Volkswagen wollte mit Cariad beweisen, dass ein Automobilkonzern zur Softwareorganisation werden kann – durch Kapital, Köpfe und Entschlossenheit. Was dabei übersehen wurde, lässt sich mit drei Klassikern der Organisationstheorie präzise beschreiben: Henderson und Clark erklären, warum Komponentenexzellenz nicht in Architekturkompetenz transferierbar ist. Chandler zeigt, wie eine Struktur ohne strategische Grundlage zum institutionellen Selbstläufer wird. Und Frederick Brooks hatte bereits 1975 vorhergesagt, was passiert, wenn man verspätete Softwareprojekte mit mehr Entwicklern zu retten versucht. Cariad ist das Lehrbuchbeispiel für alle drei Fehler gleichzeitig.


I. Die Ausgangskonstellation

Als Volkswagen im Jahr 2020 die Car.Software Organisation gründete – später umbenannt in Cariad – war die strategische Botschaft eindeutig: Der Konzern werde sich vom Automobilhersteller zum softwaregetriebenen Mobilitätsanbieter transformieren. Herbert Diess, architektonischer Kopf dieser Neuausrichtung, formulierte das Ziel unverblümt: VW solle im Softwarebereich an die Weltspitze. 35 Milliarden Euro Investition bis 2026, 5.000 Entwickler, eine einheitliche Plattform für alle Konzernmarken – von Škoda bis Porsche.

Fünf Jahre später ist die Bilanz ernüchternd. Cariad existiert noch, aber als organisatorische Hülle ohne strategischen Kern. Die Eigenentwicklung ist weitgehend eingestellt. Die Rolle: Integrator externer Partner. Rivian liefert die Softwarearchitektur für Nordamerika, Xpeng für China. Rund 2.000 Stellen werden abgebaut. Die Verzögerungen beim Porsche Macan und Audi Q6 e-tron – beide zwei Jahre zu spät – sind nur die sichtbarsten Symptome eines tieferliegenden Kompetenzversagens.

Was ist hier eigentlich gescheitert? Nicht ein Projekt. Eine Theorie.


II. Henderson/Clark: Der unsichtbare Graben

Rebecca Henderson und Kim Clark haben 1990 in ihrer Analyse der Fotolithographie-Industrie ein Konzept eingeführt, das für den Fall Cariad diagnostisch präzise ist: die Unterscheidung zwischen Komponentenwissen und Architekturwissen.

Komponentenwissen bezeichnet das Wissen über einzelne Bausteine eines Systems – ihre Funktion, ihre Optimierung, ihre Herstellung. Architekturwissen bezeichnet das Wissen darüber, wie diese Komponenten miteinander verknüpft sind, wie das Gesamtsystem funktioniert, welche Schnittstellen systemisch kritisch sind. Die entscheidende Beobachtung von Henderson und Clark: Unternehmen können in Komponentenwissen exzellent sein und dennoch scheitern, wenn sich die Architektur des Systems grundlegend verändert – weil das neue Architekturwissen in alten Organisationsstrukturen und Kommunikationskanälen unsichtbar bleibt.

Cariad ist ein Lehrbuchfall dieser Konstellation. Volkswagen besaß über Jahrzehnte tiefes Komponentenwissen: Motorsteuergeräte, Fahrerassistenzsysteme, Infotainment-Einheiten. Dieses Wissen war in spezi…