Die deutsche Softwareindustrie legte sich in den „langen 1970er Jahren“ auf ein Geschäftsmodell fest, das für Industrial IT und DeepTech optimal funktionierte – und für alles andere zur strukturellen Blockade wurde. Timo Leimbachs historische Rekonstruktion liefert die Schlüssel zum Verständnis, warum Deutschland in vertikalen Engineering-Nischen (SAP, Nemetschek, dSpace) erfolgreich ist, aber keine skalierbaren Plattformen hervorbringt. Die Stärke in industrienaher, komplexer B2B-Software ist gleichzeitig die Schwäche bei Consumer-Plattformen und horizontalen Developer-Tools. IT-Dienstleister stabilisieren als „Dritte Kraft“ ein System, das kurzfristig allen Beteiligten nützt – und langfristig die digitale Souveränität kostet.
Die „langen 1970er“ als kritische Formierungsphase: Die deutsche Softwarebranche legte sich in dieser Dekade auf ein projektbasiertes, Industrial-IT-fokussiertes Geschäftsmodell fest. Staatliche DV-Förderprogramme zielten auf Hardware, nicht auf Software. Die „Dritte Kraft“ (eigenständige Softwarehäuser) entwickelte sich als Systemintegratoren mit kundenspezifischen, beratungsintensiven Lösungen. Diese Pfadabhängigkeit wirkt bis heute nach und erklärt, warum seit SAP kein bedeutendes horizontal skalierbares Softwarehaus mehr entstand.
DeepTech-Exzellenz als strukturelle Falle: Deutschland ist stark in vertikaler Industrial IT und DeepTech (SAP, Nemetschek, dSpace) – domänenspezifische Software, die komplexe Engineering-Prozesse digitalisiert. Diese vertikale Tiefe ist gleichzeitig die Schwäche: Sie verhindert horizontale Plattform-Skalierung. Wer jahrelang lernt, Baustatik oder Hardware-in-the-Loop zu modellieren, denkt nicht in Consumer-UX oder Developer-Experience. Die Stärke in komplexen B2B-Nischen maskiert die Abwesenheit skalierbarer Plattformen.
IT-Dienstleister stabilisieren ein ineffizientes Gleichgewicht: Unternehmen wie adesso sind wirtschaftlich erfolgreich, weil sie reale Kundenbedürfnisse bedienen – maßgeschneiderte Integration komplexer Systemlandschaften. Aber sie zementieren die Pfadabhängigkeit: Sie leben davon, dass es keine standardisierten deutschen Plattformen gibt. Der selbstverstärkende Kreislauf (Kunde braucht Individuallösung → IT-Dienstleister baut → nächster Kunde braucht wieder Individuallösung) ist kurzfristig für alle profitabel, langfristig systemisch irrational.
Varieties of Capitalism als strukturelle Erklärung: Koordinierte Marktwirtschaften (CME) wie Deutschland begünstigen kumulative Innovation, komplexe B2B-Produkte, langfristige Kundenbeziehungen – perfekt für Industrial IT. Liberal Market Economies (LME) wie die USA begünstigen radikale Innovation, skalierbare Plattformen, Winner-takes-all-Dynamiken. Software-Plattformen brauchen LME-Logik. Deutsche Stärken (Qualität, Stakeholder-Orientierung, Langfristigkeit) werden zur Schwäche bei Plattform-Geschäftsmodellen. Das ist keine temporäre Schwäche, sondern eine Systemeigenschaft.
Strukturelle Kontinuität über alle Technologiewellen: Das Muster wiederholt sich bei Cloud Computing, Mobile, SaaS, und wird sich bei AI und Agentic Systems wiederholen. Deutschland ist stark in vertikalen DeepTech-Anwendungen (Industrial AI, spezifische Cloud-Lösungen), schwach in horizontalen Plattformen (keine General-Purpose AI-Plattformen, keine Developer-Ecosystems). Die evolutionäre Sackgasse ist nicht reversibel, weil das gesamte Ökosystem (Kapitalmarkt, Kundenerwartungen, Karriereanreize, Organisationskultur) auf Industrial IT, nicht auf Platform Tech optimiert ist.
I. Die Formierung: Wie die 1970er Jahre die Weichen stellten
Timo Leimbachs Dissertation zur Geschichte der deutschen Softwarebranche von den 1950ern bis Mitte der 1990er Jahre ist mehr als eine Unternehmensgeschichte. Sie ist die Archäologie eines strukturellen Problems, das bis heute nachwirkt. Die Frage ist nicht, warum Deutschland keine Softwareunternehmen hervorbringt – sondern warum es seit SAP kein Unternehmen mehr geschafft hat, aus der vertikalen Nische in die horizontale Dominanz zu wachsen.
Die Antwort liegt in den „langen 1970er Jahren“, wie Leimbach die Formierungsphase der Branche nennt. In dieser Dekade entschied sich, welche Art von Softwareunternehmen in Deutschland erfolgreich sein würde. Der Katalysator war IBMs Unbundling 1969 – die Trennung von Hardware- und Softwarepreisen. In den USA führte dies zu einem explosiven Wachstum von Softwareproduktunternehmen. In Deutschland entwickelte sich ein anderes Muster.
Die staatlichen DV-Förderprogramme ab den späten 1960ern zielten primär darauf, die „technologische Lücke“ im Hardwarebau zu schließen. Nixdorf, AEG-Telefunken, Siemens sollten gegen IBM konkurrenzfähig werden. Software war Mittel zum Zweck, nicht eigenständiges Förderziel. Die mittelbare Wirkung prägte dennoch: Informatiklehrstühle, DV-Zentren in Unternehmen, Standardisierungsprojekte – alles orientiert am Großrechner-Paradigma und an der Integration in bestehende Organisationsstrukturen.
Entscheidend war die Nutzerstruktur: Banken, Versicherungen, Großunternehmen, Behörden. Diese Akteure brauchten keine Consumer-Software, sondern Industrial IT für komplexe Geschäftsprozesse. Sie forderten maßgeschneiderte Lösungen für ihre spezifischen Abläufe.
Die Software musste in bestehende Hardware- und Organisationslandschaften integriert werden. Fehlertoleranz war niedrig, Qualitätsanforderungen hoch, Projektlaufzeiten lang.
Gleichzeitig entstand, was Leimbach als „Dritte Kraft“ bezeichnet: eigenständige Softwarehäuser zwischen Hardwareherstellern und Anwendern. Aber diese Dritte Kraft folgte einer spezifischen Logik – projektbasiert, kundenspezifisch, beratungsintensiv. Intensive Kundenbeziehungen waren wichtiger als skalierbare Produkte. Kumulative Innovation dominierte über disruptive Ansätze. Das Geschäftsmodell war perfekt für das, was später „koordinierte Marktwirtschaft“ genannt wurde: langfristig, stakeholderorientiert, qualitätsgetrieben.
SAP, 1972 gegründet, war das erfolgreiche Kind dieser Konstellation. Integrierte Unternehmenssoftware für Großunternehmen – B2B, komplex, kumulativ verbessert über Jahrzehnte. Aber SAP war nicht die Blaupause für eine Branche von Plattform-Champions. Es war die Ausnahme, die die Regel bestätigte: Deutschland konnte vertikal-komplexe Enterprise-Software, aber keine horizontal-skalierbaren Plattformen.
II. Das Muster: Industrial IT als evolutionäre Nische
Die 1980er brachten die Konsolidierung. Leimbach spricht vom „Ende der Gründerzeit“ und dem „Ankommen in der Normalität“. Die Softwarebranche wurde erwachsen – mit allen Vor- und Nachteilen von Reife. Der PC-Boom hätte ein Strukturbruch sein können. Für die USA war er es. Für Deutschland wurde er zur Bestätigung des Industrial-IT-Fokus.
Nemetschek, 1963 gegründet, illustriert das deutsche Erfolgsmodell präzise. CAD- und BIM-Software für Architektur und Bauwesen – eine vertikale Nische, tief in der Branchenlogik verwurzelt. Heute ein Konzern mit 3,5 Milliarden Euro Umsatz, gewachsen durch Akquisitionen verschiedener Nischenmarken. Das ist klassische Industrial IT: Software, die komplexe Engineering-Prozesse digitalisiert, technisch anspruchsvoll, domänenspezifisch. Aber kein horizontales Plattform-Play. Jede Marke bedient ihr Segment isoliert. Verkauft wird über Partner und Systemintegratoren, nicht über virale Adoption oder Developer-Communities.
Die Stärke ist offensichtlich…
