Andy Groves „Nur die Paranoiden überleben“ ist ein Standardwerk über strategische Transformation. Der ehemalige Intel-CEO beschrieb 1996, wie sein Unternehmen den schmerzhaften Ausstieg aus dem Speichergeschäft meisterte und zum Mikroprozessor-Giganten wurde. Die Ironie der Wirtschaftsgeschichte: Intel ignorierte unter Groves Nachfolgern systematisch alle Prinzipien, die er kodifiziert hatte. Der verpasste Sprung zu GPUs und KI illustriert ein fundamentales Problem organisatorischer Transformation – erfolgreiche Neuausrichtung schafft neue Pfadabhängigkeiten, die die nächste Disruption verhindern. Intels Niedergang ist die präzise Umkehrung von Groves Erfolgsrezept, ausgeführt mit derselben Konsequenz wie einst der Speicher-Exit. Eine Fallstudie über institutionelles Vergessen.
Die paradoxe Ignoranz: Wenn Lehrbücher zu Makulatur werden
Im Sommer 1985 saß Andy Grove, damaliger Präsident von Intel, mit Chairman Gordon Moore in seinem Büro und rang mit einer existenziellen Frage. Das Speichergeschäft, Intels Gründungsidentität, blutete aus. Japanische Hersteller hatten den Weltmarkt erobert – mit besserer Qualität, niedrigeren Preisen und scheinbar unbegrenztem Kapital. Grove erinnert sich an den entscheidenden Dialog: „Wenn der Aufsichtsrat uns entlassen und einen neuen Vorstandsvorsitzenden ernennen würde, was würde der voraussichtlich tun?“ Moore antwortete ohne zu zögern: „Er würde das Speichergeschäft einstellen.“ Groves Reaktion: „Warum sollten wir es nicht selbst tun?“
Diese Szene wurde zum Gründungsmythos moderner Strategielehre. Grove kodifizierte die Erfahrung 1996 in „Nur die Paranoiden überleben“ – ein Handbuch zur Navigation durch strategische Wendepunkte, jene Momente, in denen sich „das Gleichgewicht der Bestimmungsfaktoren für die Wettbewerbsfähigkeit von der alten Struktur zu einer neuen“ verschiebt. Das Buch liest sich heute wie eine Anklageschrift gegen das Intel der Jahre 2010 bis 2024. Jedes Prinzip, das Grove formulierte, wurde von seinen Nachfolgern mit geradezu methodischer Präzision missachtet. Der verpasste Sprung zu GPUs und künstlicher Intelligenz ist nicht bloß ein strategischer Fehler – es ist die systematische Umkehrung der eigenen Erfolgsformel.
Symptome eines strategischen Wendepunkts – damals erkannt, heute ignoriert
Grove beschrieb die frühen Anzeichen struktureller Verschiebungen mit bemerkenswerter Klarheit: „Zuerst hat man das beunruhigende Gefühl, dass etwas anders ist. Dinge funktionieren nicht mehr so wie bisher.“ Bei Intel der 1980er Jahre waren es die „Gruselgeschichten“ von Japan-Reisenden – riesige Entwicklungsgebäude, jedes Stockwerk eine neue Speichergeneration. Bei Intel der 2010er Jahre waren es CUDAs Dominanz im wissenschaftlichen Computing, AlphaGos Sieg 2016, die explodierende Nachfrage nach GPUs für maschinelles Lernen. Die Struktur des Signals war identisch, nur das Vorzeichen hatte sich gedreht.
Grove warnte vor einer spezifischen Pathologie: „Es gibt eine zunehmende Dissonanz zwischen dem, was das Unternehmen nach Auffassung der Unternehmensleitung tut, und dem, was tatsächlich im Innern des Unternehmens abläuft.“ Intel perfektionierte dieses Muster: 2017 verkündete man &…
