Das Influencer-Geschäftsmodell gilt als Inbegriff digitaler Wertschöpfung. Bei näherer Betrachtung erweist es sich jedoch als ein Konstrukt, das gegen zwei Grundprinzipien dauerhafter Ökonomie verstößt: Institutionalisierbarkeit und Zeitresistenz. Eine Analyse der eingebauten Verfallsdaten.


Die Illusion der digitalen Selbstständigkeit

Die Creator Economy wird gern als Demokratisierung der Medienproduktion gefeiert. Jeder kann zum Sender werden, jeder sein eigenes Medienunternehmen aufbauen. Was dabei übersehen wird: Das entstehende Geschäftsmodell vereint nahezu alle Merkmale systemischer Fragilität. Hohe Abhängigkeit von externen Gatekeepern, nicht-lineare Skalierung und eine Wertschöpfung, die unlösbar an die physische Präsenz einer Einzelperson gebunden bleibt.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 90 Prozent der Creator verdienen weniger als 100.000 US-Dollar jährlich. Nur ein bis fünf Prozent erreichen eine Nachhaltigkeit über fünf Jahre hinaus. Der Rest scheitert an Burnout, Algorithmus-Änderungen oder schlichter Marktverdrängung. Bei 50 Millionen Creators weltweit hat sich das Überangebot längst in halbierten CPMs seit 2020 niedergeschlagen. CPM – Cost per Mille – bezeichnet den Preis, den Werbetreibende für tausend Einblendungen zahlen; er übersetzt Reichweite in Einkommen.

Die Logik ist einfach: Wenn die Zahl der Creators explodiert, während die Werbebudgets nicht proportional mitwachsen, sinkt der Preis pro View. Ein Creator, der 2018 noch 8-12 Euro pro tausend Einblendungen erzielte, sieht heute oft nur noch 4-6 Euro. Um dasselbe Einkommen zu erzielen, muss er seine Reichweite verdoppeln – gegen eine verdoppelte Konkurrenz.

Digitaler Feudalismus

Die Plattformabhängigkeit der Influencer erinnert strukturell an die Situation deutscher Mittelständler gegenüber großen OEMs – nur radikaler. Der Creator ist nicht einmal Zulieferer mit vertraglichen Absicherungen, sondern vollständig dem algorithmischen Wohlwollen ausgeliefert. Die Plattform kann jederzeit die Spielregeln ändern, ohne Verhandlung, ohne Kompensation, ohne Vorwarnung.

70 Prozent der Einnahmen stammen typischerweise aus Werbung und Sponsoring – beides anfällig für Richtlinienwechsel, Rezessionen und den nächsten Skandal. Wenn eine Plattform entscheidet, bestimmte Inhalte zu demonetisieren, gibt es keine Gewerkschaft, keinen Betriebsrat, keine Instanz der Gegenwehr. Es ist eine Art digitaler Feudalismus, in dem der Lehnsherr unsichtbar bleibt und seine Launen in Algorithmen codiert.

Das Paradox der Authentizität

Der interessante Widerspruch des Modells liegt in seinem Kern: Es basiert auf Authentizität und persönlicher Bindung – beides lässt sich nicht delegieren, ohne das Produkt zu zerstören. Anders als bei klassischen Medienunternehmen, wo die Marke prinzipiell von den handelnden Personen ablösbar ist, verschmilzt beim Influencer Person und Produkt zur Ununterscheidbarkeit.

Das bedeutet: Persönliche Präsenz skaliert nicht linear. 200 Stunden Arbeit für ein einzelnes Video lassen sich nicht durch Mitarbeiter ersetzen, ohne den Authentizitätsanspruch zu untergraben. Die Wertschöpfung bleibt an einen einzelnen Körper, ein einzelnes Gesicht, eine einzelne Stimme gebunden. Wächst der Kanal, wächst die Last – aber nicht proportional die Möglichkeit zur Entlastung.

Lebensstil-Inflation: Die Schere, die sich nicht schließen lässt

Eine besonders perfide Falle des Modells ist die Lebensstil-Inflation. Der Creator muss den Erfolg permanent demonstrieren, um glaubwürdig zu bleiben. Thorstein Veblens „demonstrativer Konsum“ – nur unter algorithmischem Zwang. Die Fassade erfordert kontinuierliche Investitionen: größere Wohnungen, teurere Reisen, aufwendigere Produktionen. Die Kosten steigen, während die Reichweite erodiert.

Diese Schere lässt sich nicht schließen. Wer spart, signalisiert Abstieg. Wer investiert, vernichtet Rücklagen. Das Publikum, sozialisiert im permanenten Upgrade, erwartet Steigerung. Stillstand gilt bereits als Rückschritt.

Das Co-Aging-Problem

Creator und Publikum altern synchron, doch die Plattform-Ökonomie bleibt auf jugendliche Aufmerksamkeitsmuster optimiert. Die Zielgruppe von heute – sagen wir 18 bis 25 – wird in zehn Jahren andere Interessen haben: Karriere, Familie, Vermögensaufbau, Scheidung, Krankheit … Der Creator kann diesen Wandel nicht mitvollziehen, ohne sein Format zu zerstören. Und die nachrückende Generation bindet sich an neue Gesichter, nicht an gealterte Veteranen.

Das Ergebnis ist ein doppelter Alterungsprozess mit eingebauter Verfallsgarantie. Das Geschäftsmodell funktioniert maximal fünf bis sieben Jahre, dann muss ein radikaler Relaunch erfolgen. Doch gerade bei Influencern, deren gesamte Marke auf ihre Person zugeschnitten ist, erweist sich eine solche Transformation als nahezu unmöglich. Mit spätestens 40 ist Schluss – oft früher.

Das Profisportler-Dilemma ohne Auffangnetz

Im Grunde handelt es sich um eine Variante des Profisportler-Dilemmas: kurze Karrierefenster, hohe Anfangserträge, keine Anschlussverwendung. Nur ohne die institutionellen Auffangstrukturen, die im Sport wenigstens teilweise existieren. Keine Pensionskassen, keine Umschulungsprogramme, keine Verbände, die sich um ausgediente Mitglieder kümmern.

Die wenigen erfolgreichen Übergänge – etwa zu Agentur-Gründern oder Produktentwicklern – bleiben Ausnahmen und werden medial überproportional sichtbar. Sie verzerren das Bild und nähren die Illusion, der Ausstieg sei eine Frage individueller Cleverness. Die Strukturen selbst produzieren jedoch systematisch gestrandete Existenzen ohne verwertbare Qualifikationen und ohne ausreichende Rücklagen.

Gegen zwei Grundprinzipien dauerhafter Wertschöpfung

Das Influencer-Geschäftsmodell verstößt gegen zwei Grundprinzipien dauerhafter Wertschöpfung. Erstens: Institutionalisierbarkeit. Klassische Medienunternehmen haben das Problem der Personenabhängigkeit gelöst, indem sie Marken schufen, die von Individuen ablösbar sind. Die FAZ überlebt ihre Herausgeber, der Spiegel seine Gründer. Beim Influencer ist die Person die Marke; sie lässt sich nicht vererben, nicht verkaufen, nicht transformieren.

Zweitens: Zeitresistenz. Ein Maschinenbauer, ein Versicherungsunternehmen, selbst eine regionale Bank können Jahrzehnte überdauern, weil sie auf wiederkehrenden Bedürfnissen aufbauen, die von Personen und Moden entkoppelt sind. Das Influencer-Modell dagegen verkauft flüchtige Aufmerksamkeit an eine flüchtige Zielgruppe – gebunden an eine einzelne, alternde Person, getrieben vom Rhythmus eines Zeitgeistes, der per Definition nicht von Dauer ist.

Ein Geschäftsmodell als Zeitdiagnose

Das Influencer-Geschäftsmodell ist interessant als Zeitdiagnose. Es zeigt, wie eine Ökonomie aussieht, die Aufmerksamkeit zur Währung erklärt und Vergänglichkeit zum Geschäftsprinzip. Es illustriert die Konsequenzen einer Arbeitswelt, in der Plattformen die Produktionsmittel besitzen und die Produzenten zu digitalen Tagelöhnern degradieren.

Als ökonomische Lebensgrundlage jedoch bleibt es strukturell defizitär – ein Modell auf Zeit, das seinen Betreibern am Ende weder Kapital noch Kompetenz hinterlässt, sondern bestenfalls Erinnerungen an eine kurze Phase algorithmischer Gunst.


Quellen

Creator Economy – Marktdaten und Einkommensstatistiken

96% der Creator verdienen unter 100.000 USD jährlich

207 Millionen Content Creator weltweit / 50 Millionen professionelle Creator

70% der Einnahmen aus Werbung/Brand Partnerships

CPM-Entwicklung und Werbeeinnahmen

YouTube CPM-Raten und Berechnung

CPM-Schwankungen nach Saison und Region

Burnout und Karrieredauer

52% der Creator erleben Burnout / 37% erwägen Ausstieg

78% der Influencer leiden unter Burnout

70% der Vollzeit-Creator mit psychischen Belastungen

Durchschnittliche Influencer-Karriere: ca. 8 Jahre

Wissenschaftliche Studien

Impact of Popularity on Mental Health of Social Media Influencers

Weitere relevante Quellen

Linktree Creator Report

Uscreen: Creator Economy Statistics

12 Predictions for the Creator Economy in 2026**

URL:
https://profitandpurpose247.substack.com/p/12-predictions-for-the-creator-economy

Prognosen: 95% Creator scheitern, Fokus auf Assets; Wachstum +18% Ad-Spend.

Creator Economy 2026 Outlook**

URL:
https://digiday.com/marketing/in-graphic-detail-heres-what-the-creator-economy-is-expected-to-look-like-in-2026/
Wachstum trotz Split: Entertainer vs. Entrepreneurs, Multi-Plattform-Migration.