Ein Bericht, der seine eigene Vorsicht widerlegt: Als die Information Technology and Innovation Foundation (ITIF) – eine 2006 gegründete Washingtoner Denkfabrik, die in einschlägigen Rankings wiederholt als weltweit führender Thinktank für Technologiepolitik geführt wird und deren Analysen regelmäßig in US-Kongressanhörungen einfließen – im September 2024 China nahe an die globale Innovationsführung heranrücken sah, war der Halbleiterbereich noch der große Vorbehalt: zu weit zurück, zu abhängig von westlicher Anlagentechnik. Zwanzig Monate später zeigt sich: Gerade hier hat sich das Tempo beschleunigt, nicht verlangsamt – und mit dem Hamilton Index 2026 hat ITIF selbst inzwischen nachgelegt, mit einer unabhängigen Kennzahl, die denselben Trend noch deutlicher zeigt. Ein Blick darauf, was das über die Belastbarkeit industriepolitischer Diagnosen – und über die Architekturmacht-Frage – verrät.
Die Diagnose, die sich selbst überholt hat
Es gibt Berichte, die mit der Zeit an Schärfe verlieren, weil die Wirklichkeit sie überholt. Und es gibt die selteneren Fälle, in denen die Wirklichkeit den Bericht überholt, indem sie ihn übertrifft. Der ITIF-Bericht „China Is Rapidly Becoming a Leading Innovator in Advanced Industries“ vom September 2024 gehört, ein knappes Jahr später betrachtet, eher zur zweiten Kategorie. Das ist bemerkenswert, denn der Bericht selbst ist alles andere als zurückhaltend formuliert. Zwanzig Monate Recherche, zehn Branchen, ein Fazit, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: China liege in zwei von zehn Hochtechnologiefeldern bereits vorn, in vier weiteren nur knapp dahinter, im Durchschnitt bei sechs von zehn Punkten auf einer Skala zwischen Kopist und Marktführer. Und doch war ausgerechnet der Bereich, in dem der Bericht die größte Distanz zur Weltspitze verortete – Halbleiter –, seither Schauplatz der überraschendsten Beschleunigung.
Bevor man diesem Befund folgt, lohnt der Blick auf den Boten.
Wer spricht, und warum
Bevor der Befund selbst zur Sprache kommt, ein kurzes Wort zum Absender. ITIF wurde 2006 in Washington gegründet und hat sich seither zu einer der einflussreichsten Adressen der US-Technologiepolitik entwickelt: Das Ranking-Programm der University of Pennsylvania führt sie wiederholt als weltweit führenden Thinktank für Wissenschafts- und Technologiepolitik, ihre honorary co-chairs stellen Senatoren und Abgeordnete beider großer Parteien, und ihre Studien werden regelmäßig in Kongressanhörungen zitiert. Finanziert wird die Organisation unter anderem von großen Technologiekonzernen – darunter Alphabet, Amazon, Apple, Meta und Microsoft. Das verleiht den Einschätzungen Gewicht, gerade weil sie nicht aus akademischer Distanz, sondern aus enger Beobachtung der politischen und industriellen Praxis in Washington entstehen. Es ist aber auch keine akademische Beobachtungsstelle ohne eigene Agenda, sondern eine Denkfabrik mit einem klaren industriepolitischen Programm. Der China-Bericht mündet konsequent in fünf Handlungsempfehlungen für das, was er selbst „National Power Capitalism“ nennt: verdreifachte Forschungssteuergutschriften, beschleunigte Investitionsabschreibungen, staatlich getragene Forschungsinstitute nach dem Vorbild des taiwanischen ITRI, eine „Competitiveness DARPA“, eine nationale Entwicklungsbank. Das ist an sich kein Makel – aber es ist ein Interesse, und Interessen prägen Rahmungen. Ein Bericht, dessen politische Schlussfolgerungen von der Dramatik der Ausgangsdiagnose profitieren, neigt strukturell dazu, dem Gegenstand mehr Kohärenz und Zielstrebigkeit zuzuschreiben, als empirisch beobachtbare Industriepolitik – auch die chinesische, mit ihren Überkapazitäten, Fehlallokationen und Konsolidierungswellen – für gewöhnlich aufweist. Das „10-S-System“, mit dem der Bericht Chinas Innovationsdynamik erklärt, liest sich entsprechend glatter, als die Sache selbst vermutlich ist.
Diese Beobachtung ist kein Freibrief, den Bericht beiseitezulegen. Die zugrundeliegende Branchenanalyse ist sorgfältig dokumentiert und methodisch nachvollziehbar. Sie ist aber ein Grund, zwei Dinge auseinanderzuhalten, die der Bericht selbst gern zusammenführt: die empirische Diagnose eines Aufholprozesses – und die politische Volte, die daraus eine bestimmte Reformagenda ableitet.
Der Praxistest: Halbleiter
Am ehesten lässt sich eine solche Diagnose an dem Feld prüfen, das der Bericht selbst am vorsichtigsten einschätzte. Im begleitenden Fachbericht zu Halbleitern, ebenfalls aus dem August 2024, wurde chinesischen Herstellern bei der Fertigung modernster Logikchips ein Rückstand von etwa fünf Jahren attestiert; bei den Fertigungsanlagen selbst – jener Ebene, auf der Exportkontrollen am direktesten wirken – sollen es laut zitierten Branchenkennern gar bis zu fünf Generationen gewesen sein. Wenn irgendwo die westliche Kontrollarchitektur greifen sollte, dann hier.
Was seither zu beobachten war, liest sich weniger wie eine Bestätigung dieser Kontrollwirkung als wie ihre schrittweise Er…
