Von der Ostindien-Kompanie über Nehrus Planwirtschaft und die Liberalisierung der 1980er Jahre bis zur Architektur der Marktvereinheitlichung im Indien der Gegenwart erzählt die indische Wirtschaftsgeschichte keine Geschichte fortschreitender Marktbefreiung, sondern eine Geschichte wechselnder institutioneller Architekturen, die festlegen, wer auf welchen Markt zu welchen Bedingungen zugreifen darf. Dietmar Rothermunds wirtschaftshistorische Analyse liefert dafür ein instruktives Material – nicht weil sie ein Sonderfall ist, sondern weil sie ein Muster sichtbar macht, das für institutionenökonomisches Denken allgemein relevant bleibt: Märkte sind kein Naturzustand, sondern das Ergebnis von Entscheidungen darüber, wer ihre Spielregeln schreibt. Ein Ausblick auf die drei Jahrzehnte seit 1995 zeigt, dass sich diese Frage nicht erledigt, sondern lediglich neue Träger und neue Instrumente gefunden hat.


Wer Wirtschaftsgeschichte als Geschichte sich entfaltender Märkte erzählt, unterstellt bereits eine Antwort auf die eigentlich interessante Frage: wer den Markt eigentlich konstituiert. Dietmar Rothermunds Skizze der indischen Wirtschaftsgeschichte zwischen 1757 und 1995 eignet sich gut, um diese Frage zu stellen, weil sie drei aufeinanderfolgende institutionelle Regime beschreibt, die jeweils unterschiedliche Antworten gaben – die Handelskompanie, der postkoloniale Planungsstaat, der liberalisierende Staat – und weil keines dieser Regime den Markt einfach „freigesetzt“ hat. Stattdessen hat jedes Regime eine eigene Architektur der Marktzugänge errichtet, deren Logik sich erst aus den institutionellen Interessen ihrer Träger erschließt.

Die Handelskompanie als Rechenstift-Architektur

Die britische Ostindien-Kompanie wird in der öffentlichen Erinnerung oft als Eroberungsmacht imaginiert. Rothermunds Darstellung korrigiert dieses Bild in einer aufschlussreichen Weise: Die Kompanie war primär ein kalkulierendes Handelsunternehmen, das sich in Bengalen bereits Jahrzehnte vor der politischen Machtübernahme in einem florierenden Markt eingerichtet hatte – mit Wissen über Steuerwesen, Geldwirtschaft und Textilproduktion. Die Eroberung war keine Bedingung der Marktpartizipation, sondern eine spätere Konsolidierung eines bereits bestehenden kommerziellen Zugriffs.

Genau das macht den entscheidenden Unterschied zur klassischen Eroberungserzählung: Hier herrschte nicht primär politischer, sondern fiskalischer und kommerzieller Kalkül – eine Organisation, die „mit dem Rechenstift“ regierte und sich auf kostspielige Abenteuer nur ungern einließ. Selbst ein Akteur wie Clive blieb in die Weisungsstruktur des Londoner Direktoriums eingebunden. Das ist eine Beobachtung, die sich gut mit einem organisationstheoretischen Blick verbinden lässt: Die Handlungsspielräume von Akteuren im Feld – Statthalter, Gouverneure, Heerführer – wurden durch die Berichts- und Kontrollarchitektur der Zentrale strukturell begrenzt, lange bevor moderne Konzernhierarchien dieses Prinzip systematisierten.

Die eigentliche strukturelle Pointe liegt jedoch in der Steuerung der Marktintegration selbst. Mit der Erlangung der Steuerhoheit über Bengalen kehrte sich der Silberstrom um: Statt Silber nach Indien zu schicken, wie es der Außenhandel zuvor erfordert hatte, floss nun indisches Silber über die Kompanie nach China, um dort Tee einzukaufen, dessen Verkauf in London zum Reingewinn wurde. Der Silberabfluss wirkte deflationär und drückte die Preise – mit Folgen für die heimische Textilproduktion. Hinzu kam eine Tarifpolitik, die Exportgüter zu den Häfen systematisch billiger transportierte als Güter für den Binnenmarkt; die offiziellen Effizienzargumente dafür erwiesen sich bei genauerem Hinsehen als fadenscheinig. Das Ergebnis lässt sich institutionenökonomisch präzise fassen: Der Staat – in diesem Fall die quasi-staatliche Handelskompanie – förderte die Anbindung Indiens an den Weltmarkt selektiv, nämlich solange Großbritannien selbst einen großen Anteil an diesem Markt hatte, während Tendenzen zur binnenmarktorientierten Importsubstitution nicht gefördert, sondern indirekt behindert wurden. Markt­architektur, nicht Marktfreiheit, war das Organisationsprinzip.

Bodenmarkt ohne Produktivität

Eine zweite, weniger bekannte Beobachtung betrifft den Bodenmarkt. Während der britisch-indische Staat den Binnenmarkt kaum förderte, beförderte er auf erstaunliche Weise die Entwicklung des Landmarkts und den Anstieg der Bodenpreise – ohne dass dieser Wertzuwachs mit einer Steigerung der Produktivität einherging. Wo die Bearbeitung durch Teilpächter zunahm, gingen die Flächenerträge sogar zurück. Der Grund liegt in unterschiedlichen ökonomischen Rationalitäten: Der Familienbetrieb optimiert auf intensive Flächenbewirtschaftung, der Teilpächter unter anderen Anreizstrukturen nicht notwendig.

Diese Beobachtung verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihr in der Regel zukommt, weil sie ein allgemeines institutionenökonomisches Muster illustriert: Ein Markt kann florieren – im Sinne steigender Preise und Handelsvolumina – ohne dass dies etwas über seine produktive Leistungsfähigkeit aussagt. Boden wurde hier zunehmend als Vermögenswert und Statusgut gehandelt, nicht primär als Produktionsfaktor. Diese Entkopplung von Marktdynamik und Produktivitätsentwicklung ist ein Strukturmerkmal, das sich – in anderer Form – bis in die Gegenwart verfolgen lässt, etwa in Diskussionen um Immobilienmärkte, deren Preisdynamik sich von realwirtschaftlichen Fundamentaldaten löst.

Kriegserschütterungen als unbeabsichtigter Strukturwandel

Der Übergang von der kolonialen zur postkolonialen Ordnung wird bei Rothermund nicht als Ergebnis strategischer Planung, sondern als Folge exogener Schocks beschrieben. Der Erste Weltkrieg entzog dem britisch-indischen Binnenmarkt zeitweilig den gewohnten Importzugriff und stärkte dadurch – ungeplant – die indische Industrie; das von Jamshedji Tata gegründete erste indische Stahlwerk profitierte erheblich von dieser zufälligen Importlücke. Die Sequenz von Inflation, Deflation und Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1914 bis 1945 erschütterte zugleich die fiskalischen Grundlagen des Kolonialstaats, dessen Einnahmen wesentlich auf Grundsteuer und Opiummonopol beruhten.

Diese Beobachtung passt zu einer wirtschaftshistorischen Grundeinsicht, die sich von Plumpe bis zur Annales-Schule zieht: Institutionelle Ordnungen verändern sich seltener durch zielgerichtete Reform als durch die kumulative Wirkung exogener Erschütterungen, auf die Akteure nachträglich reagieren. Strukturwandel ist hier kein Resultat von Strategie, sondern von Kontingenz, die nachträglich in Strategie übersetzt wird.

Nehrus Planwirtschaft: Ambition ohne hinreichende Reichweite

Das unabhängige Indien übernahm – so Rothermunds Befund – den Interventionismus als Erbe der Kriegskrisen und baute ihn unter Nehru zur systematischen Planwirtschaft aus. Bemerkenswert ist hier nicht die häufig unterstellte Übertreibung staatlicher Lenkung, sondern eher das Gegenteil: Nehrus Planwirtschaft blieb, gemessen an seinen eigenen industriepolitischen Ambitionen, eher zu zurückhaltend als zu weitgehend. Die Importsubstitution wurde nicht durch Intensivierung des Wettbewerbs, sondern durch staatliche Lenkung der ohnehin knappen Kapitalressourcen verfolgt – ein klassisches Dilemma kapitalarmer Ökonomien, die Industrialisierung gegen den Mangel an investierbarem Kapital durchsetzen wollen.

Aus dieser Konstellation entwickelte sich, wie die anschließende Stagnationsphase nach 1966 zeigt, eine eigentümliche institutionelle Dynamik: Der private Sektor profitierte zunehmend als „Trittbrettfahrer“ von staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Grundstoffindustrie, ohne das damit verbundene Risiko zu tragen. Diese Beobachtung lässt sich als allgemeines Strukturmerkmal gemischter Ökonomien lesen: Wo der Staat die kapitalintensiven, risikobehafteten Vorleistungen übernimmt, kann der nachgelagerte private Sektor mit geringerem Risiko reüssieren – eine Verteilung von Kosten und Erträgen, die selten explizit verhandelt, sondern strukturell erzeugt wird.

Grüne Revolution und die Grenzen der Verteilungswirkung

Die „Grüne Revolution“ ab 1970 wird bei Rothermund als gezielte staatliche Förderung der Intensivierung beschrieben – über Preisanreize, Aufkaufgarantien und die Verbreitung neuer Anbautechniken, flankiert durch staatliche „Fair Price Shops“. Der Erfolg war real, aber ungleich verteilt: Indiens Position im internationalen Vergleich der Flächenerträge blieb, trotz der Reform, erstaunlich niedrig – während gleichzeitig der politische Stellenwert der wachsenden Zahl landloser Landarbeiter zunahm, deren ökonomische Lage sich dadurch kaum verbesserte. Migration in die Industrie bot diesen Arbeitskräften keine wirkliche Alternative, weil der industrielle Sektor kaum neue Arbeitsplätze schuf.

Hier zeigt sich erneut das Muster der Entkopplung: Politische Repräsentation (wachsendes Gewicht der Landarbeiterstimmen) und ökonomische Teilhabe (Zugang zu produktivem Boden, zu industriellen Arbeitsplätzen) entwickeln sich nicht synchron. Institutionelle Reformen, die auf Produktionssteigerung zielen, verändern nicht notwendig die zugrunde liegende Verteilungsarchitektur.

Formaler und informaler Sektor: das alte Verlagssystem im neuen Gewand

Industrielles Wachstum setzte in Indien – anders als in der Agrarwirtschaft – erst mit deutlichem zeitlichen Abstand ein, gebremst durch die Ölpreisschocks der 1970er Jahre und erst in den günstigeren 1980er Jahren beschleunigt. Doch der damit einhergehende Beschäftigungseffekt blieb hinter der amtlichen Statistik zurück, weil die Zahl formeller Arbeitsplätze nur moderat wuchs, während informelle Beschäftigung – in Zulieferbetrieben, im Verlagssystem, in der Heimarbeit – stark zunahm.

Diese Beobachtung lässt sich gut mit einem organisationsökonomischen Argument verbinden: Große, formelle Fabrikbetriebe sind mit den „diseconomies of scale“ konfrontiert, die aus gewerkschaftlicher Organisierung und arbeitsrechtlicher Regulierung resultieren. Die Antwort darauf ist nicht Deregulierung, sondern strukturelle Fragmentierung – die bewusste Verteilung von Produktionsschritten auf kleine, formal unabhängige Einheiten, die unterhalb der regulatorischen und steuerlichen Schwellenwerte operieren. Das alte koloniale Verlagssystem kehrt hier, in modernisierter Form, als rationale Antwort auf regulatorische Anreizstrukturen zurück. Es handelt sich um ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Organisationsformen nicht primär technologisch, sondern institutionell – durch Regulierung, Besteuerung, Arbeitsrecht – determiniert werden.

Außenöffnung vor Binnenliberalisierung

Die Liberalisierungspolitik der 1980er Jahre unter Indira und Rajiv Gandhi setzte zunächst bei der Reduktion prohibitiver Schutzzölle und Importrestriktionen an – also bei der Außenhandelsseite –, während die interne Liberalisierung der Binnenwirtschaft deutlich zögerlicher vorangetrieben wurde. Die Folge war eine asymmetrische Reformsequenz: sinkende Zolleinnahmen, aber kein entsprechender Abbau der Subventionierung unprofitabler Staatsbetriebe, deren Finanzierung gerade durch die schwindenden Zolleinkünfte zunehmend prekär wurde.

Diese Sequenzierung – äußere Öffnung vor innerer Reform – ist kein indisches Spezifikum, sondern ein wiederkehrendes Muster bei Liberalisierungsprozessen überhaupt: Es ist politisch leichter, Außengrenzen zu öffnen, als etablierte Binnenstrukturen – Staatsbetriebe, regulierte Arbeitsmärkte, subventionierte Sektoren – aufzubrechen, weil Letzteres unmittelbar organisierte Interessen herausfordert, während Erstes diffuser wirkt. Reformrhetorik und institutionelle Realität fallen dabei regelmäßig auseinander.

Ausblick: 1995 bis 2026 – dieselbe Frage in neuen Instrumenten

Rothermunds Text endet 1995, im Jahr nach Beginn der „Grünen Revolution“-Nachbetrachtung und mitten in der ersten, noch zögerlichen Phase der Außenhandelsliberalisierung. Was seither geschah, lässt sich nicht mehr aus seinem Text ableiten, fügt sich aber bemerkenswert bruchlos in die von ihm beschriebene Struktur ein. Der folgende Ausblick stützt sich daher nicht mehr auf Rothermund, sondern auf die seitherige Wirtschaftsentwicklung – mit demselben analytischen Interesse: Wer bestimmt die Architektur des Marktzugangs, und welche Akteure setzen sich dabei durch?

Vom Bilanzkrisenschock zur beschleunigten Liberalisierung (1991–2014). Die 1991 unter dem Druck einer akuten Zahlungsbilanzkrise eingeleitete Reform ging über die zögerliche Außenhandelsöffnung der 1980er Jahre, die Rothermund beschreibt, deutlich hinaus: Das Lizenzsystem („License Raj“) wurde weitgehend abgeschafft, die Rupie abgewertet und konvertibel gemacht, Importzölle drastisch gesenkt. Direktinvestitionen stiegen von rund 70 Millionen US-Dollar im Jahr 1991 auf zuletzt knapp 82 Milliarden Dollar, und allein zwischen 2006 und 2016 entkamen nach UN-Schätzungen fast 300 Millionen Menschen der extremen Armut. Das bestätigt zunächst die Vermutung, dass es institutionelle und nicht kulturelle Faktoren waren, die das Wachstum zuvor begrenzt hatten. Es löst aber das im Haupttext beschriebene Strukturproblem nicht auf, sondern verschiebt es nur: Die Doppelstruktur aus formellem und informellem Sektor, die für die Industrialisierung der 1970er und 1980er Jahre beschrieben wurde, blieb auch in der Phase hoher Wachstumsraten erhalten.

Architektur der Vereinheitlichung: GST, Bargeldreform und Industriepolitik 2.0 (seit 2014). Mit der 2017 eingeführten Goods and Services Tax wurde ein Projekt in Gang gesetzt, das sich direkt an die im Haupttext beschriebene koloniale Tarifpolitik anschließen lässt: die Schaffung eines tatsächlich einheitlichen Binnenmarkts. Die GST ersetzte rund 18 verschiedene indirekte Steuern und Abgaben der Zentralregierung sowie der Bundesstaaten, die zuvor – ähnlich wie die diskriminierenden Frachttarife der Kompanie-Ära – den bundesstaatenübergreifenden Handel verteuert und fragmentiert hatten. Doch auch dieses Vereinheitlichungsprojekt bleibt an der föderalen Architektur gebrochen: Zentral- und Länderanteil (CGST/SGST) bestehen nebeneinander fort, und im September 2025 musste das Satzsystem erneut vereinfacht werden. Die 2016 verfügte Bargeldreform („Demonetisierung“) zielte in dieselbe Richtung von der monetären Seite: ein Versuch, die bargeldbasierte informelle Wirtschaft durch eine plötzliche Änderung der Geldarchitektur zur Formalisierung zu zwingen. Mit dem seit 2020 laufenden Production-Linked-Incentive-Programm kehrt zugleich, in neuer Form, die alte Frage der Industriepolitik zurück: Statt – wie unter Nehru – Importe zu lizenzieren, koppelt der Staat seine Förderung nun an nachgewiesene Produktions- und Exportleistung. Bis März 2025 wurden über 806 Projektanträge in 14 Sektoren genehmigt, mit realisierten Investitionen von rund 20 Milliarden US-Dollar und einer ausgelösten Produktions- und Verkaufsleistung von etwa 191 Milliarden US-Dollar – begünstigt auch durch die „China+1“-Strategie internationaler Konzerne, die ihre Lieferketten diversifizieren. Die institutionelle Logik hat sich gewandelt, vom Rationieren von Einfuhrkontingenten zur Belohnung nachgewiesener Marktleistung, das Grundmuster staatlich gesetzter Marktarchitektur bleibt erhalten.

Die ungelöste Agrarfrage: die Farm Laws als Test der alten These. Der deutlichste Beleg für die Kontinuität der im Haupttext beschriebenen Bodenmarkt-Problematik liefert die Geschichte der drei Agrargesetze von 2020. Sie sollten das staatliche Aufkaufsystem der „Mandis“ durch private Käufer und Vertragslandwirtschaft ergänzen oder ersetzen – eine Liberalisierung des Agrarmarkts, wie sie seit den 1990er Jahren regelmäßig angemahnt wurde. Sie lösten eine Protestwelle aus, an der über 250 Millionen Bauern und Landarbeiter teilnahmen, der Oberste Gerichtshof setzte die Umsetzung im Januar 2021 aus, und im November 2021 nahm die Regierung die Gesetze zurück. Damit bestätigt sich exakt die im Haupttext skizzierte politische Ökonomie: Die zahlenmäßig dominante Gruppe der landlosen und kleinbäuerlichen Wähler verfügt kaum über die Mittel, positive Reformen für sich durchzusetzen, sehr wohl aber über das Gewicht, eine als bedrohlich empfundene Veränderung der bestehenden Marktordnung zu blockieren. Die Asymmetrie zwischen schwacher positiver und starker negativer politischer Durchsetzungsfähigkeit, die sich bereits in den 1990er Wahlergebnissen andeutete, hat sich dreißig Jahre später ungemindert bestätigt.

Befund 2026: Wachstum ohne Auflösung der Dualität. Indien ist 2025 zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen und wuchs im Finanzjahr 2025/26 real um 7,6 Prozent, für 2026/27 werden rund 6,6 Prozent erwartet. Doch die im Haupttext beschriebene Kluft zwischen aggregierter Wachstumsdynamik und der zugrunde liegenden Beschäftigungsarchitektur besteht fort: Schätzungen zufolge sind weiterhin zwischen 80 und 90 Prozent aller Arbeitskräfte im informellen Sektor beschäftigt, während das Wachstum überwiegend von einem vergleichsweise wenig arbeitsintensiven Dienstleistungssektor getragen wird. Das duale System aus formeller Statistik und informeller Beschäftigungsrealität, das für die 1980er Jahre beschrieben wurde, ist kein Übergangsphänomen einer früheren Entwicklungsphase gewesen, sondern ein Strukturmerkmal, das sich mit dem Wachstum mitskaliert hat.

Was bleibt: die Architektur, nicht die Rhetorik

Über alle vier Regime hinweg – Handelskompanie, Planungsstaat, liberalisierender Staat der 1980er Jahre und die seit den 1990er Jahren fortgesetzte, seit 2014 durch neue Instrumente (GST, Bargeldreform, performanzgebundene Industriepolitik) verschärfte Marktvereinheitlichung – zeigt sich ein gemeinsamer struktureller Befund: Keines dieser Regime hat den Markt einfach gewähren lassen. Jedes hat eine eigene institutionelle Architektur errichtet, die festlegt, wer auf welchen Markt zu welchen Konditionen zugreifen kann – die Handelskompanie über fiskalische und tarifäre Steuerung, der Planungsstaat über Investitionslenkung und Importkontrolle, der liberalisierende Staat über die selektive, asymmetrische Öffnung einzelner Marktsegmente, der heutige Staat über die technische Vereinheitlichung von Steuer- und Förderarchitekturen bei fortbestehender föderaler und sozialer Fragmentierung. Die jeweilige Legitimationsrhetorik – koloniale Modernisierung, nationale Selbstbestimmung, marktwirtschaftliche Öffnung, digitale Formalisierung – unterscheidet sich erheblich; die zugrunde liegende Frage, wer die Spielregeln des Marktzugangs bestimmt, und wer – wie die Bauernproteste von 2020/21 zeigen – über ein Vetorecht gegen ihre Veränderung verfügt, bleibt über die Epochen hinweg erstaunlich konstant.

Für eine institutionenökonomische Betrachtung liegt darin keine Schlussfolgerung über Indien im Besonderen, sondern eine Erinnerung an eine allgemeinere Einsicht: Märkte sind keine vorinstitutionellen Gegebenheiten, die durch Staat entweder behindert oder freigesetzt werden. Sie sind selbst institutionelle Konstruktionen, deren jeweilige Architektur – wer sie entwirft, wer von ihr profitiert, wer ihre Kosten trägt, und wer sie blockieren kann – der eigentliche Untersuchungsgegenstand ist. Die Frage „Markt oder Staat“ verdeckt eher, als sie erklärt; die interessantere Frage lautet, wer den Markt in welcher Form konstituiert.

Ralf Keuper


Quellen: Für den Zeitraum 1757–1995: Dietmar Rothermund, „Staat und Markt in Indien 1757–1995“, in: Helga Breuninger / Rolf Peter Sieferle (Hrsg.), Markt und Macht in der Geschichte, Stuttgart 1995, S. 177–205. Der Ausblick auf die Jahre 1995–2026 beruht auf aktueller Wirtschaftsberichterstattung (u. a. GTAI, Franklin Templeton, Stiftung Wissenschaft und Politik, Deccan Herald, Wikipedia) und nicht mehr auf Rothermunds Text.