Peter F. Druckers „Die Praxis des Managements“ gilt als Gründungsdokument der modernen Betriebswirtschaftslehre — doch wer es heute wieder aufschlägt, stößt auf eine Theorie, die gegen den Strich der herrschenden Managementpraxis bürstet: Der Gewinn ist nicht Zweck, sondern Probe; das Unternehmen kein Gewinnapparat, sondern ein gesellschaftliches Organ; der Manager kein Stratege des Selbstbildes, sondern ein Handelnder unter Zeitdruck und Ungewissheit; und die Größe eines Unternehmens keine neutrale Tatsache, sondern eine Entscheidung mit weitreichenden strukturellen Konsequenzen. Sieben Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung hat diese Provokation nichts von ihrer analytischen Schärfe verloren.
Was ein Unternehmen ist — und was nicht
Die herrschende Antwort auf die Frage, was ein Unternehmen sei, lautet seit mindestens einem Jahrhundert: ein Instrument zur Erzielung von Gewinn. Drucker verwirft diese Antwort nicht nur als falsch, sondern als irreführend. Nicht weil Gewinn ohne Bedeutung wäre, sondern weil die Verwechslung von Zweck und Ergebnis eine verhängnisvolle Fehlkonstruktion ist — für das Denken über Unternehmen ebenso wie für die Praxis des Managements selbst.
Die einzige sachlich zutreffende Definition des Unternehmenszwecks lautet für Drucker: die Schaffung von Absatzmärkten. Ein Unternehmen existiert nicht, weil es Kapital akkumuliert, sondern weil es Nachfrage erzeugt, die vorher nicht existierte oder nicht befriedigt wurde. Der Markt ist kein natürliches Phänomen, das dem Unternehmen vorgegeben wäre; er ist sein Produkt, sein eigentlicher Beitrag zur Gesellschaft. Erst wenn der Unternehmer einen latenten Bedarf durch planmäßiges Handeln in wirksam auftretende Nachfrage verwandelt, entsteht ein Kunde — und damit ein Markt. Dieser Gedanke ist radikaler, als er auf den ersten Blick erscheint: Er stellt das Unternehmen nicht als passiven Marktteilnehmer dar, sondern als aktiven Gestalter gesellschaftlicher Wirklichkeit.

