1975 war der Personal Computer noch nicht erfunden. Theo Lieven und Reiner Fraling, zwei Aachener Studenten, verkauften Rechenschieber und Taschenrechner – Werkzeuge einer Übergangszeit, in der die analoge Welt der Rechenstäbe auf die digitale Logik der ersten elektronischen Rechenhilfen traf.

Sechs Jahre später, 1981, hatte sich die Welt gedreht. Apple hatte den Apple II auf den Markt gebracht, IBM bereitete seinen PC vor, und in Deutschland begannen Menschen zu verstehen, dass Computer nicht mehr nur in Rechenzentren von Großkonzernen standen. Lieven und Fraling benannten ihr Unternehmen um: VOBIS Data Computer GmbH. Der Name kam aus dem Lateinischen – „vobis“, „für euch“. Ein Versprechen, das in den kommenden Jahren eingelöst werden sollte.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre vollzog sich die eigentliche Transformation. Zwischen 1986 und 1988 führte VOBIS die Eigenmarke Highscreen ein. Erst Monitore, dann komplette PC-Systeme. 1988 lag der Umsatz bei 270 Millionen D-Mark. Das war beachtlich, aber noch nicht außergewöhnlich.

Der große Sprung (1989-1992)

1989 geschah etwas, das den weiteren Verlauf bestimmen sollte: Die Metro/Kaufhof Holding stieg mit 50 Prozent bei VOBIS ein. Der Umsatz lag bei etwa 500 Millionen D-Mark. Für die Gründer bedeutete es Kapital und Absicherung. Für Metro bedeutete es den Einstieg in einen Markt, der gerade dabei war, zu explodieren.

Die frühen 1990er Jahre waren die Zeit, in der der Computer in Deutschland zum Massenprodukt wurde. Windows 3.0 (1990) und 3.1 (1992) machten die Bedienung beherrschbar. Die Preise fielen. 1985 hatte ein ZX81 noch 79 D-Mark gekostet – ein Spielzeug. 1990 kostete ein Highscreen 286-PC etwa 2.000 D-Mark – das war ernst gemeint, aber erschwinglich für die Mittelschicht. Ein Highscreen-Laptop mit 386er-Prozessor lag 1991 bei 4.732 D-Mark – immer noch teuer, aber nicht mehr utopisch.

VOBIS expandierte nach Ostdeutschland, wo nach der Wiedervereinigung Tausende Betriebe und Verwaltungen mit Computern ausgestattet werden mussten. Die Expansion ging weiter nach Österreich, Polen, Belgien, Frankreich. Der Börsengang zur VOBIS AG folgte.

1992 überschritt der Umsatz die Grenze von einer Milliarde D-Mark. VOBIS verkaufte etwa 320.000 PCs in Deutschland – deutlich mehr als IBM und mehr als der Konkurrent Escom.

Hochphase und Colani (1993-1996)

Die Mitte der 1990er Jahre markierte den Höhepunkt. Der Umsatz stieg auf 3 bis 4,3 Milliarden D-Mark. 1,5 Millionen verkaufte PCs. 3.000 Mitarbeiter. 776 Filialen in elf Ländern. Ein europäischer Marktanteil von 5,9 Prozent – in der Größenordnung von Apple, und über Escom.

1992 begann die Zusammenarbeit mit Luigi Colani, dem Designer organischer Formen. Colani-Tower, Colani-Desktop, Colani-Tastatur, Colani-Maus, Colani-Joystick. Die Gehäuse sahen aus wie Lebewesen aus einer technischen Zukunft. Der Slogan: „Design ohne Aufpreis“. 1994 kürte die Zeitschrift „Chip“ einen Colani-PC zum PC des Jahres.

Das Kundenmagazin „Highscreen Highlights“ erschien zwischen 1993 und 1997 – eine Kundenbindung vor dem Internetzeitalter. Aber das zentrale Instrument war der „Denkzettel“: ein Prospekt mit Spezifikationen und Preisen, massenhaft als Beilage in Zeitungen verteilt. Der Name war doppeldeutig. Für Kunden: Information. Für die Konkurrenz, vor allem Escom: ein Denkzettel.

Der Microsoft-Konflikt

1994 und 1995 kam es zu einer bemerkenswerten Konfrontation. Windows 95 verzögerte sich. Windows 3.x galt als veraltet. VOBIS entschied, standardmäßig IBMs OS/2 auf den PCs zu installieren. Das Ergebnis: OS/2 erreichte in Deutschland einen Marktanteil von etwa 40 Prozent, verglichen mit 5 Prozent in den USA. Das war im Wesentlichen VOBIS.

Microsoft reagierte. Es gab Druck. Es gab die Drohung, die Windows-95-Lizenz zu entziehen. Am Ende gab es eine Einigung. VOBIS erhielt die Lizenz. Aber der Vorfall zeigte, wie abhängig selbst ein Marktführer von einem Betriebssystem-Monopolisten war.

Die Wende (1996-1998)

1996 verkauften die Gründer ihre restlichen Anteile an Metro. Lieven sagte später, der Zeitpunkt sei Glück gewesen, nicht Weitsicht. Er sollte recht behalten.

Denn 1995 hatte etwas begonnen, das die gesamte Branche umkrempelte: der Aldi-PC. Medion lieferte an Aldi, und plötzlich stand ein funktionsfähiger Computer für einen Bruchteil des üblichen Preises im Discounter. 1997 bot Aldi einen Pentium 166 MHz für 1.798 D-Mark an – Menschen standen Schlange. Der „Volkscomputer“ kam nicht mehr aus dem Fachhandel, sondern aus dem Supermarkt.

1998 setzten Media Markt und Saturn – ebenfalls Metro-Töchter – noch einen drauf und unterboten die Aldi-PCs um 300 D-Mark. VOBIS geriet zwischen Discounter und die eigenen Konzernschwestern.

Gleichzeitig etablierte sich der Direktvertrieb über das Internet. Dell verkaufte ab 1996 in Deutschland, ohne Zwischenhändler, ohne Ladenmiete. Die Margen schrumpften. Ein Handelsgutachten von 1998 stellte fest: Der PC-Handel wird zum margenschwachen Massengeschäft, und branchenfremde Anbieter drängen in den Markt.

Verkauf und Zerfall (1998-2004)

1998 verkaufte Metro die VOBIS AG zusammen mit Maxdata und Peacock für 587 Millionen US-Dollar an CHS Electronics aus Miami. Es war das Ende der deutschen Phase.

1999 wurde die VOBIS AG zerschlagen. Die Auslandsfilialen wurden geschlossen. Die Fertigung ging an Maxdata. 2000 erfolgte die Abwicklung der AG. Gleichzeitig gab es eine Neugründung als VOBIS Mikrocomputer GmbH – ein kleineres, schlankeres Gebilde.

2003 kam noch einmal ein Versuch. Eine Kooperation mit Kaufhof. Das Filialnetz expandierte von 65 auf 323 Standorte, als Shop-in-Shop-System. Es war ein kurzer Aufschwung.

2004 wurde die Aachener Zentrale geschlossen. 180 Arbeitsplätze verschwanden. Der Firmensitz zog nach Bochum. Es war das Ende der Aachener Geschichte.

Nachleben (2008-heute)

2008 ging der Webshop-Betreiber insolvent. VOBIS ließ den Shop noch etwa einen Monat weiterlaufen, aber Kunden erhielten keine Regulierung ihrer Bestellungen. Es war ein unrühmliches Ende der Online-Präsenz.

Mit dem Niedergang von Kaufhof verschwanden auch die dortigen VOBIS-Flächen. 2017 gab es noch wenige Standorte, 2019 nur noch neun.

Heute existiert VOBIS als GmbH mit Sitz in Potsdam, ein Franchisesystem mit etwa neun Standorten. Der Schwerpunkt liegt auf IT-Service und Mobilfunk, nicht mehr auf dem PC-Verkauf. 2017 wurde Jürgen Bochmann Alleineigentümer. Die Webseite vobis.de ist aktiv und bietet eine Firmengeschichtssektion.

Die Marke Highscreen lebt weiter, aber an einem unerwarteten Ort: In Russland werden unter diesem Namen Smartphones verkauft. Die Firma Vobis Computer OOO wurde 2000 gegründet, produziert in China, und registrierte 2024 neue Modelle bei der Eurasischen Wirtschaftskommission.

In deutschen Retro-Communities wie classiccomputing.de und dosforum.de haben VOBIS- und Highscreen-Geräte einen Kultstatus erreicht. Ein Colani-486 SX25 wurde für über 680 Euro auf eBay angeboten. Die Geräte sind Artefakte einer Zeit, die nur zwei Jahrzehnte zurückliegt, aber durch die digitale Beschleunigung fern wirkt wie eine andere Epoche.

Epilog: Der erste eigene PC

Für eine Generation von Deutschen war VOBIS der Ort des ersten eigenen Computers. Der Denkzettel lag auf dem Küchentisch. Man verglich Prozessoren, Arbeitsspeicher, Festplattengrößen – Vokabeln einer neuen Sprache. Man ging in die Filiale, und dort standen sie: die Highscreen-Tower, vielleicht mit Colani-Design, und ein Verkäufer erklärte den Unterschied zwischen 486 DX und SX.

Es war eine Zeit, in der Computer noch gekauft wurden wie Autos: mit Beratung, mit Erwartung, mit einem gewissen Respekt vor der Technik. VOBIS verkaufte nicht nur Hardware, sondern auch das Gefühl, an einer technischen Revolution teilzuhaben.

Diese Zeit endete schnell. Computer wurden zur Commodity. Der Fachhandel wurde überflüssig. Das Internet machte jeden zum Experten und zum Einkäufer.

VOBIS ist eine Fußnote der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Aber für diejenigen, die dabei waren, wie für den Verfasser, ist es mehr: ein Erinnerungsort an den Moment, in dem Deutschland rechnen lernte.

Ralf Keuper 


Quellen:

Vobis https://de.wikipedia.org/wiki/Vobis

Was wurde eigentlich aus VOBIS? https://www.youtube.com/watch?v=-lsMtCkxhb8