Das zentrale Paradox der deutschen Digitalisierungsblockade liegt nicht in offensichtlicher Inkompetenz, sondern in vergangener Exzellenz. Siemens, Bosch, die schwäbischen Maschinenbauer, die chemischen Großkonzerne – sie alle haben über Dekaden brillant Nutzenpotentiale erschlossen. Genau diese Erfolgsgeschichte ist heute das Problem.
Cuno Pümpins 1992 entwickeltes Konzept des „Nutzenpotentials“ bietet einen präzisen diagnostischen Rahmen: Diese Unternehmen befinden sich in der Reife- bis frühen Niedergangsphase ihrer traditionellen Nutzenpotentiale, müssten aber gleichzeitig neue Nutzenpotentiale in deren Entstehungsphase erschließen. Die organisationalen Strukturen, die für die Bewirtschaftung reifer Nutzenpotentiale optimiert wurden, sind strukturell inkompatibel mit der Erschließung neuer, insbesondere digitaler Nutzenpotentiale.
Der Report arbeitet sich systematisch durch den Kern der deutschen Wirtschaft: Siemens‘ Automatisierungs-Falle (MindSphere als Produkt statt Plattform), Boschs unmöglicher Sprung von B2B-Hierarchie zu Plattform-Netzwerken, BASFs Prozessoptimierungs-Blockade (digitale Initiativen werden in bestehende Strukturen integriert und neutralisiert), die Nischenexzellenz des Mittelstands als Transformationsbarriere, die Familienunternehmen-Tragödie der dritten Generation, das Bankensystem als dysfunktionale Infrastruktur mit Systemfolgen.
Das verbindende Muster: Organisationen in der Reifephase entwickeln notwendigerweise Strukturen – hierarchisch, prozessorientiert, risikoavers –, die sie unfähig machen für die Erschließung neuer Nutzenpotentiale. Die Anforderungen sind fundamental inkompatibel. Reife erfordert Stabilität und Effizienz. Entstehung erfordert Experimentierfreude und Ambiguitätstoleranz. Man kann nicht gleichzeitig beides maximieren.
Die theoretische Fundierung verbindet Pümpin mit Luhmann (Autopoiesis-Problem), Weick (enactment-Falle), Siegenthaler (Regelvertrauen), Olson (politische Ökonomie dysfunktionaler Persistenz). Die Schlussfolgerung ist pessimistisch: Es gibt vermutlich keinen Weg aus dieser Falle ohne fundamentale Selbstdestruktion – die Organisationen ihrer Natur nach nicht vollziehen können.
Das wahrscheinliche Szenario ist nicht erfolgreiche Transformation, sondern gradueller Bedeutungsverlust. Die deutschen Industriekonzerne werden in ihren etablierten Geschäften noch Jahre profitabel operieren, rhetorisch Transformation verkünden ohne sie operational zu realisieren, zunehmend marginal in den dynamischen Wachstumsmärkten der digitalen Ökonomie. Die Erschließung digitaler Nutzenpotentiale findet statt – nur nicht durch die etablierten Akteure der deutschen Wirtschaft.
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