Während heute KI-Propheten wahlweise das Ende der Arbeit oder die totale Flexibilisierung verkünden, hat Alfred Herrhausen bereits 1988 die entscheidenden Fragen gestellt: Nicht ob wir arbeiten, sondern wie und wofür. Sein Essay „Arbeitszeit = Zeit für Arbeit“ liest sich wie ein Gegenentwurf zu den Kurzschlüssen unserer Gegenwart.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der deutschen Wirtschaftsdebatte, dass ihre substanziellsten Beiträge oft von Praktikern stammen, denen man theoretische Tiefe nicht zutrauen würde – und dass diese Beiträge in Geschäftsberichten erscheinen, die niemand liest. Alfred Herrhausens Essay „Arbeitszeit = Zeit für Arbeit“ aus dem Jahr 1988 ist ein solcher Fall. Der Text verdient Aufmerksamkeit, nicht als historisches Dokument, sondern als Korrektiv für eine Gegenwart, die zwischen Techno-Utopie und Kulturpessimismus pendelt.
Herrhausen beginnt mit einer Beobachtung, die heute noch schärfer zutrifft: Die Forderung nach „mehr Arbeit“ gegen Arbeitslosigkeit geht an der Sache vorbei. Denn über das Arbeitsvolumen entscheidet der Markt, also unsere Wettbewerbsfähigkeit. Die eigentliche Paradoxie liegt woanders: Wir fordern gleichzeitig mehr Arbeit und mehr Freizeit – „offenbar ohne Irritation“. Diese Paradoxie aufzulösen, nicht zu ignorieren, ist der Anspruch des Textes.
Der Schlüssel liegt in einem Zitat von Peter Glotz, das Herrhausen aufgreift: „Vielleicht liegt die Zukunft der Arbeit nicht in ihrem Verschwinden, sondern in ihrer Veränderung.“ Dieser Satz ist programmatisch. Er hält am Arbeitsethos fest, ohne es zu fetischisieren. Er eröffnet Gestaltungsspielraum, ohne in Beliebigkeit zu verfallen. Arbeit bleibt identitätsstiftend – aber ihre Form ist verhandelbar.
Die Entfremdungsthese, differenziert betrachtet
Herrhausens Analyse der Arbeitslosigkeit ist bemerkenswert präzise. Arbeitslose leiden nicht primär am geringeren Einkommen, sondern am Verlust der „Bestimmtheit ihrer alltäglichen Zeitstruktur“. Sie können nicht mehr sagen, „was er kann, was er tut, was er ist“. Die Zeitnot der Arbeitenden und die Wahrnehmungsschärfe der Nichtbetroffenen entfremden sich voneinander – ein Entfremdungsprozess, der das Phänomen Arbeitslosigkeit politisch-sozial hält, aber individuelle Betroffenheit verhindert.
Daraus folgt die erste Forderung: Den Entfremdungsprozess stoppen. „Jeder, der will, soll Arbeit finden können, der er einen Teil seines Zeitbudgets widmet.“ Es geht um Re-Integration durch Identifikation – Arbeit als gesellschaftlicher Anker.
Gegen die Freizeitgesellschaft
Die zweite Bewegung des Textes richtet sich gegen eine naive Freizeitutopie. Rationalisierung, so Herrhausen, führt nicht automatisch zu weniger Arbeit – denn hochrationalisierte Wirtschaften konkurrieren mit anderen, die völlig unterschiedliche Arbeitsvolumina aufweisen. Die Zuweisung von Arbeit folgt einem Attraktivitätskalkül: Qualität, Preis, Timing, Service. Wer Arbeitszeitverkürzung fordert, muss diesen Attraktivitätstest bestehen.
Das klingt nach orthodoxer Marktlogik, geht aber tiefer: Herrhausen denkt von der relativen Gesamtattraktivität eines Angebots her. Alle Bestandteile – Kapitalkosten, Rohstoffe, Steuern, Arbeit – stehen in wechselseitiger Abhängigkeit. Wird Arbeit teurer, müssen andere Faktoren billiger werden. Das ist keine Drohung, sondern Strukturanalyse.
Die qualitative Wende
Der dritte Teil des Essays ist der interessanteste. Herrhausen skizziert den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft – nicht als Ablösung, sondern als „kontinuierliche Akzentverschiebung“. Die Konsequenz für die Arbeit: weniger körperlich anstrengend und monoton, dafür „kreativ, flexibel“, mit erhöhten Anforderungen an „Konzentration, Präzision sowie Denk- und Entscheidungsvermögen“. Das Tätigsein wird „schöpferischer, damit auch verantwortungsvoller, produktiver, individueller und im Systemverbund gleichzeitig kooperativer“.
Diese Passage liest sich wie eine Beschreibung der Wissensarbeit des 21. Jahrhunderts – geschrieben ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Herrhausen antizipiert, was heute unter Begriffen wie „New Work“ oder „Purpose-driven Organization“ firmiert, ohne in deren Jargon zu verfallen.
Flexibilisierung als Kulturgewinn
Die dritte Forderung im „Arbeits-Disput“ ist die folgenreichste: Regelungen von Arbeit und Arbeitszeit dürfen dem Entwicklungsgang nicht widersprechen. Sie dürfen „nicht starre Formen und Strukturen aufrichten, wo die Inhalte sich mobilisieren“. Kreativität, Disposition, Innovation, Dienen – all das „sind Spontaneitäten. Sie lassen sich nicht in einen festen Zeitrahmen befehlen.“
Herrhausens Schlussfolgerung ist pointiert: „Flexibilisierung der Arbeitszeit ist wichtiger als ihre Verkürzung.“ Das ist keine neoliberale Finte, sondern die Einsicht, dass intellektuell-kreative Arbeit anderen Rhythmen folgt als industrielle Produktion. Die Vielfalt der geistigen Tätigkeiten vermag „die Eintönigkeit der physischen Takte zunehmend abzulösen“.
Gegen den Techno-Pessimismus
Herrhausen verbindet dies mit einem ökonomischen Argument: Rationalisierung und fortschrittliche technische Ausstattung bedeuten eine Vergrößerung des eingesetzten Kapitals. Würde dieses Potential brachliegen – durch weniger Arbeits- und Maschineneinsatz –, würde die Gesamtattraktivität des Angebots „doppelt beeinträchtigt“. Die Konsequenz wäre ein Verlust an „Zeit für Arbeit“, den wir „ex post zu beklagen“ hätten.
Dieser Gedanke ist aktueller denn je. Die Debatte um Künstliche Intelligenz oszilliert zwischen der Angst vor Massenarbeitslosigkeit und der Hoffnung auf unendliche Produktivitätssteigerung. Herrhausen würde beiden widersprechen: Technischer Fortschritt macht Arbeit nicht überflüssig, er verändert sie. Und diese Veränderung ist – richtig gestaltet – ein Gewinn.
Zeit für Arbeit als Einladung
Der Schluss des Essays ist programmatisch und verdient es, in Gänze zitiert zu werden: „›Zeit für Arbeit‹ ist, wie wir meinen, kein unzeitgemäßes Motto, im Gegenteil: Es ist die Einladung dazu, mit Freude bei einer der wichtigsten Sachen des Lebens zu sein, denn die Bedeutsamkeit der Welt erschließt sich auch in der Arbeit und in der Zeit, die man für sie einsetzt.“
Das ist keine protestantische Arbeitsethik im schlechten Sinne, kein „Arbeit macht frei“-Zynismus. Es ist der Versuch, Arbeit als Weltzugang zu denken – als Medium, durch das sich Bedeutung erschließt. In einer Zeit, in der wahlweise die Vier-Tage-Woche oder das bedingungslose Grundeinkommen als Lösung aller Probleme gehandelt wird, ist diese Position unbequem. Sie verlangt, über die Form der Arbeit nachzudenken, nicht nur über ihre Quantität.
Fazit: Ein Banker als Arbeitsphilosoph
Alfred Herrhausen wurde am 30. November 1989 von der RAF ermordet – wenige Wochen nach dem Fall der Mauer. Was er als Vorstandssprecher der Deutschen Bank hätte bewirken können, bleibt Spekulation. Sein Essay über Arbeit und Arbeitszeit zeigt jedoch, dass hier ein Denker am Werk war, der über die Tagespolitik hinausdachte. Die Fragen, die er 1988 stellte – nach der Qualität der Arbeit, nach ihrer Flexibilisierung, nach dem Zusammenhang von Identität und Tätigkeit –, sind unsere Fragen geblieben. Dass sie in einem Geschäftsbericht der Deutschen Bank stehen, macht sie nicht weniger relevant. Im Gegenteil: Es zeigt, dass Wirtschaft und Reflexion keine Gegensätze sein müssen.
Quelle: Alfred Herrhausen: „Arbeitszeit = Zeit für Arbeit“ (1988), in: Denken_Ordnen_Gestalten, S. 371–375.
