Japans 370-Billionen-Yen-Wachstumsstrategie wird meist als ein einziges Programm gelesen. Tatsächlich verbirgt sich dahinter mindestens ein doppeltes Konsortialmodell: Beim Halbleiterprojekt Rapidus baut der Staat einen National Champion praktisch aus dem Nichts auf – bei den neuen „Physical AI“-Allianzen um Fanuc, Yaskawa und Kawasaki verteidigt er stattdessen eine bereits bestehende Vormachtstellung. Wer bei beiden Modellen fehlt: die 99 Prozent der Unternehmen, die als KMU die eigentliche Zulieferinfrastruktur stellen, ohne selbst am Konsortialtisch zu sitzen. Ein Essay über die stille dritte Ebene der japanischen Industriepolitik – und darüber, warum der Vergleich mit China näherliegt als der mit Deutschland oder der EU.
Japans auf 370 Billionen Yen angelegte Wachstumsstrategie bis zum Fiskaljahr 2040 wird häufig als ein einziges, kohärentes Investitionsprogramm dargestellt. Bei genauerem Hinsehen setzt sich die Umsetzung jedoch aus sehr unterschiedlichen Instrumenten zusammen, die sich je nach Sektor grundlegend in ihrer Logik unterscheiden. Zwei Beispiele – der Halbleiterkonzern Rapidus und die verschiedenen Allianzen rund um „Physical AI“ (die Verknüpfung von KI mit Robotik und Industrieanlagen) – zeigen, dass der Staat dasselbe Grundinstrument, das industriepolitische Konsortium, für zwei entgegengesetzte strategische Situationen einsetzt: einmal für eine Aufholjagd aus einer Position der Schwäche, einmal für die Verteidigung einer bestehenden Vormachtstellung. Eine dritte, meist übersehene Ebene liegt darunter: die kleinen und mittleren Unternehmen, die zwar keinen Konsortialstatus haben, aber die eigentliche Zulieferinfrastruktur beider Modelle bilden.
Rapidus: Konsortium zur Schließung einer gezielten Lücke
Rapidus wurde 2022 gegründet, weil Japan in der Fertigung modernster Logikchips faktisch nicht mehr existierte. Das Land war in den 1980er-Jahren einmal Weltmarktführer bei Halbleitern, hatte diese Position aber seit der Jahrtausendwende an Taiwan und Südkorea verloren. Ganz aus dem Nichts entstand Rapidus dabei allerdings nicht: Zum Gründungszeitpunkt verfügte Japan noch über eigene Logikchip-Fertigung bis zur 28-Nanometer-Klasse, hält über Kioxia (früher Toshiba) bis heute die weltweite Nummer-zwei-Position bei NAND-Flash-Speicherchips, und ist bei Fertigungsausrüstung (Tokyo Electron) sowie insbesondere bei Halbleiter-Chemikalien wie Fotolacken einer der wichtigsten Lieferanten weltweit geblieben. Die eigentliche Lücke betraf spezifisch die fortschrittlichste Logikchip-Fertigung – den Sprung auf 2-Nanometer-Strukturen –, nicht die Halbleiterindustrie als Ganzes. Es gab jedoch keinen japanischen Akteur mehr, der diese spezifische Lücke allein hätte schließen können; die Lösung war die Bündelung von acht großen japanischen Unternehmen – Toyota, Denso, Sony, Kioxia, NEC, SoftBank, NTT und die MUFG Bank – zu einem gemeinsamen neuen Rechtsträger, ergänzt um internationale Technologiepartner (IBM für das Chipdesign, imec und Fraunhofer für Teile der Fertigungstechnik). Der Staat trägt dabei den überwiegenden Teil des Risikos: Die staatliche Forschungs- und Entwicklungsunterstützung allein beläuft sich mittlerweile auf rund 2,35 Billionen Yen, hinzu kommen weitere Milliardenbeträge für den Produktionsaufbau der ersten Fabrik in Chitose auf Hokkaido, wo ab 2027 2-Nanometer-Chips in Serie gefertigt werden sollen.
Das Rapidus-Modell ist damit ein „National-Champion“-Ansatz: eine einzige, konzentrierte, staatlich hochsubventionierte Konsortialstruktur, die eine gezielte technologische Lücke schließen soll, indem sie vorhandene Restsubstanz (Speicherchip-Kompetenz, Fertigungsausrüstung, Chemikalien) neu bündelt und um fehlendes Logikchip-Know-how ergänzt. Es handelt sich, mit den Worten des Rapidus-Chefs Atsuyoshi Koike, um die „letzte Chance“ für die heimische Chipindustrie, bei der fortschrittlichsten Fertigungstechnologie wieder Anschluss zu finden – eine Formulierung, die die Dringlichkeit unterstreicht, auch wenn die Ausgangslage nicht bei null lag.
Der Kreis der acht Gründungsunternehmen ist dabei nicht statisch geblieben. Ende 2025 zeichnete sich ab, dass weitere japanische Konzerne – darunter Kyocera, Fujifilm Holdings, Honda und Canon – zusätzliche Investitionen in Rapidus prüfen, um das Ziel von rund 130 Milliarden Yen an zusätzlichem privatem Kapital für das damals laufende Fiskaljahr zu erreichen. Kyocera tritt damit nicht als Gründungsmitglied, sondern als Teil einer zweiten, sich erweiternden Investorenschicht auf – ein Hinweis darauf, dass das Rapidus-Konsortium selbst kein geschlossener, sondern ein wachsender Kreis ist, der mit fortschreitendem technischem Fortschritt zusätzliches privates Kapital anzieht.
Physical AI: Konsortien um bereits bestehende Marktführer
Bei „Physical AI“ – dem Teilbereich der Wachstumsstrategie, der mit rund 10,5 Billionen Yen für die Verbindung von KI mit Robotern und Industriemaschinen ausgestattet ist – liegt die Ausgangslage umgekehrt. Japan verfügt hier bereits über eine dominante Marktposition: Fünf der zehn größten Industrierobotik-Hersteller weltweit sind japanisch (Fanuc, Yaskawa, Kawasaki, Denso, Nachi-Fujikoshi), japanische Hersteller liefern nach Angaben der International Federation of Robotics rund 38 Prozent aller Industrieroboter weltweit, und Fanuc allein hält etwa 65 Prozent des globalen Marktes für CNC-Steuerungen.
Entsprechend anders sieht die Konsortialarchitektur aus. Statt eines einzelnen neuen Rechtsträgers entstehen mehrere, sich überlagernde Allianzen um die bestehenden Marktführer:<…
