Es gibt Texte, die ihre eigentliche Sprengkraft erst im Rückblick entfalten. Alfred Herrhausens Essay „Vom Mittelstand“, 1984 veröffentlicht, ist einer davon. Der damalige Sprecher der Deutschen Bank – kein romantischer Mittelstandsideologe, sondern ein nüchterner Machtanalytiker – entwirft darin ein Bild des Mittelstands, das weit über die übliche ordnungspolitische Lobpreisung hinausgeht. Es ist ein normatives Programm: ökonomisch, moralisch, demokratietheoretisch. Gelesen heute, vierzig Jahre später, wirkt es wie ein Maßstab, der die Gegenwart still verurteilt.


Das Untergangszenarium, das nicht eintrat – und doch wiederkehrt

Herrhausen beginnt mit einer doppelten Widerlegung. Karl Marx hatte das Verschwinden des Mittelstands als zwangsläufige Folge der kapitalistischen Entwicklung prognostiziert; Joseph Schumpeter sah im technischen Fortschritt einen strukturellen Vorteil für das Großunternehmen, der den Klein- und Mittelbetrieb verdrängen würde. Beide, so Herrhausen, lagen falsch. Der Mittelstand hatte sich, gemessen an Beschäftigung, Steueraufkommen, Ausbildungsleistung und Wertschöpfung, behauptet und ausgebaut – 99,8 Prozent aller Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe, sie erbringen die Hälfte der gesamten privaten Wirtschaftsleistung, stellen fast zwei Drittel aller Arbeitsplätze und 80 Prozent aller Ausbildungsplätze.

Doch diese Feststellung von 1984 verdient eine kritische Rücklektüre. Die Statistiken sind heute in ähnlicher Form zu lesen. Der Mittelstand existiert. Aber er existiert anders, als Herrhausen es sich vorgestellt hatte. Das Untergangszenarium im marxschen Sinne ist ausgeblieben; dafür hat sich eine subtilere Form der Aushöhlung durchgesetzt, die Herrhausens Kategorien sprengt.

Was Herrhausen meinte, wenn er von Mittelstand sprach

Entscheidend ist, was Herrhausen unter Mittelstand verstand – und was er nicht meinte. Er definiert ihn nicht primär über Betriebsgröße oder Umsatzschwellen, sondern über eine Haltung: Selbstverantwortung, Eigeninitiative, moralische Substanz. Fast 80 Prozent der Studierenden, der Literaten, der Künstler und Wissenschaftler stammten damals aus mittelständischen Schichten – ein Befund, den er nicht statistisch feiert, sondern normativ auflädt. Der Mittelstand sei die Bevölkerungsschicht, die „gleichsam als Moralität der Gesellschaft“ konstituiert sei, eng mit dem Wertekanon des kapitalistischen Systems verbunden: mit Eigenverantwortung, mit dem Grundsatz der Durchlässigkeit, mit dem Anspruch auf offene Auf- und Abstiegsprozesse.

Dahinter steht ein von Karl Raimund Popper informiertes Geschichtsbild. Herrhausen betont, dass Geschichte keinen immanenten Sinn hat – keinen Fortschritt, der sich zwangsläufig entfaltet, kein Drama mit vorgegebenem Ausgang. „Was die Geschichte ist, was sie zutage fördert, hängt davon ab, was wir aus ihr machen.“ Das ist eine anti-deterministische Grundhaltung: Der Mittelstand ist kein Naturphänomen, das sich von selbst erhält. Er muss politisch gewollt, kulturell getragen und institutionell gestützt werden.

Die normative Architektur: Bildung, Moral, Pluralismus

Drei Säulen tragen Herrhausens Mittelstandskonzeption.

Bildung als Ressource. Der Mittelstand ist für Herrhausen keine rein ökonomische Kategorie, sondern eine kulturelle. Bildung ist nicht Mittel zum Zweck der Qualifikation, sondern Grundlage von Urteilsfähigkeit und Eigenverantwortung. Wer heute die Digitalisierungsdefizite des deutschen Mittelstands analysiert, stößt schnell auf Bildungslücken, die strukturell angelegt sind: nicht in der Fachausbildung, sondern in der strategischen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeit.

Moralität als Systemvoraussetzung. Herrhausen betont, dass das Marktsystem keine moralischen Grundlagen von selbst erzeugt, sondern auf vorgegebene Werte angewiesen ist. Die leistungsstarke Marktwirtschaft verlangt eine Ethik, die weit über den Wettbewerb hinausreicht – Vertrauen, Verlässlichkeit, Gemeinwohlorientierung. Das ist keine sentimentale Forderung, sondern eine institutionenökonomische: Wo moralische Vorleistungen fehlen, erhöhen sich Transaktionskosten in einem Maß, das ökonomisch nicht kompensierbar ist.

Pluralismus als politischer Rahmen. Im Anschluss an Popper fordert Herrhausen eine pluralistische Gesellschaftsordnung als notwendigen Rahmen für jede Geschichte, die über die unmittelbare Gegenwart hinaussieht. Der Mittelstand braucht eine dezentrale, offene politische Struktur – keine hierarchische Regulierung, keine konsortialförmige Ordnung. Gruppenbildungen, die Vielzahl durch Zusammenschlüsse aushöhlen, lehnt er ausdrücklich ab.

Der Kontrast zur Gegenwart: Strukturelle Erosion bei statistischer Kontinuität

Herrhausens Mittelstand war ein aktiver Akteur: strategisch eigenverantwortlich, bildungsorientiert, politisch wach, moralisch belastbar. Was sich in den vier Jahrzehnten seither herausgebildet hat, ist – bei weitgehend stabilen Statistiken – eine qualitative Transformation, die genau die Substanz aushöhlt, auf die es Herrhausen ankam.

Strategische Rezeptivität als strukturelles Defizit. Die Fähigkeit, schwache Signale – Weak Signals im Sinne von H. Igor Ansoff – wahrzunehmen, zu deuten und in strategisches Handeln zu übersetzen, ist im deutschen Mittelstand systematisch unterentwickelt. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Phänomen: Beratungsformate sind auf operative Optimierung ausgerichtet, Förderinstrumente belohnen Investition in bekannte Technologien, nicht den Umgang mit Ungewissheit. Was Herrhausen als aktive Haltung gegenüber Geschichte beschrieben hat, ist in weiten Teilen des Mittelstands einer reaktiven Anpassungslogik gewichen.

Die Fördermentalität als Herrhausens Alptraum. Herrhausen forderte Selbstbesteuerung statt hierarchischer Regulierung – eine klare Absage an staatliche Subventionsdependenz. Die Realität der Digitalisierungsdekade ist eine andere: Förderprogramme haben eine Infrastruktur geschaffen, die weniger Eigenverantwortung stärkt als Förderabhängigkeit institutionalisiert. Was fehlt, ist nicht Förderung, sondern Rezeptivität für das, womit Förderung konfrontiert. Wer strategisch taubblind ist, kann durch Zuwendungen keine Strategie entwickeln.

Die PR-Schere als symptomatische Figur. Herrhausen beschrieb den Mittelstand als moralisch konstituierte Schicht – mit Substanz hinter der Fassade. Was sich heute in Pressemitteilungen, Digitalisierungsstrategien und Transformationserklärungen des Mittelstands beobachten lässt, ist oft das Gegenteil: eine Verdichtung kommunikativer Intensität bei gleichzeitiger operativer Stagnation. Die Kommunikation über Wandel ersetzt zunehmend den Wandel selbst.

Herrhausen warnte ausdrücklich vor Gruppenbildungen, die Vielzahl durch Zusammenschlüsse ersetzen. Das Konsortialmodell – viele Akteure, konsensuale Governance, langsame Entscheidungsprozesse – ist das institutionelle Gegenbild zu dem, was Popper und Herrhausen als handlungsfähige, geschichtsbewusste Gesellschaft vor Augen hatten. Plattformen gehorchen einer anderen Logik: Sie setzen Maßstäbe, statt sie auszuhandeln.

Was Herrhausen heute sagen würde

Man muss vorsichtig sein mit solchen Spekulationen. Aber der Duktus des Textes legt nahe: Herrhausen würde nicht über Digitalisierungsquoten und Fördermittelvolumina sprechen. Er würde fragen, ob der Mittelstand noch eine Vorstellung davon hat, was er aus der Geschichte machen will. Er würde die Bildungsfrage stellen – nicht als Qualifikationsfrage, sondern als Frage der intellektuellen Rüstung für strategische Ungewissheit. Und er würde darauf bestehen: Eine pluralistische Gesellschaft braucht einen Mittelstand, der für jede Politik einen starken Sinn für die Geschichte mitbringt – nicht als Zuschauer, sondern als Gestalter.

Der Satz, mit dem Herrhausen seinen Essay implizit beschließt, lässt sich auch als Diagnose der Gegenwart lesen: Die Geschichte bekommt ihr Ziel nicht von selbst gesetzt – es sei denn, wir handeln danach. Der deutsche Mittelstand hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Subventionen, viele Beratungsangebote und viele Transformationsversprechen erhalten. Was er seltener erhalten hat, ist die produktive Konfrontation mit der Frage, was er aus seiner Geschichte machen will.

Das ist die eigentliche Herausforderung. Und sie ist, wie Herrhausen 1984 schon wusste, keine technische.

Ralf Keuper