Ob KI ein Bewusstsein im menschlichen Sinne besitzt, gilt als philosophische Frage. Ökonomisch ist sie es nicht – oder zumindest nicht so, wie die Debatte sie stellt. Denn wenn wir ehrlich sind, reflektieren die meisten Menschen während ihrer Arbeit kaum, was sie tun. Nicht weil sie es nicht könnten – sondern weil Produktivität das gar nicht verlangt. Was das für den Vergleich mit KI-Systemen bedeutet, ist unbequemer als die Bewusstseinsdebatte ahnen lässt.


Die falsche Frontstelling

Die Debatte läuft so: Hier der Mensch, mit Bewusstsein, Erfahrung, Urteilsvermögen. Dort die Maschine, die simuliert, imitiert, statistisch interpoliert – ohne je wirklich zu verstehen. Der Mensch mag langsamer sein, teurer, fehleranfälliger. Aber er versteht, was er tut. Und das, so die implizite Überzeugung, macht den entscheidenden Unterschied.

Diese Gegenüberstellung hat einen Haken. Sie beschreibt nicht die Arbeitswirklichkeit. Sie beschreibt ein Ideal, das mit der tatsächlichen Praxis in den wenigsten Fällen übereinstimmt.

Was Arbeit wirklich ist

Die überwiegende Mehrheit menschlicher Arbeitstätigkeit besteht nicht aus reflektiertem Urteilen, sondern aus routiniertem Ausführen. Formulare bearbeiten, Mails beantworten, Berichte erstellen, Entscheidungen nach eingespielten Mustern fällen – das alles vollzieht sich weitgehend unterhalb der Schwelle bewusster Reflexion. Nicht weil die Beteiligten unfähig wären zu reflektieren, sondern weil Routine genau das ist: eingespieltes Handeln, das keine laufende Bewusstseinszuwendung mehr braucht.

Niklas Luhmann hat dafür eine nüchterne Erklärung geliefert. Soziale Systeme – Organisationen, Märkte, Unternehmen – operieren nicht auf der Grundlage von Bewusstsein. Sie operieren auf der Grundlage von Kommunikation: Entscheidungen, Anweisungen, Berichte, Protokolle. Was das Bewusstsein dabei im Hintergrund tut, ist für den Fortgang der Organisation weitgehend irrelevant. „Kommunikationen lassen sich nur durch Kommunikation reproduzieren“ – nicht durch Gedanken, nicht durch Absichten, nicht durch innere Überzeugungen.

Was immer als Kommunikation läuft, dient der Autopoiesis dieser Interaktionssysteme der sozialen Reproduktion, muss an vorherige Kommunikation anschließen und weitere Kommunikation offenhalten. In der Mitwirkung an solcher Kommunikation konstituieren Menschen sich als Personen, das heißt als Adressen für weitere Kommunikation. Aber dieses Personsein darf nicht verwechselt werden mit der psychischen Realität der Bewusstseinsvorgänge oder mit der Lebensrealität des menschlichen Körpers. Personalität ist nichts anderes als eine Struktur des Kommunikationssystems Gesellschaft zur Dirigierung weiterer Kommunikation (Niklas Luhmann).

Das klingt hart. Es beschreibt aber präzise, was in den meisten Unternehmen täglich geschieht: Kommunikation läuft, Entscheidungen werden getroffen, Prozesse reproduzieren sich – unabhängig davon, wie tief die Beteiligten das Geschehen reflektieren.

Der ökonomische Vergleich

Wenn das stimmt, verschiebt sich die Frage nach dem KI-Bewusstsein erheblich. Denn der relevante ökonomische Vergleich ist nicht: KI-System vs. vollständig reflektierender Mensch. Der relevante Vergleich ist: KI-System vs. Mensch in seiner tatsächlichen Arbeitspraxis – also in weiten Teilen: KI-System vs. routiniertes, wenig reflektiertes Ausführen.

Und dieser Vergleich fällt anders aus. Ein System, das Texte generiert, Muster erkennt, Entscheidungen nach vorgegebenen Kriterien trifft, Kommunikation produziert, die anschlussfähig ist – dieses System konkurriert nicht mit dem reflektierten Urteil des Experten. Es konkurriert mit der täglichen Routine. Mit dem Sachbearbeiter, der das Formular zum zwölften Mal ausfüllt. Mit dem Analysten, der den Bericht nach bewährtem Schema erstellt. Mit dem Manager, der die Entscheidung nach dem immer gleichen Muster trifft.

Aus dieser Perspektive ist die Frage, ob KI „wirklich versteht“, nicht nur philosophisch nachrangig – sie ist ökonomisch schlicht nicht der Maßstab, an dem die Substitution gemessen wird.

Was das für Produktivität bedeutet

Für Unternehmen folgt daraus eine nüchterne Konsequenz. Der Produktivitätsgewinn durch KI-Systeme entsteht nicht dort, wo Menschen ohnehin tief reflektieren und urteilen – also in den seltensten Momenten ihrer Arbeit. Er entsteht dort, wo Menschen routinieren: zuverlässig, aber langsam, fehlerbehaftet, kostspielig.

Genau dieser Bereich – Routinekommunikation, Mustererkennung, standardisierte Entscheidungen – ist es, den KI-Systeme ohne Bewusstsein und ohne Verstehen im menschlichen Sinne besetzen können. Nicht weil sie dem Menschen ebenbürtig sind. Sondern weil der Mensch in diesen Tätigkeiten seinen eigentlichen Vorteil – reflektiertes Urteil, situatives Verstehen, moralische Abwägung – ohnehin nicht ausspielt.

Die unbequeme Pointe

Daraus folgt eine Frage, die unbequemer ist als die Bewusstseinsdebatte: Wenn der ökonomische Wert menschlicher Arbeit zu großen Teilen nicht auf Bewusstsein, sondern auf Routine beruht – was legitimiert dann den Anspruch, dass diese Arbeit gegen KI-Systeme nicht substituierbar sei?

Die Antwort kann nicht lauten: Bewusstsein. Denn das wurde in der Praxis selten abgerufen. Sie muss lauten: Urteil, Verantwortung, Kontextsensibilität – all das, was über Routine hinausgeht und was tatsächlich Bewusstsein voraussetzt. Der Bereich menschlicher Arbeit, der KI-Systemen strukturell überlegen bleibt, ist genau jener, der nie Massenphänomen war: das reflektierte, verantwortete, situativ angemessene Handeln.

Was das für Qualifikation, Bildung und Arbeitsorganisation bedeutet, ist eine andere Debatte. Aber sie beginnt mit der Einsicht, dass die Bewusstseinsfrage nicht die falsche Frage ist – sondern die richtige, die bislang am falschen Ort gestellt wurde.

Ralf Keuper


Weiterführend: Niklas Luhmann, „Selbstreferentielle Systeme“, in: Fritz B. Simon (Hg.), Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie. – Ralf Keuper, Von Hammurabi zu ChatGPT: Steve Jobs‘ Vision der Wissensmaschine, EconLittera 2026.