Jean-Jacques Servan-Schreiber beschrieb 1967 in „Die amerikanische Herausforderung“ eine Grundkonstellation: Europa als technologischer Konsument, Amerika als Gestalter und Produzent. Das Buch löste eine Welle europäischer Technologieinitiativen aus — und änderte an der Konstellation nichts. Knapp sechs Jahrzehnte später liefert Christophe Fouquet, Vorstandsvorsitzender von ASML, dieselbe Diagnose in neuem Gewand. Europa, sagt er, versucht den letzten Schritt zuerst zu gehen: Wer Fabriken baut, bevor er Nachfrage hat, baut Monumente, keine Souveränität. Der Beitrag nimmt Fouquets Argument ernst — und zeigt, dass der Sequenzfehler tiefer reicht als die Industriepolitik. Europa reguliert, bevor es versteht. Fabrik vor Markt, Regel vor Erfahrung: beides folgt derselben institutionellen Logik. Und beide wiederholen sich seit Jahrzehnten, ohne dass sich die Lage ändert.


I. Der Befund aus erster Hand

Es gibt kaum eine bessere Beobachterposition für den Zustand der globalen Chipindustrie als die des ASML-CEO. Das Unternehmen produziert die EUV-Lithographieanlagen, die für die Fertigung fortgeschrittener Halbleiter zwingend erforderlich sind — jede Chipfabrik der Welt, von TSMC über Samsung bis Intel, ist auf diese Maschinen angewiesen. Fouquet sitzt damit nicht am Rand des Spielfelds. Er sitzt an einem strukturell einzigartigen Punkt, an dem alle Investitionsströme der globalen Halbleiterindustrie sichtbar werden, bevor sie sich in Produktionskapazität übersetzen.

Seine Diagnose für Europa ist entsprechend knapp und unfreundlich: Europa ist in der KI-Entwicklung „quite behind“, tatsächlich sogar „very weak“ in seinem Ökosystem. Das ist nicht die übliche politische Mahnrede. Es ist eine Beobachtung aus dem Orderbuch.

Die empirische Grundlage ist eindeutig. Die USA kaufen rund 80 Prozent der weltweit produzierten fortgeschrittenen KI-Chips. Europa bezieht — gemessen an ASMLs eigenen Lieferungen von Hochleistungs-Lithographiesystemen über das vergangene Jahrzehnt — lediglich einen Anteil von ein bis zwei Prozent. Europa konsumiert KI-Technologie, produziert sie aber nicht und entwickelt sie nicht.


II. Das Sequenzargument

Fouquets entscheidende These ist nicht der Befund selbst — der war bekannt —, sondern die Schlussfolgerung daraus für die Strategie. Er formuliert sie in einem einzigen Satz: „If we had a two nanometer fab in Europe, most of the wafers would go to the US. You have to start with demand, not manufacturing.“

Das ist eine direkte Kritik am EU Chips Act und an der dominanten Souveränitätsdebatte in Brüssel. Die politische Reaktion auf die Abhängigkeit von US-amerikanischer und asiatischer KI-Infrastruktur ist der Reflex, Fertigungskapazität aufzubauen. Mehr Fabs. Weniger Abhängigkeit. Fouquet sagt: falsche Reihenfolge.

Sein impliziertes Sequenzmodell folgt einer Logik, die sich mit Abernathy und Utterbacks Innovationsdynamik verbinden lässt. Der entscheidende Moment in einem Technologiezyklus ist nicht die Produktionstechnologie, sondern das Dominant Design — das Muster, auf das sich Anwendungen, Standards und Kundennachfrage einpendeln. Wer diesen Moment nicht mitgestaltet, kauft das Ergebnis später ein. Europa hat den Dominant-Design-Moment in der KI-Infrastrukturschicht verpasst oder sich durch Regulierung aktiv daran gehindert, ihn mitzugestalten. Jetzt versucht es, in der Fertigungsschicht nachzuholen — was nach dieser Logik nicht funktioniert, weil die Fertigungsschicht nur dann Sinn ergibt, wenn die Anwendungsschicht darunter schon funktioniert.

Die konkrete Sequenz, die Fouquet skizziert: zuerst Markt und Nachfrage, dann KI-Anwendungen, dann KI-Produkte, dann Chipdesign, dann — und erst dann — Chipfertigung. Europa hat Schritt fünf vorgezogen und Schritte eins bis vier übersprungen.


III. Kein neues Phänomen: Die Vorgeschichte des Scheiterns

Was Fouquet beschreibt, ist keine aktuelle Fehlentwicklung. Es ist das Ergebnis einer langen Reihe von Anläufen, die alle an demselben strukturellen Problem gescheitert sind.

Der erste systematische Versuch, Europas Rückstand in der Halbleiterfertigung aufzuholen, datiert auf 1989. Im Rahmen des EUREKA-Programms wurde das JESSI-Projekt (Joint European Submicron Silicon Initiative) gestartet — ein acht Jahre laufendes Forschungs- und Entwicklungsprogramm mit einem Volumen von 3,8 Milliarden Euro, getragen von Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Großbritannien. Das erklärte Ziel: Aufholjagd gegenüber den USA und Asien in der Mikroelektronik. Die Struktur folgte dem Modell vertikaler Kooperation entlang der gesamten Wertschöpfungskette — von Anwendungen über Komponenten bis zur Fertigungsausrüs…