“Open – Die Geschichte des menschlichen Fortschritts” von Johan Norberg

Von Ralf Keuper

Der offene Austausch von Wissen und die Bereitschaft, mit Fremden zu kooperieren, ist für den Publizisten Johan Norberg der Schlüssel für wachsenden Wohlstand und technologischen Fortschritt. Gesellschaften, die versucht haben, sich gegenüber der Außenwelt abzuschließen, um ihre Wirtschaft und ihre kulturelle Identität zu schützen, wie China in der Vormoderne, mussten die Erfahrung machen, an den Rand gedrängt zu werden. Ohne Offenheit für Neues und das Unvorhersehbare gerät eine Zivilisation auf den absteigenden Ast, war sie bis dahin auch noch so innovativ.

Gesellschaften, in denen sich Märkte herausgebildet hatten, waren, so Norberg, durch ein hohes Maß an Fairness gekennzeichnet. Auf der anderen Seite waren Gesellschaft ohne Märkte wenig auf Fairness bedacht oder darauf, unfaires Verhalten zu bestrafen.

Der Homo oeconomicus, der nur auf seinen monetären Vorteil bedacht ist, würde
jedes Marktmodell zu Scheitern bringen. Handel erfordert ein Mindestmaß an Moralität, Fairness und Normen/Standards. Wer nur andere übervorteilen will, bleibt auf Dauer erfolglos oder rutscht ins kriminelle Milieu ab. Der Homo Mercator dagegen weiß, dass der Markt kein Nullsummenspiel ist und er kooperieren und andere mit verdienen lassen muss, um erfolgreich zu sein. Idealtypus des Homo Mercator waren die Phönizier.

Die Phönizier exportierten und importierten nicht nur; sie wurden auch Mittelsmänner, die Handel im Namen anderer Kulturen betrieben. Das verschaffte ihnen die Gelegenheit, zu lernen und die Ideen und Technologien einer Gruppe zu nutzen und mit den Ideen von einer anderen zu verbessern. Als Resultat wurden sie als geschickte Handwerker bekannt und gaben Ideen und Ressourcen weiter, die alle möglichen Bereiche abdeckten, von Metallverarbeitung bis zu Musik. Diese antike Form der Globalisierung verlieh den industriellen und wissenschaftlichen Kräften der damals bekannten Welt einen enormen Schub.

Für äußere Einflüsse und abweichende Meinungen offen zu sein, ist der Grund dafür, weshalb die Länder der westlichen Welt, wie Großbritannien, Deutschland und die USA, die Weltwirtschaft dominieren bzw. dominiert haben. Gleiches gilt für Japan. Generell stark ausgeprägt war die Tendenz zur Offenheit bei den seefahrenden Ländern, wie Großbritannien und den Niederlanden. Weniger bis gar nicht jedoch bei den Spaniern, die es unterließen eigenen Wohlstand zu schaffen und sich stattdessen auf das erbeutete Gold aus Mittel- und Südamerika als Quelle des Reichtums stützten.

Hohe Diversität in einer Gesellschaft beflügelte in der Regel Innovation und Kreativität, wie in den Niederlanden. Mit ihren Innovationen im Schiffbau, wie mit der Entwicklung der “Fleute”, einem Schiff mit sehr großem Lageraum, einem flachen Boden und wenig Tiefgang, mit dem es möglich war, in flachen Häfen und Flüssen zu navigieren, setzten die Niederländer neue Maßstäbe. “Um es zu bauen, nutzen sie eine windbetriebene Sägemühle, mit der man 60 Balken statt in 120 Tagen in vier oder fünf Tagen zuschneiden konnte. Diese hochgradig innovativen Techniken ermöglichten es den Holländern, schneller bessere Schiffe zu bauen”. Weitere Gründe für den Aufstieg der Niederlande zu einer der führenden Handels- und Seemächte jener Zeit waren organisatorische Innovationen, wie die Gründung der Niederländischen Ostindien-Kompanie ebenso wie die fortschrittlichen Finanzmärkte des Landes. So öffnete in Amsterdam im Jahr 1609 die erste Zentralbank der Welt ihre Tore[1]Amsterdamer Wechselbank (Wisselbank) – die weltweit erste Zentralbank[2]Burgund: Wiege des modernen Banking.

Entscheidend für den Aufstieg Europas war die Förderung der Wissenschaft. Bereits die alten Griechen gaben sich nicht damit zufrieden, die Technologien und Verfahren anderer Kulturen nur anzuwenden, sondern sie wollten sie auch verstehen. Dazu formulierten sie Theorien, die mittels Beobachtung und Tests gestützt oder widerlegt wurden. Erst durch die Vermittlung islamischer Denker, besonders durch Averroës, gelangte dieses Wissen im Mittelalter wieder nach Europa.

Eine Schlüsselstellung bei der Vermittlung des im Westen lange Zeit für verloren gehaltenen Wissens der antiken Denker nahm die spanische Stadt Toledo ein. Im 12. und 13. Jahrhundert war die Stadt die unbestrittene Geistesmetropole Europas. Hier trafen sich christliche, jüdische und arabische Gelehrte zum Gedankenaustausch. Ohne Toledo und seine Übersetzerschule wäre die Wissenschaftsgeschichte Europas anders verlaufen[3]Vom Einfluss arabischer Gelehrter auf die Renaissance und die europäische Wissenschaft. Auf der anderen Seite zeigt das Beispiel Chinas und der legendären Flotte des Zeng He[4]Gigant der Meere – Die Drachenflotte des Admirals Zheng He, dass eine Zivilisation, die sich als Nabel der Welt und kulturell ohne Konkurrenz betrachtet, in dem Moment, wo sie sich von der Außenwelt isoliert, an Dynamik verliert und ins Hintertreffen gerät. Es bedarf dann enormer Anstrengungen und ein Mindestmaß an Offenheit, um den Rückstand wieder aufzuholen.

Ein ähnliches Schicksal hätte auch Europa geblüht, wären die Könige, Kaiser und Päpste nicht daran gescheitert, den europäischen Kontinent zu vereinen. Es war die Dezentralisierung, die Europa zum Handels- und Produktionszentrum der Welt machte, wie Gerd Hardach und Jürgen Schilling in Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte schreiben: “Die vorläufig vielleicht plausibelste These für dieses kontinuierliche >Aufschaukeln< technischer Entwicklungen ist, dass Europa seit dem Zerfall der karolingischen Zentralmacht durch miteinander auf engem Raum konkurrierende Machtzentren gekennzeichnet war. Technische Entwicklungen waren dabei sowohl für den kulturellen, als auch für den ökonomischen und militärischen Wettbewerb europäischer Herrscher unverzichtbar”[5]Wie die Dezentralisierung Europa zum Handels- und Produktionszentrum der Welt machte.

Ein Dilemma bleibt indes: Offene Gesellschaften drohen häufig an ihrem Erfolg zu scheitern: “Je offener die Gesellschaft, desto mehr verschieden Pfade gibt es, um einen Status zu erreichen und sich als Mensch zu entfalten, und mehr Menschen aus verschiedenen Gruppen haben eine Chance darauf. Manche finden das bedrohlich. Nicht nur diejenigen, die Probleme haben, ihre eigene Rolle zu finden, sondern auch diejenigen, die glauben, sie gefunden zu haben, aber Angst haben, diese Position könne in der Zukunft nicht mehr denselben Status garantieren. Während neue oder bisher benachteiligte Gruppen in der Gesellschaft aufsteigen, besseren Zugang zu Jobs und höheren Einkommen erhalten, kann das die vorher dominante Gruppe beunruhigen. Sie müssen nicht unbedingt in einem absoluten Sinn verlieren und ihr Leben kann sich sogar verbessern, aber wenn man es sich für andere Gruppen sehr viel schneller verbessert, kann sich das immer noch wie ein Verlust anfühlen”.

Um einen Rückfall in geschlossene Gesellschaften zu vermeiden, ist jeder gefordert: “Wir brauchen .. Intellektuelle und Basisbewegungen, mutige Politiker und unabhängige Journalisten, die die offene Gesellschaft verteidigen. Aber vor allem brauchen wir Bürger, die Freunden und Kollegen erzählen, was auf dem Spiel steht, und die sich jedes Mal zu Wort melden, wenn jemand das Stammesbewusstsein stärkt, indem er Verschwörungstheorien unter die Leute bringt und fremde Gruppen angreift”

Fazit 

Momentan erleben wir ein Erstarken reaktionärer Tendenzen und eine in einigen Kreisen wachsende Wissenschaftsfeindlichkeit. Insofern kommt Norbergs Buch zur richtigen Zeit. Offene Gesellschaften zu erhalten, kostet sehr viel Engagement. Da die Zukunft offen ist, führt jeder Versuch, die “gute alte Zeit” wiederzubeleben oder die Gesellschaft auf einem erreichten Stand einzufrieren, zu einem Verlust an Lebensperspektiven für alle – zumindest jedoch für die überwältigende Mehrheit. Ob wir es wollen oder nicht: Wir sind darauf angewiesen, uns über Ländergrenzen und Kulturgrenzen hinweg auszutauschen, wenn wir als Menschheit überleben wollen – das zeigen die aktuelle Corona-Pandemie ebenso wie der menschengemachte Klimawandel.

Die Erzählung bzw. die Argumentation Norbergs ist in sich schlüssig. Wer das Buch das liest, gewinnt den Eindruck, als wäre der Mensch ausschließlich dazu bestimmt, ein Homo Mercator zu sein. Den Niedergang ganzer Völker oder Kulturen allein darauf zurückzuführen, dass sie – überspitzt formuliert – zu wenig Handel getrieben haben, ist dann doch ein wenig eindimensional. So führt Ian Morris in Beute, Ernte, Öl die Entstehung moderner Gesellschaft auf die zur Verfügung stehenden Energiequellen zurück[6]Diese Argumentation ist allerdings selber eindimensional. Anders als von Norberg dargestellt, ist es keineswegs wissenschaftlich erwiesen, dass die Neanderthaler wegen ihrer begrenzten geistigen und technischen Fähigkeiten vom Homo Sapiens verdrängt wurden[7]“Der Neandertaler. Auf den Spuren des ersten Europäers” von Martin Kuckenburg. Auch die sog. Völkerwanderung hat mehrere Ursachen, als nur rein ökonomische[8]Die „Völkerwanderung“ kennt keine Völker. Ebenso ist der Aufstieg Europas u.a. auf die Agrarrevolution, das domozentrische Familiensystem und auf die Einflüsse des Christentums zurückzuführen[9]“Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs” von Michael Mitterauer.

Natürlich ist die Ökonomie eng mit der Frage verbunden, wie sich eine Gesellschaft entwickelt. Nun aber alles auf die Ökonomie und auf die Frage nach der Offenheit zu reduzieren, und die Entwicklung damit vom Ergebnis her zu interpretieren, ist zu kurz gedacht. Wie Jared Diamond in Arm und Reich gezeigt hat, sind es klimatische und geographische Besonderheiten, die für die Verteilung von Reichtum verantwortlich sind. Auch die Digitalisierung hat nicht zwangsläufig mehr Innovationen zur Folge. Die von Norberg als positive Beispiele erwähnten Unternehmen Amazon, facebook, Microsoft, Google und Apple sind dafür bekannt, dass sie aufkommende Mitbewerber zu teilweise horrenden Summen erwerben, nur um zu verhindern, dass daraus ein ernstzunehmender Wettbewerber entsteht.

Diese Kritikpunkte schmälern den Aussagehalt der Kernaussagen von Norbergs Buch indes nur minimal. Im Großen und Ganzen hat Norberg seine Ausgangsthese eindrucksvoll begründet und belegt:

Ich werde argumentieren, dass die moderne Welt nicht absichtlich, sondern nahezu zufällig entstanden ist. Es geschah, weil es aufgrund vieler Lücken im Kontrollsystem der Fürsten, Priester und Gilden nicht gelang, die Kreativität der Menschen völlig auszubremsen. Sie wurde auf breiterer Ebene willkommen geheißen, weil man ihr solange gestattet hatte, zu überleben, dass die Folgen in der Stärke der Gesellschaften und dem Lebensstandard der Menschen nur allzu deutlich wurden.

References

References
1 Amsterdamer Wechselbank (Wisselbank) – die weltweit erste Zentralbank
2 Burgund: Wiege des modernen Banking
3 Vom Einfluss arabischer Gelehrter auf die Renaissance und die europäische Wissenschaft
4 Gigant der Meere – Die Drachenflotte des Admirals Zheng He
5 Wie die Dezentralisierung Europa zum Handels- und Produktionszentrum der Welt machte
6 Diese Argumentation ist allerdings selber eindimensional
7 “Der Neandertaler. Auf den Spuren des ersten Europäers” von Martin Kuckenburg
8 Die „Völkerwanderung“ kennt keine Völker
9 “Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs” von Michael Mitterauer
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