Silicon Valley hat die Welt davon überzeugt, dass „Tech“ etwas fundamental anderes ist als Industrie: agil statt träge, digital statt materiell, disruptiv statt inkrementell. Die Realität ist eine andere. Künstliche Intelligenz verbraucht mehr Energie als chemische Anlagen, eine Chipfabrik kostet mehr als ein Stahlwerk, und die Lieferketten sind komplexer als in der Automobilindustrie. Was wir als Software wahrnehmen, ist in Wahrheit Schwerindustrie – nur mit einem eleganteren Interface. Diese kategoriale Täuschung hat massive Konsequenzen für Kapital, Geopolitik und die Zukunft der wirtschaftlichen Macht.
Die Geschichte beginnt mit einer Illusion. Als das Internet in den 1990er Jahren die Fantasie der Investoren beflügelte, war das zentrale Versprechen die Dematerialisierung: Information würde sich von physischen Trägern lösen, Geschäftsmodelle würden „weightless“ werden, die Geografie würde irrelevant. „Bits not atoms“ lautete die Formel einer neuen Ökonomie, in der Grenzkosten gegen Null tendierten und Skalierung unbegrenzt möglich schien.
Diese Erzählung war so erfolgreich, dass sie bis heute die Wahrnehmung prägt. Wenn wir an „Tech“ denken, sehen wir Apps, Algorithmen, Code – Dinge, die man kopieren, verteilen, verbessern kann, ohne Fabriken zu bauen oder Rohstoffe abzubauen. Das Silicon Valley hat sich selbst und die Welt davon überzeugt, dass es etwas kategorial anderes geschaffen hat als die „Old Economy“ mit ihren rauchenden Schloten und schwerfälligen Organisationen.
Doch die Bits-Ära ist vorbei. Nicht weil Software unwichtig geworden wäre, sondern weil die materielle Basis der digitalen Ökonomie nicht länger ignoriert werden kann. Künstliche Intelligenz – das technologische Paradigma, das gegenwärtig Hunderte von Milliarden an Investitionen anzieht – ist keine Software. Sie ist Schwerindustrie mit einem Software-Interface.
Als Eisenbahnen „Tech“ waren
Die Parallelen zur Railway Mania des 19. Jahrhunderts sind erhellend. Eisenbahnen galten damals als das, was heute künstliche Intelligenz ist: revolutionäre Innovation, höchste technische Komplexität ihrer Zeit, Spekulationsobjekt Nummer eins. Die Börsen explodierten, Kapital floss in schwindelerregenden Mengen, und das Narrativ war dasselbe wie heute: Eine neue Technologie würde alles verändern.
Aber Eisenbahnen waren immer Schwerindustrie. Sie brauchten Stahl, Kohle, Landerschließung, massive Kapitalinvestitionen und Tausende von Arbeitskräften. Das Interface – der Bahnhof, der Fahrplan, das elegante Ticket – war nur die sichtbare Oberfläche. Die eigentliche Infrastruktur blieb unsichtbar: die Schienen, die Schwellen, die Brücken, die Tunnels. Als die Blase platzte, verloren Investoren Milliarden. Aber die Schienen blieben – und definierten die Wirtschaftsgeografie für mehr als ein Jahrhundert.
Heute wiederholt sich dieses Muster. Wi…

