In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Entscheidungen trifft und Big Data scheinbar alle Antworten bereithält, wirkt eine Managementmethodik aus den 1960er Jahren anachronistisch. Doch die Kepner-Tregoe-Methodik zeigt an Beispielen von Procter & Gamble bis zur NASA, zu Microsoft und Gerresheimer, dass die Grundprinzipien rationalen Denkens gerade in zunehmender Komplexität unverzichtbar werden. Nicht weil sie einfache Antworten liefert, sondern weil sie die richtigen Fragen stellt – und vor allem: in der richtigen Reihenfolge. Ein Blick auf eine unterschätzte Denkarchitektur und ihre Aktualität.


I. Die Persistenz des Problems: Warum gute Methoden nicht automatisch gut angewendet werden

Es gibt in der Managementliteratur eine paradoxe Beobachtung: Die besten Konzepte scheitern nicht an ihrer Qualität, sondern an ihrer Umsetzung. Total Quality Management war wissenschaftlich fundiert – und erzeugte dennoch häufig mehr Bürokratie als Qualität. Business Process Reengineering war logisch überzeugend – und führte dennoch oft zu Chaos statt Effizienz. Agile Methoden sind empirisch validiert – und werden dennoch in vielen Organisationen zur leeren Hülle.

Die Kepner-Tregoe-Methodik, entwickelt in den 1960er Jahren von Charles Kepner und Benjamin Tregoe und dargestellt u.a. in dem Buch Denken macht den Unterschied: Wie die besten Unternehmen Probleme lösen und Entscheidungen treffen, steht vor demselben Paradox. Ihre Grundprinzipien – systematische Problemanalyse, strukturierte Entscheidungsfindung, vorausschauendes Risikomanagement – sind wissenschaftlich unbestritten. Forscher wie Kaoru Ishikawa, Genichi Taguchi und Amos Tversky haben die zugrundeliegenden Denkprozesse vielfach bestätigt. Dennoch: Viele Organisationen, die diese Methoden kennen und schätzen, wenden sie nicht konsequent an.

Die Erklärung findet sich in einem Konzept, das die Methodik selbst entwickelt hat: der Lernleiter. Sie beschreibt fünf Stufen, die jedes Managementkonzept durchläuft:

  • Erkennen – Man nimmt das Konzept wahr
  • Verstehen – Man begreift die Grundprinzipien
  • Einsatzfähigkeit – Man kann es prinzipiell anwenden
  • Kompetenz – Man wendet es routiniert an
  • Überlegenheit – Man wendet es konsequent und systematisch als Wettbewerbsvorteil an

Die meisten Organisationen erreichen die Stufe der Kompetenz: „Wir haben bewiesen, dass wir das können.“ Dann verebbt die Dynamik. Die Überlegenheit – die systematische, organisationsweite Anwendung als Standard – erreichen nur wenige. Genau hier liegt der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissen und Können, zwischen Methode und Meisterschaft.

II. Die vier Denkprozesse: Eine Architektur gegen das Chaos

Die Kepner-Tregoe-Methodik besteht aus vier integrierten Denkprozessen, die zusammen ein System bilden. Entscheidend ist: Es ist kein lineares Modell, sondern ein dynamisches System mit Feedbackschlaufen.

1. Situationsanalyse – „Das Terrain erkunden“

Der erste und wichtigste Prozess. Jede Analyse beginnt hier, immer. Die zentrale Frage: Bearbeiten wir überhaupt die richtige Angelegenheit?

Ein Beispiel aus der Praxis eines Konsumgüterherstellers illustriert das Problem: Ein Team wurde zusammengestellt, um ein Qualitätsproblem bei Wegwerfwindeln zu lösen – Blasenbildung zwischen den Kunststoffschichten. Nach mehreren unproduktiven Stunden stellte sich heraus: Die Teammitglieder arbeiteten, ohne es zu wissen, an drei verschiedenen Problemen. Drei glaubten, sie sollten die Ursache der Blasenbildung ermitteln. Vier suchten nach alternativen Kunststofflieferanten. Zwei meinten, ihre Aufgabe sei es…