Im Sommer 1957 unterschrieben acht Ingenieure auf einer Dollarnote – später „Unabhängigkeitserklärung des Silicon Valley“ genannt. Die Geschichte von Fairchild Semiconductor und Intel gilt als Gründungsmythos der digitalen Revolution. Doch eine genauere Lektüre zeigt: Der Held konnte nicht führen, der Durchbruch kam durch Zufall, und der Erfolg hing an Komplementarität statt Genie. Eine Neulektüre jenseits der Mythen.
I. Ein Café, eine Dollarnote, eine nachträgliche Deutung
Acht junge Männer treffen sich 1957 in einem Café in San Francisco. Sie unterschreiben auf einer Dollarnote. Das ist zunächst einmal eine Geste der Verschwörung – theatralisch, beinahe romantisch. Sie unterschreiben nicht auf einem Vertrag, nicht auf einem Business Plan, sondern auf Geld selbst.
Die Bezeichnung „Unabhängigkeitserklärung des Silicon Valley“ kommt später. Der Text ist präzise an dieser Stelle: Die Dollarnote wird „später als Unabhängigkeitserklärung des Silicon Valley bekannt geworden.“ Das ist keine ursprüngliche Selbstbeschreibung, sondern nachträgliche Mythologisierung. Jemand – Historiker, Journalisten, die Beteiligten selbst? – deutet diesen Moment um in einen Gründungsakt.
Die erste Frage, die sich beim langsamen Lesen stellt: Was für Menschen tun so etwas? Und warum auf einer Dollarnote? Ist das jugendlicher Überschwang, symbolische Geste, oder einfach das, was gerade zur Hand war?
Die zweite Frage: Die Zeitgenossen nannten sie „Verräterische Acht“ – traitorous eight. Das ist die Perspektive der etablierten Wirtschaftswelt, für die Mitarbeiter, die ihren Arbeitgeber verlassen, Verräter sind. Die Umdeutung zum neutralen „Fairchild Eight“ oder gar zu Pionieren kommt erst mit dem Erfolg. Was bedeutet es, als Verräter bezeichnet zu werden und das auszuhalten?
II. Der vergessene Vater: William Shockley
William Shockley erfand den Transistor. Er gründete das Shockley Semiconductor Laboratory. Er legte „den Grundstein für das Silicon Valley“. Aber er hatte einen „autokratischen Führungsstil“ – und deshalb verließen ihn seine besten Leute.
Was der Text nicht sagt: Was genau machte seinen Führungsstil autokratisch? War er technisch brillant, aber menschlich unmöglich? Wurden seine Ideen von denen gestohlen, die er ausgebildet hatte?
Shockley ist in dieser Geschichte der Antagonist. Aber er ist auch der Ermöglicher. Ohne ihn hätte es die Acht nicht gegeben. Er holte sie zusammen, vermutlich bildete er sie aus. Und dann verließen sie ihn.
Eine unbequeme Frage stellt sich: Ist das, was hier entsteht, parasitär? Braucht Innovation immer jemanden wie Shockley – brilliant, schwierig, der die Talente sammelt und ausbildet, die ihn dann verlassen? Ist der „Verrat“ vielleicht systemisch notwendig?
<…

