Pierre Bourdieu gilt als einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Seine Konzepte von Feld, Kapital und Habitus haben weit über die Soziologie hinaus gewirkt — in die Wirtschaftstheorie, die Organisationsforschung und die Kulturökonomie. Die folgenden Überlegungen greifen mehrere Textpassagen aus seinem Werk Soziologische Fragen auf und fragen nach ihrer Relevanz für das Verständnis wirtschaftlicher Institutionen, Machtstrukturen und des ökonomischen Denkens selbst.
Determinismus als methodisches Prinzip, nicht als Schicksal
Gegen den verbreiteten Vorwurf, seine Soziologie sei deterministisch, entwickelt Bourdieu eine bemerkenswert differenzierte Antwort. Er unterscheidet scharf zwischen zwei Ebenen, die im alltäglichen Sprachgebrauch regelmäßig vermengt werden: der objektiven Notwendigkeit, die in sozialen Strukturen tatsächlich wirkt, und dem subjektiven Empfinden von Notwendigkeit oder Freiheit. Der Soziologe, so Bourdieu, postuliert für jede beobachtete Verteilung einen sozialen Erklärungsfaktor — nicht aus dogmatischem Determinismus, sondern als wissenschaftliches Prinzip des zureichenden Grundes.
Entscheidend ist jedoch die erkenntnistheoretische Wendung, die Bourdieu dieser Position gibt. Die Erkenntnis sozialer Gesetzmäßigkeiten wirkt nicht einengend, sondern befreiend. Wer die Bedingungen seiner eigenen Existenz nicht kennt, ist ihnen am stärksten ausgeliefert. Das Nichterkennen der Notwendigkeit ist, paradox formuliert, ihre absoluteste Form der Anerkennung. Wer nicht weiß, welche Wenn-dann-Strukturen sein Handeln regieren, kann sich zu ihnen nicht verhalten — er vollzieht sie blind.
Dabei verwirft Bourdieu keineswegs die subjektive Perspektive der Akteure. Es gibt, so seine Formulierung, eine „objektive Wahrheit des Subjektiven“ — auch die lebensweltliche Erfahrung, selbst wenn sie der wissenschaftlich konstruierten Wahrheit widerspricht, gehört zur Wahrheit der Praxis. Illusion als solche ist nicht illusorisch. Die Soziologie muss zu einer „höheren Objektivität“ gelangen, die dieser Subjektivität einen Platz einräumt, anstatt die gelebte Erfahrung der Akteure einfach zu übergehen. Dieser doppelte Blick — auf die Struktur und auf das Erleben — ist das Markenzeichen von Bourdieus Methode.
Für die Wirtschaftstheorie ist dieser Gedanke folgenreich. Viele Annahmen über Marktverhalten, Präferenzen oder Entscheidungsrationalität erweisen sich bei näherer Betrachtung als unerkannte Anerkennung struktureller Notwendigkeiten. Der „freie“ Marktteilnehmer handelt häufig genau so, wie die Feldlogik es von ihm verlangt — ohne dies zu wissen und ohne es zu wollen. Aufklärung im Bourdieuschen Sinne hieße: sichtbar machen, unter welchen Bedingungen welche Wahlentscheidungen überhaupt erst möglich werden.
Soziale Gesetze als historische Gesetze
Bourdieu warnt explizit vor dem Begriff des „Gesetzes“ — und begründet diese Vorsicht politisch. Wer am laisser-faire interessiert ist, das heißt daran, dass die Wenn-dann-Strukturen sozialer Felder unverändert bleiben, hat ein vitales Interesse daran, soziale Gesetzmäßigkeiten als Naturgesetze erscheinen zu lassen — als unveränderliche Fatalitäten, wie sie etwa die ehernen Oligarchiegesetze bei Michels und Mosca darstellen. Tatsächlich aber ist das soziale Gesetz stets ein historisches Gesetz: Es dauert so lange fort, wie diejenigen, denen es dient, in der Lage sind, die Bedingungen seiner Wirksamkeit fortbestehen zu lassen.
Sobald ein solches Gesetz formuliert und öffentlich gemacht ist, wird es zum Gegenstand von Auseinandersetzungen. Den Herrschenden liegt an seiner physikalistischen Interpretation — es soll als unterhalb des Bewusstseins funktionierender Mechanismus erscheinen, nicht als veränderliches Arrangement. Den Beherrschten dagegen eröffnet die Kenntnis des Gesetzes als historisches Gesetz die Chance, seinen Folgen entgegenzuwirken. Die Soziologie, so Bourdieu, zerstört den Schein von Natur — und damit auch den der Schicksalhaftigkeit.
Dieser Gedanke hat unmittelbare Relevanz für die Analyse wirtschaftlicher Machtstrukturen. Marktkonzentration, Oligopolbildung, die Reproduktion von Standortvorteilen oder die Persistenz informeller Netzwerke sind keine Naturereignisse. Sie sind historisch entstandene Arrangements, die sich selbst reproduzieren, solange ihre Funktionsbedingungen erhalten bleiben. Die Frage, ob und wie sie verändert werden können, beginnt mit ihrer Sichtbarmachung.
Sprache, Institution und die Macht des Wortes
Eine der aufschlussreichsten Passagen in den vorliegenden Texten betrifft die institutionelle Kraft der Sprache. Bourdieu fragt: Warum hat ein Satz wie „Die Sitzung ist eröffnet“ oder „Ich taufe dich“ performative Macht? Nicht, weil die Worte selbst magisch wirken. Die Kraft solcher Sprechakte kommt aus der Institution, die hinter ihnen steht — aus Titeln, Gewändern, Ritualen, dem Glauben der Teilnehmer. Das Wort wirkt nicht kraft seiner eigenen Substanz, sondern kraft der sozialen Bedingungen, die es ermächtigen.
Für die Organisationsanalyse ist dies ein zentraler Befund. Strategiedokumente, Leitbilder, Markenkommunikation — all das entfaltet Wirkung nicht durch den Inhalt allein, sondern durch die institutionelle Autorität, die hinter ihm steht. Und umgekehrt: Institutionen, die ihre soziale Legitimität verloren haben, können mit denselben Worten keine Wirkung mehr erzeugen. Die Sprache der Digitalisierung, wie sie viele deutsche Industrieunternehmen in den vergangenen Jahren pflegten, war reich an performativen Bekenntnissen — aber arm an institutioneller Substanz. Die Worte wurden gesprochen, die Bedingungen für ihre Wirksamkeit fehlten.
Die Kritik des homo oeconomicus und der Interessenbegriff
Eine der schärfsten Passagen in Bourdieus Texten gilt der ökonomischen Theorie selbst. Der Begriff des „Interesses“, wie er von Adam Smith über Gary Becker bis zum modernen Rational-Choice-Paradigma verwendet wird, unterstellt ein universelles, natürliches und unhistorisches Streben nach Eigennutz. Bourdieu nennt dies die „unbewusste Universalisierung“ des kapitalistischen Interessenmodells — ein Projekt, das er als genuine soziale Magie bezeichnet: kraft der Institution homo oeconomicus wird alles, was sich erklären oder verstehen lässt, auf dieses eine Prinzip zurückgeführt.
Gegen diesen Naturalismus setzt Bourdieu einen feldtheoretischen Interessenbegriff. Interesse ist nicht universal, sondern feldspezifisch konstituiert. Es ist die Neigung zum Handeln, die sich im Verhältnis zu einem bestimmten Feld entwickelt — das, was Bourdieu auch „Illusio“ nennt: den Glauben an den Wert dessen, was im …

