Ulrike Herrmann will das Wachstum beenden — demokratisch, privatwirtschaftlich, ohne Diktatur. So die Selbstbeschreibung. Die Tiefenstruktur ihres Konzepts erzählt eine andere Geschichte: ein deterministisches Klimamodell, das keine Widerlegung duldet; eine Kriegswirtschaftsanalogie, die Konformität als Vernunft verkauft; und ein permanenter Ausnahmezustand, der normale demokratische Abwägungen strukturell außer Kraft setzt. Karl Popper hat dieses Muster als Holismus beschrieben, Ernest Gellner als Herrschaft der Wissensklasse — und Carl Schmitt, der dunkelste Zeuge dieser Analyse, hätte die Logik sofort wiedererkannt. Eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit einem Konzept, dessen Problematik nicht in seinen Absichten liegt, sondern in seiner Architektur.


Die Ausgangskonstellation

Ulrike Herrmann ist keine Randfigur des deutschen Wirtschaftsdiskurses. Als Wirtschaftsredakteurin der taz und Autorin mehrerer breit rezipierbarer Bücher hat sie eine Öffentlichkeit erreicht, die akademischen Wachstumskritikern in der Regel verschlossen bleibt. Ihr Argument ist dabei in seiner Struktur klar: Der Kapitalismus ist auf permanentes Wachstum angewiesen, erneuerbare Energien können dieses Wachstum nicht nachhaltig tragen, folglich ist ein aktiv gestaltetes „grünes Schrumpfen“ auf das Wohlstandsniveau der 1970er-Jahre die einzig rationale Antwort auf den Klimawandel. Die Leitinstanz dieses Übergangs soll eine „private Planwirtschaft“ nach dem Vorbild der britischen Kriegswirtschaft ab 1939 sein: Rationierung von Ressourcen, staatliche Steuerung von Rohstoffen und Arbeit, eine begrenzte Konsumfreiheit der Bürger.

Die Frage, die sich aus politikwissenschaftlicher und wissenschaftstheoretischer Perspektive stellt, ist nicht, ob Herrmanns Klimadiagnose im Einzelnen zutreffend ist, sondern welche Erkenntnisstruktur ihr Konzept trägt und welche institutionellen Dynamiken es freisetzt. Hierfür sind zwei intellektuelle Referenzrahmen besonders ertragreich: Karl Poppers Kritik am Historizismus und Utopismus sowie Ernest Gellners Analyse kollektivistischer Wissenseliten.


Poppers Warnung: Der Holist als Architekt des Unabwendbaren

In „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ und vor allem in „Das Elend des Historizismus“ hat Popper das erkenntnistheoretische Muster herausgearbeitet, das er als Holismus bezeichnet: die Überzeugung, gesellschaftliche Systeme als Ganzes nach einem vorausgedachten Plan umgestalten zu können. Der Holist beansprucht, die Richtung der Geschichte zu kennen, leitet daraus Handlungsimperative ab und rahmt Widerspruch als Ignoranz oder Böswilligkeit des Widerstreitenden.

Herrmanns Argumentationsstruktur folgt genau diesem Muster. Die Kernbehauptung – „historische Entkopplung von Wachstum und Emissionen ist unmöglich“ – wird nicht als Hypothese mit Falsifizierbarkeitsbedingungen formuliert, sondern als abgeschlossenes Wissensergebnis präsentiert. Technologische Alternativen wie Kernfusion, Effizienzgewinne oder noch nicht absehbare Innovationspfade werden systematisch als illusorisch abgetan, nicht weil entsprechende Belege vorlägen, sondern weil sie das Modell stören würden. Dies ist das klassische Muster, das Popper als unfalsifizierbare Prophetie beschrieben hat: Wer Szenarien, die das eigene Modell widerlegen könnten, ex ante als unrealistisch klassifiziert, schützt das Modell vor jeder empirischen Konfrontation.

Damit verbindet sich unmittelbar die Delegitimierungsdynamik, die Herrmanns Texten ihre eigentümliche Schärfe verleiht. Optimismus gegenüber technologischen Lösungen wird nicht als vertretbare alternative Hypothese behandelt, sondern als „Irrtum“, als Ausdruck kognitiver Schwäche oder interessengeleiteter Naivität. Diese rhetorische Struktur – das Angebot einer Diagnose, der nur Fehlinformierte oder Böswillige widersprechen – entspricht exakt dem, was Popper als die epistemische Intoleranz des utopischen Ingenieurs beschrieben hat. Kritik am Plan ist strukturell als Kritik am Guten selbst gerahmt.

Das Kriegswirtschaftsmodell von 1939 verschärft dieses Problem noch. Es handelt sich dabei nicht um ein Beispiel demokratisch ausgehandelter Transformation, sondern um ein historisches Ausnahmearrangement unter existenziellem äußerem Druck, in dem Bürger keine reale Alternative zur Konformität hatten. Dieses Beispiel als Blaupause für eine klimapolitisch induzierte Friedenswirtschaft zu wählen, setzt stillschweigend voraus, dass der Klimawandel die gleiche erzwungene Konformitätsbereitschaft legitimiert wie ein Weltkrieg – was genau die Frage ist, über die in einer offenen Gesellschaft gestritten werden müsste.


Gellners Diagnose: Die Wissensklasse als Sachwalter der Wahrheit

Ernest Gellner hat in verschiedenen Kontexten – besonders in „The Plough, the Sword and the Book“ – analysiert, wie moderne Gesellschaften Wissensklassen hervorbringen, die beanspruchen, kollektive Wahrheiten für die Masse zu verwalten. Diese Klassen verfügen über den Zugang zu Expertendiskursen, die für Laien schwer zugänglich sind, und leiten daraus eine Legitimation zur Definition gesellschaftlicher Ziele ab. Der Bürger als Entscheidungssubjekt tritt hinter den Experten zurück, der „weiß, was richtig ist“.

Herrmanns Konzept trägt diese Struktur in auffallend reiner Form. Die Rationierung von Konsum – keine Flugreisen, weniger Autos, Punktebudgets für individuelle Entscheidungen – ist in ihrer Logik nicht das Ergebnis eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses, sondern das Resultat einer Expertenerkenntnis, die dann durch Institutionen in Verhalten übersetzt werden soll. Dass die Bürger der Kriegswirtschaft ihre Rationierungen „freiwillig akzeptiert“ hätten, ist dabei eine problematische historische Vereinfachung: Freiwilligkeit unter Kriegsbedingungen ist keine Freiwilligkeit im Sinne individueller Präferenz, sondern Konformität unter strukturellem Zwang.

Der entscheidende Mechanismus, den Gellner beschreibt, ist die Ununterscheidbarkeit von Überzeugung und Konformität in planwirtschaftlichen Arrangements. Wo der Staat die Ressourcenallokation steuert, ist der Dissens gegen diese Steuerung nicht nur eine intellektuelle Position, sondern eine praktisch teure Option. Das „Demokratische“ an Herrmanns Modell löst sich genau dort auf, wo Alternativen zum Plan im Alltag faktisch nicht mehr wählbar sind, weil die Infrastruktur für sie nicht mehr existiert.


Die Radikalisierungslogik als Strukturproblem

Herrmanns intellektuelle Entwicklung von der Wachstumskritik (2010) über die Forderung nach Kriegswirtschaft (2022) bis zur geopolitischen Staatsinterventionspolitik (2026) folgt einer Eskalationslogik, die nicht primär als persönliche Radikalisierung zu deuten ist, sondern als strukturelle Konsequenz deterministischer Modellannahmen. Wer davon überzeugt ist, das Ende des Wachstums sei unvermeidbar und der Kollaps ohne geplante Steuerung noch unvermeidbarer, muss die Intensität der geforderten Maßnahmen mit jeder weiteren Klimanachricht steigern, die das Modell zu bestätigen scheint. Der Determinismus erzeugt seine eigene Eskalationsdynamik: Weil die Diagnose unveränderlich ist, müssen die Instrumente immer entschiedener werden.

Popper hat diesen Mechanismus am Beispiel marxistischer Planung beschrieben: Wenn der Plan die richtige Gesellschaft herbeiführen soll und die Gesellschaft dem Plan widersteht, muss der Widerstand gebrochen werden – nicht weil die Planer böse sind, sondern weil ihre Erkenntnisstruktur keine andere Konsequenz erlaubt. Herrmann ist keine Marxistin in einem strikten ideologischen Sinne, und es wäre unredlich, ihr persönliche totalitäre Absichten zu unterstellen. Aber ihre Argumentationsstruktur teilt das epistemische Muster: Eine als gesichert geltende Diagnose, daraus abgeleitete Maßnahmen, die Delegitimierung von Alternativen, und eine implizite Logik, nach der wachsender Widerstand wachsenden Zwang rechtfertigt.

Dies ist keine Prognose über Herrmann als Person, sondern eine Aussage über die institutionelle Dynamik, die solche Konzepte freisetzen, wenn sie politisch einflussreich werden. Die Geschichte planwirtschaftlicher Experimente – auch jenseits des Marxismus, von den interventionistischen Kriegswirtschaften über die Entwicklungsplanung der Nachkriegszeit bis zu industriepolitischen Großprojekten der Gegenwart – zeigt konsistent: Der Abstand zwischen dem angekündigten demokratischen Charakter des Plans und dem tatsächlichen Zwang, der zur Planumsetzung erforderlich wird, wächst mit der Komplexität des Regelungsgegenstands und der Resistenz der Realität gegen den Plan.


Die PR-Schere des Degrowth-Diskurses

Herrmanns Konzept weist eine charakteristische Schere zwischen institutioneller Selbstbeschreibung und operativer Logik auf. In der Selbstbeschreibung: demokratisch, privatwirtschaftlich, ohne Diktatur. In der operativen Logik: staatliche Steuerung von Ressourcen, Konsumrationierung, Delegitimierung technologischer Alternativen, Kriegswirtschaft als Modell. Diese Schere ist kein zufälliges Versehen, sondern eine strukturelle Notwendigkeit des Konzepts: Es muss demokratisch klingen, um Mehrheiten zu mobilisieren, und muss gleichzeitig die Unmöglichkeit individueller Abweichung implizieren, um wirksam zu sein.

Für eine offene Gesellschaft im Popperschen Sinne ist diese Kombination besonders problematisch. Offene Gesellschaften sind nicht dadurch definiert, dass sie keine kollektiven Entscheidungen treffen, sondern dadurch, dass sie die Revisierbarkeit von Entscheidungen institutionell sichern. Eine Wirtschaftsordnung, die auf „Schrumpfen“ programmiert ist und Alternativen strukturell ausschließt, ist genau das: nicht mehr revidierbar, ohne die Planung selbst infrage zu stellen. Der Plan wird zur Institution, die sich gegen Kritik immunisiert.


Der permanente Ausnahmezustand: Herrmann und die Schmitt-Frage

Die bisher entwickelte Kritik gewinnt eine zusätzliche, politisch brisante Dimension, wenn man Herrmanns Kriegswirtschaftsanalogie mit einem Begriff konfrontiert, den Carl Schmitt 1922 in seiner „Politischen Theologie“ formuliert hat: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Schmitt ist als Kronjurist des Nationalsozialismus eine historisch schwer belastete Figur, und der Verweis auf ihn ist kein rhetorisches Manöver, sondern analytische Notwendigkeit — denn sein Konzept des Ausnahmezustands beschreibt exakt die institutionelle Logik, die Herrmanns Modell strukturell freisetzt.

Dabei ist ausdrücklich festzuhalten: Es wird Ulrike Herrmann in keiner Weise unterstellt, Schmitts Denken bewusst zu folgen, seine Kategorien zu rezipieren oder mit seinen politischen Schlussfolgerungen zu sympathisieren. Herrmann steht politisch in einer Tradition, die Schmitt mit guten Gründen ablehnen würde. Die Parallele ist gerade deshalb analytisch aufschlussreich, weil sie keine bewusste Anleihe ist: Nicht ideologische Verwandtschaft erzeugt die Strukturähnlichkeit, sondern die innere Logik eines jeden Konzepts, das auf einem dauerhaften Ausnahmezustand als Legitimationsbasis aufgebaut ist. Die Schmitt’sche Struktur taucht hier nicht trotz, sondern wegen der demokratischen Absicht auf — sie ist der blinde Fleck des Modells, nicht sein Programm.

Der Ausnahmezustand ist bei Schmitt nicht der Sonderfall, der von der normalen Rechtsordnung abweicht. Er ist der Moment, in dem die Grundlagen der Rechtsordnung selbst sichtbar werden, weil jemand entscheiden muss, was gilt, wenn die bestehenden Normen nicht mehr ausreichen. Der Kriegszustand ist das Paradebeispiel: Die normalen Abwägungen zwischen individueller Freiheit, Marktentscheidung und staatlicher Regulierung werden außer Kraft gesetzt, weil die Existenz des Gemeinwesens auf dem Spiel steht. Wer die Existenzbedrohung definiert, definiert damit zugleich, wann die normalen Spielregeln suspendiert werden dürfen.

Herrmann übernimmt genau diese Struktur, ohne sie beim Namen zu nennen. Der Klimawandel wird in ihrer Argumentation nicht als ein Problem unter anderen behandelt, das politisch abgewogen und institutionell bearbeitet wird. Er wird als existenzielle Bedrohung der Zivilisation gerahmt – als ein Zustand, der mit den normalen Instrumenten einer Marktwirtschaft nicht mehr bewältigbar ist und deshalb die Suspension normaler ökonomischer Freiheiten rechtfertigt. Die Rationierung von Konsum, die staatliche Steuerung von Ressourcenallokation, die Begrenzung individueller Entscheidungsräume – das sind Maßnahmen, die in einer normalen Demokratie einer außerordentlichen Legitimation bedürfen. Das Klimanarrativ in seiner deterministischen Zuspitzung liefert genau diese Legitimation: permanenter Ausnahmezustand als Dauerzustand.

Hier liegt die eigentliche politikwissenschaftliche Brisanz des Konzepts. Giorgio Agamben hat in seiner Schmitt-Rezeption gezeigt, dass der Ausnahmezustand in modernen Gesellschaften dazu neigt, sich zu normalisieren: Was als temporäre Notstandsmaßnahme beginnt, verfestigt sich zur dauerhaften Regierungstechnik. Die Suspension der Normalordnung wird selbst zur Normalordnung. Herrmanns „private Planwirtschaft“ ist in dieser Lesart kein Kriegsmodus auf Zeit, sondern – wie sie selbst impliziert – eine neue, dauerhafte Wirtschaftsordnung, die aus einem nie endenden Klimanotstand ihre Legitimation bezieht.

Die institutionelle Gefahr dieser Konstruktion ist präzise benennbar: Wer den Ausnahmezustand definiert, bestimmt die Grenzen des Sagbaren. In Herrmanns Modell ist es die Expertenerkenntnis über Klimapfade, die entscheidet, welche Konsumentscheidungen, welche Wirtschaftsformen, welche Technologieoptionen noch zulässig sind. Die demokratische Deliberation findet formal statt, aber ihr Gegenstand ist bereits durch die als unabweisbar geltende Klimadiagnose vorstrukturiert. Wer die Diagnose bestreitet, bestreitet nicht eine politische Abwägung, sondern die Grundlage des gesamten Arrangements – und steht damit außerhalb des legitimen Diskurses. Das ist die Schmitt’sche Souveränitätsstruktur in klimapolitischer Verkleidung: nicht eine Person oder Institution, die den Ausnahmezustand ausruft, sondern ein Narrativ, das ihn als naturwissenschaftliche Tatsache darstellt und damit jeder demokratischen Revision entzieht.

An dieser Stelle offenbart Herrmanns Kriegsanalogie einen strukturellen Defekt, der über Schmitt hinausweist und das Modell in seiner eigenen Logik gefangen hält. Ein Krieg endet. Kapitulation, Waffenstillstand, Friedensvertrag — der Ausnahmezustand hat eine eingebaute Beendigungsbedingung. Mit dem Ende der Bedrohung entfällt die Legitimationsgrundlage für die Beschränkungen; die Rationierungen der britischen Kriegswirtschaft wurden 1945 nicht fortgeschrieben, weil der Grund für sie verschwunden war. Diese Endlichkeit ist keine Nebensächlichkeit, sondern das institutionelle Sicherheitsventil des klassischen Ausnahmezustands: Er ist temporär, weil seine Legitimation an ein definierbares Ereignis gebunden ist.

Beim Klimaausnahmezustand fehlt dieses Ventil strukturell. Das Klimaziel ist kein Punkt, der erreicht und festgestellt werden kann; es ist ein gleitender Maßstab, dessen Definition in den Händen derselben Expertenklasse liegt, die auch den Notstand ausgerufen hat. Sind die Emissionen gesunken, können die Anstrengungen als noch unzureichend bewertet werden — denn die Kipppunkte wurden verfehlt, die Restbudgets sind erschöpft, neue Modelle zeigen verschärfte Szenarien. Sind die Emissionen gestiegen, ist der Notstand ohnehin ungebrochen. In beiden Fällen ergibt sich kein Anlass, die Beschränkungen zurückzunehmen. Der Klimaausnahmezustand ist damit nicht nur dauerhaft, wie Agamben es für moderne Notstandsregimes beschrieben hat, sondern prinzipiell unabschließbar: Er trägt keine innere Logik des Endes, sondern eine innere Logik der permanenten Unzulänglichkeit.

Dies ist der entscheidende Unterschied zur britischen Kriegswirtschaft, den Herrmanns Analogie systematisch verdeckt. Churchill konnte 1945 sagen: Der Krieg ist gewonnen, die Einschränkungen fallen. Wer sagt im Klimaregime: Das Ziel ist erreicht, die Rationierung endet? Die Antwort ist: niemand, denn die Messlatte ist nicht fixiert, sondern wird von denjenigen verwaltet, die ein institutionelles Interesse an ihrer Fortschreibung haben. Das ist keine Verschwörungsthese, sondern eine schlichte Beschreibung der Anreizstruktur jedes Planungsapparats: Bürokratien, die im Ausnahmezustand entstehen, rechtfertigen ihre Existenz durch die Aufrechterhaltung des Ausnahmezustands.

Hinzu kommt ein Gesichtspunkt, der in der Debatte über Klimapolitik fast vollständig fehlt: die Frage, was mit der Expertokratie geschieht, wenn das Ziel — so weit es überhaupt je als erreicht gelten könnte — tatsächlich in Reichweite käme. Es wäre naiv anzunehmen, dass eine Klasse von Planern, Regulatoren und Sachverständigen, die über Jahre hinweg institutionelle Macht, Haushaltsmittel, gesellschaftliches Ansehen und normative Deutungshoheit akkumuliert hat, diese Position freiwillig und widerstandslos räumt, weil der ursprüngliche Notstandsgrund entfallen ist. Institutionen neigen zur Selbsterhaltung; das ist keine moralische Anklage, sondern eine organisationssoziologische Grundtatsache, die Weber ebenso beschrieben hat wie Michels in seinem Gesetz der Oligarchie. Die Expertenklasse des Klimaregimes würde — wie jede andere Bürokratie vor ihr — nach neuen Legitimationsgründen suchen, neue Gefährdungsszenarien definieren und neue Regulierungserfordernisse identifizieren, um den institutionellen Apparat zu rechtfertigen, den der Ausnahmezustand hervorgebracht hat. Der Übergang vom Klimanotstand zum nächsten Notstand wäre damit nicht das Ende des Ausnahmezustandsregimes, sondern seine Metamorphose.

Diese Überlegung vervollständigt die Schmitt’sche Diagnose: nicht die Entscheidung über den Beginn des Ausnahmezustands ist das eigentliche Souveränitätsproblem, sondern die Entscheidung über sein Ende — eine Entscheidung, die in einem Regime, das auf Expertokratie und gleitenden Zielmaßstäben beruht, strukturell niemand zu treffen bereit oder in der Lage ist.

Fazit: Analytische Konsequenzen

Die Stärke von Herrmanns Werk liegt in der Schärfe der Wachstumskritik und in der popularisierenden Kraft, mit der sie komplexe ökonomische Zusammenhänge zugänglich macht. Ihre Diagnose der strukturellen Wachstumsabhängigkeit des Kapitalismus enthält analytisch ernsthafte Elemente, die eine differenzierte Auseinandersetzung verdienen.

Die Schwäche liegt in der erkenntnistheoretischen Architektur des Lösungsvorschlags: deterministisch in der Diagnose, holistisch im Planungsanspruch, delegitimierend gegenüber Alternativen. Diese Kombination entspricht exakt dem Muster, vor dem Popper und Gellner aus sehr unterschiedlichen Perspektiven gewarnt haben. Nicht weil Herrmann persönlich Zwang anstrebt, sondern weil die Struktur ihres Konzepts, wenn es institutionell wirksam wird, Zwang als operative Konsequenz erzeugt.

Die relevante analytische Frage lautet daher nicht: Ist Herrmanns Klimadiagnose richtig oder falsch? Sondern: Welche institutionellen Arrangements folgen aus einem Konzept, das seine eigene Widerlegbarkeit strukturell ausschließt, Alternativen als Irrtümer klassifiziert und seinen Planungsanspruch durch die Struktur eines permanenten Ausnahmezustands absichert? Die Verbindung von Popperschem Historizismus, Gellnerscher Wissensklassen-Souveränität und Schmittscher Ausnahmezustandslogik ergibt kein zufälliges Konglomerat, sondern eine kohärente Tiefenstruktur: Das Modell ist so gebaut, dass es sich gegen Revision schützt — epistemisch durch den Determinismus, rhetorisch durch die Delegitimierung von Alternativen, institutionell durch den nie endenden Klimanotstand.

Diese Analyse ist unabhängig davon gültig, wie man zur Klimapolitik selbst steht. Sie ist umso dringlicher, je breiteren politischen Einfluss das Konzept gewinnt — denn Ideen, die in ihrer Struktur den Ausnahmezustand normalisieren, entfalten ihre institutionelle Wirkung lange bevor ihre Vertreter selbst daran erinnert werden, was diese Struktur historisch bedeutet hat.

Ralf Keuper 


Quellen:

Ulrike Herrmann – Primärwerke

Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht (2010) Westend Verlag, Frankfurt am Main — ISBN 978-3-938060-45-2 → Wikipedia-Eintrag (Bibliografie)

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können (2016) Westend Verlag, Frankfurt am Main — ISBN 978-3-86489-141-0 → Wikipedia-Eintrag (Bibliografie)

Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden (2022) Kiepenheuer & Witsch, Köln — ISBN 978-3-462-00255-3 → Verlagsseite KiWiPerlentaucher (Rezensionsübersicht)

Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet (2026) Kiepenheuer & Witsch, Köln — ISBN 978-3-462-00961-3 → Verlagsseite KiWiPerlentaucher (Rezensionsübersicht)

Ulrike Herrmann – Interviews, Debatten und Rezeption (Auswahl)

„Rettet uns die Planwirtschaft?“ – Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis (Mai 2024) Podiumsgespräch mit Matthias Schmelzer; Herrmann verteidigt Kriegswirtschaftsmodell und Rationierungslogik, bezeichnet sich ausdrücklich als Nicht-Ökosozialistin. → zeitschrift-luxemburg.de

„Überleben ohne Wachstum?“ – Surplus Magazin (Oktober 2025) Gespräch mit Matthias Schmelzer zur Degrowth-Debatte nach dem politischen Rückzug des Klimaschutzes aus der öffentlichen Diskussion. → surplusmagazin.de

„Überlebenswirtschaft in Zeiten der Klimakrise“ – SPICKER / MR fragt (Mai 2024) Interview im Anschluss an Podiumsdiskussion „Klimaschutz und Kapitalismus – ein Widerspruch?“; Herrmann zum Mehrheitsbedarf (80–90 %) für eine demokratische Planwirtschaft: „Das kann man nur einführen, wenn 80, 90 Prozent der Leute dafür sind.“ → spicker.mrg-online.de

„Es geht hier ums Überleben“ – Neue Zürcher Zeitung (Juni 2023) Ausführliches NZZ-Porträt; Herrmann zu konkreten Rationierungsszenarien (Kalorien, Mobilität) und zum Popularitätsproblem ihres Modells. → nzz.ch

„Klimaschutz im Kapitalismus: Grünes Wachstum ist nicht möglich“ – taz (Juli 2021) Streitgespräch mit Agora-Energiewende-Experte Patrick Graichen; frühe Formulierung der Entkopplungs-Unmöglichkeitsthese. → taz.de

„Ulrike Herrmann fordert Planwirtschaft ohne Verstaatlichung“ – Finanzmarktwelt (September 2022) Kritische Analyse des Kriegswirtschaftsmodells nach TV-Auftritt; Einordnung als „staatliche Planwirtschaft mit netter Verpackung“. → finanzmarktwelt.de

„Kriegswirtschaft für Klimaschutz?“ – Avenir Suisse / Lukas Rühli (Dezember 2023) Liberale Gegenkritik im Nachgang einer Podiumsdiskussion mit Herrmann; zu demokratietheoretischen Konsequenzen des Degrowth-Modells: „Kriegswirtschaft bedeutet in letzter Konsequenz auch Abschaffung demokratischer Grundwerte.“ → avenir-suisse.ch

„Degrowth Gegenargument: Umbauen statt schrumpfen“ – taz / Karl-Martin Hentschel (Februar 2023) Sachkritik an Herrmanns Annahmen zu erneuerbaren Energien und Alternativen zur Planwirtschaft. → taz.de

Verlagsinterview „Das Ende des Kapitalismus“ – Kiepenheuer & Witsch Herrmanns Selbstdarstellung des Kriegswirtschaftsmodells und der Rationierungslogik im Verlagskontext. → kiwi-verlag.de


Karl Popper – Referenzwerke

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945; dt. 1957/1958) Mohr Siebeck / UTB (aktuelle Ausgaben) → Wikipedia DEStanford Encyclopedia of Philosophy (engl.)

Das Elend des Historizismus (The Poverty of Historicism, 1957; dt. 1965) Mohr Siebeck / UTB → Wikipedia DE


Ernest Gellner – Referenzwerk

The Plough, the Sword and the Book. The Structure of Human History (1988) University of Chicago Press → Wikipedia ENWikipedia DE – Ernest Gellner


Carl Schmitt – Referenzwerk

Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität (1922) Duncker & Humblot, Berlin (aktuelle Auflage 2015) → Wikipedia DEWikipedia DE – Carl Schmitt


Giorgio Agamben – Referenzwerk

Ausnahmezustand (Stato di eccezione, 2003; dt. 2004) Suhrkamp, Frankfurt am Main — ISBN 978-3-518-12366-0 → Wikipedia DEWikipedia DE – Giorgio Agamben


Max Weber – Referenzwerk

Wirtschaft und Gesellschaft (postum 1922; Bürokratietheorie: Teil II, Kap. VI) Mohr Siebeck, Tübingen (Studienausgabe) → Wikipedia DE


Robert Michels – Referenzwerk

Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie (1911) Kröner, Stuttgart (Nachdruck) → Wikipedia DE – Michels‘ OligarchiegesetzWikipedia DE – Robert Michels