Zwei scheinbar verschiedene ökonomische Debatten teilen eine gemeinsame Fehldiagnose. Die eine betrifft Entwicklungsländer, die glauben, sie könnten die Industrialisierung überspringen und direkt zu Dienstleistungsökonomien werden. Die andere betrifft etablierte Industrienationen, die überzeugt sind, sie hätten Fertigung hinter sich gelassen und könnten sich auf Services, Finanzen und Marken konzentrieren.

Beide Positionen beruhen auf derselben Verwechslung: der Verwechslung von Geld mit Wohlstand, von Kaufkraft mit Produktionsfähigkeit, von symbolischer mit materieller Produktion. Und beide führen, wie David Landes‘ historische Analysen zeigen, zu demselben Ergebnis: struktureller Inkompetenz und langfristigem Niedergang.

Die Verbindung zwischen einem aktuellen Artikel über Fertigungserfordernisse in Entwicklungsländern und Landes‘ 1998 erschienenem Standardwerk „Wohlstand und Armut der Nationen“ offenbart ein universelles ökonomisches Muster, das Jahrhunderte überdauert – und gerade Deutschland betrifft[1]Warum Nationen scheitern – und was das mit Deutschland zu tun hat.


Die fünf zentralen Erkenntnisse

Die Verwechslung von Geld mit Wohlstand ist die Ursünde ökonomischer Selbstzerstörung. Spaniens Silber, Deutschlands Exportüberschüsse, die IT-Export-Hoffnungen von Entwicklungsländern – alle verwechseln Kaufkraft mit Produktionsfähigkeit. Geld erlaubt es, Produkte zu kaufen, aber nicht, Produkte zu entwickeln. Wer die Fähigkeit zur Entwicklung verliert, verliert langfristig auch die Kaufkraft. Die spanische Lektion: „Spanien wurde arm, weil es zu viel Geld hatte.“

Know-how ist nicht kodifizierbar – es existiert nur in Praktiken, nicht in Lehrbüchern. Portugals Astronomen verschwanden binnen 20 Jahren nach der Vertreibung jüdischer Navigatoren. Britanniens Chemie-Vorsprung ging an Deutschland, weil theoretisches Wissen ohne praktische Träger wertlos ist. Man kann Patente kaufen, aber nicht die Fähigkeit, sie anzuwenden. Man kann Maschinen importieren, aber nicht die Kompetenz, sie zu optimieren. Learning-by-Doing lässt sich nicht überspringen.

Fertigung erzwingt Disziplin durch Materialität – Dienstleistungen erlauben Symbolproduktion. Fabriken konfrontieren mit materiellen Zwängen: Energie muss funktionieren, Logistik muss stimmen, Qualität ist messbar, Exporte erfordern Wettbewerbsfähigkeit. Dienstleistungen erlauben mehr „Symbolproduktion“ – man kann über Digitalisierung reden ohne zu digitalisieren, Strategien entwickeln ohne umzusetzen, Transformation behaupten ohne zu transformieren. Die Kontrolle durch Realität fehlt.

Kompetenzflucht ist irreversibel – vertriebenes Know-how kehrt nicht zurück. Landes‘ zentrale Warnung: Einmal vertriebene Kompetenz kehrt nicht zurück.“ Portugal brauchte 200 Jahre. Die deutsche Abwanderung von Gründern und Ingenieuren ist weniger dramatisch als die Inquisition, aber ebenso kumulativ.

Erfolgreiche Strukturen erzeugen ihre eigenen Erstarrungsmechanismen. China, Portugal, Spanien scheiterten nicht an externen Schocks, sondern an internen Blockaden durch frühere Erfolge. Was funktioniert hat, wird zur Norm, zur Institution, zur Identität. Deutsche Konsortialstrukturen, Genehmigungsverfahren, Stakeholder-Paralysis – institutionelle Erstarrung ist gefährlicher als offene Krisen, weil sie sich der Wahrnehmung entzieht. Man kann sie nicht dekretieren, weil sie keine Ereignisse sind, sondern Strukturen.

Spaniens Silber: Die Urszene ökonomischer Selbsttäuschung

Die spanische Erfahrung des 16. und 17. Jahrhunderts bildet den Schlüssel zum Verständnis beider Illusionen. Spanien verfügte über die größten Silber- und Goldströme, die die Welt je gesehen hatte. Die amerikanischen Kolonien lieferten Reichtum in Rohform – als Edelmetall, das investiert oder ausgegeben werden konnte.

Spanien entschied sich fürs Ausgeben. Es kaufte Luxusgüter und führte Krieg. Die einheimische Produktion verkümmerte, weil man alles importieren konnte. Ein zeitgenössischer spanischer Autor drückte die herrschende Mentalität so aus: „Möge die Londoner Industrie ihre Gewebe nach Herzenslust fertigen, Holland seinen Kambrik, Florenz sein Tuch – solange nur unser Geld dies alles genießen kann.“

Landes kommentiert trocken: „Diese Haltung wird auch heute noch vertreten, nur im Gewand der neoklassischen Handelstheorie.“

Was hier beschrieben wird, ist die Deindustrialisierung durch Ressourcenreichtum – das Phänomen, das Ökonomen später als „Dutch Disease“ bezeichnen werden. Aber Landes fügt eine entscheidende kulturelle und institutionelle Dimension hinzu: die „Hidalgo-Mentalität“, die Verachtung körperlicher Arbeit, die Assoziation von Handwerk mit verachteten Minderheiten.

Spanien wurde arm, weil es zu viel Geld hatte. Das Geld erlaubte es, jene „Disziplin in Energie, Logistik und Exporten“ zu umgehen, die Fertigung erzwingt. Man musste keine effizienten Produktionsstrukturen aufbauen, keine Logistikketten optimieren, keine Energieversorgung sichern – man konnte einfach kaufen.

Die Nationen hingegen, „in denen die Arbeit getan wurde“, wie Landes schreibt, „bildeten gute Gewohnheiten aus und pflegten sie, und ihr Streben ging dahin, neue Methoden zur rascheren und besseren Bewältigung der Aufgaben zu entwickeln.“

Diese spanische Lektion gilt heute in drei Kontexten:

  • Entwicklungsländer: „Wir können IT-Services exportieren und industrielle Güter importieren“ – die Illusion, Kaufkraft ersetze Produktionsfähigkeit
  • Deutschland: „Wir können Premium-Marken verkaufen und Batteriezellen aus China kaufen“ – die Illusion, Markenkapital ersetze Fertigungskompetenz
  • Spanien 1600: „Wir können mit Silber alles kaufen und auf Fertigung verzichten“ – das historische Modell beider modernen Illusionen

Vier Verbindungslinien: Warum Fertigung nicht substituierbar ist

1. Disziplin durch Materialität vs. Illusion durch Liquidität

Der aktuelle Artikel über Entwicklungsländer argumentiert: „Fertigung erzwingt Disziplin in Energie, Logistik und Exporten, was Dienstleistungen oft fehlt.“

Diese Beobachtung ist nicht nur funktional, sondern epistemisch. Fertigung konfrontiert Organisationen und Volkswirtschaften mit materiellen Zwängen, die sich nicht wegdiskutieren lassen:

  • Energieversorgung muss zuverlässig und kalkulierbar sein – keine Fertigung ohne gesicherte Stromversorgung
  • Logistik muss funktionieren – Just-in-Time-Produktion duldet keine Improvisation
  • Qualität ist messbar – defekte Produkte kehren als Reklamationen zurück
  • Exporte erfordern Wettbewerbsfähigkeit – internationale Märkte verzeihen keine Ineffizienz

Dienstleistungen erlauben mehr „Symbolproduktion“. Man kann Strategieberatung verkaufen, ohne dass die Strategie funktionieren muss. Man kann Digitalisierungskonzepte entwickeln, ohne digitale Produkte zu liefern. Man kann über Transformation sprechen, ohne etwas zu transformieren.

Spaniens Silber erlaubte es, diese Disziplin systematisch zu umgehen. Das Ergebnis war nicht sofort sichtbar, aber unaufhaltsam: strukturelle Inkompetenz. Die Fähigkeiten, die nur durch „doing-by-learning“ entstehen, verkümmerten über Generationen.

Deutschland erlebt eine analoge Entwicklung. Drei Jahrzehnte Exportüberschüsse durch Premiumautos schufen die Illusion, man könne durch Markenkapital und Design-Kompetenz dauerhaft Kaufkraft generieren, ohne die materielle Produktionsbasis kontinuierlich zu erneuern. Die Elektromobilität entlarvt diese Illusion brutal – plötzlich zählt wieder Batteriechemie, Halbleiterfertigung, Software-Integration. Und diese Kompetenzen lassen sich nicht kaufen, weil sie nur in der Praxis entstehen.

2. Learning-by-Doing als nicht kodifizierbares Wissen

Der Artikel betont: „Fertigung treibt Produktivitätssteigerungen durch Skaleneffekte, Lernen durch Tun und Spillover-Effekte besser als Dienstleistungen.“

Landes illustriert historisch, warum dieses „Lernen durch Tun“ nicht substituierbar ist:
Chinas technologischer Vorsprung verschwand nicht, weil das Wissen verloren ging, sondern weil die Bürokratie das praktische Experimentieren verhinderte. Die Ming-Administration erzeugte eine „Atmosphäre von Routine, Traditionalismus und Unbeweglichkeit“, in der Innovation verdächtig wurde. Nicht aktive Unterdrückung tötete die chinesische Technologieführerschaft, sondern passive Erstickung durch Prozesse.

Portugals Kompetenzflucht nach Einführung der Inquisition 1497 zeigt die Irreversibilität von Wissensverlusten. „Die Kryptojuden wanderten aus“, schreibt Landes, „und mit ihnen Geld, kommerzielles Know-how, Beziehungen, Kenntnisse und – was noch …