In der deutschen Innovationsdebatte wird die Gründerzeit regelmäßig als Vorbild aufgerufen: Siemens, Linde, Rathenau, Duisberg — Unternehmer, die Wissenschaft und Wirtschaft verbanden. Was dabei übersehen wird: Sie haben kein vorhandenes System genutzt. Sie haben es selbst erschaffen — und mussten dabei oft erst die Übergangsinstitutionen schaffen, die es brauchte. Als Emil Rathenau die deutschen Rechte an Edisons Patenten erwarb, gab es kein etabliertes Verfahren, eine ausländische Technologie ins deutsche Wirtschaftssystem zu übersetzen — er musste es erfinden.
Hugo Junkers zeigt die Kehrseite: Schon 1880, als Student, erkannte er die beginnende Verschulung des deutschen Ingenieurwesens — und baute später mit seiner „eigenwirtschaftlichen Forschung“ eine bewusste Gegenwelt zum sich verfestigenden System. Seine Enteignung 1933 erfolgte nicht trotz, sondern wegen dieser Autonomie.
Deutschland hatte seither drei historische Fenster institutioneller Offenheit: die Gründerzeit, den Wiederaufbau nach 1945 und die Wiedervereinigung 1990. Alle drei schlossen sich — die ersten beiden durch den Erfolg der Institutionen, die in ihnen entstanden; das dritte durch den Import eines bereits fertigen Systems, bevor ein eigener Aufbau möglich war.
Was sich in dieser langen Ko-Evolution herausgebildet hat, ist ein Innovationssystem, das auf inkrementelle Verbesserung in stabilen Architekturen optimiert ist — auf bessere Komponenten innerhalb bekannter Konstruktionen, nicht auf deren grundlegende Neukonfiguration. Für den gegenwärtigen Wechsel von mechanischen zu plattformbasierten, softwaregetriebenen Architekturen ist dieses System strukturell blind: Es erkennt Verbesserungsbedarf, aber nicht den Bedarf an einer anderen Architektur. Erwin Scheuch hat diese Lernresistenz soziologisch beschrieben. Alfred Herrhausen hat ihr eine normative Zumutung entgegengesetzt. Und Luhmann erklärt, warum beides zutrifft — und warum das eigentliche Problem nicht Anreize, sondern institutionelle Architektur ist.
I. Die verkehrte Erzählung
In der deutschen Innovationsdebatte wird die Gründerzeit regelmäßig als Referenzpunkt aufgerufen. Die Botschaft lautet: Einst haben Wissenschaftler und Unternehmer produktiv zusammengearbeitet — diesen Zustand müssen wir wiederherstellen. Werner von Siemens, Carl von Linde, Carl Duisberg, Emil Rathenau, Carl Engelhorn, Carl Remigius Fresenius: Sie stehen für eine Phase, in der wissenschaftliche Erkenntnis und wirtschaftliche Verwertung noch nicht durch institutionelle Mauern getrennt waren.
Diese Erzählung ist in ihrer Struktur falsch — nicht in den Fakten, aber in ihrer Kausalrichtung. Sie beschreibt einen Ausgangszustand, den sie als Modell behandelt, ohne zu fragen, warum er entstanden ist. Und diese Frage hat eine Antwort, die den gesamten Reformdiskurs verschiebt: Die Gründergeneration hat kein vorhandenes Wissenschafts-Wirtschafts-System genutzt. Sie hat es selbst erschaffen — unter Bedingungen, die heute nicht mehr existieren und nicht rekonstruierbar sind.
II. Das institutionelle Vakuum als Ermöglichungsbedingung
Werner von Siemens war Erfinder, Unternehmer und Wissenschaftspolitiker in einer Person — nicht trotz fehlender Systemgrenzen, sondern wegen ihrer Abwesenheit. Er entwickelte den elektrischen Zeigertelegrafen, baute daraus ein Industrieunternehmen auf und gründete 1887 die Physikalisch-Technische Reichsanstalt mit, weil es die Institution, die er brauchte, schlicht noch nicht gab. Er hat sie nicht vorgefunden; er hat sie geschaffen. Es gab keine etablierte akademische Ingenieurskarriere im heutigen Sinne, keine Disziplingrenzen zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung, keine institutionalisierten Karrierepfade, die einen Erfinder vom Unternehmer trennten.
Carl von Linde ist ein zweites, oft unterschätztes Beispiel desselben Musters. Als Professor für Maschinenlehre entwickelte er die Kälte- und Luftverflüssigungstechnik wissenschaftlich — und gründete parallel dazu die Gesellschaft für Linde’s Eismaschinen, aus der später Linde AG und Linde plc wurden. Auch er bewegte sich nicht zwischen zwei getrennten Systemen, sondern in einem Raum, in dem Lehrstuhl und Unternehmertum keine widersprüchlichen Rollen waren. Die Technischen Hochschulen, an denen Linde lehrte, entstanden parallel zur Industrie, nicht vor ihr — sie wurden teilweise von denselben Akteuren mitgestaltet, die gleichzeitig Unternehmen gründeten.
Dasselbe Muster zeigt sich bei Carl Duisberg, der als Chemiker bei Bayer die industrielle Forschungsorganisation erfand, bei Engelhorn bei BASF, bei den Gründern der Farbwerke Hoechst. Emil Rathenau ist dafür ein besonders instruktives Beispiel: Als er 1881/82 die deutschen Nutzungsrechte an Edisons Patenten erwarb, bestanden die finanzierenden Banken zunächst auf einer vorsichtigeren Konstruktion — es gab kein etabliertes Verfahren, eine ausländische Technologie in das deutsche Wirtschaftssystem zu übersetzen. Rathenau schuf daher zunächst eine Studiengesellschaft als Übergangsinstitution, bevor daraus 1883 die Deutsche Edison-Gesellschaft und später die AEG wurde. Auch hier kein Vorfinden eines Transfermechanismus, sondern dessen Erfindung im Vollzug.
Was die Gründerzeit auszeichnet, ist also nicht eine gelungene Überwindung von Systemgrenzen — sondern die Nicht-Existenz der Systeme, die später diese Grenzen ziehen würden. Es handelte sich um ein historisches Fenster vor der funktionalen Differenzierung der modernen Wissenschaft, des modernen Unternehmens, des modernen Bildungssystems. In Luhmanns Begriffen: Die Autopoiesis der relevanten Funktionssysteme war noch nicht vollständig etabliert; ihre Codes noch nicht vollständig stabilisiert. Genau das ermöglichte die personelle und institutionelle Durchlässigkeit, die wir heute als Vorbild zitieren.
III. Verfestigung als Erfolgsfolge: Chandler und die Pfadabhängigkeit
Was folgte, war kein Niedergang, sondern — paradoxerweise — Erfolg. Das deutsche Innovationssystem, das sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert herausbildete, war außerordentlich leistungsfähig: Die chemische Industrie dominierte den Weltmarkt, der Maschinenbau setzte globale Standards, die Elektroindustrie expandierte in alle Weltmärkte. Diese Leistungsfähigkeit war kein Zufall — sie war das Ergebnis organisationaler Kapazitäten, die Alfred Chandler beschrieben hat: spezialisierte Managementstrukturen, vertikale Integration, Skalierung durch Routinisierung.
Chandler hat aber auch beschrieben, was mit diesen Kapazitäten geschieht, wenn sie einmal erfolgreich sind: Sie werden zu institutionellen Selbstverständlichkeiten. Organisationen, die gelernt haben, mit einer bestimmten Innovationslogik erfolgreich zu sein, internalisieren diese Logik in ihre Strukturen, Karrieresysteme, Bewertungsmaßstäbe und strategischen Routinen. Sie optimieren sich auf das, was funktioniert — und werden dadurch strukturell blind für das, was anders funktionieren würde.
Das gilt nicht nur für einzelne Unternehmen. Es gilt für das gesamte Innovationsökosystem. Die DFG-Förderlogik, das Fraunhofer-Modell, die Mittelstand-Kooperationskultur, das duale Ausbildungssystem — alle diese Institutionen wurden in einer Phase aufgebaut oder konsolidiert, in der inkrementelle Verbesserung in stabilen…
