihm als japanische Stärke markierte Segment – die Massenproduktion von Speicherchips – binnen zweier Jahrzehnte vollständig an Korea und Taiwan verloren gehen würde, und dass der entscheidende Hebel dafür (die Trennung von Chipentwurf und -fertigung im Foundry-Modell) zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung gerade erst entstand. Das ist kein Vorwurf an den Autor, sondern eine Erinnerung daran, dass jede Diagnose einer Wettbewerbsposition – auch die eigene, aktuelle – ein Zeitfenster beschreibt und keinen Dauerzustand. Wo das Buch zusätzlich altert, ist im Ton mancher Kapitel zur Managementkultur, die trotz aller Relativierung noch dem damaligen Genre der „Was können wir von Japan lernen“-Literatur verhaftet bleibt.
Warum das Buch heute noch zu lesen lohnt
Der eigentliche Ertrag der Lektüre liegt nicht in den damaligen Prognosen, sondern in der Methode: der systematischen Unterscheidung zwischen Wettbewerbsvorteilen, die auf Fertigungsskala und Kapitalverfügbarkeit beruhen, und solchen, die auf schwer kopierbarem, kumuliertem Wissen beruhen. Diese Unterscheidung lässt sich unverändert auf die gegenwärtige Debatte um Chinas Industriepolitik anwenden – nicht als Wiederholung von Frankos Schlussfolgerungen, sondern als Übernahme seines Analyserasters auf einen neuen Fall. Ein Buch, das vierzig Jahre nach seinem Erscheinen noch als Werkzeug taugt und nicht nur als historisches Dokument, hat mehr geleistet, als sein damaliger Anlass – die Eindämmung einer Panik – verlangte.
Ralf Keuper

