Die deutsche Optik- und Photonikindustrie taucht derzeit gleich in mehreren, sehr unterschiedlichen Erzählungen auf. In der einen ist sie der stille Chokepoint der globalen Halbleiterproduktion, ohne den kein modernes Rechenzentrum und kein KI-Chip existieren würde. In der anderen ist sie die Zulieferbranche einer Automobilindustrie, die selbst schrumpft und ihre Nachfrageschwäche direkt an die Photonik weitergibt. In einer dritten – jüngst von Prof. Dr. Markus Roth, Mitgründer und Chief Science Officer des Fusions-Startups Focused Energy sowie Professor für Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt, in einem Interview formuliert – könnte die Optoindustrie in zwanzig bis dreißig Jahren das sein, was die Automobilindustrie heute ist.

Diese drei Erzählungen widersprechen sich nicht, sie beschreiben unterschiedliche Segmente derselben, sehr heterogenen Branche. Wer die Frage stellt, ob die Optoindustrie „die nächste Automobilindustrie“ wird, stellt eigentlich drei verschiedene Fragen zugleich – und sie haben drei verschiedene, teils bereits belegbare Antworten.


Die Branche im Überblick

Die deutsche Photonik im engeren SPECTARIS-Zuschnitt umfasst rund 1.000 Unternehmen mit knapp 190.000 Beschäftigten und einem Umsatz von gut 50 Milliarden Euro (2025). Im breiteren Verbandsrahmen, der Optik, Photonik, Analysen- und Medizintechnik zusammenfasst, kommt man auf rund 360.000 Beschäftigte und 91 Milliarden Euro Umsatz. Deutschland hält damit rund 40 Prozent des europäischen Photonik-Marktanteils – deutlich vor Frankreich und Großbritannien mit je 15 Prozent. Die Forschungsquote der Branche liegt bei knapp 10 Prozent des Umsatzes, eine der höchsten unter deutschen Industriezweigen. Der Weltmarkt für Photonik wird für 2025 auf rund 836 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2032 auf 1,35 Billionen US-Dollar wachsen, bei einer jährlichen Wachstumsrate von gut 7 Prozent.

Zum Vergleich: Die deutsche Automobilindustrie beschäftigte im dritten Quartal 2025 noch 721.400 Menschen – der niedrigste Stand seit 2011, nach einem Verlust von 100.000 Stellen seit 2019 und mit weiteren bis zu 225.000 erwarteten Verlusten bis 2035. Selbst im großzügigsten Optik-Zuschnitt liegt die Automobilindustrie damit noch beim gut Doppelten der Beschäftigung, im engeren Photonik-Zuschnitt beim mehr als Dreifachen.

Der reine Beschäftigungsvergleich greift jedoch zu kurz, weil er unterschiedliche Wertschöpfungspositionen innerhalb der Optikbranche über einen Kamm schert. Für eine belastbare Einordnung lohnt sich eine Dreiteilung.

Erstens: bereits bewährte Architekturmacht

Ein Teil der deutschen Optikindustrie hält schon heute eine Position, die über bloße Zulieferung weit hinausgeht. Carl Zeiss SMT in Oberkochen ist der weltweit einzige Hersteller der Abbildungs- und Beleuchtungsoptik für ASMLs EUV-Lithografiemaschinen – jene Anlagen, ohne die keine modernen 3-Nanometer-Chips gefertigt werden können. Nach Angaben von Zeiss SMT stecken in rund 80 Prozent aller weltweit gefertigten Mikrochips Lithografieoptik aus deutscher Produktion, bei den anspruchsvollsten KI-Chips liegt der Anteil praktisch bei 100 Prozent. Die Exklusivität ist wechselseitig: ASML bezieht seine Lithografieoptik ausschließlich von Zeiss, Zeiss liefert ausschließlich an ASML. 2016 sicherte sich ASML deshalb für rund eine Milliarde Euro eine Minderheitsbeteiligung v…