Vor fast sechzig Jahren beschrieben zwei Soziologen, wie Institutionen entstehen, sich verfestigen und ihre eigene Herkunft vergessen. Was damals als akademische Wissenssoziologie galt, liest sich heute wie eine Theorie des institutioneller Dsyfunktionalitäten.


Es gibt Bücher, die ihre eigentliche Leserschaft nie gefunden haben. Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“, 1966 in den USA erschienen, 1969 auf Deutsch, gehört dazu. In der Soziologie wurde es ein Standardwerk – zitiert, kanonisiert, in Seminaren gelehrt. In der Wirtschafts- und Organisationsanalyse blieb es weitgehend unbeachtet. Das ist erstaunlich, denn die Fragen, die Berger und Luckmann stellen, sind genau die Fragen, die sich aufdrängen, wenn man beobachtet, wie große Institutionen – Unternehmen, Verbände, staatliche Einrichtungen, Industriekonsortien – an Aufgaben scheitern, die sie selbst für lösbar erklärt haben.

Die Leitfrage des Buches ist einfach: Wie kommt es, dass die Welt, in der Menschen leben und handeln, ihnen als objektive Realität erscheint, obwohl sie von Menschen selbst gemacht ist? Berger und Luckmann interessieren sich nicht für Lügen, Täuschungen oder Propaganda. Sie interessieren sich für etwas Subtileres: den Prozess, durch den das Gemachte aufhört, als gemacht erkennbar zu sein – und beginnt, wie Natur auszusehen.

Dieser Prozess, so ihre These, ist nicht das Ergebnis von Böswilligkeit oder Dummheit. Er ist strukturell. Er ist die unvermeidliche Begleiterscheinung jeder Form menschlicher Vergemeinschaftung. Und er ist der Grund, warum Institutionen so schwer zu verändern sind – auch dann, wenn ihre Dysfunktionalität offensichtlich ist.

Wie Gewohnheit zur Wirklichkeit wird

Berger und Luckmann beginnen beim Elementarsten: der menschlichen Handlung. Anders als das Tier, das durch Instinkte auf seine Umwelt reagiert, muss der Mensch seine Handlungssicherheit erst herstellen. Er tut das durch Wiederholung. Was einmal als bewusste, aufmerksamkeitsintensive Handlung begann, wird durch Wiederholung zur Routine – und Routine bedeutet Entlastung. Man muss nicht jedes Mal neu entscheiden, wie man etwas tut. Man tut es einfach.

Das klingt trivial. Es ist es nicht. Denn mit der Entlastung geht eine Verengung einher: Was routinisiert ist, tritt aus dem Bereich des Befragbaren heraus. Es gehört nicht mehr zur Welt der Optionen, sondern zur Welt der Selbstverständlichkeiten. Berger und Luckmann nennen diesen Vorgang Habitualisierung – und sie betonen, dass er die Voraussetzung für jede höhere Form menschlicher Praxis ist. Ohne Habitualisierung keine Kultur, keine Institution, keine Wissenschaft. Der Preis ist die schrittweise Unsichtbarkeit der eigenen Grundlagen.
Was auf der Ebene des Individuums gilt, gilt erst recht auf der Ebene der Organisation.

Unternehmen, Behörden, Verbände – sie alle akkumulieren über Jahrzehnte Routinen, die irgendwann nicht mehr als Routinen wahrgenommen werden, sondern als Kompetenz, als Erfahrung, als institutionelles Gedächtnis. Der Unterschied zwischen einer Routine, die funktioniert, und einer Routine, die nur noch funktioniert, weil niemand fragt, ob sie es noch sollte, ist von innen kaum zu erkennen. Er wird meist erst von außen sichtbar – wenn die Umwelt sich verändert hat und die Routine ins Leere läuft.

Der entscheidende Generationensprung

Habitualisierung erklärt, wie Routinen entstehen. Institutionalisierung erklärt, wie sie sich verfestigen und auf andere übertragen. Berger und Luckmann beschreiben hier einen Vorgang, den man den Generationensprung nennen könnte: Handlungsmuster, die von A und B gemeinsam entwickelt wurden, werden an C weitergegeben – und erscheinen C als vorgegebene Wirklichkeit.

Das ist der entscheidende Moment. A und B wissen noch, dass sie eine Entscheidung getroffen haben. Sie erinnern sich an die Alternativen, die es damals gab. Sie könnten, wenn nötig, anders entscheiden. C nicht. Für C ist das, was A und B einmal konstruiert haben, einfach die Art, wie die Dinge sind. Die Kontingenz, die Offenheit, die dem Ursprung innewohnte, ist verschwunden. Was bleibt, ist eine Ordnung, die sich nicht mehr als Ordnung zu erkennen gibt – sondern als Realität.

Berger und Luckmann formulieren das mit einer Präzision, die nichts von ihrer Schärfe verloren hat: Institutionen entwickeln eine Tendenz zur Dauerhaftigkeit, die über die ursprünglichen Absichten ihrer Gründer weit hinausgeht. Sie beginnen, sich selbst zu reproduzieren – nicht weil jemand das so wollte, sondern weil der Mechanismus der Weitergabe selbst eine Stabilisierungskraft entfaltet. Die Institution verewigt sich, indem sie in jeder neuen Generation als Selbstverständlichkeit auftritt.

Das ist keine Schwäche von Institutionen – es ist ihre Stärke. Stabilität, Verlässlichkeit, Kontinuität: das sind echte Leistungen, die institutionelle Ordnung erbringt. Das Problem beginnt erst dort, wo diese Stabilisierungskraft stärker wird als die Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Wo die Institution nicht mehr weiß, dass sie einmal anders hätte sein können – und deshalb nicht mehr fragen kann, ob sie anders sein sollte.

Das Vergessen der eigenen Herkunft

Berger und Luckmann beschreiben einen dritten Prozess, den sie Verdinglichung nennen, und er ist der radikalste von allen. Verdinglichung bezeichnet den Zustand, in dem die gesellschaftlich konstruierte Welt ihre menschliche Herkunft vollständig verleugnet: Das von Menschen Gemachte erscheint als Naturgegebenheit, das Kontingente als notwendig, das Veränderbare als unveränderlich. Der Mensch, formulieren Berger und Luckmann, vergisst seine eigene Urheberschaft des Menschenwerks.

Was das bedeutet, lässt sich an einem scheinbar kleinen sprachlichen Phänomen ablesen: der Passivkonstruktion in institutioneller Kommunikation. „Stellen müssen abgebaut werden.“ „Standorte können nicht gehalten werden.“ „Strukturen müssen angepasst werden.“ Das Agens – derjenige, der entscheidet, handelt, verantwortet – ist sprachlich eliminiert. Übrig bleibt die Sachzwangstruktur: eine Welt, in der Dinge geschehen, nicht eine Welt, in der Menschen Entscheidungen treffen.

Das ist nicht immer strategisch. Manchmal ist es das Ergebnis echter Ratlosigkeit: Akteure, die in stark verdinglichter institutioneller Realität sozialisiert wurden, sehen die Sachzwänge tatsächlich – weil sie die Konstruiertheit der dahinterliegenden Entscheidungen nie erfahren haben. Aber oft ist es strategisch: Verdinglichungsrhetorik ist ein mächtiges Instrument der Verantwortungsdiffusion. Wer sagt, „die Märkte zwingen uns dazu“, muss keine Rechenschaft darüber ablegen, dass er selbst es ist, der entscheidet.

Für die Analyse zeitgenössischer Organisationen – ob Industriekonzerne, Digitalplattformen oder staatliche Institutionen – ist dieser Gedanke von erheblicher Reichweite. Er macht sichtbar, dass die Rede von Alternativlosigkeit fast immer eine interessegebundene Konstruktion ist: Sie präsentiert als Natur, was das Ergebnis von Entscheidungen ist, die zu bestimmten Zeitpunkten von bestimmten Akteuren mit bestimmten Interessen getroffen wurden.

Warum Institutionen ihre Legitimation nicht verlieren wollen

Institutionen, die sich verselbständigt haben, brauchen Rechtfertigung. Berger und Luckmann nennen das Legitimation – und sie meinen damit nicht rechtliche Zulässigkeit, sondern den gesamten Apparat symbolischer Sinngebung, der eine Institution gegen Infragestellung absichert. Legitimitätserzählungen erklären, warum eine Institution existiert, was sie leistet, warum ihre Fortführung im allgemeinen Interesse liegt – und warum Kritik an ihr entweder unbegründet, uninformiert oder destruktiv ist.

Der Befund Berger und Luckmanns ist in seiner Nüchternheit bemerkenswert: Legitimationstheorien sind immer auch Teil der Geschichte, die sie beschreiben. Sie sind nicht neutrale Deutungsangebote – sie sind interessegebundene Konstruktionen, die bestimmte Aspekte der institutionellen Realität hervorheben und andere unsichtbar halten. Wer die symbolischen Sinnwelten einer Institution kontrolliert, kontrolliert die Bedingungen, unter denen sie kritisierbar ist.

Das erklärt ein Phänomen, das in der deutschen Wirtschaft der letzten zwei Jahrzehnte regelmäßig zu beobachten war: die Entkopplung von institutioneller Kommunikationsintensität und operativer Substanz. Wenn Initiativen, die kaum über konzeptionelle Entwürfe hinausgekommen sind, mit dem Aufwand großer Transformationsprojekte kommuniziert werden; wenn gescheiterte Digitalprojekte in Abschlussberichten als Grundlage für zukünftige Erfolge gerahmt werden; wenn Verluste als strategische Investitionen erscheinen – dann ist das, in der Sprache Berger und Luckmanns, Legitimationsarbeit in Reinform: die fortlaufende Herstellung einer institutionellen Wirklichkeit durch kommunikative Verdinglichung.

Die Aktualität einer unbequemen Theorie

Berger und Luckmann schrieben ihr Buch in den frühen 1960er Jahren, in einer Welt stabiler Nachkriegsinstitutionen, hoher Organisationsloyalität und langsamen strukturellen Wandels. Ihre Theorie war, in gewisser Hinsicht, eine Theorie für eine Welt, in der Institutionen zu mächtig wurden – zu selbstverständlich, zu unantastbar, zu naturwüchsig.
Die Gegenwart scheint auf den ersten Blick das Gegenteil zu sein: eine Welt beschleunigten Wandels, in der Institutionen unter permanentem Anpassungsdruck stehen, in der Disruption zum Normalzustand geworden ist. Man könnte meinen, Berger und Luckmann seien damit überholt: Wer von Verdinglichung spricht, wenn doch alles im Fluss ist?

Aber das wäre ein Irrtum. Die Beschleunigung des Wandels hat die institutionellen Beharrungskräfte nicht aufgelöst – sie hat die Diskrepanz zwischen ihnen und der Umwelt nur vergrößert. Genau deshalb sind die Dysfunktionalitäten heute so sichtbar. Die deutschen Automobilkonzerne haben nicht deshalb Schwierigkeiten, weil sie zu langsam reformieren wollten – sie haben Schwierigkeiten, weil habitualisierte Wahrnehmungsmuster und institutionalisierte Routinen den Raum möglicher Reaktionen strukturell eingeschränkt haben, lange bevor Reformwille überhaupt zum Thema werden konnte. Die deutschen Digitalkonsor­tien sind nicht deshalb gescheitert, weil schlechte Menschen schlechte Entscheidungen getroffen haben – sie sind gescheitert, weil die institutionellen Mechanismen der Selbstreproduktion stärker waren als die ursprünglichen Aufgabendefinitionen.

Berger und Luckmann liefern dafür nicht die einzige, aber eine besonders klarsichtige Erklärung: Institutionelles Versagen ist in seinem Kern ein wissenssoziologisches Problem. Es ist die Folge davon, dass Akteure in einer konstruierten Wirklichkeit handeln, die sie für Natur halten. Nicht der schlechte Wille ist das eigentliche Problem – sondern die gute Gewissheit: die Überzeugung, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist, obwohl man nur sieht, wie man sie sehen gelernt hat.

Das ist unbequem. Es lässt sich schwer in Quartalsbericht und Strategiepräsentation übersetzen. Aber es ist präzise. Und Präzision ist der Anfang von Verstehen.

Ralf Keuper


Quelle: 

Peter L. Berger / Thomas Luckmann: „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie.“ Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main. Erstmals erschienen 1969 (amerikanische Originalausgabe 1966).