Herbert Simon stellte eine bestechende Frage: Wenn wir sicher wissen, dass unvorhersehbare Ereignisse eintreten werden – ohne zu wissen welche –, worin sollten wir dann investieren? Seine Antwort: in Strukturen, deren Wert gegen Unvorhersehbarkeit versichert ist. In fundamentales Wissen, das die Grundlage für fortlaufende Adaption bildet.

Die deutsche Wirtschaft demonstriert gerade das Gegenteil. Jahrzehntelang wurde in hochspezialisiertes Know-how investiert – in Verbrennungsmotoren, in branchenspezifische Lösungen, in Optimierung bestehender Strukturen. Bei jedem Paradigmenwechsel erweist sich diese Investition als Falle: Das Wissen veraltet, die Expertise wird wertlos, die Orientierung geht verloren.

Dieser Essay entwickelt eine Alternative: eine Wissensinfrastruktur, die auf theoretische Tiefe statt auf Aktualität setzt, die historische Muster kultiviert statt tagesaktueller Kommentierung, die kritische Distanz wahrt statt PR-Narrative zu reproduzieren. Das scheinbar Unpraktische – Theorie, Methodik, historische Perspektive – erweist sich als das einzig Praktische, wenn die vertrauten Kategorien brüchig werden. Eine Versicherung gegen die Unvorhersehbarkeit, die nicht verspricht zu wissen, was kommt, sondern verspricht, damit umgehen zu können.


I. Die Ausgangsfrage: Worin investieren?

Herbert Simon hat in seinen späten Überlegungen zur Entscheidungstheorie eine Unterscheidung eingeführt, die weit über den ökonomischen Kontext hinausweist: die Unterscheidung zwischen Investitionen in spezialisierte Strukturen und Investitionen in flexible, mehrfach verwendbare Strukturen. Seine Argumentation ist bestechend einfach: Da wir mit Sicherheit wissen, dass unvorhergesehene Ereignisse eintreten werden – ohne zu wissen, welche –, sollten wir in Strukturen investieren, deren Wert gegen diese Unvorhersehbarkeit versichert ist.

Für Simon bedeutet das konkret: Investition in

ein Wissen, das fundamental genug ist, um nicht so bald aus der Mode zu kommen – ein Wissen, das selbst die Grundlage für eine fortlaufende Adaption an die sich verändernde Umwelt sein könnte[1]Die Wissenschaft vom Künstlichen.

Diese Überlegung lässt sich auf die Frage anwenden, was eine sinnvolle epistemische Investition darstellt – also auf die Frage, welche Art von Wissensproduktion und Wissensakkumulation unter Bedingungen struktureller Unsicherheit rational ist.

II. Die Verfallszeit des Wissens

Nicht alles Wissen altert gleich schnell. Es gibt eine Hierarchie der Halbwertszeiten:

Tagesaktuelle Information – Börsenkurse, Quartalszahlen, Personalentscheidungen – verfällt innerhalb von Stunden oder Tagen. Ihr Wert ist rein situativ; sobald die Situation sich ändert, ist die Information wertlos oder irreführend.

Branchenwissen – Marktstrukturen, Wettbewerbspositionen, technologische Standards – hat eine Halbwertszeit von Jahren bis Jahrzehnten. Es bleibt verwendbar, solange das Paradigma stabil ist, verliert aber seinen Wert bei Diskontinuitäten.

Theoretisches Wissen – Kategorien, Modelle, Analysewerkzeuge – kann Jahrhunderte überdauern. Die Unterscheidung zwischen Exploration und Exploitation, die James March 1991 formulierte, ist heute nicht weniger gültig als damals. Schumpeters Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ von 1942 erschließt gegenwärtige Phänomene mit unverminderter Präzision.

Fundamentale Denkformen – die Fähigkeit zur Analogiebildung, zur Mustererkennung, zur kritischen Distanzierung – sind im Grunde zeitlos. Sie bilden das, was Simon als „Grundlage für fortlaufende Adaption“ bezeichnet.

Die meiste Wirtschaftsberichterstattung investiert in die kurzlebigsten Wissensformen. Sie produziert Information, die mit dem Nachrichtenzyklus verfällt. Das ist ökonomisch rational für Medienunternehmen, deren Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeitsgenerierung basiert – aber es ist keine Investition in Flexibilität.

III. Wissensinfrastruktur als Gegenmodell

Was wäre das Gegenmodell? Eine Wissensinfrastruktur, die nicht auf maximale Aktualität, sondern auf maximale Verwendbarkeit optimiert ist. Die nicht fragt: Was ist heute wichtig? Sondern: Was wird in zehn Jahren noch wichtig gewesen sein?

Eine solche Infrastruktur hätte folgende Eigenschaften:

Theoretische Verankerung. Jede Analyse konkreter Phänomene wird rückgebunden an allgemeinere Kategorien und Modelle. Der Einzelfall wird zum Exemplar eines Typus. Das bedeutet nicht Abstraktion um der Abstraktion willen, sondern die Herstellung von Anschlussfähigkeit: Das Gelernte soll auf andere, noch unbekannte Fälle übertragbar sein.

Historische Tiefe. Gegenwärtige Entwicklungen werden in längere Entwicklungslinien eingeordnet. Nicht um der Vergangenheit willen, sondern weil Muster erst in der Wiederholung sichtbar werden. Wer die Geschichte der Eisenbahnen, der Elektrifizierung, der frühen Computerindustrie kennt, erkennt in der gegenwärtigen Digitalisierung bekannte Strukturen – und ist besser gerüstet für das, was kommt.

Komplementäre Perspektiven. Komplexe Phänomene erfordern multiple Zugänge. Institutionenökonomik, Organisationstheorie, Techniksoziologie, Wirtschaftsgeschichte – jede Perspektive erschließt andere Aspekte desselben Gegenstands. Die Infrastruktur muss diese Perspektiven nicht synthetisieren, aber sie muss sie verfügbar halten.

Kumulative Struktur. Neue Analysen bauen auf früheren auf. Es entsteht ein wachsendes Archiv von Fallstudien, Begriffsklärungen, theoretischen Bezügen. Dieses Archiv ist selbst ein Werkzeug: ein Reservoir von Denkmustern, das bei neuen Problemen konsultiert werden kann.

IV. Begrenzte Rationalität und der Wert des Archivs

Simons Theorie der begrenzten Rationalität liefert eine weitere Begründung für die Investition in Wissensinfrastruktur. Menschen – und Organisationen – können nicht alle relevanten Informationen verarbeiten. Sie müssen auswählen. Diese Auswahl erfolgt nicht zufällig, sondern wird durch eingeübte Suchroutinen und verfügbare Kategorien strukturiert.

Das bedeutet: Welche Probleme wir überhaupt wahrnehmen und welche Lösungen wir in Betracht ziehen, hängt davon ab, welche Denkmuster uns zur Verfügung stehen. Ein reiches Repertoire an Analysekategorien erweitert den Suchraum. Ein armes Repertoire verengt ihn.

Die deutschen Automobilhersteller haben – um ein konkretes Beispiel zu geben – das Problem „Elektromobilität“ mit den Kategorien bearbeitet, die ihnen vertraut waren: Antriebstechnik, Batteriechemie, Ladeinfrastruktur. Die Kategorie „Software-Plattform“ war nicht im Repertoire. Also blieb sie außerhalb des Suchraums. Also wurde das zentrale Problem nicht als solches erkannt.

Eine Wissensinfrastruktur, die theoretische Vielfalt kultiviert, wirkt diesem Effekt entgegen. Sie hält Kategorien verfügbar, die im Tagesgeschäft nicht gebraucht werden – aber die im Moment der Diskontinuität den Unterschied machen können.

V. Aufmerksamkeit als knappe Ressource

Simon hat bekanntlich argumentiert, dass in einer Welt des Informationsüberflusses nicht Information die knappe Ressource ist, sondern Aufmerksamkeit. Information konsumiert Aufmerksamkeit; ein Übermaß an Information erzeugt Aufmerksamkeitsarmut.

Daraus folgt für die Wissensinfrastruktur ein Gebot der Verdichtung. Es geht nicht darum, möglichst viel Information anzuhäufen, sondern darum, Information so aufzubereiten, dass sie mit minimalem Aufmerksamkeitsaufwand erschließbar ist. Jede Analyse sollte ihren Ertrag auf den Punkt bringen. Jeder Text sollte rechtfertigen, warum er die knappe Aufmerksamkeit des Lesers verdient.

Das bedeutet auch: Selektion. Nicht alles, was passiert, verdient Kommentierung. Die Kunst besteht darin, das Exemplarische vom bloß Aktuellen zu unterscheiden – die Fälle zu identifizieren, an denen sich etwas Allgemeines zeigt.

VI. Kritik als Methode

Eine Wissensinfrastruktur im Sinne Simons kann nicht affirmativ sein. Sie muss kritisch sein – nicht aus politischen Gründen, sondern aus epistemischen. Denn die öffentlich verfügbare Information ist systematisch verzerrt.

Unternehmen kommunizieren strategisch. Sie betonen Erfolge, verschweigen Probleme, rahmen Entwicklungen in günstigen Narrativen. Wirtschaftsmedien reproduzieren diese Rahmungen oft unreflektiert – aus Zeitdruck, aus Abhängigkeit von Quellen, aus fehlendem Fachwissen.

Kritische Analyse bedeutet: diese Rahmungen aufbrechen. Die Differenz zwischen Kommunikation und Realität sichtbar machen. Die Fragen stellen, die in den Pressemitteilungen nicht vorkommen. Das ist keine Negativität um ihrer selbst willen, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis.

Die Differenz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was ist, hat einen diagnostischen Wert. Wo die Diskrepanz besonders groß ist, liegt oft das eigentlich Interessante verborgen. Die Schere zwischen PR und Wirklichkeit – die „PR-Schere“ – ist selbst ein Indikator für strukturelle Probleme.

VII. Flexibilität durch Fundamentalität

Simons ursprüngliche Überlegung zielte auf Investitionsentscheidungen unter Unsicherheit. Die Anwendung auf Wissensinfrastruktur führt zu einem scheinbaren Paradox: Gerade das scheinbar Unpraktische – die theoretische Vertiefung, der historische Exkurs, die methodische Reflexion – erweist sich als das praktisch Wertvollste, wenn die Umstände sich ändern.

Das anwendungsspezifische Know-how, das unter stabilen Bedingungen unmittelbar verwertbar ist, verliert seinen Wert mit dem Paradigmenwechsel. Das fundamentale Wissen, das unter stabilen Bedingungen wie nutzloser Luxus erscheint, wird zur Ressource für die Neuorientierung.

Die deutsche Industrie hat diese Lektion auf schmerzhafte Weise gelernt – oder ist dabei, sie zu lernen. Die Ingenieure, die jahrzehntelang Verbrennungsmotoren optimiert haben, besitzen Wissen von höchster Spezialisierung und geringster Übertragbarkeit. Die Grundlagenforschung, die strategisches Denken, das Verständnis für Systemarchitekturen – das wurde vernachlässigt, weil es keinen unmittelbaren ROI versprach.

Eine Wissensinfrastruktur, die Simons Kriterien ernst nimmt, würde anders investieren: in das Fundamentale, in das Übertragbare, in das Flexible.

VIII. Schluss: Die Infrastruktur als Möglichkeitsraum

Wissensinfrastruktur im hier beschriebenen Sinne ist kein Speicher, sondern ein Generator. Sie akkumuliert nicht einfach Fakten, sondern hält Denkmöglichkeiten offen. Ihr Wert bemisst sich nicht an der Menge der gespeicherten Information, sondern an der Reichhaltigkeit der Fragen, die sie zu stellen ermöglicht.

Simon hat geschrieben, dass Flexibilität den Wert von Investitionen gegen unvorhersehbare Ereignisse versichert. Eine Wissensinfrastruktur, die auf Fundamentalität statt auf Aktualität setzt, die theoretische Tiefe kultiviert statt tagesaktuelle Kommentierung, die kritische Distanz wahrt statt affirmative Begleitung – eine solche Infrastruktur ist eine Versicherung gegen die Unvorhersehbarkeit der Zukunft.

In einer Zeit, in der die vertrauten Kategorien brüchig werden – in der ganze Industrien ihre Orientierung verlieren und eingeübte Erfolgsrezepte nicht mehr funktionieren – steigt der Wert einer solchen Infrastruktur. Nicht obwohl sie unpraktisch erscheint, sondern gerade deshalb.

Die hier entwickelten Überlegungen verstehen sich als Explikation eines Arbeitsprogramms, nicht als dessen Rechtfertigung. Ob die Investition in fundamentales Wissen sich auszahlt, lässt sich nicht im Voraus beweisen – nur im Nachhinein zeigen. Das liegt in der Natur von Flexibilitätsinvestitionen: Ihr Wert zeigt sich erst im Ernstfall.

Ralf Keuper

References

References
1 Die Wissenschaft vom Künstlichen