Der Historiker Jürgen Kocka hat in einem jüngst veröffentlichten Gespräch mit dem KI-Experten Leonard Schmedding eine Position eingenommen, die man als historisch fundierten Optimismus bezeichnen könnte: Technologische Umbrüche haben seit der Industrialisierung stets Ängste vor dauerhafter Massenarbeitslosigkeit ausgelöst – und diese Ängste haben sich historisch nie bewahrheitet. Das von Joseph Schumpeter geprägte Konzept der schöpferischen Zerstörung beschreibt, wie Innovationen alte Qualifikationen entwerten und Verlierer produzieren, gleichzeitig aber neue Tätigkeiten und Bedürfnisse entstehen lassen. Kocka hält dieses Grundmuster für robust – räumt aber einen wesentlichen Vorbehalt ein: Die KI-Revolution könnte durch ihre Geschwindigkeit die historische Vergleichbarkeit sprengen. Was früher Generationen Zeit hatte, sich anzupassen, komprimiert sich heute möglicherweise in ein einziges Jahrzehnt.
Dieser Vorbehalt verdient mehr Gewicht, als Kocka ihm gibt. Denn das Problem liegt nicht allein in der Geschwindigkeit. Es liegt in der strukturellen Tiefe des laufenden Substitutionsprozesses – einer Tiefe, die historisch ohne Präzedenz ist und die Kockas Makroperspektive systematisch unterschätzt.
Der erste und der zweite Akt
Die Geschichte der Rationalisierung kennt, wie André Gorz in seinen Metamorphosen der Arbeit gezeigt hat, zwei Akte. Der erste traf die Hand. Die industrielle Körperarbeit enthielt eine manuelle Intelligenz, die sich jeder Formalisierung entzog: rasches Urteils- und Reaktionsvermögen, synthetische Wahrnehmung, unmittelbares Situationserfassen durch körperliches Know-how. Genau diese Kompetenz war der ökonomischen Rationalität unerträglich, weil sie nicht standardisierbar, nicht übertragbar, nicht vom Individuum ablösbar war. Das Rationalisierungsprojekt – von Taylor operativ formuliert, von Weber bürokratietheoretisch untermauert – hatte ein klares Ziel: dass der beliebig austauschbare Arbeiter in der beliebig austauschbaren Fabrik überall auf der Welt dieselben Produkte herstellt.
Der zweite Akt trifft den Kopf. Was Jahrzehnte Business Process Reengineering, ISO-Normen, ERP-Systeme und Compliance-Anforderungen aus der Wissensarbeit gemacht haben, ist eine Arbeitsorganisation nach dem Vorbild industrieller Prozesslogik: Der Analyst arbeitet nach definierten Templates. Der Ingenieur erstellt Standarddokumentation. Der Jurist prüft Vertragspassagen gegen Checklisten. Diese Tätigkeiten sind kognitiv anspruchsvoll – und zugleich formal strukturiert.
Hier liegt das Kernproblem für Kockas Optimismus: LLM-basierte Agentensysteme substituieren nicht trotz der Prozessorganisation moderner Wissensarbeit – sondern wegen ihr. Das Rationalisierungsprojekt hat die Vorarbeit geleistet. Die KI vollendet, was Weber und Taylor begonnen haben.
Das Qualifikationsparadoxon
Das macht die aktuelle Welle strukturell anders als frühere Automatisierungsschübe. Frühere Wellen trafen typischerweise Routinetätigkeiten am unteren Ende der Qualifikationsskala. Das aktuelle Muster ist umgekehrt: Mittlere und höhere Qualifikation ist stärker exponiert – nicht weil hochqualifizierte Arbeit einfach wäre, sondern weil sie in Großorganisationen oft hochprozessiert ist.
Kockas historische Beispiele – der Wandel von manueller Lohnarbeit zu Angestelltenverhältnissen bei Siemens, die Land-Stadtwanderung über ein Jahrhundert – beschreiben Übergänge, bei denen die neue Tätigkeit eine andere Qualifikationsstruktur verlangte, aber strukturell erreichbar blieb. Die Frage heute lautet anders: Wohin soll der Wissensarbeiter wechseln, dessen prozessierte Tätigkeit wegfällt?
Die Bereiche, die sich der Substitution entziehen, sind real: körpernahe Pflege, Handwerk mit situativem Urteilsvermögen, komplexe soziale Interaktion unter Unsicherheit. Was diese Tätigkeiten verbindet, ist genau jene situative Intelligenz, die Weber und Taylor aus der organisierten Arbeit systematisch herausrationalisierten. Gorz hätte diese Ironie erkannt: Was das Rationalisierungsprojekt nie erfassen konnte, erweist sich nun als das, was übrig bleibt.
Aber diese Felder sind kein Auffangbecken für die Masse der Wissensarbeiter, deren Tätigkeiten wegfallen. Weder in der Zahl der verfügbaren Stellen, noch in den Lohnstrukturen, noch in den Anforderungsprofilen.
Und selbst dieser Vorbehalt ist noch zu schwach formuliert.
Der dritte Akt: Die Schließung der letzten Hintertür
Gorz beschrieb die situative, körpergebundene Intelligenz als das strukturell Nicht-Formalisierbare – als das, was dem Rationalisierungsprojekt prinzipiell entzogen bleibt. Diese Diagnose war für ihre Zeit zutreffend. Sie gilt nicht mehr uneingeschränkt.
Die humanoide Robotik – die dritte Welle nach generativer KI und agentenbasierter Automatisierung – adressiert genau diesen Bereich. Pflege, Handwerk, körpernahe Dienstleistungen: Was Gorz für unrationalisierbar hielt, ist nur noch nicht rationalisiert. Der Zeithorizont ist offen, die Richtung nicht. Automatisierung, Modularisierung, Standardisierung und Rationalisierung sind keine Optionen unter anderen – sie sind die systemische Antwort des Marktes auf Kostendruck, sobald die technische Möglichkeit gegeben ist.
Das bedeutet: Es gibt keine strukturell geschützten Bereiche menschlicher Arbeit mehr – nur noch zeitlich verzögerte Substitutionsziele.
Das Nachfrageproblem: Die innere Schranke der schöpferischen Zerstörung
Damit tritt ein Argument in den Vordergrund, das Kockas historischer Optimismus – und Schumpeters Modell selbst – systematisch ausblendet: das Nachfrageproblem.
Schöpferische Zerstörung funktioniert als Erneuerungsmodell nur unter einer impliziten Bedingung: dass die Kaufkraft erhalten bleibt, die den Markt für neue Tätigkeiten trägt. Bei früheren Übergängen war diese Bedingung strukturell gesichert. Die Fabrikarbeiter des 19. Jahrhunderts wurden zu Konsumenten. Die Angestellten des 20. Jahrhunderts trugen die Dienstleistungsgesellschaft. Die schöpferische Seite der Zerstörung war kaufkräftig.
Das Modell setzt also stillschweigend voraus, dass Erwerbsarbeit der primäre Mechanismus der Kaufkraftverteilung bleibt. Genau diese Voraussetzung erodiert, wenn die Automatisierung breit und schnell genug um sich greift.
Wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung keine Erwerbsarbeit mehr hat, fehlt die Kaufkraft, die den Markt für menschliche Dienstleistungen – Handwerk, Pflege, Beratung, kulturelle Produktion – überhaupt trägt. Der Markt antwortet dann nicht mit mehr menschlicher Arbeit, sondern mit weiterer Automatisierung: günstigere Produktion für eine schrumpfende kaufkräftige Nachfrage. Ein sich selbst verstärkender Prozess, der aus der inneren Logik des Systems folgt, nicht aus einem externen Schock.
Das ist keine Krisentheorie von außen – es ist eine Kritik an der inneren Schranke des Schumpeter-Modells selbst. Die schöpferische Zerstörung trägt nur so lange, wie die Zerstörungsseite und die Erneuerungsseite in einem Verhältnis stehen, das gesellschaftliche Kaufkraft erhält. Dieses Verhältnis ist keine Naturkonstante.
Die technokratische Utopie und ihre zwei Lesarten
Im Silicon Valley kursiert eine radikale Konsequenz aus dieser Logik. Der Philosoph Nick Land formulierte sie in den 1990er Jahren, der Investor Marc Andreessen trug sie mit seinem Techno-Optimist-Manifest weiter: KI und Kapitalismus seien im Grunde dasselbe. Das Ziel sei die Befreiung des Kapitals vom Menschen.
Kocka lehnt diese These ab – und zwar mit dem Argument, dass der Kapitalismus von Leidenschaften, Familien und nicht-ökonomischen Motiven lebt. Familienunternehmen, soziale Bindungen, kulturelle Werte: Der Mensch sei aus dieser Rechnung nicht eliminierbar.
Diese Ablehnung ist richtig – aber sie trifft die eigentliche Schärfe der These nicht. Land und Andreessen meinen nicht die kulturelle Eliminierung des Menschen, sondern seine ökonomische: die Abkopplung von Kapitalakkumulation und Beschäftigung. Das sind zwei verschiedene Fragen.
Kulturell bleibt der Mensch unverzichtbar – als Konsument, als Bedeutungsträger, als sozialer Akteur. Ökonomisch als Produktionsfaktor ist er es nicht mehr zwingend. Ein Kapitalismus, der Güter und Dienstleistungen mit minimalem Arbeitseinsatz produziert und die Gewinne bei einer kleinen Eigentümerklasse konzentriert, ist kulturell nicht menschenleer – aber strukturell entkoppelt von Massenerwerbsarbeit als Verteilungsmechanismus.
Kockas Ablehnung der technokratischen Utopie ist also kulturell überzeugend und ökonomisch unvollständig. Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Mensch aus dem Kapitalismus verschwindet – sondern ob Erwerbsarbeit als Mechanismus gesellschaftlicher Teilhabe trägt. Und genau das ist offen.
Das Legitimationsproblem
Peter Drucker fragte: Effizienz ist, die Dinge richtig zu tun – Effektivität ist, die richtigen Dinge zu tun. Das Wirtschaftssystem optimiert für Ersteres. Luhmann würde ergänzen: Das Wirtschaftssystem operiert nach eigener Logik und erzeugt Rationalität innerhalb seiner Grenzen – ohne Beschäftigungspflicht, ohne Verantwortung für die Anpassungskosten, die es externalisiert.
Das Legitimationsproblem entsteht nicht dort, wo Maschinen Routinearbeit übernehmen. Es entsteht dort, wo der gesellschaftliche Konsens darüber fehlt, wer die Kosten des Übergangs trägt und nach welchen Regeln.
Kocka selbst benennt diesen Punkt, wenn er die Notwendigkeit politischer Gestaltung und Kapitalismuskritik betont. Historisch haben Protest und Forderungen nach sozialer Einbettung den Fortschritt oft erst zivilisiert – die Ludditen kämpften nicht gegen die Maschine, sondern für eine gerechte Verteilung der Gewinne. Diese Beobachtung ist richtig. Aber sie setzt eine funktionsfähige Gegenöffentlichkeit voraus – und genau die steht unter Druck.
Kocka warnt selbst vor der Fusion wirtschaftlicher und politischer Macht, die er in den USA bereits beobachtet. Wenn die Techelite nicht nur Kapital akkumuliert, sondern auch politischen Einfluss, erodiert das Korrektiv, das Kocka für unverzichtbar hält: die gesellschaftliche Kapitalismuskritik als Zivilisierungsmechanismus. Ein System, das die Kritik an sich selbst marginalisiert, verliert seinen wichtigsten Rückkopplungskanal.
Das ist die tiefste Spannung in Kockas Position: Er beschreibt Kapitalismuskritik als historisch notwendig für vernünftige Weiterentwicklung – und beobachtet gleichzeitig, wie die strukturellen Voraussetzungen dieser Kritik selbst erodieren.
Drei Ebenen notwendiger Ehrlichkeit
Kockas historisch fundierter Realismus ist keine falsche Position – er ist eine unvollständige. Er braucht drei Ergänzungen.
Erstens: Über die Natur moderner Büroarbeit. Ein erheblicher Teil dessen, was in Großorganisationen als Wissensarbeit gilt, ist regelkonformes Musterabarbeiten in definierten Prozessen. Das ist keine Abwertung der Menschen, die diese Arbeit leisten – es ist eine strukturelle Beschreibung, die Gorz bereits in den 1980er Jahren analytisch vorbereitet hat und die für das Verständnis der KI-Substitution zentral ist.
Zweitens: Über Kompensationsmechanismen. Die These, neue Tätigkeiten würden die wegfallenden ersetzen, ist historisch nicht falsch – aber sie ist keine Garantie und kein Automatismus. Die Frage ist nicht ob, sondern wann, für wen und zu welchen Bedingungen. Und sie ist keine rein ökonomische Frage.
Drittens: Über politische Instrumente. Die Debatte über Arbeitszeitverkürzung, Grundsicherungsmodelle und Qualifizierungsinfrastruktur ist keine ideologische – sie ist die sachliche Antwort auf ein strukturelles Problem, das sich aus der Logik des Rationalisierungsprojekts ergibt, nicht aus einem technologischen Unfall.
Kocka hat recht: Die Zukunft ist nicht naturgegeben, und Defätismus ist keine Antwort. Aber historischer Optimismus ohne strukturelle Diagnose ist auch keine.
Ralf Keuper
