Die Insolvenz eines Blechverarbeiters aus Rheda-Wiedenbrück mit 150 Mitarbeitern wirkt auf den ersten Blick wie ein Betriebsunfall: Eine neue Maschine fällt aus, Aufträge verzögern sich, die Liquidität bricht zusammen. Auf den zweiten Blick offenbart der Fall jedoch eine systemische Wahrheit über den deutschen Mittelstand – zwischen 20 und 35 Prozent der Unternehmen wirtschaften mit so schmalen Kapitalreserven, dass bereits eine einzelne fehlgeschlagene Investition zur Existenzbedrohung wird. Was aussieht wie Pech, ist in Wahrheit Strukturproblem.
Am 15. Januar 2026 eröffnete das Amtsgericht Bielefeld das Insolvenzverfahren über die RT-Lasertechnik GmbH aus Rheda-Wiedenbrück. 150 Mitarbeiter sind betroffen. Die offizielle Begründung klingt nachvollziehbar: Eine neue Maschine, ein Flachbett-Laser für die Blechverarbeitung, war defekt. Aufträge konnten nicht termingerecht abgearbeitet werden, Zahlungseingänge verzögerten sich, die Liquidität brach zusammen.
Insolvenzverwalter Mike Westkamp nennt den technischen Defekt als Hauptursache, ergänzt durch „allgemeine Marktbelastungen“ – jene Formulierung, die in Insolvenzverfahren für alles steht, was nicht konkret benannt werden soll.
Was auf den ersten Blick wie ein bedauerlicher Einzelfall erscheint, ist bei genauerer Betrachtung ein Lehrstück über die prekäre Kapitalschwäche des deutschen Mittelstands.
RT-Lasertechnik war kein hoffnungsloser Fall. Das Unternehmen verfügte über eine „gute Auftragslage“, moderne Produktionshallen und 24 Jahre Markterfahrung seit der Gründung 2002. Es belieferte etablierte Branchen – Maschinenbau, Fahrzeugbau – und hatte einen diversifizierten Kundenstamm aufgebaut. Ein solides mittelständisches Unternehmen also, wie es im Lehrbuch steht. Und genau deshalb ist sein Scheitern so aufschlussreich.
Von der Störung zur Insolvenz: Eine Frage von Wochen
Dass ein technischer Defekt binnen weniger Monate ein Unternehmen dieser Größenordnung in die Zahlungsunfähigkeit treibt, verweist auf eine fundamentale Schwäche: die fehlende Kapitalpufferung. Die Rechnung ist einfach, wenn man sie einmal durchdekliniert. Ein Betrieb mit 150 Mitarbeitern hat monatliche Fixkosten von deutlich über einer Million Euro – Personalkosten, Mieten, Energie, Versicherungen, und vor allem: den laufenden Kapitaldienst für die neue Maschine, die nun defekt in der Halle steht. Bei einem Produktionsausfall oder auch nur einer erheblichen Reduzierung der Auslastung stocken die Erlöse, während die Kosten weiterlaufen. Forderungen gegenüber Kunden bleiben bestehen, aber die Zahlungseingänge verzögern sich. Lieferanten werden nervös, verlangen kürzere Zahlungsziele oder gar Vorkasse.
In einer solchen Situation entscheidet sich alles an der Liquiditätsreserve. Und hier liegt das strukturelle Problem: Nach Daten der KfW aus der Pandemiezeit verfügten 22 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen lediglich über Liquiditätsreserven für maximal zwei Monate. Zwei Monate ohne Einnahmen – dann folgt die Zahlungsunfähigkeit. Die aktuellen Zahlen sind noch alarmierender: 53 Prozent der Kleinunternehmen meldeten 2024 akute Liquiditätsprobleme, mehr als eine Verdoppelung gegenüber der Vor-Pandemie-Zeit. Über ein Drittel der mittelständischen Unternehmen arbeitet praktisch ohne substanziellen Liquiditätspuffer – im Industriebereich liegt dieser Anteil noch deutlich höher.
RT-Lasertechnik fällt damit nicht aus dem Rahmen, sondern liegt im Normalbereich einer Branche, die buchstäblich ohne Sicherheitsnetz wirtschaftet. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote im Mittelstand liegt zwar bei über 30 Prozent, doch diese Durchschnittswerte täuschen über dramatische Unterschiede hinweg. In der Metallindustrie, zu der Blechverarbeiter wie RT-Lasertechnik gehören, weisen 29 Prozent der Unternehmen eine geringe Eigenkapitalquote von unter 20 Prozent auf. Im Handwerk, das viele metallverarbeitende Betriebe umfasst, haben sogar 34,5 Prozent eine Eigenkapitalquote von unter 10 Prozent. Das bedeutet: Diese Unternehmen stehen permanent mit einem Bein in der Insolvenz.
Das Paradox der Modernisierung
Besonders verstörend ist die Tatsache, dass gerade jene Betriebe besonders gefährdet sind, die versuchen, das Richtige zu tun. RT-Lasertechnik hatte in neue Technologie investiert – ein Flachbett-Laser zur Modernisierung der Produktionskapazität. Das ist betriebswirtschaftlich rational, ja geradezu zwingend in einer Branche, in der technologischer Rückstand unweigerlich zum Wettbewerbsnachteil führt. Doch die Finanzierungsstruktur deutscher Mittelständler bestraft diese Rationalität.
Die Investition in eine Spezialmaschine kostet schnell einen mittleren sechsstelligen Betrag. 75 Prozent des Mittelstands nutzen für solche Investitionen Leasing, um die Liquidität zu schonen. Doch nicht jedes Leasingmodell ist bilanzneutral. Finance-Leasing mit Kaufoption – üblich bei hochspezialisierten Maschinen wie Laserschneidanlagen – kann bilanzierungspflichtig sein. Die Maschine erscheint dann als Aktivum in der Bilanz, die Leasingverbindlichkeit als Passivum. Die Bi…
