Die deutsche Metall- und Stahlverarbeitungsindustrie steht vor einer Gleichzeitigkeit, die sich nicht durch Konjunkturhoffnungen auflösen lässt: Auf der einen Seite erdrückende Energiekosten – 16 Cent pro Kilowattstunde, deutlich über dem europäischen Durchschnitt – und CO₂-Aufschläge, die Wettbewerbsvergleiche strukturell verzerren. Auf der anderen Seite ein chinesischer Konkurrent, der nicht nur billiger produziert, sondern seine Überkapazitäten systematisch auf Exportmärkte umlenkt, seit die Binnennachfrage stockt.
Beides zusammen ist kein zyklisches Problem. Es ist eine strukturelle Zange, aus der betriebswirtschaftliche Optimierung allein nicht herausführt.
Der Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung (WSM) beziffert den Stellenabbau der letzten fünf Jahre auf 50.000. Für die nächsten Jahre werden weitere 50.000 prognostiziert. In Verbänden werden Insolvenzschulungen angeboten[1]„Wir erleben gerade eine Zweiteilung in doppelter Hinsicht“ – ein Detail, das mehr über die tatsächliche Lage aussagt als jede Branchenstatistik.
China als Systemwettbewerber, nicht als Marktkonkurrent
Es wäre ein Kategorienfehler, die chinesische Konkurrenz im Stahl- und Metallbereich als normalen Wettbewerb zu behandeln. Normale Wettbewerber reagieren auf Preissignale, passen Kapazitäten an Nachfrageverläufe an und unterliegen denselben Finanzierungsrestriktionen wie ihre Konkurrenten. Chinesische Staatsunternehmen im Stahlsektor tun das nicht – oder zumindest nicht nach denselben Logiken.
China hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten Stahlkapazitäten aufgebaut, die den globalen Bedarf weit übersteigen. Als die Binnennachfrage infolge der Immobilienkrise und der verlangsamten Infrastrukturinvestitionen zurückging, wurden diese Kapazitäten nicht abgebaut, sondern auf den Exportmarkt umgelenkt. Die Folge ist ein systematisches Exportdumping – nicht zwingend im handelsrechtlichen Sinne, aber de facto: chinesische Stahlerzeugnisse und verarbeitete Metallprodukte kommen zu Preisen auf europäische Märkte, die unter den europäischen Produktionskosten liegen, selbst wenn man staatliche Subventionen herausrechnet.
Der Preisabstand von 20 bis 30 Prozent, den der WSM benennt, ist nicht durch Produktivitätssteigerungen oder bessere Prozesse zu schließen. Er resultiert aus einem anderen Systemrahmen: staatlich subventionierte Energie, politisch gestützte Kreditkonditionen, geringere Sozial- und Umweltstandards – und massive Skaleneffekte durch schiere Produktionsvolumina, die europäische Hersteller strukturell nicht erreichen können.
Der Handelskonflikt: Zölle als Symptombehandlung
Die westliche Antwort auf chinesisches Stahldumping ist bisher primär handelspolitisch: Antidumping-Zölle, Schutzmaßnahmen, in jüngster Zeit auch US-amerikanische Sektorzölle bis zu 50 Prozent, von denen deutsche Exporteure in die USA direkt betroffen sind. Diese Instrumente bekämpfen Symptome, nicht Ursachen. Für die deutsche Metall- und Stahlverarbeitung entsteht dabei eine besonders absurde Konstellation – die sich auf drei Ebenen entfaltet.
Die Deflektionswirkung. Wenn die USA chinesischen Stahl mit Zöllen belegen, weicht China auf andere Märkte aus. Das ist kein unvorhergesehener Nebeneffekt, sondern ein strukturell vorhersehbarer Mechanismus, der sich nach den amerikanischen Section-232-Zöllen von 2018 empirisch bestätigt hat: Der europäische Markt wurde zur partiellen Auffangzone für chinesische Stahlmengen, die den US-Markt nicht mehr erreichen konnten. Mit anderen Worten: Amerikanische Handelspolitik schützt den US-Markt – und erhöht gleichzeitig den Importdruck auf Europa. Der westfälische Metallverarbeiter trägt einen Teil der Konsequenzen amerikanischer Handelsschutzpolitik, ohne dass er in deren Kalkül vorkommt.
Die Section-232-Logik und ihre Kollateralschäden. Die US-Zölle auf Stahl (25 Prozent) und Aluminium (10 Prozent) wurden unter nationalen Sicherheitsgesichtspunkten verhängt – ein handelspolitisch fragwürdiges, aber innenpolitisch wirksames Instrument. Für deutsche Exporteure verarbeiteter Metallprodukte in die USA bedeutet das: Sie werden mit denselben Zollsätzen belegt wie chinesische Produzenten, obwohl ihre Produkte weder sicherheitspolitisch noch handelspolitisch das eigentliche Zielobjekt sind.
Ausnahmeregelungen, die zeitweise für einzelne Länder und Produktkategorien verhandelt wurden, sind unter der erneuerten US-Handelspolitik weitgehend hinfällig oder von ständiger politischer Neuverhandlung abhängig. Planungssicherheit für Exportgeschäfte in die USA ist unter diesen Bedingungen strukturell nicht möglich.
Die strukturelle Hilflosigkeit des Mittelstands. Ein mittelständisches Unternehmen, das Präzisionsteile oder Halbzeuge aus Speziallegierungen in die USA exportiert, kann weder die chinesische Subventionspolitik beeinflussen noch die amerikanische Zollpolitik. Es sitzt zwischen zwei staatlich gesteuerten Systemen – dem chinesischen, das durch Subventionen und Überkapazitäten den Importdruck auf Europa erhöht, und dem amerikanischen, das durch Schutzzölle den Exportdruck auf europäische Anbieter erhöht. Beide Bewegungen treffen denselben Akteur, der über kein vergleichbares Gegengewicht verfügt: keine staatliche Rückendeckung, keine Skaleneffekte, keine politische Hebelmasse.
Die europäische Antwort – der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) und punktuelle Antidumping-Maßnahmen – greift zu langsam und zu selektiv. CBAM belastet CO₂-intensive Importe, schützt aber nicht vor Produkten, die durch allgemeine Staatssubventionen verbilligt werden. Antidumping-Verfahren der EU dauern Jahre und bieten keinen Schutz für den laufenden Wettbewerb.
Die Mittelstandsstruktur als Verwundbarkeit
Die deutsche Metall- und Stahlverarbeitungsindustrie ist mittelständisch geprägt. Das hat in ruhigeren Zeiten Stärken: Flexibilität, Spezialisierung, technologische Tiefe in Nischenmärkten, enge Kundenbeziehungen. In der gegenwärtigen Krisenkonstellation wird dieselbe Struktur zur Verwundbarkeit.
Mittelständische Unternehmen können Energiekosten nicht über Skaleneffekte abfedern wie Konzerne. Sie haben keinen Zugang zu den Finanzierungsinstrumenten, die großen Unternehmen offenstehen. Sie können politischen Druck nicht durch Lobbying-Apparate ausüben, die mit der Größe des jeweiligen Akteurs skalieren. Und sie haben keine Möglichkeit, Verluste in einzelnen Märkten durch Gewinne in anderen zu kompensieren.
Wenn Verbände in dieser Branche Insolvenzschulungen anbieten, dann ist das kein Zeichen von Panikmache, sondern ein sachlicher Hinweis darauf, dass betriebliche Berater gerade häufiger gebraucht werden als Strategen. Der Mittelstand ist das industrielle Rückgrat – aber Rückgrate brechen, wenn die Belastung strukturell und die Entlastung politisch nicht gesichert ist.
Was Politik nicht löst – und was sie müsste
Die naheliegenden Forderungen – Industriestrompreis, CO₂-Preis-Aussetzung, Soli-Abschaffung – sind bekannt und werden von den Verbänden mit Nachdruck vorgetragen. Sie sind als kurzfristige Entlastungsmaßnahmen berechtigt, lösen aber das Grundproblem nicht: dass ein globaler Systemwettbewerber mit anderen Regeln spielt und westliche Handelsinstrumente nicht schnell genug reagieren.
Was mittel- bis langfristig notwendig wäre, wird selten konkret benannt: eine europäisch koordinierte Industriepolitik, die nicht nur Emissionsminderungen incentiviert, sondern strategische Produktionskapazitäten definiert und schützt. Die Frage, welche industriellen Fertigkeiten für eine souveräne europäische Wirtschaft unverzichtbar sind, ist keine marktwirtschaftliche Frage – sie ist eine politische. Und sie wird gegenwärtig nicht gestellt.
Stattdessen verwaltet die Politik den Rückzug: mit Transformationsrhetorik, die Verluste als Übergänge umdeutet, und mit punktuellen Hilfsmaßnahmen, die einzelne Insolvenzen verzögern, aber keinen strukturellen Rahmen setzen.
Schluss: Das industrielle Rückgrat unter Last
Die Krise der deutschen Metall- und Stahlverarbeitung ist keine Branchenkrise im klassischen Sinne. Sie ist ein Stresstest für das industrielle Geschäftsmodell der Bundesrepublik insgesamt: exportorientiert, mittelständisch geprägt, auf hochwertiger Fertigung basierend – und damit zwingend abhängig von wettbewerbsfähigen Produktionskosten und funktionierenden Weltmärkten.
Beide Voraussetzungen sind gegenwärtig in Frage gestellt. Chinesische Überkapazitäten verzerren globale Preise. Handelskonflikte zwischen den USA und Europa treffen deutsche Exporteure als Kollateralschaden. Energiekosten machen energieintensive Produktionsstufen am deutschen Standort strukturell unwirtschaftlich.
Was bleibt, wenn die Fertigung geht, ist nicht die viel beschworene Verwaltungs- und Designzentrale – sondern industrielle Leere, die sich langsam, aber sicher auch in der Fähigkeit niederschlägt, noch irgendetwas Wertvolles herzustellen.
Ralf Keuper
References
