Zeitgleich mit dem schwächsten Quartalsergebnis seit Jahren verkündet Heidelberg den Einstieg in Drohnenabwehr und Natrium-Ionen-Batterien. Doch in beiden Feldern sitzen längst etablierte Anbieter – von Hoppecke bei Industriebatterien bis Rheinmetall bei der Luftverteidigung –, ohne dass Heidelberg bislang einen einzigen benannten Großkunden vorweisen kann. Das Timing gleicht dabei auffällig einem bereits bekannten Muster aus der jüngeren deutschen Industriegeschichte.


Der Dezember-Essay Heidelberger Druckmaschinen: Vom profitabelsten Maschinenbauer zur Dauerrestrukturierung endete an einer Zäsur: der Staatsrettung 2008/09, als Heidelberger Druck als einer der ersten Empfänger des „Wirtschaftsfonds Deutschland“ Bürgschaften und Kredite von über 700 Millionen Euro erhielt. Die These lautete, dass diese Rettung den Konzern in eine Dauerrestrukturierung verwandelte – alle paar Jahre ein neues „Zukunftsprogramm“, neue Transformationsrhetorik, bei stetig schrumpfender Substanz. Die Ereignisse vom August 2026 liefern Material, um zu prüfen, ob sich dieses Muster fortsetzt oder ob es an dieser Stelle bricht.

Die Ausgangslage: Zahlen und Ankündigung im selben Atemzug

Am 19. August 2026 meldete Heidelberg für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026/2027 einen Umsatzrückgang von 13 Prozent auf 404 Millionen Euro sowie einen Nettoverlust von 32 Millionen Euro – nach einem Minus von elf Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Die bereinigte operative Umsatzrendite brach auf 0,2 Prozent ein. Als Ursache wurde unter anderem das Auslaufen eines staatlichen Förderprogramms in Italien genannt.

Am selben Tag verkündete der Konzern zwei neue Geschäftsfelder: eine Absichtserklärung der Tochter ONBERG für ein Joint Venture mit dem ukrainischen Drohnenentwickler Skyeton zur Entwicklung autonomer Luft-Boden-Systeme zur Drohnenabwehr, sowie den Einstieg von HD Advanced Technologies gemeinsam mit dem Schweizer Unternehmen PHENOGY in die Fertigung von Natrium-Ionen-Batteriespeichern. Konzernchef Jürgen Otto sprach von einer „strategischen Agenda“, die das laufende Geschäftsjahr präge, und bestätigte trotz des schwachen Auftakts die Jahresprognose eines stabilen Umsatzes bei spürbar verbesserter operativer Marge.

Diese Gleichzeitigkeit – schlechte Zahlen und neue Zukunftserzählung im selben Communiqué – ist selbst ein wiederkehrendes Strukturmerkmal, das sich bis in die Rhetorik der Nachkrisenjahre zurückverfolgen lässt.

Was sich vom Muster unterscheidet

Die früheren Diversifikationsversuche, die im Dezember-Essay noch nicht im Detail behandelt wurden – etwa Vorstöße in Digitaldruck oder Verpackungsdruck –, blieben im Kern angrenzende Anwendungen der bestehenden Drucktechnologie. Die aktuelle Volte geht darüber hinaus: Drohnenabwehr und Batteriezellfertigung liegen technologisch und kommerziell weiter vom Kerngeschäft entfernt als frühere Anpassungen. Der Konzern begründet die Brücke damit, dass ein Druckverfahren von Heidelberg in der geplanten Batteriezellproduktion mit der Zellchemie von PHENOGY kombiniert werden soll, und dass das UGV (unbemanntes Bodenfahrzeug) von Heidelberg mit den Überwachungsdrohnen von Skyeton einen „autonomen Wirkverbund“ bilden soll.

Bemerkenswert ist zudem das Umfeld, in das diese Diversifikation trifft: Beide neuen Felder – europäische Verteidigungsausgaben und batteriegestützte Energiewende – sind Bereiche mit ausgeprägter staatlicher Förder- und Nachfragelogik. Insofern lässt sich die These aus dem Dezember-Essay – staatliche Intervention verzögere Strukturwandel und konserviere Mittelmäßigkeit – um eine Variante ergänzen: Statt direkter Staatshilfe wie 2009 sucht der Konzern nun Wachstumsfelder, die selbst überdurchschnittlich von öffentlicher Förderung und politisch gesetzter Nachfrage getragen werden. Ob das eine grundsätzlich andere Qualität hat als die Bürgschaften von 2009, oder ob es dieselbe Grundlogik – Ausweichen vor Marktdisziplin durch Anlehnung an staatliche Nachfrage – in neuem Gewand ist, bleibt an dieser Stelle offen.

Die Größenordnungsfrage

Neben dem Verhältnis von Ankündigung und Substanz stellt sich eine zweite, nüchterne Frage: Passen die Dimensionen überhaupt zusammen? Heidelberg erwirtschaftet einen schrumpfenden Konzernumsatz von rund 1,6 Milliarden Euro. Batteriezellfertigung ist ein Geschäft, in dem etablierte Anbieter wie CATL oder BYD in Kapazitäten investieren, die sich in Milliardenbeträgen pro Gigafabrik bemessen; selbst gut finanzierte europäische Versuche wie Northvolt sind an genau dieser Kapitalintensität gescheitert. Ein Joint Venture, das auf der Zellchemie eines Schweizer Nischenanbieters und einem Druckverfahren von Heidelberg aufbaut, bewegt sich der Größenordnung nach denkbar weit von dem entfernt, was für einen relevanten Marktanteil nötig wäre.

Ähnlich beim Verteidigungsfeld: Drohnenabwehr in Deutschland und Europa wird bereits von kapitalstarken, politisch bestens vernetzten Anbietern wie Rheinmetall, Diehl oder Hensoldt bearbeitet, dazu internationale Player wie Anduril. Eine Absichtserklärung mit einem ukrainischen Entwickler und ein Live-Hub in Brandenburg markieren einen sehr frühen Einstieg gegen eine sehr etablierte Konkurrenz.

Das relativiert sich allerdings, sobald man den Maßstab wechselt: Heidelberg muss nicht Marktführer in Batterien oder Drohnenabwehr werden, damit sich die Vorhaben bilanziell bemerkbar machen. Bei praktisch einer Nullmarge im Kerngeschäft würde bereits ein zweistelliger Millionenbetrag an zusätzlichem Deckungsbeitrag spürbar sein – die Meßlatte für einen Konzerneffekt liegt deutlich niedriger als die Meßlatte für globale Marktrelevanz. Denkbar wäre auch, dass aus dem Druckverfahren kein eigenständiges Batteriegeschäft, sondern ein Zulieferer- oder Lizenzmodell für einen Teilschritt der Zellfertigung entsteht – was dann allerdings etwas anderes wäre als der in der Pressemitteilung suggerierte „Einstieg in die Produktion“.

Welche Nische überhaupt gemeint ist – und wer dort schon sitzt

Damit stellt sich die eigentlich entscheidende Frage: welche Nische PHENOGY und Heidelberg konkret anvisieren und worauf ein realer Wettbewerbsvorsprung beruhen soll. PHENOGY positioniert sich erklärtermaßen nicht im Massenmarkt für Fahrzeugbatterien, wo chinesische Hersteller wie CATL uneinholbar führen, sondern bei stationären Großspeichern für Industrie, Gewerbe, Netzbetreiber und kritische Infrastruktur. Der Verkaufsansatz zielt dabei explizit auf Versorgungssicherheit statt Preis: Natrium ist rohstofflich praktisch überall verfügbar, während Lithium und Kobalt an wenige, überwiegend chinesische Lieferketten gebunden sind – ein Argument, das unmittelbar auf den EU Critical Raw Materials Act und dessen Ziel der Lieferketten-Diversifizierung einzahlt. Der technologische Beitrag von Heidelberg liegt dabei eng umrissen in der Elektrodenfertigung: Eine Batterieelektrode entsteht im Kern durch einen Beschichtungsvorgang, und exakt dosierte, gleichmäßige Schichten bei hohem Tempo sind eine Kernkompetenz des klassischen Druckmaschinenbaus. Der Sprung von der Labor-Zellchemie zur Serienfertigung im Industriemaßstab – an dem viele Batterie-Start-ups scheitern – wäre dort, wo dieser Beitrag ansetzen soll.

Nur ist das Feld der industriellen Speicheranwendungen kein weißer Fleck. Hoppecke Batterien aus dem Sauerland fertigt seit den 1980er Jahren Industriebatterien für genau diese Kundschaft – unterbrechungsfreie Stromversorgung, Bahntechnik, Netzanwendungen – und hat sich, anders als etwa der Natrium-Schwefel-Ansatz von BBC, der Mitte der 1990er Jahre vollständig aufgegeben wurde, gerade durch jahrzehntelange Nischentreue in diesem Marktsegment gehalten. Für einen industriellen Endkunden mit sicherheitskritischen Anwendungen ist ein Lieferantenwechsel erfahrungsgemäß eine hohe Hürde: Referenzen, Servicenetz und über Jahre eingespielte Vertrauensbeziehungen zählen dort oft schwerer als ein technisches Zusatzargument. Ein Anbieter, der – wie PHENOGY/Heidelberg – bislang keinen einzigen benannten Großkunden vorweisen kann, träfe in diesem Marktsegment auf einen etablierten Wettbewerber, der genau diese Kundenbeziehungen bereits besitzt. Damit bleibt vorläufig offen, worin der reale Wettbewerbsvorsprung – jenseits eines regulatorisch gestützten China-Unabhängigkeits-Arguments – bestehen soll, das höhere Preise gegenüber etablierten Anbietern wie Hoppecke rechtfertigen würde.

Damit bleibt als naheliegendste Lesart bestehen, dass die Größenverhältnisse gegen eine signifikante Marktposition sprechen; ausgeschlossen ist ein spürbarer, aber begrenzter Bilanzeffekt in einer Nische dagegen nicht.

Ein bekanntes Muster: die Parallele zu Trumpf

Das Timing-Muster – Verlustmeldung und Rüstungsankündigung im selben Atemzug – ist kein Einzelfall. Trumpf verkündete im Oktober 2025 binnen weniger Tage nach der Meldung eines Gewinneinbruchs von 88 Prozent (EBIT-Kollaps von 501 auf 59 Millionen Euro) den Einstieg in die Drohnenabwehr, gemeinsam mit Rohde & Schwarz. Auch dort ohne Großaufträge, ohne feste Beschaffungszusagen der Bundeswehr oder NATO, ohne marktreifes Produkt – und in einem Feld, das Rheinmetall oder MBDA seit Jahren beackern.

Die Parallele zu Heidelberg ist auf mehreren Ebenen präzise: dieselbe Choreografie aus Verlustmeldung und Zukunftsankündigung am selben Tag, dieselbe Konkurrenzlage aus etablierten, kapitalstarken Platzhirschen im neuen Feld, und in beiden Fällen kein einziger benannter Referenzkunde. Der Unterschied liegt allenfalls im Umfang: Heidelberg diversifiziert gleichzeitig in zwei Felder (Drohnenabwehr und Batterien), während Trumpf sich auf eines konzentrierte – was die Frage nach der Ersatzhandlung eher verschärft als entkräftet, da damit auch die Managementaufmerksamkeit und das Kapital auf mehr, statt auf ein konzentriertes Vorhaben verteilt werden. Ob eine Diversifikationsankündigung in einer solchen Konstellation tatsächlich einen strukturellen Neuanfang markiert oder primär kommunikative Funktion erfüllt, lässt sich – wie im Trumpf-Fall beschrieben – erst an den nachfolgenden Auftragszahlen ablesen, nicht an der Pressemitteilung selbst.

Der Prüfstein: Ergebnisbeitrag statt Ankündigung

Der Status beider Vorhaben ist unterschiedlich weit fortgeschritten. Bei der Batteriezellproduktion existiert bereits eine konkretere Konstellation aus Zellchemie (PHENOGY) und Fertigungsverfahren (Heidelberg); bei der Drohnenabwehr handelt es sich bislang um eine Absichtserklärung für ein weiteres Joint Venture, aufbauend auf dem bereits im Juli 2026 in Brandenburg eröffneten Live-Hub von ONBERG (das seinerseits ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem US-israelischen Anbieter Ondas Autonomous Systems ist).

Damit bleibt die im Dezember-Essay aufgeworfene Frage nach dem Verhältnis von Ankündigung und Substanz auch hier der eigentliche Prüfstein. Ein belastbares Urteil darüber, ob diese beiden Felder eine tatsächliche Neuausrichtung darstellen oder die nächste Episode einer seit anderthalb Jahrzehnten wiederkehrenden Transformationsrhetorik sind, lässt sich erst anhand konkreter Kennzahlen fällen: eigenständiger Umsatz- und Ergebnisbeitrag von ONBERG und HD Advanced Technologies in den kommenden zwei bis drei Geschäftsjahren, unabhängig vom weiterhin schrumpfenden klassischen Maschinengeschäft. Bis dahin ist die Einordnung als Fortschreibung des beschriebenen Musters vorläufig – nicht verifiziert, aber durch die zeitliche und rhetorische Nähe zu den Vorgängerprogrammen bereits ein Stück weit gestützt.

Ralf Keuper


Quellen: