Das Centre for European Reform legt mit „China Shock 2.0″ eine der empirisch dichtesten Diagnosen der deutschen Industriekrise vor, die 2026 erschienen ist. Die Therapieempfehlung ist defensiv und ehrlich — doch sie scheitert an einem Widerspruch, den das Papier selbst liefert: Es dokumentiert minutiös, warum Berlin nicht handelt, und empfiehlt anschließend, Berlin möge handeln.


Sander Tordoir und Brad Setser haben mit ihrer kürzlich erschienenen Studie China shock 2.0 The cost of Germany’s complacency für das Centre for European Reform ein Papier vorgelegt, das in seiner empirischen Dichte kaum übertroffen wird. Die Kernthese ist scharf: Deutschland befindet sich im Zentrum eines zweiten China-Schocks, der den ersten in seiner strategischen Qualität weit übertrifft. Während der erste Schock nach dem WTO-Beitritt Chinas 2001 vor allem arbeitsintensive Standardgüter betraf — Möbel, Textil, Basis-Elektronik —, zielt der zweite auf den industriellen Kern der deutschen Exportwirtschaft: Automobil, Maschinenbau, Chemie, Kapitalgüter. Was auf dem Spiel steht, ist diesmal nicht die Peripherie, sondern das Modell selbst.

Die empirischen Belege sind bemerkenswert. Chinas Exportvolumen wuchs 2025 mit mehr als doppelter Geschwindigkeit des Welthandels; im ersten Quartal 2026 lag das Wachstum bei 15 Prozent. Deutsche Exporte nach China sind als Anteil am BIP seit 2021 um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Der kumulierte Wachstumsverlust durch sinkende Nettoexporte beläuft sich seit 2023 auf rund drei Prozent des deutschen BIPs. Rund 400.000 exportabhängige Arbeitsplätze gelten als verloren. Besonders aufschlussreich ist die Währungsanalyse: Setser, der profilierteste englischsprachige Analytiker chinesischer Zahlungsbilanzverzerrungen, legt dar, dass der Renminbi nach IMF-Schätzungen um 16 Prozent, nach korrigierter Methodik möglicherweise um bis zu 30 Prozent unterbewertet ist. Eine so dimensionierte Unterbewertung ist kein konjunkturelles Phänomen, sondern strukturelle Industriepolitik mit anderen Mitteln.

Das analytisch wichtigste Argument ist der Vorschlag eines „European 301″ — eines europäischen Instruments analog zu Section 301 des amerikanischen Trade Act von 1974, das nicht firmenbezogene Subventionsnachweise erfordert, sondern auf systemische Verzerrungen wie Währungsmanipulation und strukturell unterdrückte Binnennachfrage reagieren kann. Das wäre eine institutionelle Innovation, die über das bisherige produktspezifische Handelsinstrumentarium deutlich hinausgeht. Die „leaky bucket“-Kritik der EU-Zollpolitik — EV-Zölle wurden durch Verlagerung auf Hybridfahrzeuge umgangen, deren Exporte 2025 um 155 Prozent stiegen — ist empirisch präzise und zeigt, warum ein produktspezifisches Instrument gegenüber einem wirtschaftsweiten Surplus strukturell überfordert ist.

Chinas Exportüberschuss ist kein produktspezifisches Phänomen. Er ist Ausdruck eines tief verankerten gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichts: einer strukturell unterdrückten Binnennachfrage, die aus dem schwachen sozialen Sicherungsnetz und der hohen Vorsichtssparquote der Haushalte resultiert; einer bewussten staatlichen Politik der Überkapazitätsförderung, die Produktion auf Exportmärkte umleitet, die der Heimatmarkt nicht absorbiert; und einer Währung, die nach Setsers Analyse um bis zu 30 Prozent unterbewertet ist und damit jeden chinesischen Export mit einem dauerhaften Preisbonus versieht. Dieser Überschuss sucht sich Exportkanäle — nicht weil chinesische Firmen in einem bestimmten Sektor besonders aggressiv wären, sondern weil die gesamtwirtschaftliche Konfiguration Exportdruck erzeugt, der irgendwo abfließen muss. Wer einen Kanal mit einem Zoll versperrt, öffnet den nächsten. Zölle auf Elektroautos — Hybride. Zölle auf Solarmodule — Wechselrichter und Batteriezellen. Zölle auf Stahl — Aluminiumprofile und Vorprodukte. Das Muster ist nicht zufällig, sondern systemisch.

Ein produktspezifisches Handelsinstrument ist gegenüber diesem Mechanismus strukturell überfordert, weil es auf Symptomebene ansetzt, während die Ursache auf makroökonomischer Ebene liegt. Genau deshalb ist der Vorschlag eines „European 301″ der analytisch interessanteste Teil des Papiers. Eine kohärente europäische Antwort müsste auf drei Ebenen ansetzen.

Die erste und systemkonsistenteste wäre eine währungsbasierte Ausgleichsabgabe: Die EU bestimmt die Renminbi-Unterbewertung nach unabhängiger Methodik — Setser liefert dafür den Berechnungsrahmen — und leitet daraus einen Ausgleichszoll ab, der nicht auf einzelne Produkte, sondern auf chinesische Industrieexporte insgesamt angewendet wird. Die USA haben diesen Weg unter Trump ansatzweise beschritten, indem das Handelsministerium Währungsmanipulation als subventionsäquivalent behandelte. Für die EU wäre das rechtliches Neuland, aber nicht grundsätzlich unvereinbar mit dem WTO-Subventionsrecht, wenn die Währungspolitik als „financial contribution“ konstruiert wird.

Die zweite Ebene sind verbindliche Lokalinhaltsanforderungen auf EU-Ebene — nicht als nationale Ermessensentscheidung, sondern als auf EU-Ebene verbindliche Anforderung ohne Ausnahmevorbehalt für öffentliche Beschaffung und steuerlich begünstigte Unternehmensausgaben. Die IAA-Schwellen von 70 Prozent Lokalanteil für Fahrzeuge und 50 Prozent für kritische Komponenten sind das Modell. China selbst hat nie ein importiertes Fahrzeug für staatliche EV-Förderung zugelassen — eine symmetrische europäische Politik stünde auf solider WTO-Grundlage.

Die dritte Ebene ist die politisch unmittelbar gangbarste: Versorgungsdiversifizierung für kritische Mineralien und Seltene Erden durch strategische Partnerschaften mit Australien, Kanada, Marokko — nicht um chinesische Importe zu ersetzen, sondern um Klumpenrisiken zu reduzieren. China hat vorgeführt, was Monopolkontrolle über Gallium und Germanium bedeutet; dasselbe droht bei Lithium-Raffinierung und Batteriechemikalien.

Die drei Ebenen bilden eine in sich kohärente Architektur. Das Problem ist nicht ihre technische Konstruierbarkeit — es ist die politische Trägerfrage. Ebene eins erfordert europäische Einigkeit, die Deutschland historisch blockiert hat. Ebene zwei erfordert, dass Berlin sein Exportindustrielobbying überwindet. Nur Ebene drei ist ohne diese Bedingungen umsetzbar — und sie allein reicht nicht. Die Instrumente sind denkbar; ihre Umsetzung scheitert an genau der politischen Struktur, die das Papier als Ursache des Problems beschreibt.

Was das Papier empfiehlt

Tordoir und Setser empfehlen im Wesentlichen drei Dinge: erstens Handelsinstrumente, die auf systemische Verzerrungen statt auf einzelne Produkte zielen; zweitens den konsequenten Einsatz der neuen EU-Industriebeschleunigungsverordnung (IAA) mit ihren lokalen Inhaltsanforderungen — 70 Prozent Lokalanteil für europäische Fahrzeuge, 50 Prozent für kritische Komponenten; drittens die Sicherung alternativer Bezugsquellen für kritische Mineralien und Seltene Erden, bei denen China faktische Monopolstellung über die Raffination hält. Das ist kein Aufbauprogramm für neue Champions, sondern eine Schutzarchitektur für bestehende industrielle Fähigkeiten.

Die Autoren sind sich des Risikos bewusst. Sie schreiben explizit: Ohne Schutz werde Deutschland keine schumpeterianische kreative Zerstörung erleben, sondern schlichte Deindustrialisierung — Fabriken schließen, Fähigkeiten verschwinden, die hochproduktive Nachfolge kommt nie. Der Verweis auf ASML dient nicht als Wachstumsvision, sondern als Warnung: Was beim Niedergang von Philips möglich war — Schlüsselteile des Ökosystems blieben in räumlicher Nähe, hatten Zeit zur Rekombination, wurden staatlich mitfinanziert —, ist keine Naturgesetzlichkeit, sondern das Ergebnis einer spezifischen institutionellen Konstellation.

Das Complacency-Problem

So präzise die Diagnose, so unvollständig die Erklärung des politischen Versagens. Das Papier rahmt Deutschlands Zögern durchgängig als „Complacency“ — als kognitive Selbstzufriedenheit, die zu lange auf „Wandel durch Handel“ vertraute. Das ist eine moralisierende Erzählung, keine strukturelle Analyse.

Die tiefere Antwort ist interessenstrukturell. BDI-Mitglieder, Volkswagen, BASF, Siemens — sie alle hatten bis mindestens 2022 aktiv und profitabel von der China-Abhängigkeit gezehrt. Berlins Nicht-Handeln war weniger ein Wahrnehmungsversagen als ein interessengesteuertes Kalkulationsergebnis: Solange die Gewinne aus dem China-Geschäft die Risiken überwogen, bestand aus Sicht der entscheidenden Akteure kein Handlungsbedarf. Max Weber hätte das Interessenkongruenz genannt; nicht Complacency, sondern rationale Interessenpolitik im Rahmen einer eingespielten institutionellen Konfiguration.

Das ist keine Kleinigkeit. Denn die Therapieempfehlung — stärkere Handelsinstrumente, konsequente Buy-European-Politik — setzt genau jene politische Handlungsfähigkeit voraus, deren Abwesenheit die Diagnose erklärt.

Der Widerspruch, den das Papier selbst liefert

Hier liegt der eigentliche blinde Fleck — und das Papier liefert das Material dafür selbst. Im Oktober 2025 beschloss die deutsche Regierungskoalition ein Drei-Milliarden-Euro-Förderprogramm für Elektrofahrzeuge für einkommensschwache Haushalte — versehen mit einer Buy-European-Klausel. Als die Maßnahme 2026 angekündigt wurde, war die Klausel verschwunden. Der zuständige Minister betonte stattdessen, er fürchte China nicht; die Deutschen würden ohnehin lokal kaufen.

Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster. Das Papier dokumentiert diesen Vorgang als Beleg für strategische Kurzsichtigkeit — und empfiehlt anschließend, Deutschland möge beim IAA-Prozess und bei europäischen Handelsinstrumenten mehr Führung übernehmen. Mintzberg würde das als „rationalistic fallacy“ bezeichnen: die Annahme, dass bessere Argumente politisches Verhalten verändern, obwohl das Verhalten aus einer Interessenstruktur folgt, die durch Argumente nicht berührt wird.

Selbst das ASML-Argument schneidet in diese Richtung. Das Papier hält fest, dass es entscheidend war, dass die Schlüsselteile des niederländischen Ökosystems Zeit hatten, sich neu zu kombinieren, und dass die Behörden diesen Prozess aktiv stützten — rund die Hälfte von ASMLs frühem F&E-Budget kam aus öffentlichen Mitteln. Genau das ist die offene Frage für Deutschland: ob die Zeit noch vorhanden ist. Im deutschen Automobil-Zulieferökosystem kollabieren Kapazitäten schnell — nicht graduell wie bei Philips über zwei Jahrzehnte, sondern beschleunigt durch das Zusammentreffen von Nachfrageeinbruch in China, Technologieumbruch und Kostendruck. Die ASML-Analogie setzt die Bedingung voraus, die gerade nicht erfüllt ist.

Defensive Strategie ohne politischen Träger

Was bleibt, ist ein strukturell ehrliches Papier, das eine defensive Schutzarchitektur empfiehlt — und dessen zentrales Problem darin besteht, dass es keinen plausiblen politischen Träger für diese Architektur identifiziert.

Die EU verfügt tatsächlich über eine genuine Defensivoption, die anderen Wirtschaftsräumen fehlt: Regulierungsmacht. DSGVO, KI-Verordnung, Carbon Border Adjustment Mechanism, lokale Inhaltsanforderungen — das ist ein spezifischer Typ von Marktzugangsbarriere, den Tordoir und Setser zu Recht als Hebel benennen. Jedes Unternehmen, das in Europa verkaufen will, muss durch diesen Filter. Das ist ein echter Burggraben — aber nur, solange der europäische Markt groß genug bleibt, um den Anpassungsaufwand für externe Anbieter zu rechtfertigen, und solange die politische Kohärenz innerhalb der EU hält.

Genau diese Kohärenz ist das strukturelle Problem. Das Papier beschreibt, wie Deutschland die IAA auf Kommissionsebene verwässert, wie Buy-European-Klauseln in nationalen Förderprogrammen verschwinden, wie Volkswagen für seine chinesische Produktion lobbyiert. Das sind keine Ausnahmen; das ist das Funktionsprinzip der gegenwärtigen deutschen Industriepolitik. Adrian Slywotzky hat gezeigt, dass Wert migriert — und dass Unternehmen und politische Systeme, die in der Abflussphase stecken, dazu neigen, die Signale zu spät zu lesen, weil die bestehenden Interessenkoalitionen die Anpassung blockieren. Das CER-Papier liest die Signale richtig. Es erklärt nur nicht, warum die Blockade diesmal anders enden sollte.

Ralf Keuper