Friedrich Merz kehrt von seiner ersten China-Reise als Bundeskanzler zurück und fordert: Die Deutschen müssen mehr arbeiten. Wer länger in Shenzhen war, weiß, was gemeint ist. Die Bilder sind eindrucksvoll – Fabrikhallen, die nie schließen, Produktionszyklen in Tagen statt Monaten, Roboter und Menschen im Schichtsystem rund um die Uhr[1]https://x.com/BetterCallMedhi/status/2027625247068065864. Es ist verständlich, dass ein westlicher Politiker davon beeindruckt ist. Es ist gleichwohl ein Kategorienfehler, der symptomatisch ist für die Orientierungslosigkeit, in der sich die deutsche Wirtschaftspolitik gegenwärtig befindet.
Denn das Problem der deutschen Industrie ist nicht die Quantität der geleisteten Arbeit. Es ist die schwindende Qualität des Angebots – und die Unfähigkeit, die eigene Stärke in einem veränderten Marktumfeld neu zu verankern.
I. Der Shenzhen-Effekt und seine Trugschlüsse
Peter Drucker hatte früh darauf hingewiesen, dass Führungskräfte jene Indikatoren bevorzugen, die sichtbar und messbar sind – nicht jene, die entscheidend sind. Arbeitszeit ist messbar. Sie lässt sich zählen, vergleichen, politisch kommunizieren. Was sich nicht so leicht messen lässt: die Qualität organisatorischer Lernprozesse, die institutionelle Fähigkeit zur Innovation, die Tiefe von Wertschöpfungsketten.
Shenzhen beeindruckt durch Tempo und Volumen. Was sich dem schnellen Blick entzieht, ist die Struktur dahinter: staatliche Subventionen in dreistelliger Milliardenhöhe, ein Lohnkostenniveau, das deutsche Verhältnisse strukturell ausschließt, und eine Arbeitsverdichtung – die berüchtigten 996-Schichten –, die im deutschen Kontext nicht nur gesetzlich unzulässig, sondern gesellschaftlich nicht konsensfähig wäre. Merz‘ implizite Botschaft, Deutschland müsse sich an diesem Modell orientieren, verwechselt Ursache und Symptom. Chinas Schnelligkeit ist nicht Folge langer Arbeitszeiten. Sie ist Folge massiver staatlicher Koordination, billiger Ressourcen und einer konsequenten Industriepolitik, die strategische Sektoren mit gezielten Subventionen aufbaut – während Deutschland denselben Unternehmen mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz begegnet.
II. Das gescheiterte Premium-Modell
Lange galt die Qualitätsstrategie als die deutsche Antwort auf internationale Kostennachteile. Wer nicht billiger produzieren kann, muss besser sein. BMW, Mercedes, der Maschinenbauer aus dem Sauerland oder das Automatisierungsunternehmen aus Ostwestfalen: Sie alle lebten von der Prämisse, dass überlegene Qualität höhere Preise rechtfertigt und der Markt diese Prämisse honoriert.
Diese Prämisse gilt nicht mehr.
Chinesische Hersteller – allen voran BYD, Xiaomi und die aufstrebenden Maschinenbaukonzerne – haben qualitativ in einer Geschwindigkeit aufgeholt, die selbst erfahrene Industriebeobachter überrascht hat. Das ist keine temporäre Imitation, sondern strukturelle Kompetenzentwicklung. Die R&D-Ausgaben Chinas nähern sich 2,5 Prozent des BIP, in Schlüsselsektoren wie Elektromobilität und Robotik liegt der Anteil höher. Das Ergebnis: Produkte mit vergleichbarer Verarbeitungsqualität zu 40 bis 60 Prozent niedrigeren Preisen. Deutschen Premiumherstellern bleibt die Wahl zwischen Margenopfer und Absatzverlust – beides findet gleichzeitig statt.
Der Markt in China, der jahrzehntelang als Wachstumsmotor für deutsche Unternehmen fungierte, dreht sich um. BMW und Mercedes gewähren Rabatte von bis zu 30 Prozent. Der Marktanteil chinesischer Fahrzeugmarken in Europa steigt. Die Industrieproduktion in Deutschland ist 2025 das vierte Jahr in Folge zurückgegangen. 124.000 Industriearbeitsplätze wurden abgebaut. Der BDI spricht nicht mehr von Konjunkturdelle, sondern von strukturellem Zerfall.
III. Qualität ohne Marktpreis – eine strategische Sackgasse
Das Scheitern des Premium-Modells ist mehr als ein Marktphänomen. Es ist ein strategisches Versagen, das sich organisationstheoretisch präzise beschreiben lässt. In der Sprache Ansoffs: Deutsche Unternehmen haben zu lange in der Komfortzone bestehender Produkt-Markt-Kombinationen verharrt und schwache Signale ignoriert, die auf einen Paradigmenwechsel hindeuteten. Die chinesische Qualitätsoffensive war kein überraschender Angriff – sie war über ein Jahrzehnt in Fachwörterbüchern, Branchenberichten und Technologiemessen sichtbar. Wahrgenommen wurde sie als Bedrohung für das Volumengeschäft, nicht für das Premiumsegment. Dieser Wahrnehmungsfehler hat sich inzwischen als strategisch fatal erwiesen.
Luhmann würde die Situation als Ausdruck von Systemblindheit beschreiben: Organisationen beobachten ihre Umwelt durch die Leitdifferenz, die ihr Selbstbild konstituiert. Für die deutsche Industrie war diese Leitdifferenz die Überlegenheit in Qualität und Ingenieurskunst. Alles, was dieses Selbstbild bestätigte, wurde registriert. Alles, was es in Frage stellte, wurde als vorübergehend oder übertrieben eingestuft. Die Folge ist eine kollektive Anpassungsverzögerung, die jetzt in harten Zahlen sichtbar wird.
IV. Was Merz nicht fragt
Merz fragt, warum die Deutschen nicht mehr arbeiten. Die produktivere Frage wäre: Warum arbeiten die Deutschen so wenig klug? Oder präziser: Warum haben Politik und Unternehmen es versäumt, die Bedingungen zu schaffen, unter denen Qualität auch jenseits des Premium-Segments realisierbar ist?
Deutschland führt international bei der Bruttowertschöpfung pro Arbeitsstunde – rund 75 Euro. Dieser Wert stagniert seit Jahren. Er stagniert nicht, weil zu wenig gearbeitet wird. Er stagniert, weil Investitionen in Digitalisierung, KI und Infrastruktur chronisch zu niedrig sind, weil Bürokratie Innovationszyklen verlängert, weil der Bildungssektor strukturell unterfinanziert ist und weil die politische Energiewende in ihrer Umsetzung industrielle Standortentscheidungen verteuert hat. Mehr Stunden in diesem System bedeuten mehr Stunden desselben Problems – kein Lösungsansatz.
Was gebraucht würde, ist das Gegenteil der Merz’schen Intuition: weniger Stunden, aber mit höherem Wissensinput, besseren Werkzeugen und einem institutionellen Rahmen, der schnelle Anpassungen ermöglicht. KI-gestützte Produktionsprozesse, konsequente Weiterbildungsoffensiven, smarte Regulierung statt bürokratischer Verdichtung – das sind die Hebel, die Produktivitätsgewinne erzeugen. Sie erfordern politischen Gestaltungswillen, nicht China-Bewunderung.
V. Der Abstieg als Strukturprozess
Was gegenwärtig geschieht, ist kein zyklischer Einbruch, aus dem sich die deutsche Industrie wie nach 2009 herausarbeiten kann. Es ist ein struktureller Transformationsprozess, der die Koordinaten des deutschen Industriemodells verschiebt – und zwar für immer. Die Sektoren, die Deutschland groß gemacht haben – Automobil, Maschinenbau, Chemie –, stehen unter Druck, der nicht konjunkturell ist. Er ist technologisch, geopolitisch und wettbewerbsstrategisch.
Dieser Prozess ist nicht unausweichlich irreversibel. Aber er ist unausweichlich schmerzhaft. Und er ist nicht durch Appelle an längere Arbeitszeiten zu beeinflussen. Er erfordert eine industriepolitische Neuausrichtung, die Deutschland seit zwei Jahrzehnten schuldig geblieben ist: Investitionen in strategische Technologiefelder, eine konsequente Bildungs- und Qualifizierungsoffensive, eine Verwaltungsmodernisierung, die diesen Namen verdient, und eine geopolitische Realitätsprüfung, die weder naive China-Öffnung noch reflexartigen Protektionismus bedeutet.
Merz‘ Shenzhen-Erlebnis ist, für sich genommen, kein Fehler. Die Eindrücke sind real. Der Fehler liegt in der Schlussfolgerung: dass das Problem Arbeitswille sei und die Lösung Stunden. Es ist die alte manageriale Versuchung, ein Komplexitätsproblem durch einen einfachen Parameter zu lösen. Ted Levitt hat sie beschrieben: „There is nothing so useless as doing efficiently that which should not be done at all.“
Die Frage ist nicht, wie lange Deutschland arbeitet. Die Frage ist, ob Deutschland überhaupt das Richtige tut.
Ralf Keuper
I. Merz‘ China-Reise und Arbeitszeit-Forderung
- Bundesregierung – Offizielle Ankündigung der China-Reise Bundesregierung (24. Februar 2026): China-Reise des Bundeskanzlers https://www.bundeskanzler.de/bk-de/aktuelles/kanzler-reise-china-2408382
- Bundesregierung – Statement des Kanzlers vor der Abreise Bundesregierung (24. Februar 2026): Statement des Kanzlers zur Reise nach China https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/statement-abreise-china-2408492
- CGTN – Merz fordert mehr Arbeit nach China-Besuch CGTN (28. Februar 2026): Merz says Germany must ‚work harder,‘ cites China after official visit https://news.cgtn.com/news/2026-02-28/Merz-says-Germany-must-work-harder-cites-China-after-official-visit-1L847d0EJqw/p.html
- Pravda DE – Merz‘ Zitat: „Work-Life-Balance erhält unseren Wohlstand nicht“ Pravda DE (28. Februar 2026): Merz nach China-Reise: „Mit Work-Life-Balance ist unser Wohlstand nicht zu erhalten“https://deutsch.news-pravda.com/world/2026/02/28/622906.html
- Presse.Online – Merz mit 30 Wirtschaftsvertretern in China Presse.Online (25. Februar 2026): Merz in China: Wirtschaft unter Druck https://presse.online/2026/02/25/merz-in-china-wirtschaft-unter-druck/
- taz – Analyse der Kanzler-Reise taz (26. Februar 2026): Kanzler-Reise nach China: Er hat was rausgeholthttps://taz.de/Kanzler-Reise-nach-China/!6158184/
- t-online – Merz‘ Tonwechsel in China t-online (26. Februar 2026): Hoppla: Warum klingt Friedrich Merz in China plötzlich so anders? https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/aussenpolitik/id_101144762/bundeskanzler-in-china-was-ist-mit-merz-ploetzlich-los-.html
II. Strukturkrise der deutschen Industrie
- BDI – Originalmeldung „Wirtschaftsstandort im freien Fall“ BDI (Dezember 2025): BDI zu Industriebericht: Wirtschaftsstandort im freien Fall – Bundesregierung reagiert nicht entschlossen genughttps://bdi.eu/de/articles/presse/bdi-zu-industriebericht-wirtschaftsstandort-im-freien-fall-bundesregierung-reagiert-nicht-entschlossen-genug
- BDI – Quartalsbericht 2025 BDI: BDI-Quartalsbericht: Wachstumsschwäche der Industrie hält 2025 anhttps://bdi.eu/artikel/news/bdi-quartalsbericht-wachstumsschwaeche-der-industrie-haelt-2025-an
- Industrial Production – BDI-Industriebericht 2025 Industrial Production: BDI-Bericht 2025 sieht deutsche Industrie in der Krise: Produktion sinkt – Reformen dringend nötig https://www.industrial-production.de/wirtschaft—unternehmen/bdi-bericht-2025-sieht-deutsche-industrie-in-der-krise–produktion-sinkt—reformen-dringend-noetig.htm
- Verbandsbuero.de – Auswertung des BDI-Industrieberichts Verbandsbuero.de (Dezember 2025): BDI: Deutsche Industrie im freien Fall – Produktionsrückgang 2025 https://www.verbandsbuero.de/bdi-deutsche-industrie-im-freien-fall-produktionsrueckgang-2025/
III. Stellenabbau 2025 (EY-Industriebarometer)
- EY-Studie via dpa / trend.at – 124.000 Jobs abgebaut trend.at (Februar 2026): Deutsche Industrie baut 2025 mehr als 120.000 Jobs ab https://www.trend.at/news/deutsche-industrie-baut-2025-mehr-als-120000-jobs-ab
- retail-news.de – Industriekrise 2025: Umsatzrückgänge und Stellenabbau retail-news.de (Februar 2026): Industriekrise 2025: Umsatzrückgänge und massiver Stellenabbau verschärfen Lage https://retail-news.de/industriekrise-2025-umsatz-stellenabbau/
- ad-hoc-news / boerse-global.de – EY-Analyse Jobabbau ad-hoc-news (Februar 2026): Deutsche Industrie verliert 2025 über 124.000 Jobs https://www.ad-hoc-news.de/boerse/news/ueberblick/deutsche-industrie-verliert-2025-ueber-124-000-jobs/68589543
IV. Chinas Forschungs- und Innovationsinvestitionen
- Chinesisches Statistikamt (NBS) – R&D-Ausgaben 2024 National Bureau of Statistics of China (September 2025): Communiqué on National Expenditures on Science and Technology in 2024https://www.stats.gov.cn/english/PressRelease/202510/t20251010_1961462.html
- Chinese Government / english.www.gov.cn – R&D-Wachstum 2024 Gov.cn (September 2025): China’s R&D spending reports steady growth in 2024https://english.www.gov.cn/archive/statistics/202509/29/content_WS68da7d8ec6d00ca5f9a06888.html
- kooperation-international.de – OECD-Daten zu FuE-Ausgaben kooperation-international / VDI Technologiezentrum (April 2025): Neue OECD-Daten zu Forschung und Entwicklung: Wachstum der Ausgaben der OECD-Länder verlangsamt sich – Anstieg in China https://www.kooperation-international.de/aktuelles/nachrichten/detail/info/neue-oecd-daten-zu-forschung-und-entwicklung-wachstum-der-ausgaben-der-oecd-laender-verlangsamt-sich-anstieg-in-china
- kooperation-international.de – Überblick Chinas Innovationslandschaft kooperation-international: China: Überblick zur Bildungs-, Forschungs- und Innovationslandschaft https://www.kooperation-international.de/laender/asien/china/zusammenfassung/ueberblick-zur-bildungs-forschungs-und-innovationslandschaft-und-politik
V. Theoretische Bezugstexte (keine Links – Standardwerke)
- Peter F. Drucker – The Effective Executive (1967), Harper & Row Quelle des Zitats: „There is nothing so useless as doing efficiently that which should not be done at all.“
- H. Igor Ansoff – Corporate Strategy (1965), McGraw-Hill Grundlage für die Analyse strategischer Anpassungsverzögerung und Weak-Signal-Erkennung
- Niklas Luhmann – Soziale Systeme (1984), Suhrkamp Grundlage für die Beschreibung organisationaler Systemblindheit und Selbstreferentialität
References
