Olympia verschwand 1992 spurlos, Triumph-Adler existiert noch heute – auf den ersten Blick zwei grundverschiedene Schicksale deutscher Büromaschinenhersteller. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich: Beide Unternehmen scheiterten gleichermaßen an der digitalen Transformation. Der Unterschied liegt nicht in besserer Strategie oder überlegener Innovation, sondern in der Art des Endes. Während Olympia den ehrlichen Tod starb, wurde Triumph-Adler zum Corporate-Zombie – eine Marke ohne operative Substanz, heute bloßes Vertriebslabel für japanische Drucker. Die Geschichte dieser beiden Unternehmen ist mehr als nostalgische Industriegeschichte. Sie offenbart ein rekurrentes deutsches Muster: das Unvermögen, rechtzeitig loszulassen, die Illusion von Kontinuität durch Marken-Konservierung und die fatale Neigung, Zombie-Existenzen dem radikalen Neuanfang vorzuziehen.
Beide Unternehmen scheiterten operational gleichermaßen – der unterschiedliche Ausgang (Liquidation vs. Marken-Überleben) war nicht Folge besserer Strategie, sondern primär Resultat von Käufer-Verfügbarkeit, Exit-Timing und verwertbaren Assets.
Auto-Konzerne verstehen IT-Geschäft nicht – sowohl VW bei Triumph-Adler (1979-1986) als auch Daimler bei Olympia (1985-1992) scheiterten mit identischen Mustern: keine Kern-Kompetenz-Überschneidung, Management ohne Branchen-Verständnis, Konzern-Bürokratie inkompatibel mit IT-Agilität.
Die „PR-Schere“ als durchgängiges Muster – Triumph-Adler simuliert seit 30 Jahren Kontinuität („hundertjährige Geschichte“), ist aber operative Hülse ohne eigene Innovation. Ähnlich wie heute bei Grundig oder AEG. Beispiele für die Diskrepanz zwischen Außenkommunikation und operativer Substanz
Vier Phasen deutschen Scheiterns – zu spätes Erkennen (Paradigmenwechsel werden unterschätzt), zu zögerliches Handeln (halbherzige Transformationsversuche), zu langes Durchhalten (Sunk Cost Fallacy, Cross-Subventionierung), zu spätes Aufgeben (Assets bereits erodiert).
Ehrliches Scheitern ist besser als Zombie-Existenz – Olympias totale Liquidation war brutal, aber ehrlich. Triumph-Adlers Marken-Nekromantie täuscht Fortbestand vor, verhindert ehrliche Auseinandersetzung und bindet Ressourcen. Deutsche Präferenz für sanfte Landungen verzögert häufig notwendige Anpassungen.
Die Ausgangslagen: Ähnlicher als gedacht
Beide Unternehmen entstammten dem ausgehenden 19. Jahrhundert, beide begannen mit Fahrrädern und stiegen früh ins Schreibmaschinengeschäft ein. Die Adlerwerke in Frankfurt nahmen 1898 als erste deutsche Firma die Serienfertigung von Schreibmaschinen auf, Triumph in Nürnberg folgte 1909. In der Nachkriegszeit avancierten beide zu Leuchttürmen deutscher Feinmechanik-Fertigung. 1961 produzierte Olympia in Roffhausen bei Wilhelmshaven jede zweite Schreibmaschine in Deutschland. Triumph-Adler, 1958 aus der Fusion beider Traditionshäuser unter Max Grundig entstanden, brachte es 1968 zum weltweiten Rang fünf unter den Büromaschinenherstellern.
Die Parallelen endeten nicht bei der Marktposition. Beide Unternehmen standen vor der gleichen existenziellen Herausforderung: dem Übergang von der Feinmechanik zur Mikroelektronik, von der Schreibmaschine zum Personal Computer. Dieser Wandel war keine inkrementelle Innovation, sondern eine ontologische Transformation des Produkts selbst. Die Schreibmaschine war ein mechanisches Präzisionsinstrument, dessen Wert in der haptischen Qualität, der Langlebigkeit und der feinmechanischen Verarbeitung lag. Der Computer hingegen war eine elektronische Rechenmaschine, deren Wert primär in der Software, der Rechenleistung und der Netzwerkfähigkeit bestand.
Diese kategoriale Verschiebung stellte beide Unternehmen vor unlösbare Probleme. Ihre Kern-Kompetenzen – Präzisionsmechanik, Feinwerktechnik, Qualitätskontrolle physischer Bauteile – wurden zu dem, was Organisationsforscher „Kern-Rigiditäten“ nennen. Was gestern Wettbewerbsvorteil war, wurde über Nacht zur Bürde. Die Ingenieurs-Kultur war auf Mechanik ausgerichtet, die Fertigungsanlagen auf physische Komponenten optimiert, die Qualitätssicherung auf Belastbarkeit materieller Produkte fokussiert. Software-Entwicklung, Chip-Technologie und digitale Funktionalität erforderten jedoch eine vollkommen andere organisationale DNA.
Das übersehene Kapitel: Volkswagen und die IT-Diversifikation
Die Geschichte von Triumph-Adler wird meist als kontinuierliche Entwicklung vom Grundig-Konzern über Olivetti zu Kyocera erzählt. Dabei wird eine entscheidende Phase systematisch unterschlagen: die Volkswagen-Periode von 1979 bis 1986. Diese Auslassung ist mehr als ein historiographisches Versehen – sie verschleiert eine fundamentale Parallele zwischen dem Schicksal von Triumph-Adler und Olympia.
1979 erwarb Volkswagen die Mehrheit an Triumph-Adler, nachdem ein Übernahmeversuch bei Nixdorf im Jahr zuvor gescheitert war. Die strategische Logik folgte dem Zeitgeist der Konglomerat-Diversifikation: Der Automobilmarkt stagnierte unter dem Eindruck der Ölkrise, japanische Konkurrenz drückte die Margen, und die Zukunft schien in der elektronischen Datenverarbeitung zu liegen. Volkswagen glaubte, durch den Einstieg ins IT-Geschäft vom zyklischen Autogeschäft unabhängiger zu werden und an der Mikrocomputer-Revolution zu partizipieren.
Was Volkswagen kaufte, sah auf dem Papier attraktiv aus: weltweiter Rang fünf bei Büromaschinen, etablierte Marktpräsenz, 17.000 Beschäftigte und nicht zuletzt das gerade gelaunche Alphatronic-PC-System, mit dem Triumph-Adler im entstehenden Personal-Computer-Markt Fuß fassen wollte. Doch was dann folgte, war ein lehrbuchmäßiges Scheitern strategischer Diversifikation ohne organisationale Voraussetzungen.
Das Alphatronic-Projekt offenbarte die fundamentale Inkompetenz eines Automobilkonzerns im Software-Geschäft. Statt auf IBM-Kompatibilität zu setzen – der Standard, der sich gerade durchsetzte – entwickelte Triumph-Adler unter VW-Ägide ein proprietäres Betriebssystem namens MOS (Micro Operating System). Diese Entscheidung folgte der typisch deutschen Ingenieurs-Hybris: Wir können das besser, wir setzen unseren eigenen Standard. Die Realität sah anders aus. Als der IBM PC 1981 den Markt eroberte und sich der IBM-kompatible Standard durchsetzte, war Alphatronic bereits obsolet. Das System fand kein Software-Ökosystem, keine Entwickler-Community, keine breite Kundenbasis.
1986, nach sieben Jahren verlustreicher Versuche, verkaufte Volkswagen Triumph-Adler an Olivetti. Intern wurde die Investition als „Fehlinvestition“ bezeichnet. Die Belegschaft war von 17.000 auf die Hälfte geschrumpft, der Marktanteil bei professionellen Mikrocomputern auf 6,4 Prozent erodiert. VW zog sich vollständig aus dem IT-Geschäft zurück und lernte – so schien es damals – die Lektion, dass Automobilkonzerne keine Computer bauen sollten.
Zeitgleich befand sich Olympia in einer strukturell ähnlichen Konstellation. 1962 hatte AEG das Unternehmen übernommen, 1985 wurde AEG selbst von Daimler-Benz geschluckt.
Damit war Olympia Teil des Daimler-Konglomerats geworden, das unter dem Schlagwort „Integrierter Technologiekonzern“ diversifizierte: Luftfahrt, Rüstung, Elektrotechnik – und eben Büromaschinen als ungeliebtes Appendix. Doch während Volkswagen bei Triumph-Adler zumindest noch ambitionierte PC-Projekte versuchte, war Olympia für Daimler von Anfang an eine Altlast. Das Unternehmen hatte bereits 1981 einen Bilanzfälschungsskandal durchlitten, die Verluste häuften sich, und eine Sanierungsperspektive war nicht erkennbar.
Die Parallele ist frappierend: Zwei Automobilkonzerne, VW und Daimler, versuchten sich an IT-Diversifikation durch den Kauf von Büromaschinenherstellern. Beide scheiterten mit identischen Pathologien. Die erhofften Synergien zwischen Automobil-Fertigung und Computer-Produktion erwiesen sich als Illusion – Massenfertigung von Autos hat nichts mit Elektronikmontage von PCs zu tun. Die Management-Kultur war inkompatibel: Wo IT-Geschäft schnelle Produktzyklen, agile Entscheidungen und Software-Expertise erfordert, boten Konzernhierarchien langsame Gremienarbeit, mechanische Ingenieurs-Denke und Kapital-intensive Prozesse. Als die eigenen Kerngeschäfte in Schwierigkeiten gerieten, floss das Kapital dorthin zurück – die IT-Töchter wurden vernachlässigt.
Der entscheidende Unterschied lag im Timing des Exits. Volkswagen verkaufte Triumph-Adler 1986, als der PC-Markt noch wuchs und Olivetti als europäischer IT-Player strategisches Interesse hatte. Daimler liquidierte Olympia 1992, als die Schreibmaschine bereits offensichtlich obsolet war und sich kein Käufer mehr fand. Diese fünf Jahre machten den Unterschied zwischen Marken-Überleben und totalem Verschwinden.
Verwertbare Assets versus bloße Liabilities
Warum kaufte Olivetti 1986 Triumph-Adler, während sich 1991 niemand für Olympia interessierte? Die Antwort liegt nicht in operativer Überlegenheit – beide Unternehmen waren zu diesem Zeitpunkt hochdefizitär und hatten die digitale Transformation verfehlt. Der Unterschied lag in den Assets, die ein potenzieller Käufer verwerten konnte.
Triumph-Adler bot Olivetti mehrere strategische Vorteile. Das Unternehmen verfügte über ein etabliertes Vertriebsnetzwerk bei deutschen Geschäftskunden, eine funktionierende Serviceorganisation für Bürogeräte und eine Marke mit Wiedererkennungswert im professionellen Segment. Die Standorte Nürnberg und Frankfurt waren geografisch attraktiv, eingebettet in urbane Wirtschaftsräume mit guter Infrastruktur und Nähe zu anderen Technologie-Unternehmen. Zudem hatte Triumph-Adler durch das gescheiterte Alphatronic-Projekt zumindest Erfahrung mit PC-Technologie gesammelt – wenn auch erfolglos, so doch lehrreich.
Olivetti, das als europäischer IT-Konzern den deutschen Markt erschließen wollte, sah in Triumph-Adler primär ein Vertriebsvehikel. Die Italiener kauften keine Innovations-Fähigkeit – die war unter VW gründlich zerstört worden. Sie kauften auch keine operative Exzellenz – die Verluste sprachen für sich. Was sie kauften, war eine deutsche Marke mit Kundenzugang, die genutzt werden konnte, um Olivetti-Produkte unter vertrautem Label zu vertreiben.
Olympia hingegen präsentierte sich 1991 als Ansammlung von Liabilities ohne verwertbare Assets. Die Produktion in Roffhausen war auf mechanische und elektronische Schreibmaschinen fokussiert – Produkte ohne Zukunft. Das Unternehmen hatte keine relevante PC-Kompetenz entwickelt, keine erfolgreiche Elektronik-Integration geschafft. Der Standort Wilhelmshaven lag in der norddeutschen Peripherie, fernab von Technologie-Clustern, ohne attraktiven Talentpool für IT-Spezialisten. Der Bilanzfälschungsskandal von 1981 lastete noch immer auf der Reputation. Und nicht zuletzt saßen 3.600 Beschäftigte im Werk, die bei einer Übernahme hohe Abfindungsansprüche geltend machen würden.
Für einen potenziellen Käufer war Olympia 1991 mehr Bürde als Chance. Das Timing war denkbar ungünstig – die PC-Revolution hatte längst gesiegt, niemand investierte mehr in Schreibmaschinen-Produktion. Während Triumph-Adler 1986 noch im Übergang stand, war Olympia 1991 bereits klar auf der Verliererseite der Technologie-Entwicklung. Daimler fand keinen Abnehmer und liquidierte das Werk vollständig. 130 Millionen DM flossen in Sozialpläne, die Region Wilhelmshaven erlebte Arbeitslosenquoten von 30 Prozent, und von Deutschlands zweitgrößtem Schreibmaschinenhersteller blieb nichts als ein kleines Ehrenamtsmuseum auf dem Gelände des Technologie-Centrums Nordwest.
Die Olivetti-Jahre: Rettung als schleichende Liquidation
Triumph-Adlers „Rettung“ durch Olivetti wird oft als Erfolgsgeschichte erzählt – schließlich überlebte das Unternehmen, während Olympia verschwand. Doch diese Erzählung verdeckt die Realität: Was Olivetti zwischen 1986 und 1993 vollzog, war keine Sanierung, sondern eine systematische operative Aushöhlung unter Beibehaltung der Marke.
Bereits in den ersten Jahren nach der Übernahme wurde deutlich, dass Olivetti kein Interesse an Triumph-Adler als innovativem Unternehmen hatte. Die Produktionsstätten in Nürnberg, Fürth und Schwandorf wurden geschlossen, die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aufgelöst. 1992 allein verbuchte Olivetti 160 Millionen DM Verluste mit der deutschen Tochter. 1993 folgte die Schließung des letzten verbliebenen Produktionsstandorts in Frankfurt. Was übrig blieb, war eine Vertriebs-GmbH in Nürnberg, die fortan Olivetti-Produkte unter dem Triumph-Adler-Label in Deutschland verkaufte.
Diese Transformation vollzog sich weitgehend geräuschlos. Keine dramatischen Schlagzeilen wie bei Olympias Schließung, keine regionalen Proteste, kein öffentlicher Aufschrei. Die Belegschaft wurde schrittweise abgebaut, über Jahre verteilt, sozialverträglich durch Abfindungen und Vorruhestandsregelungen. Was von außen wie kontinuierliche Existenz aussah, war faktisch operative Liquidation in Raten.
Der Unterschied zu Olympia lag nicht im Ergebnis – beide Unternehmen hörten auf, eigenständig Produkte zu entwickeln und zu fertigen. Der Unterschied lag im Modus. Olympia starb den ehrlichen Tod: totale Betriebseinstellung, klare Zäsur, regionale Katastrophe mit anschließender Verarbeitung. Triumph-Adler erlebte den schleichenden Tod: formale Kontinuität bei faktischer Diskontinuität, schrittweiser Substanzverlust, Illusion der Fortexistenz.
Heute, unter Kyocera-Eigentum seit 2008, ist Triumph-Adler nichts anderes als ein OEM-Vertriebslabel. Die „über hundertjährige Geschichte“, mit der die Firma wirbt, bezieht sich auf eine Marke, hinter der seit drei Jahrzehnten keine operative Substanz mehr steht. Die Drucker und Kopierer, die unter Triumph-Adler-Logo verkauft werden, sind Kyocera-Produkte. Keine eigene Entwicklung, keine eigene Produktion, keine eigene Innovation. Die Diskrepanz zwischen kommunizierter Kontinuität und operativer Realität könnte kaum größer sein.
Die PR-Schere: Kommunikation ohne Substanz
Dieses Phänomen – die eklatante Diskrepanz zwischen Außendarstellung und operativer Wirklichkeit – ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines systematischen deutschen Musters. Wir beobachten es bei Grundig, dessen Marke von türkischen Lizenznehmern verwertet wird, bei Telefunken, das nur noch als Label für Billig-Elektronik existiert, bei AEG, das Electrolux gehört. Überall das gleiche Muster: Traditions-Marken werden zu leeren Signifikanten, zu Logos ohne organisationale Substanz, vermarktet an eine nostalgische Kundschaft, die „deutsche Qualität“ sucht und nicht merkt, dass dahinter längst chinesische oder japanische OEM-Produkte stehen.
Diese Form der Marken-Nekromantie ist mehr als kosmetische Täuschung. Sie verschleiert das tatsächliche Ausmaß des Scheiterns und verhindert ehrliche Auseinandersetzung mit strukturellen Defiziten. Wenn Triumph-Adler heute mit seiner „hundertjährigen Geschichte“ wirbt, suggeriert das organisationale Kontinuität, wo faktisch seit 1993 keine mehr besteht. Die Kommunikations-Intensität ist hoch – Tradition, Qualität, deutsche Ingenieurs-Kunst –, die operative Substanz tendiert gegen null.
Olympia hatte dieses Problem nicht. Als das Werk 1992 schloss, war allen Beteiligten klar, dass es vorbei war. Keine Illusion, keine Täuschung, kein Weiterleben als Zombie. Die Region musste den Verlust verarbeiten, das Technologie-Centrum Nordwest entstand als Nachnutzung, ein kleines Museum erinnert an die industrielle Vergangenheit. Das ist ehrliche Erinnerungskultur statt simulierter Kontinuität.
Die Frage, welches Schicksal „besser“ war, lässt sich nicht pauschal beantworten. Aus regionaler Perspektive war Olympias abruptes Ende traumatischer – 30 Prozent Arbeitslosigkeit in Wilhelmshaven sind keine Kleinigkeit. Aus unternehmerischer Perspektive ist Triumph-Adlers Zombie-Existenz jedoch die größere Täuschung. Die Marke simuliert Fortbestand, wo keiner ist. Sie täuscht Innovationsfähigkeit vor, wo nur Handel stattfindet. Sie suggeriert deutsche Wertarbeit, wo japanische oder chinesische Massenware vertrieben wird.
Das deutsche Muster: Zu spät erkennen, zu zögerlich handeln, zu lange durchhalten
Die Geschichten von Olympia und Triumph-Adler sind nicht nur nostalgische Industriegeschichte. Sie offenbaren ein rekurrentes deutsches Muster im Umgang mit strukturellem Wandel. Wir sehen es in den 1990ern bei den Schreibmaschinenherstellern, wir sahen es in den 2000ern bei Mobilfunk-Ausrüstern wie Siemens-Nokia, wir sehen es heute bei Automobilherstellern und digitalen Plattform-Initiativen.
Das Muster verläuft in vier Phasen.
Erste Phase: zu spätes Erkennen. Paradigmenwechsel werden unterschätzt, verdrängt oder für Modeerscheinungen gehalten. Man hofft, das alte Geschäftsmodell verteidigen zu können, setzt auf inkrementelle Verbesserungen statt disruptive Neuausrichtung. Olympia versuchte, Schreibmaschinen zu elektronisieren, statt auf Computer umzuschwenken. Triumph-Adler entwickelte proprietäre PC-Systeme, statt sich in den IBM-Standard einzufügen.
Zweite Phase: zu zögerliches Handeln. Wenn die Notwendigkeit der Transformation erkannt wird, fehlt es an Radikalität. Man versucht, alte Strukturen zu bewahren, bestehende Kompetenz-Basis zu nutzen, Konzern-Logik beizubehalten. Volkswagen glaubte, mit Auto-Management ein IT-Unternehmen führen zu können. Die Betriebsräte und Gewerkschaften verhinderten radikale Umbrüche. Das Ergebnis: halbherzige Transformationsversuche, die die Nachteile beider Welten kombinieren.
Dritte Phase: zu langes Durchhalten. Wenn die ersten Versuche scheitern, wird weiter investiert. Sunk Cost Fallacy greift: „Wir haben schon so viel investiert, jetzt können wir nicht aufgeben.“ Cross-Subventionierung durch profitable Geschäftsbereiche verschleiert die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Bei Olympia flossen über ein Jahrzehnt AEG- und später Daimler-Gelder, ohne dass eine Wende gelang. Bei Triumph-Adler stützte VW sieben Jahre lang ein verlustreiches IT-Engagement.
Vierte Phase: zu spätes Aufgeben. Wenn der Exit kommt, ist die Substanz bereits erodiert. Assets sind nicht mehr verwertbar, Mitarbeiter demoralisiert, Marktposition verloren. Olympia 1991 war nur noch ein Schatten seiner selbst. Triumph-Adler 1986 hatte jede Glaubwürdigkeit im PC-Markt verloren. Die Liquidation oder der Verkauf erfolgen zu den schlechtesten Konditionen.
Dieses Muster ist kein Zufall und kein Management-Versagen im engeren Sinne. Es ist Ausdruck einer spezifisch deutschen Organisations- und Unternehmenskultur. Die Beteiligung von Betriebsräten und Gewerkschaften an strategischen Entscheidungen, die Tarifverträge mit langen Kündigungsfristen, der politische Druck auf Erhalt von Arbeitsplätzen, die öffentliche Empörung über „Ausverkauf deutscher Traditionen“ – all das führt dazu, dass radikale Schnitte vermieden und schleichende Auszehrungen bevorzugt werden.
Der PC-Markt funktionierte fundamental anders. Wer erfolgreich sein wollte, musste Teil eines Ökosystems werden: IBM-kompatibler Standard, MS-DOS-Betriebssystem, Software-Entwickler, die für die Plattform programmieren, Händler-Netzwerke, Service-Strukturen. Wer versuchte, einen eigenen Standard zu setzen, scheiterte – es sei denn, man hieß Apple und hatte das Charisma eines Steve Jobs plus ein überzeugendes Produkt-Ökosystem.
Heute: Hochglanz-Präsentationen, politische Unterstützung, Fördermittel, Whitepapers – und am Ende Plattformen, die niemand nutzt, weil sie zu geschlossen, zu bürokratisch, zu langsam sind. Von Alphatronic über Grundigs gescheiterte Computer-Ventures bis zu heutigen Digital-Konsortien: Das Muster der konsortial abgeschlossenen Systeme wiederholt sich mit bemerkenswerter Konstanz.
Die Lehren für die Gegenwart
Was lehren uns Olympia und Triumph-Adler für heutige Transformations-Herausforderungen? Die Parallelen zur Gegenwart sind erschreckend. Die deutsche Automobilindustrie steht heute vor einem Wandel, der in seiner Radikalität dem Übergang von der Schreibmaschine zum PC gleicht. Der Verbrennungsmotor wird zum elektrischen Antrieb, das mechanische Auto wird zur Software-Plattform auf Rädern, das Produkt wird zum vernetzten Service. Die traditionellen Stärken deutscher Autobauer – Ingenieurs-Kunst, Feinmechanik, Präzisionsfertigung – drohen zu Randaktivitäten zu werden.
Die Reaktionen folgen dem bekannten Muster. Erste Phase: zu spätes Erkennen. Über Jahre wurde die Elektromobilität als Nischenthema abgetan, Tesla belächelt, auf die Überlegenheit deutscher Ingenieurs-Kunst verwiesen. Zweite Phase: zu zögerliches Handeln. Als die Transformation erkannt wurde, versuchte man sie mit alter Management-Kultur zu bewältigen. Dritte Phase: zu langes Durchhalten an gescheiterten Ansätzen. Vierte Phase steht noch bevor, aber die Richtung ist erkennbar.
Epilog: Die Notwendigkeit ehrlichen Scheiterns
Vielleicht ist die wichtigste Lektion aus dem Vergleich von Olympia und Triumph-Adler diese: Ehrliches Scheitern ist besser als simulierte Kontinuität. Olympia verschwand 1992 vollständig, und das war brutal für die Region Wilhelmshaven. Aber es war ehrlich. Niemand täuschte Fortbestand vor, niemand verkaufte Nostalgie als Innovation. Die Ressourcen wurden freigesetzt, neue Strukturen konnten entstehen, die Erinnerung an das Scheitern blieb als mahnendes Beispiel.
Triumph-Adler simuliert seit drei Jahrzehnten Kontinuität, wo keine ist. Die Marke lebt als Zombie weiter, befüllt mit fremdem Inhalt, vermarktet mit nostalgischer Rhetorik. Das mag kommerziell rational sein – Marken haben Wert, auch ohne operative Substanz. Aber es verhindert ehrliche Auseinandersetzung mit den Ursachen des Scheiterns. Es täuscht Kontinuität vor, wo radikaler Bruch stattgefunden hat. Es konserviert die Illusion statt die Lehre.
Deutschland hat eine Präferenz für sanfte Landungen, sozial verträgliche Übergänge, Marken-Erhaltung um jeden Preis. Das hat seinen Wert, aber auch seinen Preis. Wer zu lange an Sterbendem festhält, kann nicht rechtzeitig ins Neue investieren. Wer Zombie-Marken am Leben erhält, täuscht sich über das Ausmaß des Scheiterns. Wer die PR-Schere zwischen Kommunikation und Substanz toleriert, untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit.
Von Olympia und Triumph-Adler über Grundig und AEG bis zu heutigen Digital-Konsortien, zur Automobilindustrie und zum Maschinenbau – das Muster deutscher Transformations-Unfähigkeit bleibt erschreckend stabil. Die Schreibmaschine ist längst Geschichte, die Lektion ist es nicht. Und solange wir nicht bereit sind, ehrlich zu scheitern, werden wir weiterhin in Zombie-Existenzen investieren statt in radikale Neuanfänge.
Ralf Keuper
Quellen:
Zur Unternehmensgeschichte:
Triumph-Adler – Wikipedia
Umfassende Darstellung der Unternehmensgeschichte von den Anfängen bis zur Kyocera-Übernahme
https://de.wikipedia.org/wiki/Triumph-Adler
Volkswagen AG – Wikipedia (Abschnitt Diversifikation)
Dokumentation der VW-Diversifikationsversuche in den 1970er/1980er Jahren, inkl. Triumph-Adler-Übernahme
https://de.wikipedia.org/wiki/Volkswagen_AG
„Triumph bei VW“ – Computerwoche (1979)
Zeitgenössische Analyse der VW-Übernahme von Triumph-Adler und der strategischen Implikationen
https://www.computerwoche.de/a/triumph-bei-vw,1192059
TA Triumph-Adler – Company History
Detaillierte englischsprachige Unternehmensgeschichte mit Fokus auf Eigentümerwechsel und Krisen
https://www.company-histories.com/TA-TriumphAdler-AG-Company-History.html
„Wie sich der Autohersteller Adler-Werke nach dem Krieg selbst ruinierte“ – VDI Nachrichten
Historische Analyse der Adler-Geschichte und der Entscheidung gegen Automobilproduktion
https://www.vdi-nachrichten.com/technik/technikgeschichte/wie-sich-der-autohersteller-adler-werke-nach-dem-krieg-selbst-ruinierte/
Zur Unternehmensgeschichte Olympia-Werke:
Olympia-Werke – Wikipedia
Umfassende Geschichte von der AEG-Gründung 1903 bis zur Schließung 1992, inkl. Nachkriegs-Neustart in Roffhausen
https://de.wikipedia.org/wiki/Olympia-Werke
Olympia Werke AG Wilhelmshaven – Offizielle Website
Historische Darstellung des Unternehmens mit Zeitleiste und Informationen zum heutigen Marken-Status
https://www.olympia-werke.com/
TCN Technologie-Centrum Nordwest – Historie
Geschichte der Nachnutzung des Olympia-Geländes ab 1993, Dokumentation der Transformation
https://tcn-nordwest.de/historie/
„Von Wilhelmshaven in die Welt“ – Weser-Kurier (2021)
Zeitungsartikel zum 30. Jahrestag der Schließung mit Zeitzeugen-Interviews
https://www.weser-kurier.de/region/von-wilhelmshaven-in-die-welt-olympia-war-als-schreibmaschine-kult-doc7e4dyr7xnir17an66m9e
Zur Organisationstheorie und Transformationsforschung:
Peter F. Drucker: „Managing in Turbulent Times“ (1980)
Druckers Warnung vor diversification ohne Kern-Kompetenz-Überschneidung; Grundlage für „stick to your knitting“ [Klassiker der Management-Literatur, in allen Universitätsbibliotheken verfügbar]
Clayton M. Christensen: „The Innovator’s Dilemma“ (1997) Analyse, warum etablierte Unternehmen bei disruptiven Innovationen systematisch scheitern
[Harvard Business School Press]
David J. Teece et al.: „Dynamic Capabilities and Strategic Management“ (1997)
Theoretisches Framework zu organisationalen Fähigkeiten und deren Anpassung bei Paradigmenwechseln
Strategic Management Journal, Vol. 18, No. 7, pp. 509-533
