Die Schließung zweier BSH-Werke offenbart einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Langlebigkeit bedeutet nicht mehr robuste Unveränderbarkeit, sondern modulare Anpassungsfähigkeit. Deutsche Hersteller optimieren die falsche Variable – und verlieren gegen eine Produktphilosophie, die das Gerät zum fortlaufenden Projekt macht.


Als Matthias Metz, CEO von Bosch-Siemens-Hausgeräte, im Januar 2026 die Schließung der Werke Nauen und Bretten bis 2028 ankündigte, wiederholte sich ein vertrautes Erklärungsmuster: Geopolitische Herausforderungen, schwache Immobilienmärkte, preissensitive Verbraucher. Vor allem aber: aggressive chinesische Hersteller mit niedrigen Produktionskosten für Stahl, Energie und Löhne. Die Diagnose ist korrekt – und zugleich unvollständig. Sie verschleiert die eigentliche Verschiebung, die sich in der globalen Hausgeräteindustrie vollzieht.

Der Paradigmenwechsel: Von monolithischer zu modularer Langlebigkeit

Die 1400 betroffenen Arbeitsplätze markieren mehr als einen Personalabbau – sie dokumentieren das Scheitern eines überholten Langlebigkeitskonzepts. Deutsche Ingenieurskultur versteht Langlebigkeit als robuste, monolithische Konstruktion: Ein Produkt wird einmal perfekt gebaut und hält dann zehn Jahre, ohne nennenswerte Veränderungen zu erfahren. Diese Vorstellung ist im Zeitalter der Modularisierung und kontinuierlichen Software-Updates funktional obsolet geworden.

Das neue Verständnis von Langlebigkeit, wie es asiatische Hersteller praktizieren, basiert auf einer radikal anderen Logik: Das Produkt wird zum fortlaufenden Projekt, das mittels austauschbarer Komponenten und Software-Updates kontinuierlich aktualisiert wird. Ein Xiaomi-Saugroboter ist nicht „fertig“, wenn er die Fabrik verlässt – er entwickelt sich über Over-the-Air-Updates weiter, lernt durch Nutzungsdaten hinzu, integriert neue Features nachträglich. Die Hardware ist bewusst modular angelegt, um selektiven Austausch zu ermöglichen, statt das gesamte Gerät zu ersetzen.

Wenn ein Bosch-Geschirrspüler nach acht Jahren defekt ist und die Reparatur 250 Euro kostet, offenbart sich das Problem: Das Gerät wurde als geschlossenes System konzipiert, in dem ein Elektronikdefekt den Austausch des gesamten Steuermoduls erfordert. Ein modulares System würde nur die defekte Komponente ersetzen – und gleichzeitig die Software aktualisieren, neue Spülprogramme hinzufügen, Energieeffizienz optimieren. Die mechanische Haltbarkeit des deutschen Geräts wird irrelevant, weil seine funktionale Architektur keine Evolution zulässt.

Der unsichtbare Technologievorsprung

Metz‘ Fokussierung auf Kostenvorteile ist strategisch nachvollziehbar – kein CEO würde öffentlich technologische Unterlegenheit einräumen. Die Fakten zeichnen jedoch ein anderes Bild. BSH betreibt Forschungs- und Entwicklungszentren in Nanjing und Chuzhou, nicht umgekehrt. Chinesische Hersteller wie Haier oder Xiaomi haben die Hausgerätebranche in den vergangenen Jahren fundamental umgedeutet: Vom mechanischen Werkzeug zum vernetzten Knoten im Smart-Home-Ökosystem.

Ein Xiaomi-Saugroboter für 399 Euro bietet UV-Reinigung, App-Steuerung, Cloud-Anbindung und maschinelles Lernen für Raumkartierung – Features, die bei europäischen Premium-Herstellern das Doppelte kosten oder schlicht fehlen. Die Innovation liegt nicht in besseren Motoren oder haltbareren Lagern, sondern in der systemischen Integration von IoT, KI-gestützter Automatisierung und Softwareupdates. Hier findet die eigentliche Wertschöpfung statt – und hier sind deutsche Hersteller strukturell im Nachteil.

Die Anatomie einer strategischen Falle

BSH befindet sich in einer klassischen strategischen Falle: Das Unternehmen kann weder preislich mit asiatischen Massenherstellern konkurrieren noch technologisch in der digitalen Dimension führen. Der Ausweg – die Betonung von „Made in Germany“ als Qualitätssiegel – verliert seine Wirkung, sobald Konsumenten feststellen, dass „Qualität“ primär längere mechanische Haltbarkeit bedeutet, während funktionale Überlegenheit anderswo zu finden ist.

Die Investitionen in chinesische F&E-Zentren sind Ausdruck dieser Erkenntnis: BSH muss dort lernen, wo der Markt die technologische Richtung vorgibt. Chinesische Verbraucher, so lobten BSH-Manager wiederholt, treiben durch ihren „Technologiehunger“ globale Produktstandards voran. Übersetzt bedeutet das: Die Innovationsdynamik der Branche wird nicht mehr in Deutschland, sondern in Shenzhen und Hangzhou definiert.

Zwei unvereinbare Langlebigkeitskonzepte

Die Kritik an deutschen Premium-Hausgeräten reflektiert nicht mangelnde Qualität, sondern inkompatible Produktphilosophien. Ein Miele-Aufpreis von über 100 Prozent rechtfertigt sich durch mechanische Robustheit über zehn Jahre – eine Leistung, die der Markt nicht mehr als „Langlebigkeit“ definiert. Tests bestätigen deutsche Stärken in Energieeffizienz und Schleuderleistung, doch diese Dimensionen messen die falsche Variable.

Asiatische Hersteller haben Langlebigkeit neu definiert: Nicht als statische Haltbarkeit eines fertigen Produkts, sondern als Fähigkeit zur kontinuierlichen Anpassung. Ein Gerät ist „langlebig“, wenn es über Software-Updates neue Funktionen erhält, wenn defekte Module austauschbar sind ohne Totalersatz, wenn es in wechselnde Ökosysteme integrierbar bleibt. Diese Langlebigkeit ist dynamisch, nicht statisch – sie setzt auf Evolution statt auf initiale Perfektion.

Deutsche Hersteller haben jahrzehntelang in Produktqualität investiert, die sich über zehn Jahre amortisieren sollte – aber sie investierten in die Unveränderbarkeit des Produkts, nicht in seine Wandlungsfähigkeit. In einem Markt, in dem funktionale Obsoleszenz durch Software-Standards schneller eintritt als mechanischer Verschleiß, wird diese Form von „Qualität“ zur Liability. Das Gerät überlebt seine eigene Funktionalität.

Die strukturelle Dimension

Die BSH-Standortschließungen sind kein isoliertes Ereignis, sondern Symptom einer umfassenderen Transformation. Sie markieren den Übergang von monolithischer Produktkonstruktion zu modularen, software-gesteuerten Systemen – ein Wechsel, in dem deutsche Ingenieurskultur ihre komparativen Vorteile verliert, weil sie kategorial anders denkt.

Drei Faktoren verstärken sich gegenseitig:

Erstens: Modularisierung verändert die Wertschöpfungslogik fundamental. Ein geschlossenes System wie ein deutscher Geschirrspüler zwingt bei Defekten zum Austausch kompletter Baugruppen oder des gesamten Geräts. Ein modulares System erlaubt selektiven Komponententausch und kontinuierliche Verbesserung. Die Entwicklungskosten verschieben sich von initialer Perfektion zu laufender Iteration – ein Modell, das asiatische Skalierung begünstigt.

Zweitens: Software-Updates entkoppeln Produktfunktionalität von Hardware-Lebensdauer. Ein Gerät, das per Firmware neue Spülprogramme, optimierte Energieprofile oder Anbindung an neue Smart-Home-Standards erhält, bleibt funktional relevant, selbst wenn mechanische Komponenten altern. Deutsche Hersteller bauen für zehnjährige mechanische Haltbarkeit, aber ohne Updatefähigkeit veraltet die Funktionalität nach drei Jahren.

Drittens: Die Verlagerung von F&E nach Asien folgt nicht nur Kosten, sondern der Innovationsgeographie modularer Systeme. Wer im Ökosystem-Wettbewerb relevant bleiben will, muss dort entwickeln, wo Plattformstandards entstehen und Komponentenmärkte sich formieren. BSH lernt in Nanjing nicht billigere Produktion, sondern ein anderes Produktverständnis.

Konsequenzen ohne Ausweg

Metz‘ Versicherung, keine weiteren deutschen Standortschließungen zu planen, ist ökonomisch fragwürdig. Solange die strukturellen Bedingungen – hohe Energiekosten, regulatorische Komplexität, fehlende digitale Ökosysteme – bestehen bleiben, wird der Druck anhalten. Die Konzentration auf verbleibende Standorte wie Dillingen oder Traunreut schafft kurzfristig Auslastung, löst aber nicht das fundamentale Problem: BSH produziert in einer Hochkostenregion Produkte, deren Wertversprechen der Markt nicht mehr honoriert.

Die Alternative – radikale Transformation in Richtung digitaler Plattformen und Software-definierter Geräte – würde ein anderes Unternehmen erfordern, mit anderen Kompetenzen, anderen Entwicklungszyklen, anderer Unternehmenskultur. BSH ist dafür nicht positioniert und kann es in seiner jetzigen Form auch nicht werden.

Schluss

Die Schließung zweier Werke und der Abbau von 1400 Arbeitsplätzen markieren nicht nur den Verlust von Arbeitsplätzen, sondern das Ende eines industriellen Paradigmas. Deutsche Hausgerätehersteller verteidigen ein Langlebigkeitskonzept, das selbst überholt ist: die Vorstellung vom perfekt konstruierten, unveränderlichen Produkt, das zehn Jahre ohne Eingriff funktioniert.

Dieses Ideal war nie naiv – es repräsentierte eine genuine Ingenieursleistung und entsprach einer Zeit, in der Produkte primär mechanisch-elektrisch funktionierten. Doch im Zeitalter der Modularisierung und Software-definierter Funktionalität wird das Produkt zum fortlaufenden Projekt. Langlebigkeit bedeutet nicht mehr Robustheit gegen Verschleiß, sondern Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Nutzungsanforderungen und technologische Standards.

BSH kann einzelne Standorte konzentrieren, Kosten senken, selektiv in Asien investieren – keine dieser Maßnahmen adressiert den konzeptionellen Kern. Das Unternehmen müsste seine Produktphilosophie fundamental umkehren: Von geschlossenen Systemen zu modularen Plattformen, von initialer Perfektion zu kontinuierlicher Evolution, von Hardware-Dominanz zu Software-gesteuerter Funktionalität. Eine solche Transformation erfordert nicht nur andere Kompetenzen, sondern eine andere Organisationslogik.

Was in Nauen und Bretten verschwindet, ist nicht nur Fertigungskapazität, sondern eine Form industrieller Expertise, die ihre ökonomische Berechtigung verloren hat. Sie ist das Opfer eines Paradigmenwechsels, der das deutsche Verständnis von Qualität selbst obsolet gemacht hat – nicht weil diese Qualität schlecht wäre, sondern weil sie die falsche Variable optimiert.

Die Hausgeräteindustrie belohnt heute nicht mehr jene, die das beste Endprodukt bauen, sondern jene, die das anpassungsfähigste System konzipieren. In dieser Logik ist deutsche Ingenieursexzellenz nicht unterlegen – sie ist kategorial falsch positioniert.

Ralf Keuper


Quellen:

Chef von Bosch-Siemens-Hausgeräte Metz über „Made in Germany“

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chef-von-bosch-siemens-hausgeraete-metz-ueber-made-in-germany-accg-110822302.html

BSH bestätigt: Nach Werksschließungen keine weiteren Standorte in Gefahr ​
https://www.hasepost.de/bsh-bestaetigt-nach-werksschliessungen-keine-weiteren-standorte-in-gefahr-678676/

China Home Appliances Market

https://www.mordorintelligence.com/de/industry-reports/china-home-appliances-market-industry
Made in China vs. Made in Germany

https://www.lineup.de/beitrag/made-in-china-vs-made-in-germany/

Waschmaschinen: Bosch-Siemens-Hausgeräte leidet unter Chinas Schwäche

https://www.welt.de/wirtschaft/article191771353/Waschmaschinen-Bosch-Siemens-Hausgeraete-leidet-unter-Chinas-Schwaeche.html

Reddit: Ist Miele den Aufpreis wert vs BSH

https://www.reddit.com/r/Handwerker/comments/1j49x7a/ist_miele_den_aufpreis_wert_im_vergleich_zu_bsh/

Miele Bewertungen Trustpilot

https://de.trustpilot.com/review/www.miele.de
memory:37 User-Kritik an Preis-Leistung deutscher Premium-Produkte